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Jüdische Zeitung · 1915-06-18 · 24 (18.6.1915) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
24 (18.6.1915)
Date
1915-06-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 23 von den Eltern gerissen, Eltern von den Kindern. In Rußland würde man sich nicht darüber wundem, uns war das neu. Allerdings hatten ja die Juden drei Monate Zeit zur Ottomanisierung gehabt, die sie nicht benützt haben. Da wurde uns eine Hilfe in Konstantinopel durch die Person des amerikanischen Botschafters, Herrn Morgenthau, der sidi bei seinem Antritt in Konstantinopel nicht nur als Vertreter des amerikanischen Volkes, sondern auch als der des jüdischen Volkes bezeichnete. Ueberhaupt kann man nicht Worte genug des Lobes und Dankes gegenüber den amerikanischen Vertretern und seinem Präsidenten finden, die alles taten, um das Los der palästinensischen Juden zu mildem. Aber auch der deutsche Botschafter und die deutschen Konsule nahmen sich, gleich aus welchen Ursachen, unserer an. Der Erfolg war, daß der Kaimakam binnen drei Tagen abgerufen wurde, doch war die Freude nur kurz, denn er wurde Zivilsekretär des Oberbefehlshabers, fiel also nach oben, wodurch sein Einfluß noch größer wurde. Die Folge war, daß noc.i härtere Erlässe gegen die Juden kamen, besonders gegen die Zionisten und die Bank. Die Güter sollten sequestiert und an die Araber verkauft, die Bank aufgehoben und jede Erinnerung daran ausgemerzt werden. Im Laufe von zeJin Tagen sollten alle Checks der Bank eingelöst werden. Unsere Wäditer sollten entwaffnet, die Araber bewaffnet werden, die Korrespondenz nach Konstantinopel wurde gesperrt; da war es wieder Herr Morgenthau und der deutsche Konsul, die helfend beisprangen und veranlaßten, daß alle Maßnahmen gegen die Juden rückgängig gemacht wurden. Dschemal Pascha besuchte Telaviv, trank im Gymnasium Tee, sprach die Verwaltung von Telaviv als Stadtrat an, was einer gewissen Anerkennung, die vorher gefehlt hat, gleichkam, und empfing mich, der ich als Hochverräter vorher arretiert war, als offiziellen Vertreter des Gymnasiums. Er erklärte alle Anschuldigungen als Lüge und rühmte die Juden als die besten und treuesten Untertanen des Sultans. Er war in Riechön lezion und konnte dort auch nicht genug Worte des Lobes finden. Die Freude war eine kurze. Nach drei Tagen wurde ich ausgewiesen. Ebenso 5000 russische Juden, die sich nicht hatten ottomanisieren lassen und nun nach Alexandrien gingen. Sie sollten von dort nach Rußland geschafft werden, zogen es aber vor, dort zu bleiben, um bei nächster Gelegenheit nach Jaffa zurückzukehren. Die Not in Palästina wurde groß bei der ganzen Bevölkerung, am meisten bei den Juden. Export und Import hörte auf. Die Orangen verfaulten auf den Bäumen, so nicht allein die Ernte, sondern auch die Anpflanzung gefährdend. Da kam wieder Hilfe aus Amerika. Amerika schickte ein Schiff mit Lebensmitteln und nahm die Erträgnisse mit. Es mag nicht unerwähnt bleiben, daß der italienische' Konsul als Vertreter Rußlands mehr sein eigenes Interesse als Agent einer Dampfergesellschaft, als der russischen jüdischen Untertanen wahrnahm. Ich möchte noch einiges erzählen über die Behandlung, die ein Teil von uns erfuhr. 