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Jüdische Zeitung · 1915-06-11 · 23 (11.6.1915) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
23 (11.6.1915)
Date
1915-06-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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.Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr, 23 Zwar ist aus dem Aufrufe jener Herren nicht zu ersehen, durch welche juristische Person und in welcher Weise die neue Heimstätte zu schaffen beabsichtigt wird und wiewohl es ferner unerklärlich bleibt, warum jene Herren den von ihnen zu sammelnden Fonds mit einem Namen benennen, — er heißt „Zentralfonds“ — der sich auch in der zionistischen Organisation eingebürgert hat, somit leicht eine Täuschung hervorzurufen vermag, begrüßen wir es doch' mit Genugtuung, daß jenes Komitee Geld für Palästina unter Nichtzionisten zu sammeln beabsichtigt Mil größtem Interesse werden wir diese Aktion verfolgen. Unsere Freude darüber, daß Palästina neue Anhänger gefunden hat, wird nur wachsen, wenn der plötzlichen Begeisterung in diesen Kreisen auch Taten für und in Palästina folgen werden. Die zionistische Welt hat 1x10 jetzt ab die umso strengere Pflicht, das Hilfswerk für Palästina uno die Kriegslandspende zu fördern. Aus dem ehrlichen Wetteifer beider Aktionen kann und soll nur das Land unserer Sehnsucht gewinnen. Ein Beispiel. Die Propaganda, die in der letzten Zeit zugunsten der Kriegslandspende eingeleitet worden ist, ergreift bereits weitere Kreise. Wir bringen mit Freude das untenstehende Schreiben, das von der tiefen Wirkung zeugt, die diese in die Zukunft weisende Arbeit, bereits zeitigt. Im Felde, 1. Juni — 19. Juni 1915. „Sehr geehrte Herren Gg.! Ich übersende Ihnen heute den Ertrag meiner Sammlung für die durch den Verein „Keren Kajemeth Lejisroel“ eingeleitete Kriegs-Landspende. — Ich hoffe, die zweite Sendung Wird reicher sein. Der Betrag: K 100.— ist von den jüdischen Kriegskameraden meines im Felde stehenden Regimentes .gespendet worden und ich bitte um genauen Ausweis der Spendenliste in der nächsten Nummer der „Jüdischen Zeitung.“ Die zwei D u - nam (bitte auf den Namen d e r „H a t - hechijah“ Wien einzutragen. Den Sammelbogen hebe ich auf, da ich ihn noch ausfüllen möchte. Bitte mir sofort noch zwei — drei Sammelbogen einsenden zu wollen. — Mit Ziongruß Ihr ergebenster Med. N. A-, Kadett im. Feldpogt 26. An alle in Wien weilenden Advokaten ans Galizien und der Bukowina ergeht hiemiel die Aufforderung, sich an der für die Flüchtlinge äußerst wichtigen Arbeit des „Schadenerhebunghbüro (II. Zirkusgasse 33.) zu beteiligen. Amtsstunden 9-11 Uhr vormittag und 4-6 nachmittag. Es besteht ein in Turnns, wodurch die mitarbeitenden Herren die Gelegenheit haben sich die ihnen genehmen Tage und S'unden auszu wählen. Das Edie der russisihen Pogrome in Rmeritia. Mit dem Verhältnis zwischen Polen und Juden befaßten sich zwei Versammlungen in New-Vork. In der ersten, die im Saale der „Cooper Union“ stattfand, plädierte Artur Hausner an seine jüdischen Zuhörer für die polnische Sache. Die Versammlung verlief überaus stürmisch. Hausner stellte sich als Vertreter des polnisch-nationalen Zentralkomitees, der „provisorischen polnischen Regierung“, vor und legte die Stellung seiner Auftraggeber zur Judenfrage dar. Er versprach den Juden bürgerliche Gleichberechtigung im zukünftigen freien Polen, wofür die Juden aller Länder als Gegenleistung sich zugunsten der Polen einsetzen müßten. Die Gewährung nationaler Rechte an die Juden lehnte er als „zionistische Forderung“ ab. Die Juden müßten im polnischen Nationalkörper aufgehen. Dies sei der Standpunkt aller Richtungen im polnischen Volke, die im erwähnten Komitee vereinigt sind. Aus der Mitte der Versammlung wurde der Redner zu einer Erklärung bezüglich der Denunziationen und Pogrome von polnischer Seite gegen die Juden des Kriegsgebietes aufgefordert. Der Redner machte hiefür die polnische Reaktion verantwortlich, die Hand in Hand mit dem Zarismus gehe. Bei Erwähnung der polniSdhen Schandtaten gegen die Juden bemächtigte sich der Versammlung eine große Aufregung. Das Hausner’sch'e Programm, das für die Polen volles Selbstbestimmungsrecht fordert, während es für die Juden nichts übrig hat, als das alte Rezept der nationalen Selbstverleugnung, stieß auf den Widerspruch eines großen Teiles der Versammlungsteilnehmer. Zur Annahme der verlangten