Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 22 (4.6.1915)
- Date
- 1915-06-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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»Mi NRTiQNRL -JUDI5CHE5 ÜRGHN 5»« rrrrm Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS« W^TmTI ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden | täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnemenstspreise: Für Oester- H B reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, falbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 1k — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. ■ Nr. 22. Wien, Freitag, den 4. Juni 1915, IX. Jahrgang. liiAirrVlAP Onrhill Soeben erscheint „Jüdisches Archiv“ Heft 1 der Mitteilungen des Jüdischen JUvIwUl»« tfl vlllVa Kriegsarchivs. Aus dem Inhalt: Die Juden in Galizien und der Bukowina unter der russischer Invasion. (Authentische Originalberichte und dokumentarische Belege). Leiden der Juden in Russisch-Polen. (Original-Korrespondenzen).—Die Anteilnahme der österr.- ungarischen Juden am Kriege. (Patriotische Aktionen und Kundgebungen, hervorragende Einzelleistungen). — Juden als Soldaten und Offiziere. (Listen der Ausgezeichneten, Anerkenungsschreiben, Episoden usw.). — Verschiedenes. - Preis: 60 Heller (50 Pfennig), mit Porto 80 Heller (60 Pfennig). — 11 - Vorausbestellungen durch den Verlag R. LÖWIT, Wien, I. Rotenturmstraße 22 oder durch das JÜDISCHE KRIEGSARCHIV, Wien, II. Zirkusgasse 33. Die Kriegsanleihe und die luden. Der glückliche Gedanke, die Zeichnungen für die Kriegsanleihe in der Presse zu veröffentlichen, hat bekanntlich die besten Früchte getragen. Wir Juden sind auf die nicht zu übersehende Aeußerung unseres patriotischen Sinnes, wie es bei dieser Gelegenheit wieder einmal greifbar deutlich zutage trat, recht stolz. Der opfermutigen Haltung der jüdischen Bevölkerung Galiziens und der ungewöhnlichen Tapferkeit und Umsicht unserer Helden auf den Schlachtfeldern reiht sich diese Betätigung der staatstreuen Gesinnung der Juden würdig an. Schwerlich war das gleiche schon bei der ersten Anleihe nicht auch der Fall, da man aber keine zugänglichen Ziffern hatte, mußte man sich mit mutmaßlichen Schätzungen begnügen. Sehr richtig hat auch der „Deutsche Volksrat für Böhmen“ die Bedeutung der Beteiligung erkannt und will durch eine Statistik die patriotische Opferwilligkeit des deutschen Volkes in Böhmen zahlenmäßig festlegen. Wir leben mitten im Burgfrieden und wollen daher die Frage unterlassen, wohin bei dieser Zählung die Juden Böhmens gerechnet werden — so interessant eine diesbezügliche Antwort wäre. Uns obliegt heute ein positiver Nachweis. Die wahrhaft großzügige Mitarbeit der Juden an dem Zustandekommen eines durchschlagenden Erfolges bei der Kriegsanleihe geht keineswegs einzig auf die materiellen Vorteile, die die Subskription bietet, allein zurück, sondern entspringt dem hochentwickelten wirtschaftlichen Verständnis, das die Juden so sehr auszeichnet. Alle Amvürfe, die man gegen sie erhoben, ihre ihnen so oft vorgehaltene, weil gefürchtete ökonomische (Beweglichkeit, sie haben dem Reiche den besten Nutzen getragen. Wir brauchen uns gamicht die Mühe zu nehmen, die Summen zu addieren, schon die Höhe der einzelnen Posten, die in einem sonst ganz ungewöhnlichen Verhältnis zur durchschnittlichen Beteiligung stehen. Trotz der Rücksicht, die den agrarischen Zeichnern ohne weiters zugebilligt werden kann, verraten sie die wirtschaftliche Reife des jüdischen Elementes der Bevölkerung, die sehr wohl ein- Sieht, daß es sich hier um eine Tat handelt, die ebenso über die Zukunft Oesterreichs entscheidet, wie eine Waffentat auf den Kampfgefilden. Der Sdhollenbebauende kann naturgemäß nicht im gleichen Maße wie der weitausschauende Kapitalist erfassen, welche unschätzbaren Dienste er dem Staate geleistet, wenn er dessen Finanzleitung durch eine gelungene innere Anleihe vor einer allzugefährlichen Ueberschreitung der Gelddeckung bewahrt. Und wieder wie bei allen Diensten, die die Juden Oesterreichs frohen Herzens für die Monarchie tun, darf die Hoffnung ausgesprochen werden, daß jüdische Intelligenz und Geschicklichkeit auch1 nach dem Kriege als unschätzbare Faktoren im Staatsbetriebe gelten werden. Der Erzassimilant. Der „Burgfrieden“, an dessen Gehege die Antisemiten unsanft rütteln, bietet, wie wir wiederholt darlegten, den Assimilanten kein Hemmnis. In anscheinend harmlosen, zensursicheren Artikeln werden Zionismus und die Zustände ’ in Palästina einer liebevollen, aber sehr eindeutigen Kritik unterzogen. Die neueste und unerhörteste Leistung aus diesem Lager ist erst kürzlich Herrn Stefan Grossmann gelungen, der an sehr vornehmer Stelle in der „Neuen Rundschau“ es fertig bringt, das Judentum, dem er selbst bis vor kurzem angehört, zu verdächtigen. Was Herr Stefan Grossmann ist, wissen unsere Leser. Er begann als „Edelanarchist“, bis er eine Stelle bei der Arbeiterzeitung erhielt, in der er als Sozialist auftrat. Das war umso einträglicher, als es ihm die „Freie . Volksbühne“ in die Hände spielte. Nun ward Grossmann auch Theater-iDirektor. Aber eines schönen Tages mußte er urplötzlich seine Chargen in der Partei niederlegen, und er verließ das ungastliche Wien samt dem Sozialistenlager und ward ein literarischer Mitarbeiter „bürgerlicher“ Blätter in Berlin. Nur in einem Punkt blieb Sich Grossmann, der Anarchist, Sozialist und Bourgeois treu: in seinen verschiedenen Wirkungskreisen tat er immer alles, was geeignet war, seine jüdische Abstammung vergessen zu machen. Mit seinen angenehmen Stilübungen dieser Sorte mußten wir uns wiederholt befassen. Am eindrucksvollsten ist noch in der Erinnerung sein Feuilletons zu Ehren Victor Adlers, wo er nichts anderes zur Verherrlichung dieses großen Mannes jüdischer Abstammung zu bringen wußte, als just ein antisemitischklingendes Zitat aus den Werken des Juden Marx.' Wir fanden schon damals, daß im Zentrum von Grossmanns Denken immer Wieder der Judenpunkt stehe, von dem er nicht loskommen könne. Aber sei’s drum. In normalen Zeiten kann es uns nur erheitern, Wenn wir sehen, was so ein Assimilant aufführt, um die „Schande“ seiner jüdischen Abstammung zu verbergen. Heute aber, wo’s um blutigen Ernst geht, muß uns ein heiliger Zorn packen, wenn wir sehen, wie dieser Erzassimilant das Judentum verdächtigt. In dem erwähnten Artikel beleuchtet Herr Grossmann die Haltung der Sozialdemokratie und nachdem er herausgefunden, daß die Radikalen der strengsten marxistischen Observanz sich wie „Talmudrabbiner“ gebärden und tatsächlich meist aus den osteuropäischen Ghetti stammten, sagt er, es sei natürlich, daß diesen Leuten aus dem Volke des Buches das richtige Heimgefühl abgehe! Dieser Jude, der fern von der Front, an der hunderttausende von Juden in allen Heeren ihr Heimatsgefühl mit dem Leben bekunden, erlaubt sich ein solcher Federfuchser, die niedrigste Verleumdung der Juden, welche die Antisemiten erfunden haben, in anscheinend zarter literarischer Form in einer vornehmen Rundschau (— die übrigens redigiert ist von dem guten Juden Heymann und herausgegeben von dem Juden S. Fischer) in eine Betrachtung einzuschmuggeln, die Schon an und für sich eine Verhetzung gegen die Juden bedeutet. Denn wenn die arischen Sozialisten ä la Scheidemann als die gepriesen werden, wefche im Gegensatz zu den sozialistischen „Talmudisten“ aus den östlichen Ghetti das Heimatsgefühl gepachtet haben, indes sie heillose Dogmatiker sind, so ist das ganz dasselbe, was die Radauantisemiten meinen, wenn sie von den „jüdischen“ Führern der Sozialisten sprechen und sie als vaterlandslos hinstellen. Zur Vervollständigung des Bildes, wie ein solcher Assimilant Stimmung machen will, gehört natürlichder Hinweis darauf, daß die von ihm glossierten „Tatsachen“ natürlich ganz anderes besagen. Bekanntlich ist der Führer der sozialistischen Marxisten Karl Kautsky ein Erzarier, ebenso wie jener sozialistische Abgeordnete, der den von Grossmann verdammten Standpunkt gegen den Krieg am heftigsten vertritt — Dr. Karl Liebknecht — ein wahrhafter Germane ist. Und findet man auch in ihrer Gruppe eine Jüdin, wie Rosa Luxemburg, so ist dagegen die Zahl der Juden im anderen Lager eine Weit höhere. Die Führer der Revisionisten Bernstein, David und Frank — sind Juden, Frank dieser „Heimatlose“ ist bekanntlich als Kriegsfreiwilliger gefallen. Veidrehung der Wahrheit, Verdächtigung des Judentums — all das wird leider nichts nützen — die Welt wird sich darüber nicht täuschen lassen, daß Herr Stefan Grossmann ein Jude ist: