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Jüdische Zeitung · 1915-04-23 · 16 (23.4.1915) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
16 (23.4.1915)
Date
1915-04-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JGDISCHE ZEITUNG Nr. 16 arbeiten werdet. Wir wollen Euch treu sein und das Land wird Euch Zuflucht bieten. Wir schätzen Euch als gutes und treues Element.“ Dreiviertel Stunden weilte der Kommandant in diesem herrlichen jüdischen Stadtviertel, dessen Einwohner durch die spekulativen Umtriebe der Ententepresse von größter Besorgnis erfüllt waren. Dieser Besuch des Kommandanten, dem in Palästina große Bedeutung beigelegt wird, hat in der jüdischen Bevölkerung von Jaffa und den Kolonial sichtliche Beruhigung ausgelöst., Die ottomanische Regierung hat übrigens auch in verschiedenen Einzelverfügungen das wärmste Wohlwollen für die palästinensische Judenheit bekundet. So hat z. B. der Regierungschef angeordnet, daß die zur Wegearbeit herangezogenen jüdischen Kräfte am Sabbath von jeglicher Arbeit dispensiert werden. Dem Armenarzt der Deutsch - Holländischen Palästinaverwaltung in Safed wurde gestattet, daß in Fällen, wo eine Operation nötig erscheint, der Kranke in das militärische Hospital zu G’inin gebracht werde. Die jüdischen Soldaten wurden .für das Pessachfest beurlaubt Die von den Regierungsbehörden zu billigen Preisen angebotenen Lebensmittel wurden für die jüdische Bevölkerung mit dem größten Wohlwollen verabreicht. Es ist daher eine Verdrehung der Tatsachen, wenn man der türkischen Regierung ein Uebelwollen gegen ihre jüdischen Mitbürger andichtet Der Minister des Innern Talaat Bey hat schon anläßlidi der Frage der Einbürgerung der fremden Juden im Ministerrat betont, daß die ottomanischen Juden schon während des Balkankrieges in hervorragender Weise ihre patriotischen Pflichten erfüllten. Sie haben dem türkischen Vaterland besonders wertvolle Hilfe geleistet. „Ich bin dessen sicher“, sagte der Minister, „daß nicht nur die Juden, die in der Türkei wohnen, sondern auch die Juden in anderen Staaten mit wahrhaften Sympathien dem türkisdien Reiche zugetan sind und an seinem Geschick lebhaften Anteil nehmen.“ Audi der deutsche sowie der amerikanische Botschafter in Konstantinopel haben sich wiederholt energisch bemüht, die durch englische und französische Zeitungsberichte 'gezüchtete Verstimmung zu beseitigen. Perez. Gewiß ist nur der ein Künstler, der etwas schaffen kann. Aber das Künstlertum reicht doch viel weiter zurück, es entscheidet sich schon im Schauen. Wer gar nicht schauen kar.n, so wie ein Künstler schauen soll, wird auch nicht schaffen. Wer nur schwach und wenig schaut, wird nur Schwaches schaffen. Wessen Schauen stark und reich ist, der gibt, wenn nidit anders durch einen grausamen Zufall seine darstellenden Möglichkeiten verkrüppelt sind, der Welt die starken und die großen Werke. Alles Schauen kommt aus der Ewigkeit, betätigt sich jedoch in der Endlichkeit, als ins Räumliche gewendete Anschauung und ins Zeitliche gewendete Ausschau. Und zwar sind diese beiden Elemente in allen Schauenden vorhanden, aber in jedem Einzelnen in besonderen. Dosierungsverhältnissen. Im Ganzen und Großen gibt es Schauende, in denen das Anschauung-, und andere, in denen das Ausschauvermögen übenviegt. Dem jüdischen Genius entspricht mehr die zweite Kategorie, daher gehören jüdische Schauende meist zu ihr. Und je größer ein jüdischer Schauender ist, desto vollkommener und gewaltiger bringt er sie zum Ausdruck. Aus dem Wesen ihrer Kategorie erklärt sich auch die Art, wie sich die Persönlichkeit und die Begabung des jüdischen Schauenden offenbart und zwar wieder umso ausgesprochener und deutlicher, je größer Persönlichkeit und Begabung sind: Im Anfang ein ungeschicktes, unbeholfenes Tasten aus einer Wolke von Vergangenheit und Gegenwart heraus, eine naive Bemühtheit, mit dem anschauenden Teile seines Könnens etwas zu leisten und eine vollkommene Ahnungslosigkeit gegenüber dem reichen, aber noch nicht entdeckten Schatze an Ausschaukraft. Ein „heimlicher Kaiser“, aber einer der selbst nicht um das Geheimnis weiß und sich freut ein Duodezfürstlein zu sein. Aber es kommt die Zeit und aus den dunklen verschleierten Tiefen taucht wie plötzlich ein Strahl auf, zuerst wie ein Faden so dünn, dann immer stärker und stärker werdend, bis er mit Sonnenmacht hervorbricht. Die Persönlichkeit und ihr Werk in gleißende Helle taucht, so daß sie sich1 selbst erkennt, und von aller Welt erkannt wird. Bis kein Zweifel mehr ist, daß dem Volk ein großes Glück widerfuhr, daß ihm aus seiner Mitte wieder ein Mann erstand, dem der Weg aus dumpfen wolkenüberbrüteten Erdentreiben in jene Höhen vorgezeichnet ward, alhvo die große Ausschau ist. Und wieder gilt: Je größer eine Persönlichkeit und ihre Begabung, desto vollkommener und gewaltiger die Offenbarung. Ein Beispiel ist — Perez. Jizchok Lejb Pe ez, — am Lag-Bojmar 5611 (25. Mai 1S51) als Sohn dem Mittelstände angehöriger Eltern in Zamosc in Polen geboren — genoß eine altjüdische Erziehung im 'besten Sinne des Wortes und las später eifrig modem-hebräische und deutsche Literatur. Im Jahre 1876 wagte er sich zum erstenmale mit hebräischen Gedichten in die Oeffentlichkeit, die aber keinen Eindrude hinterließen. 1866 kam er wieder mit hebräischen Skizzen und einer hebräischen Dichtung heraus und fand schon mehr Beachtung. Ein gewisses Aufsehen aber erregte er erst mit einem größeren jüdischen Gedichte „Manisch“, das 1888 in der von dem Humoristen Schülern Alejchem herausgegebenen jüdischen Volksbibliothek erschien. Den Erfolg hatte er wohl hauptsächlich dem Spotte zu verdanken, mit dem er die antierotische Erziehungsweise der altgläubigen jüdischen Bevölkerung bedachte und dem kurzweiligen Roman des Helden, des jungen, hoffnugsvollen Talmudisten Mimisch mit irgend einer Marie. Das war nämlich Wasser auf die Mühle der europagierigen ostjüdischen „Maskilhn“. Wie ja überhaupt Perez in jener ganzen ersten Periode seines Schaffens nur durch die eigenartige Gemütsinnigkeit, mit der er selbst an 'allen den von ihm' in den Grund disputierten Dingen haftete, hinausging. Leitete er ja noch im Jahre 1890 den ersten Band über die „Haskölo“, der von ihm und seinem Freunde Dienesohn herausgegebenen „Jüdischen Bibliothek“ mit einem Artikel „Bildung“ ein, in .dem folgende bezeichnende Stelle vorkommt. „Wir w'ollen das Volk bilden, aus Dummköpfen kluge Leute, aus Fanatikern gebildete Menschen, aus Müßiggängern Arbeiter, nützliche, ordentliche Menschen machen, 'd ie für sidi arbeiten und damit jauch der Allgemeinheit Vorteile bringen“. Mit primitiveren Mitteln, um kein härteres Wort zu sagen, kann man wahrlich nicht an das Lebens- und Geistesproblem eines uralten Volkes mit einer uralten ureigenen differenzierten Kultur herantreten. Perez hatte eben damals noch keine Ahnung von dem Geschiditsorganismus eines Volkes überhaupt, und dem Israels insbesondere, hatte noch keine Ahnung von sich selbst, von der ausschauenden Kraft, die in ihm' ruhte. Aber langsam und allmählich kam es über ihn' »:«nd aus ihm heraus. Heiß und lang fwar der Kampf zwischen der harten aufklärerischen Diktatorkruste und den Innigkeiten seines Wesens, die durchbrechen urollten, um die Majestät des Volkes zu schauen. Das erste Kompromiß dieses Kampfes war in der Methode der Realismus und in der Sache die dichterische Verliebtheit in das arme, darbende, unter Entbehrungen (und Kleinlichkeiten doch so rührende Volk. Und es ist nur begreiflich, daß diese Verliebtheit 'oft und immer öfter die realistische Form durchbrach und ihm über die soziale Kleinmalerei hinaus zu erschauenden Gemälden ven Menschen- und Volksseelen führte. Zu Gemälden zuweilen von einer unübertrefflichen Geschlossenheit der Kompositionen und ihrem Sinne nach ‘phantastischem Zuge bis hart an die Grenzen der Unendlichkeit reichend. Kein Wurfder, daß je weiter eine solche Schöpfung auf der angeaeuteten Linie war, ihre Wirkung auf das Volk desto stärker wurde. Darum (ist ja (z1. B. {die seltsame Geschichte von „Bonze Schweig“ ein Volkskleinod geworden, das nie vergessen werden wird, so lange jüdische Herzen schlagen werden. Aber die Berufung Perez war auch damit r:zht erschöpft. Der Kampf zwischen Erde und Himmel mußte zu Ende geführt werden. Sein wunderbares „Wenn nicht noch höher“ mußte an ihm selber zur Wahrheit werden. Es mußte doch die Zeit kommen, da ihm die Schuppen ganz von den Augen fielen und das Volk vor ihm dastand, nicht mehr ein zufälliges Menschenagregat, mit dessen einzelnen Bestandteilen man manchmal Mitleid hat, oder an deren Freude man sich manchmal mitfreut, sondern als ein großes Wesen zwischen Natur- und Weltgeschichte, mit einem eigenen Walten, das irgend woher aus der Ewigkeit kommt, und irgend wohin in die Ewigkeit jeingeht, als ein einzigartiges Gotteskunstwerk. Da ihn die Forderung packte, daß dieses Volkes Sein nicht mehr sinnlos zersplittert werden dürfe, da ihm die Sehnsucht nach Vollisrael, nach dem unzersplitterten, unzerweicliten, unzermürbten, nach dem ganzen Juden keine Ruhe mehr ließ, bis sie, ihn ausfüllend, sein Schaffen fast ausschließlich bestimmte. Und es entstanden seine chassidischen Geschichten. Alles was in der werdenden chassidischen Bewegung, aber auch in ihren Ausläufern an Seelengröße der Einzigen und der Massen, an organisierender Kraft, .an religiöser Fruchtbarkeit und Aktivität — diese Zwei, die vornehmsten Tugenden des Chassidismus — zu finden war, verdichtete er zu einem Gesamtbilde von einer plastischen Macht ohnegleichen. Seine Gestaltungsglut schuf den großen chassidischen Rabbi in „Di goldene Kejt“, der einen neuen Typus der Juden, eine Art Ueberjuden, den „sabbatlichen“, den „feiertägigen“, den Juden „mit der Ueberseele“ („nesdhomo jescsiro“) haben, der am Sabbathausgang nicht Hawdole machen wollte, damit der Sabbath nicht aufhört; schuf den sanften leuchtenden Rabbi, der am Simclias-Thorafeste vom Balkon aus mit seinen' Sange seine Juden den Weg zu Gott führt; und gab ihm eine Zweite Vollgestalt, einen zweiten Ueberjuden zum Widerpart, den großen antichassidischen Rabbi, den ehernen, den harten,, den unpersönlichen Anwalt Gottes in seinem Volke. Mit den chassidischen Geschichten tief verwandt sind die volkstümlichen Geschichten, in denen der Schwerpunkt vom Einzigen