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Jüdische Zeitung · 1915-07-09 · 27 (9.7.1915) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
27 (9.7.1915)
Date
1915-07-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr 27 genommen wurde, die dem Amerikanischjü-di scheu Komitee als Richtlinie für sein Verhalten die Einberufung einer Konferenz auf der von der Kehillah-Versammlung gewünschten demokratischen Basis aufträgt. Die Delegierten der Kehillah-Versammlung (also selbst Herr M a r s h a 11) erhielten sogar ein imperatives Mandat. Konfishation uni) Unlepirfidiung des „Rauwjef“. Vieles kann die russische Regierung vertragen, nur eines nicht: die Wahrheit. So oft sich eine Zeitung dazu auf rafft, der Wahrheit ihr Recht zu geben, wird sie entweder konfisziert, oder wenn das aus irgend welchen Gründen nicht angängig ist, auf andere Weise kaltgestellt. Sehr lehrreich in dieser Beziehung ist die Geschichte des in russischer Sprache in Petersburg erscheinenden zionistischen Blattes „Rasswjet“ in den letzten Wochen. Als die Austreibungen der Juden aus Polen, Littau und Kurland begannen, wollte das Blatt es nicht so ruhig und schweigsam ertragen, wie es der russischen Regierung genehm war — aus wohl begreiflichen Gründen. Doch es hatte nicht mit der russischen Präventivzensur gerechnet. Als die Nummer vom 6. Juni erschien, waren etwa 60 Prozent des Blattes w e i ß. Außerdem hat es die russische Zensur für erforderlich gehalten, in dem am Kopfe des Blattes abgedruckten Baseler Programm die Worte „der Zionismuserstrebt“ wegzustreichen. Der übrige Teil des Baseler Programms ist stehen geblieben. Besonders komisch wirkt diese Verordnung dadurch, daß der Umschlag des Blattes, der ja nicht zensuriert wird, das Baseler Programm vollständig enthält. Schließlich hat dies böse Blatt Vernunft angenommen: in der nächsten Woche erschien es in staik verringertem Umfange. Anstatt der üblichen 24 Seiten enthält es nur 8 Seiten. Doch auch das genügte nicht der Zensur; etwa eine Seite ist gestrichen worden. An der Spitze steht folgende Bemerkung: „Aus Gründen, für die die Redaktion nicht verantwortlich zu machen ist, konnten folgende Artikel in der vorigen .Nummer nicht veröffentlicht werden.“ (Folgen die Titel meh'rer Artikel, die hauptsächlich die , Judenausweisungen behandeln.) Die darauf folgende Nummer wurde vfj'eder im alten Umfang (von 24 Seiten) veröffentlicht ■npd in der Tat zeigt sie ein Bild, das zwar nicht ganz so schlimm ist, wie das vor zwei Wochen, aber auch nicht viel besser: etwa 4 bis 5 Seiten sind weiß geblieben. Aber das ist ja nur die verdiente Strafe, weshalb muß man auch immer die Wahrheit sagen? — — — Soeben erhalten wir die — uns nicht mehr überraschende — Nachricht, daß der „Rasswjet“ eingestellt worden ist. Die Behandlung des zionistischen Blattes durch die Zensur in den letzten Wochen hat auf das radikale Vorgehen der russischen Behörde gegen das Blatt, das zu den Verfolgungen der Juden nicht schweigen wollte, genügend vorbereitet. Die Artikel, die der „Rassw j et“ über die Leiden der Ausgewiesenen brachte, 'haben schließlich die Unterdrückung bewirkt, die auf eine strenge Haussuchung folgte. Knlturarbeif in Palästina. Unter diesem Titel veröffentlichte die „Frankfurter Zeitung“ ein interessantes Interview mit dem Oberbefehlshaber der