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Jüdische Zeitung · 1915-05-28 · 21 (28.5.1915) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
21 (28.5.1915)
Date
1915-05-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 21 Erbarmen ins Gesicht Die Sitzung ist über die Zuschrift zur Tagesordnung übergegangen. Die ungarischen Juden hüllen sich aber in tiefes Schweigen und stecken die Klausenburger Ohrfeige ruhig ein. Ihre bisherige Assimilationspolitik, die zur Abtötung des jüdischen Solidaritätsgefühles geführt hat, hat sich bitter gerächt und die Art und Weise, wie sie die jüdischen Flüchtlinge behandelt haben, hat sie vor der ganzen jüdischen Welt bloßgestellt und ihrem Namen wenig Ehre gebracht Mitteilungen aus 9cm Polenhlub. Von gut informierter Seite erfahren wir, daß der Präsident des Polenklubs Exzellenz Dr. von Bilinsky mit den israelitischen Mitgliedern des Polenklubs Dr. Löwenstein, Dr. Steinhaus, Dr. Gross, Dr. K o 1 i s c h e r und Rauch über einen von den israelitischen Herren zu zeichnenden Protest gegen die Anschu.digungen des bekannten dänisch-jüdischen Schriftstellers Georg Brandes unterhandelt Der Plan des Protestes soll von dem isrelitisch-polnischen Sozialisten Abg. Dr. Hermann Diamand aus Lemberg ausgegangen sein. Behufs Beschaffung des zum erwähnten Protest nötigen Tatsachenmaterials dürfte der israelitische Religionslehrer aus Lemberg Dr. Meier Bai ab an nach Russisch-Polen gehen. Bekanntlich beschuligte Georg Brandes, bisher ein enthusiastischer Polenfreund, die Polen der Aufreizung zu Judenpogromen. Kriegsschäden. Tausende von Flüchtlingen wenden sich an uns mit der Bitte, ihnen bei der Erhebung und Feststellung der durch die Kriegsereignisse erlittenen Schäden behilflich zu sein. Freiwillige Mitarbeiter (Juristen bevorzugt) mögen sich melden. Täglich 10—12 vormittags. Jüdisches Sdiaöenerhebungsbureau Wien, II. Zirkusgasse 33. Ein FdSposförief. Herr cand. med. Julius G e r s 11, ein bekannter Führer des Wiener „Blau-Weißbundes", der sich schon wiederholt in ungewöhnlicher Weise hervorgetan hat und dafür mit hohen Auszeichnungen bedacht wurde, -beschreibt in einem Feldpostbrief an die Führerschaft seine Erlebnisse und seine Tätigkeit jn den großen Karpathen: T., 5. IV. 1915. . Liebe Führer und Führerinhen! Ich. sitze also mit (der Skikompagnie tief drinnen in den Karpathen (natürlich, den großen), in einem elenden Neste. Uns gegenüber in schier uneinnehmbaren Stellungen die Russen. So schießt man hin und her und tut einander leidlich wenig. Hie und da einmal ein Sturmangriff — wurst von welcher Seite — bei dem tiefen Schnee und den ungeheuren Befestigungen natürlich böse endigend. — Mich geht das natürlich •nichts an, denn ich bin ja Aufklärer. — Haben auch Geschütze hier, die meist bei Nacht feuem und in äußerst sträflicher Weise unsere nächtliche Ruhe stören — habe da schon oft an die Wiener Polypen mit Sehnsucht gedacht. — Na und meine Aufgabe. — Ich bekomme immer einige Mann und eine sogenannte Aufgabe, die darin besteht, die Russen dort aufzusuchen, wo sie sich am verstecktesten glauben — sehr interessant — aber auch mordsgefährlich und anstrengend. Man schnallt die Bretteln an, packt seinen Rucksack und dann los — möglichst vorsichtig an die feindlichen Stellungen — aber auch möglichst dicht ran, da man sonst nichts auskundschaften kann. — Will auch meine letzte Patrouille schildern, damit Ihr Euch den Scherz vorstellen könnt. — Also plötzlich heißt es — „Kadett Gerstl mit 5 Mann aufklären, wo feindliche Batterien stehen“. Na, also abend find bitterkalt — die Nacht ist aber die Freundin der Diebe und auch der Aufklärer — also Bretteln anschnallen — Rucksack für einige Tage füllen, den Stutzen laden und nun los. — Zuerst in voller 