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Jüdische Zeitung · 1915-04-16 · 15 (16.4.1915) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
9 (1915)
Issue
15 (16.4.1915)
Date
1915-04-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 15 gend, hat die jgalizische Sammelstelle mit dem Direktorium des Keren (Kajemeth ein Uebereinkommen des Inhaltes getroffen, daß die aus Galizien einfließenden Gaben für die Landspende (K 50.— ein Dunam Land) von nun ab eine sogenannte „Galizisdie Landspende“ zu bilden haben und daß aus dem in dieser Weise geschaffenen Fonds Land in Palästina angekauft und im Wege der Erbpacht (für 49 Jahre) den aus Galizien stammenden Ansiedlern überlassen werde. Leider konnte dieser Plan nicht verwirklicht werden, weil sofort nach Abschluß jenes Uebereinkommens der Weltkrieg ausbradi und gerade der Wohlhabendste Teil der jüdischen Bevölkerung Galiziens vor der russischen Invasion flüchten mußte.“ „Dieses Uebereinkommen soll nun jetzt ausgenützt und in /entsprechender Weise erweitert werden. Die Spenden sollen nicht nur aus Galizien bezw. von 4er galizischen Judenheit geleistet werden; an den Spenden müssen sich auch die Juden Oesterreichs beteiligen. Ferner soll die Landspende nicht nur galizischen Kriegsopfern zu statten kommen; sie soll auch allen Heimatlosen aus den Ländern des östlichen Kriegsschauplatzes zustatten kommen und ihnen ermöglichen, im Wege der Erbpacht (für 49 Jahre) Grund und Boden zu erhalten, wobei die Ansiedler an Pachtzins 3—4 Prozent des vom Keren Kajemeth investierten Kapitals zu zahlen hätten. Diese Aktion hat eine weittragende Bedeutung in doppelter Hinsicht: vom menschlichen Gesichtspunkte und von unserem zionistischen Standpunkte aus. Es entspricht unserem im enschl ich en Gefühl, diejenige Bevölkerungsschichte, welche sich bis nun durch Ackerbau ernährte, zu erhalten und ihr diese Existenzmöglichkeit in dem Lande zu sichern, nach welchem sie sich' seit langem sehnt Vom zionistischen Standpunkte aus ist jes unsere Pflicht, dem Lande unserer Sehnsucht eben jene nützliche Bevölkerungselemente zuzuführen und durch Schaffung eines großen Fonds den jüdischen Landbesitz zu mehren. Es ist daher dringende Aufgabe der österreichischen Judenheit, sich intensiv an der neu zu schaffenden Kriegs-Landspende (zur Ansiedlung jüdischer Kriegsopfer aus Osteuropa in Erez Israel) zu beteiligen. In erster Linie trifft diese Pflicht die Flüchtlinge, wiewohl sie in der gegenwärtigen Zeit finanziell hart bedrängt sind; ihre Spenden sind schon deshalb erwünscht, weil sie der Ausdruck der in Osten herrschenden tieten Sehnsucht nach dem heiligen Lande sein werden. Die übrige jüdische Bevölkerung in Oesterreich, welche nicht direkt von den Kciegsereignissen betroffen wurde und sogar in der glücklichen Lage ist, ihrem Erwerbe nachgehen zu können, hat die doppelte Pflicht, finanziell sich an dem Werke zu beteiligen, welches einen großen Teil der vom Kriege geschlagenen Wunden zu heilen und unseren jüdischen Besitz in Palästina zu vergrößern bestimmt ist - Es ist zu erwarten, daß insbesondere die Wiener zionistische Organisation, welche (sich in hervorragender Weise an den Kriegsfürsorgeaktionen beteiligt hat, diesem Werke ihre volle Aufmerksamkeit und Arbeit widmen wird. Hier gilt der alte Satz: „Hamatchil b’Mizwalr omrim lo gmor!