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Jüdische Zeitung · 1915-06-18 · 24 (18.6.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
24 (18.6.1915)
Date
1915-06-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE ZEITUNG KMXK NRTIDNF1L -JUDI5CHE5 ORGAN »Mi Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS« Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden tätlich von 11—l7 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Aboimemenstspreise: Für Oesterrefch-Ungarn: Ganzjähr. K 10.-, halbjähr. K 5.-, Vierteljahr. K 3.-. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.-, halbjähr. Mk. 5 - vierteljänr. 3. . Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 4r>.3_o. Nr. 24. Wien, Freitag, den 18. Juni 1915. IX. Jahrgang. % 4; nun bald zehn Monate dauernde Welt- ’fi$3?g^bedeutet in Oesterreichs Geschichte den Abschluß einer Periode des Kampfes um die Existenz der Monarchie nach außen, sowie der Stagnation nach innen. Nach den letzten Siegen unserer Armee, die im Gegensätze zu den alten überlebten politischen Parteien tatsächlich Gesamt-Oesterreich repräsentiert, wird unbeschadet aller weiteren Complikationen der alberne Glaube, daß ein 600 Jahre altes Staatswesen, dessen Völker in bunter Mischung aus historischen, geographischen, sowie wirtschaftlichen Motiven sich zusammengefunden haben und aufeinander heute mehr als je angewiesen sind, „geteilt“ werden könne, endlich verschwinden. Oesterreich war nicht, sondern es wird erst sein, was es sein soll und sein m u ß, ein Hort der Freiheit und sozialen Gerechtigkeit aller jener Nationen, die nicht Nationalstaaten bilden können und darum ein festgefügter Nationalitätenstaat werden müssen, in dessen Rahmen sie unbeschadet einer festeren Reichseinheit, ausnahmslos der vollen nationalen Gleichberechtigung und Autonomie teilt-aft werden müssen. Für dieses Oesterreich Wird und wurde bisher aur den Schlachtfeldern Galiziens, der Bukowina und Nordostungams von den Söhnen des jüdischen Volkes, sowie aller übrigen Reichsvclker gekämpft. Dieses Oesterreich entspricht dem Wahlspruche des Monarchen: Viribus unitis, sowie dem Wesen unseres jungjüdischen Programmes. Im Sinne des neuen, werdenden Oesterreich Werden aber die alten Parteien ihre Programme revidieren müssen, so sehr sie auch behaupten, der Krieg habe die „Richtigkeit“ ihrer Programme erwiesen, obwohl tatsächlich das Gegenteil sich drastisch gezeigt hat. Der Krieg hat nicht nur die Utopie vom „Zerfalle“ Oesterreichs widerlegt, sondern auch alle die anderen Utopien jener „staatserhaltenden“ Parteien, welche durch ihre chauvinistische und antisemitische Hetze das Donaureich seit Jahren vor den Feinden im Auslande bloßstellten und selbst während des „Burgfriedens“ und in einer Zeitperiode der notwendigen Sammlung aller reichstreuen Oesterreicher, ihre chauvinistische und 'antisemitische Hetze fortsetzen. Wir Jung-Juden werden uns durch sie in unserer volkstreuen und österreichisch-patriotischen Politik nicht beirren lassen, um so weniger, als sie bereits wiederholt von dem zukünftigen Träger der österreichischen Kaiserkrone der vollen Anerkennung gewürdigt wurde. Die Worte des österreichischen Thronfolgers Erzherzog Karl Franz Josef: „Die jüdische Bevölkerung ist sehr patriotisch. Wir werden ihr dies nie vergesse n“, qind in diesen schweren Tagen für das jüdische Volk ein Balsam und stärken seine Hoffnung auf eine