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Jüdische Zeitung · 1915-06-04 · 22 (4.6.1915) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
22 (4.6.1915)
Date
1915-06-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 J8DISCHE ZEITUNG Nr. 22 Sdwlefür galizlsdie Elüditlingstiinöer. Von Max Brod.*) Sie strömen ein, sie sitzen hier, In ihren Bänken vier und vier Und wiegen die sittigen Wangen. Ihr guten Mädchen, wißt ihr nicht, ln euer Haus der Räuber bricht! Wie werdet ihr heimgelangen? — Die braven Mädchen, es kümmert sie nicht. Dem Lehrer lauschen sie, dem Herrn. Von ernster Kunst erzählt er gern, Von Lustigem gibt er zu lachen. Vergaßt ihr euer fernes Land? Die Mauer wankt, es steigt der Brand. “ Die Dächer, die lieblichen, krachen. — Die frohen Mädchen, sie horchen gespannt Groß wird die Karte aufgehängt, Ins Weiteste der Blick gelenkt Und bunte Erscheinungen schweben. Ihr Mädchenblumen, Mutter weint, Der sanfte Vater flucht den Feind. Zum Bettler wurde er eben. — Die Mädchenblumen, sie lauschen vereint Nein, Blumen wären längst verdorrt, Gepflückt von ihrem Wurzelort Ihr blüht in Kräften und heiter. Wenn rings die Welt sich toll zerreißt, Von einer stärken) Macht gespeist Lebt ihr und rüstet euch weiter. — Ihr tapfem Mädchen: ihr seid der Geist *) Aus dem demnächst erscheinenden Gedichtbuch von Max Brod, „Das Gelobte Land“ — ein Buch der Hoffnungen, in dem der über die engen Grenzen seines Heimatlandes weit hinaus bekannte Dichter seine nationalen Zeitgedichte herausgeben wird. _ Georg Branöes unö Sie luden Osteuropas. Es ist wahr, die nationaljüdische Oeffentlichkeit hat Georg Brandes oft genug mit einer gewissen Erbitterung als den bewußten Repräsentanten der Assimilation angegriffen. Das erklärte sich aus dem Zorne über sein Verhalten der nationaljüdischen Idee gegenüber, die ihm in ihren Ideen fremd und unverständlich blieb. Er hielt sich für einen berufenen Vermittler westeuropäischer und skandinavischer Werte und das bis zu einem Grade, daß er selbst die deutsche Kultur als nicht völlig hochwertig empfand. Trotz des großen Raumes, den er in den „Hauptströmungen der europäischen Literaturen im 19. Jahrhundert“ der deutschen Dichtung einräumt, hat er in seiner Essaysammlung „Gestalten und Gedanken“ seine nicht allzuhohe Einschätzung der Deutschen durchblicken lassen. Heute mag Brandes über den wahren Wert der von ihm einst so hochgepriesenen Kultur des eigentlichen Westeuropas — gemeint ist zunächst England und Frankreich — ganz anderer Meinung sein. Und auch wir andrerseits wollen es gerne zugestehn, daß wir eine hohe Achtung vor dem Manne empfinden, der sich durch seine rücksichtslose Aufdeckung der wahren Zustände in Osteuropa nicht nur den Haß der Ententemächte zugezogen hat, sondern auch von den durch ihn angegriffenen Polen Rußlands aufs heftigste befehdet und verleumdet wird. In Georg Brandes ist ein echtes Interesse an allen jüdischen Angelegenheiten ecwacht und der Wunsch, der furchtbaren Not der Juden auf dem östlichen Kriegsschauplätzen zu steuern, ja auch der mutige Wille, die Aufmerksamkeit der Völker und Regierungen auf das Schicksal sierner Volksgenossen zu lenken. Wie ernst es Georg Brandes mit seiner Aufgabe meint, ersieht man deutlich genug aus seiner laut verkündeten Abkehr von den einst so gefeierten Polen und seinen Veröffentlichungen, die ihm die schlimmsten Beschuldigungen eintrugen. Und schon publiziert er im „Politiken“ wiederum einen Aufsatz, der sich mit den „Juden Osteuropas und ihrem Dichter“ beschäftigt. Interessant ist besonders der erste Teil, in dem er sich auf das in Petersburg erscheinende Wochenblatt „L’Echo de RusSie“ bezieht Er berichtet da von dem mißlungenen Appell der russischen Intelligenz, in dem die Aufhebung der Ausnahmsgesetze gefordert wird, von dem Tagesbefehl des Großfürsten Nikolai Nikolajewitsdi, der von der feindseligen Gesinnung der jüdischen Bevölkerung in Galizien, der Bukowina und Polens gegen die Russen spricht, ferner von der Verhaftung des Gendarmerie-Obersten Miassojedoff, der wegen Spionage aufgehängt Wurde. Die russische Armeeleitung entschuldigt bei dieser Gelegenheit, daß Miassojedoff die Gerüchte von dem Verrat und der Spionage der Bevölkerung verbreitete und auf seine Initiative aus der Gegend von Warschau etwa 30.000 Juden evakuiert wurden. Schließlich beharrt Brandes auch hier auf seinen Aeußerungen über das feindselige Verhalten der Polen gegen das unglückliche, unter ihnen wohnhafte jüdische Proletariat; nur von schlecht unterrichteten Polen können die von ihren Landsleuten begangenen Untaten in Abrede gestellt werden. Es darf als ein gutes Zeichen angesehen werden, daß Persönlichkeiten wie Brandes, deren Interessen '-sich früher auf die geistigen und politischen Bewegungen aller, auch der kleinsten Völker erstreckte, auch den Weg zu seinem Volke gefunden hat und tätigen Anteil nimmt an seinem Schicksal. Die feine Würdigung, die er in dem angeführten Aufsatze dem Dichter des jüdischen Volkes, Ch. N. Bialik, zuteil werden läßt, zeigt, daß rieh Brandes auch zum Interpreten der. Werte seines Volkstums berufen fühlt. Zionisten im Eelöe. Kadett Architekt Karl Gonda, Wien, er* hielt die Große Silberne Tapferkeitsmedaille. Oberarzt Dr. Arnold Weiner, A. H. der „Unitas“ in Wien, befindet sich in Turkestan in Kriegsgefangenschaft. Advokaturskandidat Dr. Hermann L ö w, A. H. der „Jvria“ in Wien, ist als Reserveleutnant auf den galizisdhen Kriegsschauplatz eingerückt, wurde bei einem Gefechte verwundet und geriet in russische Gefangenschaft. In einer vom 18. Mai datierten Ansichtskarte aus Munkäcs, schreibt er: „Es gelang mir, aus russischer Gefangenschaft durchzugehen. Von hier gehe ich zu meinem Bataillon und hoffe, Sie in Wien aufsuchen zu können/1 Leutnant Dr. Löw war am 7. September als Patrouille in ein Dorf geraten, das bereits von den Russen besetzt war. Es entwickelte sich zwischen der Patrouille und den in großer Ueberzahl befindlichen Gegnern ein Gefecht, bei dem der Offizier verletzt und gefangen genommen wurde. Nun ist es ihm gelungen, in Frauenkleidem, als Bäuerin, zu entweichen. Jur. Fritz Hutterer aus Teschen, Fuchs der jüd.-akad. Verbindung „Ivria“, hat am 4. Mai beim Sturm auf eine Höhe nördlich Gorlice den Heldentod gefunden. Cand. ing. Erich Rehberger, Kadett im königlich ungarischen Honved-lnfanterie-Reg. 25, Mitglied des Vereines jüdischer Hochschüler aus den südslavischen Ländern „Bar-Giora“, hat im mutigen Vorwärtsstürmen am 5. April bei Okno in der Bukowina den Heldentod fürs Vaterland gefunden. Er war ein tüchtiger, hochbegabter Anhänger der nationalen Idee. Oberleutnant Theodor Hein, Sohn des verdienstvollen Vertrauensmannes Emanuel Hein in Neutitschein, langjähriger Beamter der k. k. Staatsbahh in Oderberg, fand beim Sturm auf die Priskahöhe bei Gorlice am 2. Mai den Heldentod. Leutnant in der Reserve Richard Koch, i. a. Bursch der jüd.