30 Zionisten wurden vor Dschemal Pascha geladen, um sich zu verantworten, nachdem in einer Proklamation heftige Angriffe gegen die Zionisten geschleudert worden waren. "Es soll dies zum Teil infolge einer Denunziation von Mitgliedern des Hilfsvereins der deutschen Juden geschehen sein, von der die Leitung nichts weiß. Es wurde uns angedroht, daß wir nach Konstantinopel vor ein Kriegsgericht oder an die Front kommen würden. Doch wurde das dahin abgeändert, daß fSnf von uns auf zwei Wochen nach* Tiberas gehen mußten. 10 Tage später wurden wieder acht Zionisten, die Delegierte auf dem Wiener Kongreß waren, arretiert und wurden fünf Tage in Jaffa und acht Tage in Jerusalem von einem Konstantinopeler Untersuchungsrichter verhört. Schließlich wurden sie als schuldlos entlassen. Uno alles das, weil man befürchtet, daß von uns Sonderbestrebungen bestehen, um in den Besitz von Palästina zu gelangen. So war die Lage, als ich meine Ausweisung erhielt. Palästina muß kultiviert werden. Die Araber sind dazu ebenso wenig imstande wie die Türken. Sie sind dazu auf europäische Hilfe angewiesen und, rufen sie diese, besteht die Gefahr fjir sie, das Land zu verlieren. Der Jude hat den Beweis geliefert, daß er zur Kultivierung imstande sei, ohne daß er der Türkei Gefahr bringt, sondern ihr nützt, deshalb ist der Jude der berufene Kultivator von Palästina. Jetzt besteht aber die Gefahr, daß das angefangene Werk wieder durch den Krieg zerstört wird, deshalb ist Hilfe dringend nötig. Wir wollen keine milden Gaben, sondern Unterstützung unserer Arbeit. Palästina ist ein Volksproblem für das jüdische Volk geworden. Bei den Christen hat der Palästinagedanken für die luden schon Wurzel gefaßt, Wie Sie es in letzter Zeit aus Zeitungen aller Länder ersehen konnten, besonders englischen. Tragen Sie ihn hinaus auf die jüdische Ga~se, in das jüdische Haus, damit er auch in jüdischen Herzen Wurzel schlage. Vielleicht für Euch, jedenfalls für Eure Kinder.“ Die Hilfsaktion in RussisiMoltn. Als die Kunde von den Kriegsverwüstungen in Russisch-Polen nach England gelangte, bildete sich in London ein aus englischen und russischen bedeutenden Persönlichkeiten bestehendes Hilfskomitee unter dem Titel „England an Polen“, das auch bedeutende Summen zusammenbrachte. Zur Leitung der Hilfsaktion und der Geldverteilung ist eine Delegation nach Rußland abgeordnet worden, an deren Spitze die Fürstin Barjatinska (die berühmte russische Schauspielerin Jaworskaja) stand. Die Delegation hat ihre Mission gewissenhaft erfüllt und sich genau an Ort und Stelle mit der Sachlage bekannt gemacht, wagte es aber auch in Warschau Herrn Natansohn von der jüdischen Kultusgemeinde einzuladen, um von der jüdischen Notlage aus der ersten. Quelle zu erfahren, und sogar die jüdischen Hilfsinstitutionen zu besuchen. Sie ging sogar weiter und erlaubte sich, 'vom Elende der jüdischen Flüchtlinge, das jeder Beschreibung spottet, gerührt, dem jüdischen Komitee den Auftrag zu erteilen, auf Kosten des englischen Komitees eine Küdie für 500 jüdische Kinder zu gründen und, als diese in zwei Tagen eingeordnet war, zur Eröffnungsfeier zu erscheinen. Während die Delegation noch in Petersburg war, widmete ihr die polnische Presse viel Aufmerksamkeit und sparte kein Lob des englischen Großmuts. Später als sich die Delegation in Warschau auch mit dem jüdischen Elend befaßte und die Not zu lindern suchte, wurde der Ton der polnischen Presse allmählich kalt und kälter, bis sie von der Delegation ganz zu sprechen aufhörte. Aber die Errichtung der Küche für jüdische Kinder überstieg das Maß und die