Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 23 (11.6.1915)
- Date
- 1915-06-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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o SSSS NRTIDNRL -JÜDI5CHE5 DRGRN JMg Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ AWl ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden | m tätlich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnemenstspreise: Für Oester- _ 63 refch-Ungam: Ganziähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Gartzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ B Mk 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 23, Wien, Freitag, den 11. Juni 1915. IX. Jahrgang. JagO nach jüdischen Groben. Uns allen sind die in der Assimilantenpresse mit beruhigender Pünktlichkeit auftauchenden Nadh richten, daß diese oder jene Persönlichkeit jüdischer Abstammung sei, sattsam bekannt. An und für sich wäre ja an diesen Entdeckungen nichts auszusetzen, sind doch alle Völker stolz auf die großen Geister, die aus ihrer Mitte hervorgegangen. Allein diese Entdeckungsreisen sind mit der Zeit in gewissen jüdischen Kreisen iu "einem vielbetriebenen Sport geworden. Kaum wird auf irgend einem Gebiete des menschlichen Fortschrittes ein neuer Name genannt, fallen sie auch schon über ihn her, um den Nachweis zu führen, daß er Jude sei oder zumindest sein Urgroßvater eine Jüdin heimgeführt habe. Diese krankhafte Sucht, bei allen Größen nach der jüdischen Abstammung zu fahnden, ist einzigallein auf die Psychologie des Golusjuden zurückzuführen. „Ihr seid feig, jeder militärischen Tüchtigkeit bar!“ riefen uns die Judenhasser zu und flugs machte sich der furchtsame Jude, der die Welt Wegen seines Judentums um Entschuldigung zu bitten schien, auf die Suche nach jüdischen militärischen Größen. Bald war es der General Bemadotte, bald ein anderer Heerführer, der für die Tapferkeit der Juden Zeugnis ablegen mußte. „Euch geht auch jedwede musikalische Begabung ab!“ hieß es ein anderes Mal. Sofort entsandten die zaghaften Juden ihre Boten, auf daß 'sie in allen Büchereien nach der Abkunft berühmter Tondichter forschen. Vielleicht ließe sich nadrweisen, daß außer den bekannten jüdischen Komponisten einer der berühmtesten Musiker, etwa Beethoven oder Liszt von Juden abstammen. Man kennt ja die geradezu lächerlichen Bemühungen gewisser Kreise, selbst Richard Wagner jüdische Eltern nachzuweisen. Es liegt auf der Hand, daß diese von der Furcht una Ghettogeist eingegebenen Bestrebungen nicht den gewünschten Erfolg zeitigen konnten und können. Im Gegenteil. Abgesehen von ihrer Geschmacklosigkeit haben sie geradezu eine gegenteilige Wirkung. Die Feinde unseres Volkes sehen sich veranlaßt, sich derselben Mittel zu bedienen, um die Unfähigkeit, den Mangel an Patriotismus, die verbrecherische Veranlagung der Juden und wie sonst noch unsere Fähigkeiten und Tugenden heißen, nachzuweisen. ~ Wie solche Nachrichten entstehen, dafür bietet ein Fall, der sich in den letzten Tagen in Wien ereignet hat, geradezu ein klassisches Beispiel. Ein Wiener Sozialdemokrat teilt unter fingiertem Namen der Wiener deutschnationalen „Ostdeutschen Rundschau“, um ihr ein Schabernak zu spielen, mit, daß der an der Spitze der Pariser Kriegshetzer stehende französische Minister Sembat — ein ungarischer Jude sei. Er sei der Sohn eines Juden aus S z o m b a t hely (Steinamanger), daher auch der Name Sembat. Die ob ihres gemeinen Judenhasses berüchtigte Zeitung geht aut den Leim und druckt mit' Behagen die Nachricht ab, daß Sembat ein ungarischer Jude Sei. Draußen im Reiche, wo man über die Wiener Zeitungsverhältnisse nicht genau inforifiiert ist, wird diese Nachricht möglicherweise die weiteste Verbreitung finden. Und es ist nicht ausgeschlossen, daß einst — viele Jahre nach dem Friedensschluß — wenn Sembat wirklich zu einem wohlklingenden Namen gelangt, irgend ein Assimilantenblatt stolz auf die jüdische Abstammung Sembats pochen wird. Noch viel plumper und blödsinniger ist aber der Schwindel, der mit der Abkunft d’Annunz i o s getrieben wird. Eine klatschsüchtige Wiener-Tageszeitung bringt plötzlich die sensationelle Nachricht, daß der Dichter der italienischen Kriegshetze seiner Abkunft nach p o 1 n i s c h e r Jude sei und eigentlich Rapaport geheißen habe. Und siehe da, es fanden sich Leute, die dieser Ente Glauben schenkten. D’Annunzio hat in der Tat nie etwas mit dem Judentum zu tun gehabt, abgesehen davon, daß er an der Spitze der ausgesprochen antisemitischen „neulateini- SChen“ Bewegung stand. Er ist in Apulien geboren, in einer Gegend, wo es seit Jahrhunderten mehr keine Juden gibt. Die Nachricht über d’Annunzios Abstammung dürfte im Auslande nicht wenig Heiterkeit erregt und das Ansehen der Wiener Presse kaum gehoben haben. '"■'Der Krieg Wird hoffentlich mit so manchem Rüstzeug der Assimilanten, das schon längst in die Rumpelkammer