-akad. Verbindung „ivria“, hat für tapferes Verhalten vor dem Feinde das Signum 1 a u d i s erhalten. Einj.-Freiw. Emst Pollak, Mitglied der „Neure Jehudah“ in Wien, wurde mit der silbernen Tapferkeitsmedaille 2. Klass e ausgezeichnet. Einj.-Freiw. Robert Weinberger, Mitglied der „Neure Jehudah“ in Wien, erhielt die Belobung des Armeekommandos. Regimentsarzt Dr. Friedrich S z i 1 ä r d, Mitglied des Zionistischen Zentralkomitees für Ungarn, erhielt das goldeneVerdienstkreuz mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille. JOSisdies Rriegsardtiv. Unter diesem Titel sind die Mitteilungen des Jüdischen Kriegsarchivs, die wir bereits angekündigt haben, erschienen. Wenn es deren Zweck sein soll, weiteren Kreisen einen Begriff davon zu geben, wie wertvoll das Material ist, das im Jüdischen Kriegsarchiv gesammelt wird, so ist dieser Zweck in der vorliegenden ersten Nummer erreidit. Schon die übersichtlich geführten Listen jüdischer Ausgezeichneter sind als dankenswert anzusehen. Daß in einer Anzahl von Fällen die Gründe der Auszeichnung in kurzer und präziser Fassung hinzugefügt sind, wirkt besonders illustrativ. Vorzugsweise Aufmerksamkeit verdienen aber die Beispiele russischer Barbarei und Henkerei, die die „Mitteilungen“ fast durchaus nach originalen Berichten zu bringen Wissen. Einige davon, wie „die Untat von Staszow“ (in Russisch-Polen) und das Schicksal jener bukowinischen Judenfamilie von dem der Postvermerk auf dem letzten verzweifelten Briefe des Familienvaters Kunde gibt, sowie der Tod des' greisen Talmudisten in Szerzec gehören wohl zu den furchtbarsten der Art. Dabei scheinen alle diese Fakten nicht aufs Geradewohl aus der Fülle der russischen Missetaten 'herausgegriffen zu sein, sondern sind wohl ausgewählt, um einerseits die furchtbarste Begleiterscheinung der Greuel, die namenlose Verlassenheit der ihren Peinigern ausgelieferten Opfer hervprtreten, andererseits den Lesern auch die Beweggründe, Grundgedanken und gewisse interessante Hilfsquellen des russischen Greuelsystems zumindest ahnen zu lassen. Namentlich geht aus ihnen ganz deutlich hervor, daß sich Rußland nicht ohne Grund an die Juden als Hauptsündenböcke hält, sondern daß es in den eigenen heimischen Juden diejenigen treffen will, die naturgemäß seiner Regierungsweise am konsequentesten widerstreben und in den galizischbukowinischen Juden die jedenfalls erreichbarsten unter den Trägem eines unbedingten Oesterreichertums. — Das Heft, das auch einige patriotische Kundgebungen jüdischer autoritativer Stellen enthält und mit Geschmack ausgestattet ist, stellt sicherlich einen Wertvollen Beitrag zur Zeitgeschichte dar, den jeder, der sich für diese ernstlich interessiert, zur Kenntnis nehmen sollte. Es ist im Verlage R. Löwit, Wien, I. Rotenturmstraße 22 erhältlich. Tausende von Flüchtlingen wenden sich an uns mit der Bitte, ihnen bei der Erhebung und Feststellung der durch die Kriegsereignisse erlittenen Schäden behilflich zn sein. Freiwillige Mitarbeiter (Juristen bevorzugt) mögen sich melden. Täglich 10—12 vormittags. Jüdisches Sdiaöenertiebungsbureau Wien, II. Zirkusgasse 33. Die Leitung des Armenambulatoriums, II., Taborstr. 