“ („Wer da beginnt ein Mizwah, dem ruft man zu: Endige“). Was die Judenheit in Oesterreich für die Flüchtlinge getan hat, das wird ihr nie vergessen werden; es muß jedoch unbeschadet des großen Wertes jener Leistungen betont werden, daß diese Leistungen keinen dauernden Wert haben. Den dauernden Wert erhält die Arbeit erst durch das1 „gmor“, von welchem früher die Rede war. Es ist zu erwarten, daß die Judenheit auch aller anderen Länder sich an diesem Werke beteiligen wird und daß durch die zu schaffenden Kapitalien eine nicht unansehnliche Zahl von jüdischen Akkerbauem eine Zufluchtsstätte im heiligen Lande finden wird. Es ist selbstverständlich, daß neben jenen ackerbautreibenden Familien auch eine Zahl von Handwerkern, Aerzten, Apothekern usw. eine Existenzmöglichkeit finden wird. Dieses Werk übergeben beide österreichischen Sammelstellen der jüdischen Oeffentlichkeit und sprechen die Erwartung aus, "daß die versammelten Vertrauensmänner durch eigene Spenden und Sammlungen sich bestreben Werden, das Werk zum Wohle jüdischer Kriegsopfer una unseres alten Vaterlandes zu vollenden.“ Es entspann sich hieraur eine rehhafte Diskussion, an aer sich Gg. Jakob Bodek (Lemberg), Zwi Bardh (Lemberg), Chaim Neiger (Tarnow), Dr. Binem Feldmann (Tamopol) und Ludwig ßatö (Wien) beteiligten. Die Ausführungen dieser "Redner gipfelten darin, daß es noch nicht an aer Zeit sei, süch auf die Einzelheiten des vom Referenten geschilderten Planes einzulassen, daß vielmehr mit dem größten Eifer die Sammlungen sowohl in zionistischen wie in niditzionistisclien Kreisen durchzuführen (sind. Die Redner sprachen die Ueberzeugung güs, daß die Anregung einen mächii?en Widerhall in der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs finden werde nnü daß eine Unterstützung seitens des Auslandes erst dann zu erwarten sei, wenn in. Oesterreich der gute Wille zur fruchtbaren Tat geworden sein wird. In einem kurzen Schlußwort bemerkte der Referent, daß es natürlich jedermann, welcher zumindest K 50.— spendet, freistehe den Namen der Person zu {nennen, zu: deren Ehrung die Spende geleistet wurde. Es sei jedoch'wünschenswert, daß die kleineren Teilbeträge verwendet werden zum Ankäufe von Boden, dessen eine Hälfte den Namen von Adolf Stand, die zweite Hälfte den Namen von Dr. Karl Pollak zu tragen habe. Hiedurch sollen beide bewährten Führer der österreichischen zionistischen Organisationen geehrt werden; hiedurch soll aber auch ein dauerndes Andenken geschaffen werden für beide österreichischen zionistischen Organisationen, welche im Augenblicke der Not sich zusammengeschlossen haben zu gemeinsamer nützlicher Arbeit. Die Versammelten haben sofort verschiedene Spenden erlegt und den Antrag beider Sammelstellen einstimmig angenommen. Mit Dank an die Anwesenden und einer Aufforderung zu ersprießlicher Arbeit schloß Vorsitzender Dr. Egon ,M. Zweig die Versammlung. Wir geben der Hoffngung Ausdruck, daß unsere Freunde und Vertrauensmänner in allen Orten Oesterreichs ihre volle Energie in den Dienst dieser für die Zukunft des jüdischen Volkes so wertvollen Arbeit stellen werden. Eia seltsames Verlangen. Vor dem Landesgericht Leipzig wurden in den Jahren 1912 und 1913 Verhandlungen gegen den Herausgeber der berüchtigten „Hammer“zeitsdirift, Theodor Fritsch, geführt. Es handelte sich hiebei um den § 166 des Strafgesetzbuches, wonach Fritsch sich in verschiedentlichen Flugschriften und auch wiederholt im „Hammer“ der Gotteslästerung und Beschimpfung einer Religionsgesellschaft — gemeint ist die jüdische — schuldig gemacht hatte. Als Sachverständige fungierten bei diesem Prozesse neben dem Rektor des Berliner Israelitischen Lehrerseminars Dr. D. Hoffmann und der Wiener Israelitisch-theologischen Lehranstalt Prof.' Schwarz auch der christliche Leipziger Theologieprofessor Rudolf Kittel, der außer einer wissenschaftlich mustergiltigen Ausgabe des hebräischen Bibeltextes die anerkannt beste Gesdiichte des jüdischen Altertums geschrieben hat. Aut den dringenden Wunsch des „Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ 'hin, veröffentlicht Kittel nun (bei Wigand, Leipzig 1914) sein Gutachten. Diesem folgt dann eine Schlußnote, die mit dem Titel „Die Juden und der gegenwärtige Krieg“ überschrieben ist. In dieser Nachschrift