lichtvolle, schönere Zukunft. An dieser wollen wir aber als nationalsoziale und demokratische Fraktion rüstig weiterbauen, in dieser Schicksalsstunde des jüdischen Volkes uns nicht um Haaresbreite abdrängen lassen von der Verteidigung unserer nationalen und staatsbürgerlichen Postulate im Rahmen der Monarchie, sowie von unserem Ringen für das — durch die Konsequenzen des Weltkrieges — immer notwendiger werdende Immigrationszentrum in Palästina. Oesterreich und das jüdische Volk, beide von ihren Feinden immer, wieder totgesagt, sie leben trotzdem weiter und sie werden aus dieser schrecklichen Weiikatastrophe verjüngt hervorgehen, wenn sie nur die gemachten Erfahrungen entsprechend nützen werden. aber auch die Einsichtigen unter allen Nationen werden erkannt haben, daß das Donaureich ihr letzter und verläßlichster Hort ist. Ohne Mißtrauen gegen ganze Völker, wird man allerdings an den Grenzen des Reiches durch zweckentsprechende Mitte', vor allem durch eine zweckentsprechendere Nationalitä'enpolitik in Galizien, Bukowina, im Küstenlande, wie in Ungarn unü Kroatien der reichsfeindlichen Propaganda einen Riegel vorschieben müssen. Aber auch die Judenfrage wird eine änderte Behandlung erfahren müsse»,-als sie bisher von Seite der antisemitischen Demagogie und der — Assimilanten erfuhr. 2 Millionen Juden, zerstreut in der ganzen Monarchie, auf Grund einer rationellen jüdischen Volkspolitik zusammengefaßt — eine völkerversöhnende und reichstreue Nation; erheischen doch mindestens ebenso vE' Rücksicht als z. B. 800.000 Italiener. Aber wir selbst können niemals von anderen allein Hilfe erwarten, wenn wir nicht gestützt aur die durch den Weltkrieg gesammelten Erfahrungen, unsere Reihen einheitlicher, sowie strammer zusammenfassen und sie organisatorisch, aber auch programmatisch der neuen Zeit und den neuen Aufgaben entsprechend ausbauen. Mehr als in der Vergangenheit Wird in Zukunft das Donaureich, eng verbündet mit Deutschland aus politischen, wie aus ökonomischen Gründen, seine Interessensphäre über den Balkan hinweg nach Asien zu erstrecken bestrebt sein müssen, Hana in Hand mit der Türkei. Rüsten wir uns; Juden als Orientvolk, der Mittler zu werden im eigenen Interesse aber auch im Interesse der Monarchie. K— Die Lage in Palästina. Dr. Benzion Mossinsohn, Professor am hebräischen Gymnasium in Jaffa, der sich z. Z. in der Schweiz aufhält, hielt dieser Tage auf Einladung des Schweizerischen Zionistenverbandes in Zürich einen Vortrag, dem wir folgendes entnehmen: „Unsere Einrichtungen haben für den jüdischen Namen auch in der Diaspora wieder Achtung errungen. Nicht mehr sieht man wre früher in den Juden Palästinas die armen Kriecher, sondern die aufrechten, schaffenden Männer. Ein Blick auf Telawiw, auf Chaifa, auf Jerusalem lehrt das. Der neue Jude verlangt Ehre und man lernte ihn zu ehren. Und dieser Einfluß erstreckt sich auf alle Länder der Erde und hebt den jüdischen Namen. Wenn dies vielen Juden auch noch nicht klar is% den Christen ist das schon klar. In der allerletzten Zeit mehrte sich auch die Einwanderung au . Rußland und aus Amerika, besonders von Leuten, die fachmännisch ausgebildet sind, als Landarbeiter, Techniker usw'., und der Aufschwung ging weiter vor sich. Da kam der Krieg mit der Gefahr, daß eine Arbeit von 30 Jahren vernichtet werde; denn der Krieg ist für Palästina noch mehr eine Lebensfrage als für Europa. Palästina ist noch von Europa abhängig. Die zionistische Organisation ist im Auslande, das Kapital ist im Auslande, so hängt alles vom Auslande ab. — Sie wissen, daß Kritik eine Eigenschaft aller Juden ist, in Palästina vielleicht noch mehr als anderswo. Was ist nicht alles an der Bank, der Anglo-Palästina-Bank, kritisiert worden und nun hören Sie, was sie geleistet hat. Sie hat die Situation gerettet für die gesamte Bevölkerung. Als das Moratorium kam, haben alle Banken ihre Zahlungen eingestellt, die A.