20 a, benötigt für ihre Ordination noch 2 freiwillige Pflegeschwestem für die Zeit von 6—8 Uhr abends (mit Ausnahme des Freitag) und eine Dame für den Kassadienst. Wir bitten unsere verehrten Gesinnungsgenossinnen sich gütigst zu melden. Eine jQSisdie Legion. Der Plan der Gründung einer jüdischen Freiwilligenlegion, die an der Seite einer zukünftigen englischen Expedition nach Palästina an der Besitzergreifung dieses Landes sich beteiligen soll, ist von unverantwortlichen Leuten ausgeheckt worden, die entweder dem jüdischen Leben bislang ganz ferngestanden haben oder die der gegenwärtige Krieg mit seinen nervenersdhüttemden Wirkungen um ihr letztes bischen Gehirnschmalz gebracht hat. Kein halbwegs urteilsfähiger Jude denkt daran, sich Palästinas mit Waffengewalt zu bemächtigen. Der Zionismus verfolgt friedliche Ziele in Palästina, die er auf friedlichem Wege und nur auf diesem Wege zu erreichen trachtet. Eine Legion der erwähnten Art könnte, wenn sie überhaupt zustande käme, was mehr als fraglich ist, die jüdische Bevölkerung Palästinas und das Resultat der Kolonisationsarbeit von drei Jahrzehnten ayfs äußerste gefährden. Wenn in manchen russischen und englischen Blättern so viel Aufhebens von der geplanten Legion gemacht wird, so ist dies darauf zurückzuführen, daß die Legionsschwärmer es verstanden haben, die Reklametrommel der Sensationspresse für sich rühren zu lassen. Wenn eine jüdische Freiwilligenlegion mithin ganz in das Reich der Chimäre verwiesen werden muß, so verhält es etwas anders mit der Gründung des „Zion-Maulesel-Transportkorps“ in Alexandrien, das von englischen Militärbehörden aus jüdischen Flüchtlingen aus Palästina gebildet worden ist und aus 500 Mann besteht. Hier handelt es sich um russische Untertanen im militärpflichtigen Alter, die die türkische Regierung in Verkennung der Sachlage ausgewiesen hatte und die, in Alexandrien an gelangt, sich plötzlich vor die Wahl gestellt sahen, entweder nach Rußland zu gehen, um dort ihrer Militärpflicht zu genügen, oder ins englische Heer einzutreten. Daß die Leute den Dienst in der englischen Armee vorgezogen haben, ist nicht verwunderlich. Daß die Art ihrer Verwendung ganz im Belieben der englischen Behörden steht, liegt auf der Hand. Die hebräische Kommandosprache, der Mogen-David und der ganze Klimbim Sind bloß Dekoration die den Diensteifer der Leute anspomen sollen. Das jüdische Volk hat mit der Sache nichts zu schaffen. Wenn der „Jewiish Chronicle“ die Gründung des erwähnten Bataillons als „historisches Ereignis“ feiert, so ist dies als Symptom von Kriegspsychose zu erklären. ParteinaArlditen. Die am 2. Juni d. J. abgehaltenen außerord. Generalversammlung des Verbandes „Zion“ der „Österreichischen Einzelvereine zur Kolonisation Palästinas u. Syriens“ ergab als Resultat der vorgenommenen Neuwahlen: Präs.: Dr. Karl Pollak, Stell vertr.: Obering. R. Stricker, Kassier: K.k, Reichsratsrevisor Rudolf Taussig; I. Schriftführer: Dr. Wilhelm Stein, II. Schriftführer: Ludwig Batö.

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