gehört, tüchtig aufräumen. Auch die Jagd nach jüdischen Größen muß aufhören. Unser Volk wird die Größe in sich selbst suchen und nicht Fremden nachlaufen und ihren Stammbaum daraufhin .prüfen, ob nicht ein Tropfen jüdischen Blutes in ihren Adern rollt. Ludwig Batö. Das It. k. Ministerium Des Innern über das flrmenambulaterium des Zionislisthen Zentralkomitees. An das Armenambulatorium ist vom k. k. Ministerium des Innern folgende Zuschrift eingelangt: Z. 28, 111. Wien, am 9. Juni 1915. Der Zuschrift vom 2. Juni 1915 habe ich mit Befriedigung entnommen, daß das Ar- _ menambulatorium sich auch zur Behandlung der aus dem Süden kommenden Kriegsflüchtlinge bereit erklärt und entsprechend der Ausdehnung seines Wirkungskreises* seinen Titel geändert hat. Ich nehme dies zum Anlasse, um dem Armenambulatorium sowohl für die bisher im Einvernehmen mit der Zentralstelle der Fürsorge für die Flüchtlinge entfaltete ersprießliche Tätigkeit, als auch für deren Erstreckung auf die Kriegsflüchtlinge aus den südlichen Ländern der Monarchie meinen Wärmsten Dank auszusprechen. Der k. k. Minister des Innern: H ein o 1 d. An das Präsidium des Armen-Ambulatoriums des Zionistischen Zentralkomitees für Kriegsflüchtlinge in Wien. Eine neue Enrsorgeaktion inr Palästina. Jahrzehnte hindurch war die zionistische Organisation der Hauptträger des Palästinagedankens, den sie nach zwei Richtungen hin formulierte und für die sie sich mit aller Kraft einsetzte: zunächst Palästina sei das einzige Land, welches eine dauernde Heimstätte für das jüdische Volk oder zumindest für den von der Judennot betroffenen Teil desselben bilden könne, sodann, Palästina sei imstande, schon jetzt Gruppen des jüdischen Volkes Linderung ihres furchtbaren Schicksals zu bieten. Selbstverständlich gab es auch außerhalb unserer zionistischen Organisation Gruppen und GrüppChen, welche uns im Anfang totschwiegen und dann gehässig zu bekämpfen strebten. Aber die zionistische Partei schritt in ihrer Arbeit unentwegt vorwärts, schuf außer anderen für das Volk bedeutsamen Institutionen auch den Jüdischen Nationalfonds der es vermochte, mit Hilfe einzig dastehender Einnahmen von 1 Million Franken im Jahr Landkomplexe in Palästina ankaufen und bewirtschaften zu können und dadurch — was noch viel wichtiger ist, — eine neue Generation zu erziehen, welche würdig ist, als kostbarstes Kleinod der Gegenwart, weil Unterbau der jüdischen Zukunft, zu gelten. Wiewohl der Jüdische Nationalfonds aus den Hellem' des“ jüdischen Volkes ungefähr 5 Millionen Mark bereits gesammelt hat und wiewohl er heute schon Werte von eminenter Bedeutung im Heiligen Lande geschaffen, standen doch verschiedene jüd. Finanz- und Kultusgemeindepotentaten dem Palästinawerke, wenn nicht gehässig, so doch kühl und gleichgiltig gegenüber. Da brach der Weltkrieg aus. Warmfühlgnde Persönlichkeiten erinnerten sich daran, daß durch den Krieg die sogenannte Chalukatätigkeit ganz unterbunden wurde. Einige von ihnen haben sich nun unlängst an Herrn Rabbiner Dr. Grunwald mit der Aufforderung gewendet, „jene Persönlichkeiten, die sich der Chalukatätigkeit bisher widmeten, zu einer gemeinsamen Beratung darüber einzuladen, wie dergegenwärtigen Notlage, insbesondere der verhungernden Galizianer und Bukowinaer Familien in Palästina wirksame Hilfe zu schaffen sei. Am 25. Mai 1915 fand nun eine Beratung statt, an der meistenteils Rabbiner teiinahmen. (Ganz seltsam klingt es, daß sich bei dieser Besprechung auch ein sicherer Herr Direktor Feldstein einfand, der den Vorzug besitzt, in Galizien in jüdischen Angelegenheiten, besonders aber in Palästinadingen sich eine traurige Berühmtheit erworben zu haben.) Statt wie nun auf Grund der gegebenen Anregung zu erwarten gewesen wäre, eine Aktion zugunsten der Chalukatätigkeit einzuleiten, erschien gleichsam als Ergebnis dieser Besprechung in der letzten Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift“ ein Aufruf, der sich mit Palästina beschäftigt und zwei Parolen ausgibt. Einerseits, „der unsäglichen Not des Augenblicks in Palästina zu genügen“, andererseits „alle Vorkehrungen zu treffen, um Flüchtlingen eine neue Heimstätte in Palästina zu sichern“. Die Lektüre dieses Aufrufes erfüllte uns mit einer gewissen Genugtuung. Denn wir erfuhren daraus, daß_ auch Leute, welche bis vor kurzer Zeit Palästinahasser oder wenigstens Palästinaverächter waren, mit einem Schlage sich die Chalukabestrebungen zu eigen machten, und Ziele, wie Sie die zionistische Partei verfolgt, auf ihre Fahnen schrieben. Wir verweisen bei dieser Gelegenheit auf die „Jüdische Zeitung“ vom 23. April d. J., in der sich bekanntlich ein Aufruf des Engeren Aktionskomitees befand, betreffend die Linderung der Not in Palästina, sodann auf die Nummer vom 30. April d. J. mit einem Aufruf des Jüdischen Nationalfonds über die Kriegslandsperide zur Ansiedlung jüdischer Kriegsopfer aus dem Osten.