Gemütlichkeit hörte auf. ln einigen polnischen Zeitungen erschienen ironische Notizen wegen „Englischer Mittage“ und das Leiborgan der Nationaldemokraten und Anführer der judenhetzerischen Presse, die „Zwei Groschen“, trat gegen die Vorsteher des englischen Komitees mit einem scharfen Artikel hervor, dessen Schluß wir wegen seines besonderen Interesses im Wortlaut bringen : „Ob die Fürstin Barjatinska und ihre zwei Kollegen wirklich eine „englische Delegation“ bilden — wissen wir bis jetzt nodi nicht. Nach ihrem Verhalten während ihres Aufenthalbtes in Warschau zu schließen, müßte man Zum Schlüsse kommen, daß sie sich selbst „delegiert“ haben. Wir haben nichts dagegen, daß englische oder andere Juden die polnischen Juden besuchen; wir beneiden auch die Geldspender nicht. Was wir aber nicht dulden wollen, das ist, daß man im Namen Polens . und der Polen in England oder in anderen Orten, wo bis jetzt, Gott sei Dank, Polen nicht von Juden vertreten wird, Geldsammlungen macht. Am richtigsten wäre es gewesen, dieses Unternehmen mit seinem wahren Namen zu nennen und zwar: „Die Engländer — den Juden“. Der Artikel machte Aufsehen, vielleicht mehr als es die „Zwei Groschen“ gewünscht hätten. Es scheint, daß man mit einer englischen Delegation etu'as vorsichtiger umgehen muß als mit der Wahrheit, und die Zeitung, die. täglich ihr Insinuationstalent auf dem Rücken der jüdischen Bevölkerung ausübt, hat sich diesmal ein wenig vergriffen. Es scheint auch, daß die Engländer über andere Mittel verfügen, als die Juden in Polen, auf die man unbestraft Ströme von Lügen konnte man in den „Zwei Groschen“ folgende und Gift ergießen kann, denn nach einigen Tagen „Berichtigung“ lesen, die ebenfalls wert ist, im Wortlaute wiedergegeben zu werden: „Von Herrn E. Hardt — schreibt die „Z. Gr.“ —, dem Bevollmächtigten des englischen Roten Kreuzes, welcher mit der Fürstin Barjatinska nach Warschau gekommen ist, erhielten wir einen Brief, in Welchem er seine Unzufriedenheit und Verwunderung ausdrückt, mit w’elchen er den Schluß des Artikels: „Die englischen Gäste bei den Juden“ gelesen hat. Die Vermutung, daß die Delegation England nicht vertrete und keine Vollmacht besitze, ist nicht zutreffend. Als englischer Offizier und Vertreter des englischen Roten Kreuzes ist Herr Hardt dem russischen Roten Kreuz zugeteilt und wurde _ bei seiner Ankunft in Petersburg von seiner kaiserlichen Hoheit, dem Prinzen von Oldenburg, empfangen, der. ihm Empfehlungsbriefe für die Generalgouverneure von Warschau und Lemberg, wie auch für die Vertreter des Roten Kreuzes, ausgehändigt hat. Die Delegation ist nicht nur zu den Juden allein nach Warschau gekommen, sie zählt auch keine Juden in ihrer Mitte. „Wir, Engländer, — schreibt Herr Hardt . — sind Bürger eines freien Landes und machen keine Rassen- und Konfessionsunterschiede. Von diesen Prinzipien ausgehend hat unser Londoner Komitee beschlossen und uns den Auftrag erteilt, den armen Juden in Polen gleich wie den Polen Hilfe zu bringen. Wenn die Redaktion sich beim zentralen Bürgerkomitee erkundigt, so wird sie erfahren, daß wir uns mit diesem Komitee verständigt haben und ihm die nötigen Geldmittel für die Errichtung eines Speisehauses für 10.000 Polen für die Dauer eines Monats zur Verfügung gestellt haben und daß das Komitee zusammen mit dem Semstvo-Verband (Verband russischer Städte) die Verwaltung dieser Arbeit übernommen hat. Wir gehen jetzt nach Galizien zwecks Gründung von Speiseorten für die notleidende polnische Bevölkerung im Rücken der Armee.