türkischen Südarmee, dem wir folgendes entnehmen: „Ueber das Kulturprogramm der höheren Militäibehörden hat mir der Führer der vierten tückischen Armee, D j e m a 1 Pascha, seine Gedanken eingehend auseinandergesetzt. Der General ist neben Talaat Bey, Enver Pascha und wenigen anderen Männern eine der Stützen der jungtückischen Regierung. Nach dem Eintritt der Tüikei in den Weltkrieg hat er den Oberbefehl über die vierte (syrisch-ägyptische) Armee übernommen und ist in dieser Eigenschaft nicht nur militärisch, sondern auch für die bürgerliche Verwaltung mit fast unbeschränkter Machtvollkommenheit. „Die junge Tüikei“, erklärte mir Djemal Pascha, „war zu Beginn des Krieges davon überzeugt, daß sie den Weg des Fortschrittes auch nicht für einen Moment verlassen dürfe. Gleidi nach meiner Ankunft in Syrien hatte ich in erster Linie für den Ausbau, die Erweiterung und Verbesserung der Wege gesorgt. Eine große Anzahl von Arbeiterbataillonen sind gebildet worden, die neue wichtige Veikehrsstraßen errichtet oder verfallene wiederhergestellt haben. Früher konnte man mit Wagen nur bis Hebron fahren, jetzt aber komme ich mit meinem Automobil über Hebron und Berseba hinaus bis in die Mitte der Wüste.“ Ich erinnerte mich an einen Ritt, auf dem ich mich im letzten Jahre einen ganzen Tag von Berseba nach Hebron mit Mühe durchgequält habe und mußte den Wert der Leistung zu schätzen, wenn ich überlegte, daß man diesen Weg jetzt im bequemen Kraftwagen in einer Stunde zurücklegen kann. Ebenso mußte ich mit Dank bestätigen, daß die Landstraße von Jaffa nach Jerusalem, die in den letzten Jahren auf ganzen Strecken so verkommen war, daß einem die Wagenfahrt durch diese reizvolle Landschaft zur Quai gemacht wurde, nun fast überall bequem fahrbar ist. „Wir haben“, sagte weiter Djemal Pascha, „in kurzer Zeit über hundert Kilometer neue Bahnlinie errichtet und Jerusalem an die Hedschasbahn angeschlossen. Sie werden wohl wissen, wie sehr die Engländer diesen Bahnbau verhindern wollten. Ihren eigenen Bundesgenossen, den Franzosen, haben sie ihre Zustimmung zur Führung der Bahn durch Ramleh verweigert, weil sie jede Annäherung Syriens und Anatoliens an Aegypten auf dem Landwege unter allen Umständen verhindern wollten. Nun aber wollen wir diese Bahn weiterführen, und ich hoffe, daß wir unsere Truppen bald mit der Bahn bis an den Suezkanal befördern können. Nach dem Einmarsch unserer Truppen in Aegypten aber, den ich bestimmt erhoffe, sollen diese Bahnen an das ägyptische Bahnnetz angeschlossen werden.“ Diese Bahn wird in der Tat für die Entwicklung Palästinas von epochenmachender Bedeutung sein. Auf dem Landwege konnte man bis jetzt von Jaffa das nicht viel mehr als 100 Kilometer entfernte Haifa in langwieriger und kostspieliger Reise in 20 bis 30 Stunden erreichen. Von Jerusalem nach Haifa waren es zwei gute Tagreisen. Nun sind die wichtigsten Küstenstädte: Jaffa, Haifa und Akko und die Hauptstädte des palästinensischen Hochplateaus: Jerusalem, Nablus und Dschenin mit dem fruchtbaren Hauran, mit Damaskus und Cölesyrien und Aleppo durch Bahnlinien verbunden. Reicher Handei wird zwischen diesen Gegenden erblühen, wenn diese Bahnlinie dem Verkehr übergeben sein wird. „Wir haben unsere Grenze,“ sagte Djemal Pascha sodann, „die früher in einer geraden Linie von Tel-el-Raffa nach Akaba verlief, um 