'Fahrt die eigene Feldwache passiert — dann sind wir schon in bestrichenem Terrain und nun heißt es fein vorsichtig sein, langsam geht es den Hang hinunter, immer in gebremster Fahrt — die Granaten, eigene und feindliche sausen nur so über uns hinweg — an die feindlichen Stellungen ran. — Eine feindliche Vedette wird im Handumdrehen unschädlich gemacht und schon tauchen allmählich vor uns die ersten Drahtverhaue auf. — Drahtschere heraus und durchgeschnitten — ssst — ff — — sst — sausen die Infanteriegeschosse auf uns los. — Wir sind bemerkt, können aber noch nicht zurück, da die Aufgabe noch' nicht gelöst. — Also nieder — das weiße Gewand — wir hießen auch die „weißen Teufel“, deckt uns so ziemlich — so liegen wir drei lange Stunden im Schnee bei ca. —12° und warten. Endlich kann ich wieder vorwärts — also auf und wie die Erd-, resp. Schneegeister gleiten wir weiter — einen großen Bogen um die feindlichen Stellungen machend — wirds langsam Morgen — noch gibt .es keine Rast — weiter immer weiter, die feindliche Batterie muß gefunden werden — hie und da werden wir beschossen — das geniert nicht — endlich — „huich“ — aus nächster Nähe, da mußte die Batterie stehen. — „Patrouille halt“ und ich birsche mich allein an — Schritt für Schritt — eine endlose Mühe und Arbeit — endlich — endlich sehe ich sie vor mir — nun schnell — Meldeblock und Farbstifte heraus und Skizze zeichnen bei der Hundekälte wohl eine bittere Arbeit. Endlich ist auch das gelungen, nun heißt es eben so vorsichtig zurück, damit die Meldung auch wirklich an die eigenen. Truppen kommt. — Am Wege finden wir eine Erdhütte, da gebe ich meinen Leuten einige Stunden Rast, der Weg war auch zu böse. Mühseliges Abkochen am Touristenkocher, den jeder Mann mitführt — eine Stunde Schlaf — dann auf una weiter — in wahnsinniger Schneefahrt nur fort — fort und da geschah etwas ganz gelungenes — wir fuhren einen Steilhang wie die Teufeln ab — da plötzlich vor uns vermummte Gestalten, eine Tsclierkessenpatrouille — ui — ehe sie wußten, was los ist — in voller Fahrt durch und ehe die Herren sich noch besonnen, waren wir schon durch — Schihedad —. Endlich zurück zur Truppe, stolz mit der Skizze in der Hand, glänzend gelöste Aufgabe. — Ja so ein W. Ber. — 18 Stunden Marsch bergauf una ab — aber schön ist es doch — so drinnen im Gebirge. — So leben wir. — Ich kann blos sagen, daß bei der Abteilung von 150 Mann acht Juden sind — sicher ein großer Prozentsatz für eine Skiabteilung und daß meine Patrouille ziemlich viele Juden zählt, könnt Ihr Euch wohl denken. — Was ich in den Zwischentagen treibe — nächstens, auch meinen Sederabend bei einer armen galizischen Familie muß ich Euch nächstens schildern. — Zuerst schreibt aber mal. — — Nun Schluß! — Herzlichstes Hedad an Euch alle Euer Julius Gerstl Jüöisdies Sol9ateniie3eM. ln den nächsten Tagen erscheint im Verlage des Exekutivkomitees der österreichischen Zionisten ein kleines Taschenliederbuch, das unseren im Felde stehenden jüdischen Soldaten gewidmet und als Liebesgabe für sie gedacht ist Das Büchlein soll einige deutsche, jüdische und hebräische Lieder samt Notensatz enthalten und einem dringenden Mangel abhelfen, über den unsere Feldrabbiner klagen. Kriegsversicherung. Für Zionisten ohne Kriegszuschlag auch mit 1/i- oder J/Hähriger Prämienzahlung. Billigste Tarife und günstigste Bedingungen. Anfragen unter „Kriegsversicherung“ an die Exp. der „Jüdischen Zeitung.