Sympathieerklärung zugunsten der Polen kam es infolgedessen nicht. Die zweite Versammlung war gewissermaßen eine Antwort auf die erste. Sie fand am 6. Mai 1915 in dem gleichen Saale statt und war so zahlreich besucht, daß eine Paralellversammlung auf der /Straße abgehalten werden mußte. ,'Es sprachen Dr. Schmarya Lewin, der gewesene jüdische Abgeordnete der russischen Reichsduma, Professor Hurwitz, Ingenieur Kaplansky und andere. Den Vorsitz führte der bekannte Schriftsteller David Pinsky. Folgende Resolution fand einstimmige Annahme: Obgleich die feindliche Haltung eines großen Teiles der polnischen Bevölkerung, der polnischen Organisationen und der polnischen Presse der jüdischen Bevölkerung Polens gegenüber, eine Feindschaft, die ihren Ausdruck im Boykott gegen die Juden in Russisch-Polen, in der Niederhaltung der galizischen Juden, in den Verleumdungen und Denunziationen gegen die Juden der vom Kriege betroffenen Gebiete fand, zu russischen Militärpogromen und Blutbädern, zu brutalen Verfolgungen und Vertreibungen geführt hat; obgleich diese polnische Haltung den schmerzlichsten Eindruck und Erbitterung in der jüdischen Welt hervorgerufen hat, sind wir dennoch davon entfernt, die ganze polnische Nation mit den finsteren Kräften und Elementen ‘des Chauvinismus zu identifizieren und unsere wohlwollende Stellung zum Kampfe des polnischen Volkes für seine Freiheit zu ändern. Gleichzeitig konstatieren Wir, daß die polnischen Parteien der jüdischen Bevölkerung des erstrebten freien Polens die gesetzmäßigen Garantien für ihre nationale Existenz, verweigern und daß sie die Freiheit der Polen auf der Grundlage der nationalen ReChts'losigkeit und der Assimilation einer Minorität von drei Millionen Juden zu errichten, beabsichtigen. Die Weigerung, die nationalen Rechte der Juden in Polen zu gewährleisten, macht die Bereitwilligkeit der polnischen demokratischen Elemente, den Juden bürgerliche Gleichberechtigung zu gewähren, wirkungslos, da die systematische Propaganda der polnischen Parteien gegen die Anerkennung der nationalen Rechte der Juden in hohem Grade die Entstehung der Atmosphäre von Feindschaft gegen die Juden mitversChuldet und den Boden für den VerniChtungskampf gegen drei Millionen polnischer Juden vorbereitet hat. Ein dauernder Friede zwischen den Polen und den Juden wird nur dann möglich sein, wenn den jüdischen Massen in Polen neben den bürgerlichen Rechten auch die nationale, politische Gleichberechtigung hinsichtlich der Wahlen, nationale Rechte für das jüdische Gemeindeleben, Sprache und Erziehungsinstitute, sfowie Selbstbestimmung in allgemeinen jüdischen Angelegenheiten werden gewährleistet werden. Eine Unlersudumg über die Greuels taten der russischen Armee. Die Washingtoner Regierung beauftragte den amerikanischen Konsul in Warschau, eine Untersuchung über die Lage der Juden des polnischen Operationsgebietes einzuleiten. Diese Untersuchung wurde veranlaßt durch' die Beschwerden, die seitens der amerikanisch-yiddischen Presse über die Verbrechen des russischen Heeres an der eigenen jüdischen Zivilbevölkerung vorgebracht werden. Es wird erwartet, daß die amerikanische Regierung, im Falle die Untersuchung die Berechtigung dieser Beschwerden ergeben stallte, diesbezüglich Vorstellungen beim Retrograder Kabinett erheben werde. fiirkisdie Bahnbauten. Die „Kölnische Zeitung“ brachte einige sehr beachtenswerte Mitteilungen über die in der Türkei, besonders im Heiligen Lande ausgeführten Bahnbauten. Die Mitteilungen lassen erkennen, welche gewaltige wirtschaftliche Bedeutung diese Verkehrswege, über die wir auch im „Orient“ wiederholt berichtet haben, für die weitere Entschließung und Entwicklung jener Gegend in naher Zukunft besitzen. Ganz besonders wird auf die, für Palästina höchst wichtige Weiterführung der Bahn Aphule—Ramleh bis zum Suezkanal hingewiesen, „eine Linie, auf die Palästina vielleicht in Friedenszeiten lange hätte warten müsisen“. Die neue Linie nach dem Suezkanal, deren Bau die türkische Kammer auf Antrag Münir Beis, Mustesdhars im Wakufministerium, bereits beschlossen hat, soll von einem geeigneten Punkte der im Bau befindlichen Linie Aphule—Nablus-Jerusalem ausgehen. Letztere Strecke, 78 Kilometer lang, durchschneidet eine der landschaftlich schönsten Gegenden Palästinas mit Aussicht auf den Karmel und andere aus der Bibel bekannten Berge, geht auf drei Stunden Entfernung an Nazareth