“ Ferner teilt Herr Hardt mit, daß das Komitee, welches er zu vertreten die Ehre hat, sowohl in London, wie in der Provinz, sich aus hervorragenden, bekannten und überall geachteten Persönlichkeiten zusammensetzt, und daher kann die Delegation, zu der er gehört, keinesfalls als „selbsternannt“ betrachtet werden.“ Jüdische Dresse in RuKlanö. Der Stadthauptmann von Odessa hat das weitere Erscheinen der bekannten von Dr. Klausner redigierten, hebräischen Monatsschrift „Haschiloach“ verboten. Die jüdische Zeitung „Nowi Woschod“ ist für die Kriegszeit durch die russische Heeresleitung verboten worden und darf nicht mehr erscheinen. Die russische Regierung uerDieid die Namen jüdischer Rusgezeidmetei1 zu veröffenfliifien. Eine der neuesten Verordnungen gegen das jüdische Volk in Rußland ist das Verbot, welches die russische Zensur herausgab: nicht die vollen Namen der jüdischen Helden anzugeben, welche sich auf dem Schla-chtfelde ausgezeichnet haben. Die Regierung will nidit, daß das russische Volk die großen Opfer erkenne, welche die Juden in diesem Kriege darbringen. Im „Nowi Woschod“, der russisch-jüdischen Wochenschrift, sina daher die Helden jüdischer Abstammung nur mit ihren Anfangsbuchstaben genannt. Aus Kanada. In Kanada wurde ein jüdischer Volksverband gegründet, der danach strebt, „das kanader Judentum für die politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Aufgaben des gegenwärtigen historischen Moments zu organisieren“. Der Verband will sich, am jüdischen Kongreß beteiligen, der in Amerika geplant ist. Vorsitzender des Verbandes ist der bekannte Schriftsteller Rüben B r a j n i n. Die Spendeneinnahmen des Jüdischen Nationalfonds im Hai. Im vergangenen Monat Mai haben die Spendeneinnahmen des Jüdischen Nationalfonds die Totalsumme von M 42.261.63 ergeben. Hiervon entfallen auf: Nordamerika M 14.782.—, Canada M 7275.—, Deutschland M 5369.—, Oesterreich M 4977.—, Holland M 4489.—, Rumänien M 2385.—, Rußland M 1727.—, Italien M 466.—, Südslavische Länder M 335.—, Schweiz M 267.—, England M 12S.— und der Rest auf Australien* Frankreich und Ostasien. Zionisten im EelOe. Sigmuna Samuel Geschwind, Oberleutnant im 1. k. k. Landsturm-Regiment, stürmte am 3. Juni an der Spitze seiner Kompagnie das Fort Siedliczka bei PrzemysI und erhielt für sein kaltblütiges Verhalten vor dem Feinde die große goldene Tapferk^eitsmedaille. Erwin Hirsctienbaum, k. u. k. Kadett in der Reserve beim 99. Infanterieregiment, ehemaliger Nationalfondskommissär von Znaim, hat für sein tapferes Verhalten vor dem Feinde am nördlichen Kriegsschauplatz die k 1 ein e silberne Tapferkeitsmedaille erhalten. Oberleutnant in R. Dr. Hugo Bergmann, A. H. des Vereines jüdischer HoChschüler „Bar- Kochba“ in Prag, ging als Dolmetschoffizier auf de., tiroUscheu Kriegsschauplatz ab. Ernst Berger, Einj.-Freiw. Mediziner im bosn.-herz. Feldjägerbat., aus Trzynietz, Sohn des dortigen NF-Kommissärs und Mitglied der Teschner Ferialverbindung, erhielt die fe i 1 b e r n e Tapferkeitsmedaille 2. Klasse. Ignaz B ran er, Korporal im L.-l.-R. 31, aus Trzynietz erhielt die silberne Tapferkeit s m e d a i 11 e. Ludwig Tram er, k. k. Traindiv. 3, aus Bielitz, Mitglied der dortigen jüd.-iakad. Ferialverbindung erhielt das signum iaudis.

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