“ Bus Wand. Der erste Jude, der im russischen Heere für außergewöhnliche Tapferkeit zum Offizier befördert wurde, Katz, ist kürzlich' aus Petersburg ausgewiesen worden. Katz war verwundet in ein Petersburger Krankenhaus gebracht worden. Bald erfuhr die Polizei, daß sich ein Jude im Krankenhaus befände, der keine Aufenthaltsberechtigung hatte, und ordnete seine Ausweisung an. Katz wendete sich an die höheren Behörden, aber seine Eingabe hatte keinen Erfolg; er mußte die Stadt verlassen. Die hebräische Zeitung in Wilna hat nach lOjährigem Bestehen plötzlich ihr Erscheinen eingestellt. Der Grund ist unbekannt. Ein jüdisches Tagblatt wird in Petersburg unter dem Namen „Die Volksstimme“ erscheinen. Ein neues jüdisch-polnisch es Organ ist in Warschau unter dem Titel „Izraelita“ ins Leben getreten. Denselben Namen trug eine mit dem gleichen Programm herausgegebene, vor zwei Jahren aber eingegangene Wochenschrift. Die jetzige Redaktion setzt sich aus den Mitarbeitern jener Wochenschrift und aus neuen Kräften zusammen. Herausgegeben wird das Blatt von einer angesehenen Gruppe der polnisch-jüdischen Intelligenz und Finanzwelt. In einem grundlegenden Leitartikel „Die Judenfrage in Polen“ entwickelt St. A. Kempner die program-- matisehe Forderung unbedingter Gleichberechtigung der Juden, die er als geeignetes Mittel zur Assimilierung ansieht. Paläsfinensisdie Flüdiflinge. Aus Soloniki kommt die Nachricht, daß laut einer Mitteilung aus Alexandrien die heimatlosen Juden aus Palästina, die bisher in den leeren Kasernen wohnten, von dort verschickt wurden, weil Militäreinquartierung kam.. Viele Flüchtlinge führte man nadi Tanger, einer Station der Kairoer Bahnlinie. Die Spenüeneinnaiimen des Jüdischen Nationalionds im Hpril. Die im Monat April 1915 dem Nationalfonds zugeführten Spenden beliefen sich auf 41.647.— Mark. Zu diesem Ergebnis haben beigetragen; Nordamerika 28.408 M, Deutschland 4529 M, Rußland 2363 M, Rumänien 1778 M, Argentinien 1054 M, Oesterreich 905 M, Griechenland 713 M, Tunis 668 M, Holland 555 M, Italien 274 M, England 214 M, Schweden 97 M, Schweiz 89 M. Josef Chazanowicz. j Im Alter von 70 Jahren ist dieser im Judentum populäre Mann gestorben. Wir haben seinen Namen immer mit jener Verehrung genannt, die Männern gebührt, welche ihr Leben dem Dienste einer großen Sache voll und ganz geweiht haben. Chazanowiczs Tat ist die Begründung der jüdischen Nationalbibliothek in Jerusalem, die nach einem der Größten des Judentums den Namen Midräsch-Abar banel führt. Schon vor Herzl hat Chazanowicz der zionistischen Idee mit wahrer Hingebung als Zionsfreund gedient. Seine Aufgabe ersah er nach der Entwicklung zur politischen Partei vor allem in der Schaffung eines der wichtigsten Institutionen des Kulturzentrums in Palästina, der Begründung einer Bibliothek, die möglichst alles Jüdische umfassen sollte, um der heimatlosen jüdischen Wissenschaft eine Zukunft zu geben. In schweren langen Jahren sind seine Bemühungen verkannt und geringge^chätzt worden; oft genug schien es, als seien die Opfer an Gut und Arbeit umsonst gebracht, bis mit dem Projekt der hebräischen Universität in Jerusalem auch der Ruf nach einer umfassenden Bibliothek erhoben wurde. In Dr. Heinr. Loewe ist Chazanowicz dann ein getreuer Mithelfer entstanden. Und wenn auch durch den Ausbruch des Weltkrieges ein Lebenswerk in Frage gestellt schien, wir dürfen doch die feste Hoffnung liegen, daß das Werk der Jüdischen Nationalbibliothek seiner Erfüllung entgegenreifen wird. Und mit diesem starken Vertrauen ist der stets optimistische Begründer auch sicherlich von seinem Werk gegangen. Wir aber wollen in Treue dieses tapferen, opfermutigen, jüdischen Mannes gedenken. Für das Armen-Ambulatorium. Die Leitung des ArmenambOIatoriums, II., Taborstr. 20 a, benötigt für ihre Ordination noch 2 freiwillige Pflegeschwestern für die Zeit von 6—8 Uhr abends (mit Ausnahme des Freitag) und eine Dame für den Kassadienst. Wir bitten unsere verehrten Gesinnungsgenossinnen sich gütigst zu melden.

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