300 Kilometer bis an den Sueskanal vorgeschoben und dieses eroberte Gebiet suchen wir nun nach jeder Richtung zu erschließen. Wir haben dort zahlreiche Brunnen gegraben, die unsere Trupnen mi; Wasser versorgen und haben auch alle Maßnahmen getroffen, die unserer Armee den Aufenthalt und den Vormarsch ermöglichen. So haben wir aber auch zugleich das Wüstengebiet für immer einer seßhaften menschlichen Ansiedlung erschlossen. Da die Engländer sich über alle bestehenden Verträge hinwegsetzten, die die Neutralität des Suezkanals garantieren soU len, am östlichen Ufer des Kanals Befestigungen aufgeführt und auf diese Weise den Kanal in das Kampfgebiet hineingezogen haben, durften auch wir den Kanal nidit als neutrales Gebiet betrachten und haben deshalb an verschiedenen Stellen im Kanal Minen gelegt, die schon ein Schiff zum Sinken gebracht haben.“ Ueber die li y g i en isch en Verhältnisse meinte Djemal Pascha: „Man hat Palästina bisher für eine von ansteckenden Krankheiten verseuchte Gegend gehalten und deshalb nach der Mobilmachung den Ausbruch von Seuchen befürchtet Ich kann mit Genugtuung feststellen, daß die sanitären Verhältnisse trotz der großen Truppenansammlungen durchaus befriedigend sind. Der Krankheitsstand der 4. türkischen Armee überschreitet nicht 3 Prozent, der der ansteckenden Krankheiten nicht T Prozent und der Sterblichkeitskoeffizent beträgt kaum 0.25 Prozent des Mannschaftsbestandes. Wir bedienen uns zur Bekämpfung der epidemischen Krankheiten des von Philantropen ins Leben gerufenen bakteriologischen Institutes in Jerusalem. (Gemeint ist das internationale Gesundheitsamt, das durch deutsche Aerzte und private Stifter, sowie durch den bekannten amerikanischen Philantropen Nathan Strauß geschaffen wurde.)*; Um die Ausbreitung von Epidemien zu verhindern, wird für weitgehende Reinlichkeit nicht nur beim Militär sondern auch bei der Zivilbevölkerung mit aller Strenge gesorgt. Sie werden wohl zugeben, daß weder Jaffa noch Jerusalem jemals so sauber ausgesehen hat wie jetzt.“ Das mußte ich uneingeschränkt bestätigen. In diesen und in anderen Städten Palästinas ist eine den orientalischen Charakter der Städte geradezu verwischende Reinlichkeit der Straßen zu bemetken. Viele enge und verbaute Straßen werden verbreitert, durchgebrochen und umgefcaut.“ *) Es ist das über zionistische Anregung von der, Juden und Deutschen gemeinsam erriditete Institut. Die Henlfeiern in Uien. Die Herzlfeiern in Wien gestalteten sich heuer zu einer überaus imposanten Kundgebung für den zionistischen Gedanken. Das furchtbare Kriegsjähr vermochte die dankbare Verehrung unseres Volkes für den genialen Schöpfer der jüdischen Freiheitsbewegung nicht beeinträchtigen, im Gegenteil: gar manchem, der uns bisher fern stand und für unsere Bestrebungen nichts übrig hatte, hat der Krieg die Augen geöffnet und ihn unseren Reihen zugeführt.. Am 1. Juli, am Vorabend des Jahrzeittages, fand im Leopoldstädter Tempel der übliche Trauergottesdienst statt. Die Synagoge — auch die Galerie — War bis zum letzten Plätzchen gefüllt; es .mochten wohl über 3000 Personen zugegen gewesen sein. Die 'kantoralen Funktionen vemah in meisterhafter Weise Herr Obeikantor J. Morgenstern. Die Predigt hielt Herr Rabbiner Dr. Max G r u n w a 1 d, der mit beredten Worten den Einfluß Herzls auf das jüdische Leben in Westeuropa; vornehmlich jedoch seinen ganz überwältigenden Eindruck auf die Gesinnung der jüdischen Jugend schilderte. Zum Schlüsse trug Obeikantor Morgenstern die traditionelle, rührende Weise des „El mole rachimim“ vor. Den Tempelchör dirigierte in bewährter Weise Chordirigent Herr Hei mann. Am 3. Juli fand im Hotel Continental eine große Herzl-Gedenkversammlung statt. Auch hier war der Saal lange vor Beginn gedrängt voll. Es sprachen die Gg. Adolf Stand (deutsch), Löbei Taubes (jiddisch) und Rabbiner Dr. Osias Thon (hebräisch und deutsch). Alle Redner feierten Herzl den großen Volksmann, der seinem Volke lebte. Am’ 4. Juli fand der imposante Gang zum Grabe Herzls statt, der infolge polizeilicher Anordnung, zur Vermeidung einer allzugroßen Menschenansammlung nicht in den Tagblättern angekündigt werden durfte. Trotzdem fanden sich etwa 5000 Personen vor der Hochschule für Bodenkultur ein, von \vo sich der Zug um 10 Uhr vormittags in Bewegung setzte. Voran schritten der Wanderbund „Blau-Weiß“, die jüdischen Schomrim aus Galizien, die „Zeirei Zion“ und der „Herzl-Klub“. An der Spitze des Zuges gingen die Mitglieder des westösterreichischen und galizischen Zionistischen Zentralkomitees und Obeikantor Morgenstern, der sich in liebenswürdigster Weise zur Verfügung stellte, im Friedhof und am Grabe in ergreifender Weise unsere alljüdisdhen Gesänge vortrug und das Kaddischgebet verrichtete. Ihnen folgten unsere Gesinnungsgenossen. Nachdem die ganze Menge am Grabe vorbeidefiliert war, hielt Dr. Karl P o 1 - lak, Präsident des Zionistischen Zentralkomitees, eine packende Ansprache an die versammelte Jugend, der er unseren Herzl als! Beispiel hinstellte. Eine Stunde vor Beginn des' Zuges' spielte sich am Grabe Herzls eine ergreifende Szene ab. Es erschienen die jüdischen Pfadfinder (Schomrim) aus Galizien, pflanzten am Grabe ihre neue Fahne auf und Rabbiner Dr. Thon nahm in tiefbewegten Worten die Weihe der Fahne vor. Zionisten im Felde. Die jüdisch - akademische Ferialverbindung „Massada“, Weißkirchen - Prerau hat wiederum einen furditbaren Verlust erlitten. Willy Knöpfe 1 m a ch e r ist auf dem nördlichen Kriegsschauplatz gefallen. Er war immer in der vordersten Linie, wenn es gegen die Feinde des Judentums zu kämpfen galt. Sowohl in der Universitätsaula im Kampfe für die Ehre seines Volkes, wie auch draußen im Schützengraben und beim Sturme gegen den jüdischen Erbfeind, die Russen. Aus dem Felde schrieb er einem Bundesbruder „Mit Wort und Wehr, Für Judas Ehr, ist der Wahlspruch der jüdischen nationalen Studentenschaft. Mit Worten haben wir schon im Frieden für die Ehre des Judentums gekämpft, jetzt gilt es mit blanker Waffe zu dokumentieren, dab wir Juden keine Feiglinge sind.“ Er hat , es dokumentiert und der Tod hat sein Sigel daraufgedrückt. Knöpfelmacher ist bereits das dritte Mitglied, das die „Massada“ im Kriege verloren hat. ■ Leutnant Artur Ko lisch, Schriftführer der „Hakoah“ wurde infolge hervorragend tanferen Verhaltens vor dem Feinde mit dem Militärverdienstkreuz 3. Klasse mit der Kriegsdekoration ausgezeichnet. Einj.-Freiw. Bruno Horwitz im k. u. k. Inf.-Reg. 100, A. H. und Gründungsbursdh der Z. G. V. „Jordania“ im K. Z. T. V., fiel ' in der Schladht bei Kalnikow auf dem Felde der Ehre.

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