vorüber und durchquert die Jesreel-Ebene. Sie ist besonders wichtig für den Pilger- und Touristen-Verkehr. Denn in Zukunft werden alle Besucher des Heiligen Landes und Jerusalems in Haifa an Land gehen können und sind nicht mehr den Schrecknissen der Ausbootung in Jaffa bei stürmischem Wetter ausgesetzt. Auch für den Handel ist die neue Strecke nicht ohne Belang. Um das Zustandekommen dieser neuen Linie hat sich der Chefingenieur der Hedschasbahn, Meißner Pascha, verdient gemacht, wie überhaupt die ganze Hedschasbahn viel der Mitarbeit ' de- Deutschen zu verdanken hat. Besonders vorteilhaft für die dortigen Wirtschaftsverhältnisse erweist sich die Hedschasbahn gegenüber dem französischen Unternehmen der Bahn Beirut- Damaskus, die sie infolge ihrer gesunden Tarifpolitik empfindlich' schädigte. (Aus „Der Orient“) Die Not Oer jüdischen Elüififlinge in Rublaud. Die Zahl der jüdischen Flüchtlinge aus den polnischen Operationsgebieten dürfte 250.000 betragen. Ein Teil von ihnen hat freiwillig Haus und Hera verlassen um der Todesgefahr zu entgehen, ein anderer Teil ist vom russischen Heer wegen erdichteter Verrätereien auf die grausamste Weise aus seinen Wohnorten vertrieben worden. Die Flüchtlinge konzentrieren sich mit Vorliebe in Warschau, das gegenwärtig 80.000 von ihnen beherbergen soll. Unter den Flüchtlingen herrscht unsägliches Elend. Die zaritisdhe Regierung, die sich auch während dieses Krieges in dieser Hinsicht treu geblieben ist, erachtet es als überflüssig, sich um das Los der jüdischen Kriegsopfer im mindesten zu kümmern. Die russische Gesellschaft allerdings denkt auch in dieser Hinsicht anders und hat manches für die jüdischen Flüchtlinge getan. So hat beispielsweise der russische Kommunalverband eine Hilfsaktion zugunsten der jüdischen Kriegsopfer beschlossen und mit der Eröffnung einer Reihe von Volksküchen für jüdische Flüchtlinge in Warschau begonnen. Seitens der russischen und amerikanischen Juden wurden große Anstrengungen gemacht, um die Unglücklichen über Wasser zu halten. 47.000 jüdische Flüchtlinge in Warschau werden von der jüdischen Gemeinde aus Mitteln, die ihr zu diesem Zwecke hauptsächlich vom Jüdischen Zentralhilfskomitee in Petrograd zugeführt werden, unterstützt, allerdings mit minimalen Beträgen von 7—10 Kopeken täglich. Insgesamt unterstützt das erwähnte Komitee 153.000 Personen, die sich auf 146 Ortschaften verteilen. Eine Reihe von jüdischen Gemeinden im Ansiedlungsrayon haben sich aus freien Stücken erbötig gemacht, eine gewisse Anzahl von Flüchtlingenaufzunehmen und für deren Unterkunft Sorge zu tragen. Das sogenannte Zentralbürgerkomitee in Warschau, eine von Polen geleitete Körperschaft für Kriegsfürsorge, hat auch 3000 jüdische Familien unterstützt. Es liegen aber ernste Beschwerden vor, daß die notleidenden Juden von diesem Komitee, das sich die Befugnisse einer Volksselbstverwaltungskörperschaft angeeignet hat, zurückgesetzt werden, daß die Zahl der unterstützten Juden in keinem Verhältnis izu (der der Polen istehe, lobgleich 'die Mittel des Komitees nur zu einem geringen Teile von polnischer Seite herrühren. Letzthin fand in Moskau eine Delegiertenkonferenz der auf dem Gebiete des FlüChtlingswesens tätigen jüdischen Kreise Petrograds und der ‘Provinz statt. Es' wurde konstatiert, daß die Not unter den jüdischen Flüchtlingen so groß ist, daß ihr mit Privatmitteln keineswegs ^beizukommen sein wird. Und es wurde die Forderung nach einer allgemeinen staatlichen Unterstützung erhoben. Da aber dies vorderhand nur ein frommer Wunsch bleibt, so beschloß die Konferenz, eine intensivere Sammlungstätigkeit einzuleiten und eine allgemeine Selbstbesteuerung der Juden Moskaus zugunsten der jüdischen Kriegsopfer durchzuführen. Unlängst hat der Warschauer Generalgouvemeur, einem Wunsche einflußreicher polnischer Antisemiten entsprechend, die Ausweisung der jüdischen Flüchtlinge aus Warschau verfügt. Mit der Abschiebung ist bereits begonnen worden. , Unter dem Sthutzc des Burg: Iriedens. Das in Wien, 3. Bezirk, Apostelgasse 33 erscheinende Modeblatt „Die Wiener Hausfrau“ bringt in der Nummer 34 des lauf. Jahres ein Bild mit der Unterschrift „Deutsche Feldgendarmen mit einem jüdischen Spion“, begleitet von einer Notiz, die von den „Vaterlandsverrätern“ in Russisch-Polen spricht, „jenen traurigen Gesellen, die oft für wenig Geld den

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