-P.-B. nicht oder nur zum geringsten Teil. Sie hat, um die Existenzmöglichkeit zu schaffen, Checks herausgegeben, die den Verkehr allein aufrechterhielten. Diese Checks wurden von allen, auch den Deutschen anerkannt. Ferner die Schwierigkeit der Verproviantierung, die in Europa so viel Mühe macht, ist im Anfang durch Selbsthilfe gelöst worden, ohne alle gewaltsamen Vorschriften. Nun kam der türkische Krieg. Man war wohl im Anfang darauf gefaßt; als er aber fast vier Monate ausblieb, glaubte man nicht mehr daran. Selbst die verschiedenen Konsulate nicht, deshalb traf er uns unvorbereitet. Noch am Mittwoch vor dem am Freitag einsetzenden Kriege sagte der französische Konsul, es gibt keinen Krieg. Dieser neue Krieg hat Palästina vor neue Probleme gestellt. Die Judenschaft bestellt aus spanischen (echten und falschen), österreichischen und russischen Juden, die, so lange die Kapitulation bestand, also die Gerichtsbarkeit ihrer eigenen Länder, als Fremde besser dastanden als die Ottomanen und deshalb die Ottomanisierung unterließen. Viele von ihnen hatten Geschäfts- und Familienbeziehungen zur alten Heimat, die es nicht ratsam erscheinen ließen, ihre alte Staatsangehörigkeit aufzugeben. Außerdem hatten die Türken niemals in einem Kriege die Angehörigen des feindlichen Landes ausgewiesen. Das wurde mm anders. Die Türkei hatte von Europa gelernt. Trotzdem hoffte man, daß die Türkei, in der es die Juden seit 500 Jahren besser hatten als z. B. in Rußland, die russischen Juden nicht als Russen behandeln würde. Deshalb beschloß man nun, sich zu ottomanisieren. Die Türkei kam dem entgegen und nahm die Juden in freiester Weise bei sich auf. Sie erließ die Notwendigkeit der fünfjährigen Aufenthaltszeit in der Türkei, erhob nur eine Stempelgebühr von 37 Franken und machte ihre Aufnahme in den türkischen Staatsverband so bequem wie möglich. Viele Juden machten davon Gebrauch, viele wollten abwnrten. Trotzdem wurden die russischen Juden nicht ausgewiesen, während dies mit russischen Christen una französischen Patres geschah. Da änderte sich die Lage der Juden plötzlich, als die Verwaltung aus den Händen der Zivifbenörden in die der Militärbehörden übergin^ mit dem kommandierenden General Dschemat Pascha an der Spitze. Der neue Kaimakam (Gouvem-ur) von Jaffa, Behaheddin, erklärte, die jüdische Bevölkerung bekämpfen zu müssen im Aufträge des Ministers des Innern, Talat Paschas, nicht aus Feindschaft gegen die Juden, sondern weil dm Juden Sonderbestrebungen hätten. Da kam n'ötzlich der Befehl, alle nichtottomanischen Ju- '* n haben Jaffa sofort zu verlassen, der Dampfer nach Alexandrien liege im Hafen bereit. Das war ein großes Unglück. Man kann cs die dritte Zerstörung nennen. Man zwang etwa 1000 Juden zur Abreise, doch nur 600 konnte der Dampfer fassen, 100 mußten bei bewegter See stundenlang in Booten bleiben, Kinder wurden

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