und seiner Tat in das Milieu verlegt wird, aus dem der Einzige hervorgeht und /seine Kraft zieht. In tausend Quellen fließt iaus allen diesen Legenden die sehnende, die bildende, die bildnemde Seele des Volkes dem Leser zu und eine Ahnung, nein mehr, ein Wissen überkommt ihn, um die große Einheit, die alle diese Quellen speist, und vielleicht auch, wenn er feinfühlig ist, eine tiefe innige Ueberzeugung, daß wir am Vorabend sind, daß morgen der Sabbath ist, an dem sich der in den Tiefen flutende Geist des Volkes zu neuer Tat kristallisieren, zu einem mächtigen Dome wölben wird. Und darum irren .auch alle die Leute, die da Perez letzte und größte Phase als Romatik erklären zu können glauben: Der alte Fehler Aller, die sich weise dünken, wenn sie das Ausnahmsvolk Israel unter einen Hut mit allen anderen gebracht haben. Romantik. nein! Und noch weniger natürlich ein. auffälliger Griff in ein neues Stoffgebiet. Nein! nicht Romantik, nicht Stoffglück, sondern Ausschau, Ausschau in die Ewigkeit und ihre wichtigste Endlichkeitsprojektion, in die Zukunft. Nichts lag Perez ferner, als Festlegung auf die Vergangenheit und Abhängigkeit von Zufall. Dem widersprach schon seine ganze Persönlichkeit. Nie werde ich, glaube ich, ein Gespräch vergessen, das ich mit Perez in dessen Hause (führte und das bei gemeinsamem Ausgehen im Stiegenhause seinen Abschluß fand. Es war eine Weltaussehau, die sich vor meinen staunenden und, warum (soll ich es verhehlen, auch zustimmenden Blicken .eröffnete. Aber mir fehlte noch das; letzte Wort, .der Entschluß zur letzten Konsequenz, zumindest im Theoretischen. Una auf der Treppe stehen bleibend, stellte ich noch än Zweifelndem Lauem die entscheidende Frage an ihn. Da blieb auch er stehen und wari mit' dem jubelnden Mute, den nur die großen Sieger und Selbstbesieger haben, den letzten Fetzen seiner einstigen Haskolo-Fahne vor die Füße. Nach dem Gesagten erübrigte sich fast zu erwähnen — so Zwingend folgt es daraus — daß Perez über die reichsten Mittel verfügte, um seine Bildenvelten aufzubauen. Vor allem, was das Sprachliche .betrifft. Er verstand es, aus seinem Jiddisch die alte gott- und glanzerfüllte Kultur des jüdischen Volkes prunken und schimmern zu lassen, ohne ihm den Reiz seiner Jugend, Volkstümlichkeit und Lebensunmittelbarkeit zu nehmen. Er ivvußte es, Natur und Poesie zugleich atmen zu lassen. Er ließ die Sätze wie Kaskaden stürzen, wie Bäche rieseln, wie Seide knistern, und kvie Blöcke plumpsen, je nachdem es die jüdische Seele verlangte!. Nebensächlich, daß Perez wenig Lyriker und Dramatiker nicht im angenommenen Sinne war. Nebensächlich, daß er seine Hauptform in der Erzählung fand. Nebensächlich, daß sich die Stimmung in seinen Erzählungen und Dramen wie ein feiner Duft aus unbekannten, aber sicheren Welten um die Fabel der Dichtung wob. Nebensächlich alle diese Feststellungen im Einzelnen. Denn alles dies verschwindet dagegen, daß er der einzige Dichter unserer Zeit war, dem das jüdische Volk in seinem innersten Zusammenhänge vor Augen gtand, der einzige dichterische Weltenbauer Israels. Und alle Trauer um ihn gipfelt in der größten Klage, daß uns in dem Vierundsechzigjährigen ern Junger starb, ein junger Baumeister, der mit seinen Werken noch immer höher und höher gewachsen wäre. Daß sich mitten in seinem Jünglingsschauen seine Augen schließen mußten. Dr. Nathan Birnbaum.

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