zitiert. Kittel zunächst mit besonderer Befriedigung den Aufruf des „Zentralvereines“ vom 1. August 1914, um sodann zü fordern, „daß ein für weite Kreiseder jüdischen Religionslehrer und der jüdischen Gemeinden bestimmtes Handbuch ausgearbeitet werde, das gemeinverständlich, aber auf wissenschaftlicher Grundlage alles Wissenswerte über die Bibel des Alten Testaments, wie den Talmud nach Sprache, Geschichte, Inhalt und Entstehung, ferner über den jüdischen Glauben und Ritus, über Zeremonialgesetze usw. darstelle und das d’bei klar und deutlich zum Ausdruck bringe, was von mancherlei Satzungen in Bibel und Talmud für den heutigen Juden noch verbindlich sei, was "nicht.“ Das wird dann weiterhin dahin aufgeklärt, daß etwa ein neuer Schilchan-Aruch von den heutigen Juden für die heutigen Juden abgefaßt werde. Damit würden nicht allein Prozesse wie der mit Fritsch vermieden werden, der nur Dinge aus dem Talmud und dem Schilchan-Aruch herausgehoben hat, die heute im •Judentum längst alle Geltung eingebüßt haben; es könnte auch dann endlich jedes Mißtrauen aus der Seele der christlichen Mitbürger ihren jüdischen gegenüber schwinden und es würde „das gemeinsam mit unseren Söhnen für Deutschland vergossene Blut auch für das Judentum eine Saat werden, aus der die Frucht nicht allein einer sie selbst befriedigenden Stellung unserer jüdischen Mitbürger im gemeinsamen Vaterlande sprießt, sondern zugleich einer die jüdischen Volksgenossen noch enger an die deutsche Heimat und Kultur knüpfende Gestaltung des Judentums selbst.“ Man muß die ganze Weltfremdheit _ eines Theologieprofessors una seine rein rationalistischwissenschaftliche Methode dem von ihm unverstandenen Judentum gegenüber sich ins Gedächtnis zurückrufen, um nicht hinter allem eine geschickt gestellte Falle zu vermuten. Denn nur dann kann man die Vorschläge des Herrn Professors Kittel für ehrlich und ernst gemeint halten, wenn er glaubt vom grünen Tisch einer jüdischen Synode aus eine derartige Neugestaltung des Judentums vornehmen zu können und dann mit Sicherheit zu versprechen, es würde dadurch aus der Seele des Deutschen das Wucherkraut des Antisemitismus ausgerottet sein. Wir denken auch gar nicht daran, daß damit in die deutsche und österreichische Judenheit die Brandfakel des Zankes um religiöse Anschauungen und Zeremonien geworfen würde, was in der Judenheit die unabsehbarsten Konsequenzen nach sich ziehen würde — man braucht nur an die erbitterten Kämpfe der Orthodoxen mit den Neologen, wie pich früher in Deutschland abspielten und jetzt noch in Ungarn aufflackern, zu denken; zumal bei der eigenartigen Verfassung des Judentums eine kompetente Körperschaft für derartige Entscheidungen nicht vorhanden ist. Unseren schärfsten Protest aber muß ein solches Ansinnen von vorneherein hervorrufen. Das gleiche jüdische Volk, das die Leiden und Lasten dieses Krieges gemeinsam getragen, mit den übrigen, das seine Söhne gern und freudig in den männermordenden Kampf schickt, muß es als Hohn empfinden, daß es sich seine gänzliche Gleichberechtigung erst erhandeln muß. durch den Verzicht auf die eigene Vergangenheit, mit der es gerade nicht durch äußerliches Bekennen, wohl aber durch die inneren Bande lebendigsten Blutes verknüpft ist. Und Herrn Prot. Kittel sei es gesagt: „Wir schämen uns nicht eines Tüpfelchens dieser Vergangenheit; denn mag der Buchstabe mit modernem Geiste nicht restlos harmonisiert werden können, der Geist war edel una edler als der Geist jener Kultur, in deren Namen Professor Kittel fordert una in deren Namen heute die ungeheuerlichsten Dinge des gesamten Weltgeschehens vollbracht werden.“ Gerade diese Kultur der vollendetsten Kriegstechnik und der unvollkommensten Menschenentwicklung hat kein Recht, an das Volk der jüdischen Sittlichkeit Forderungen zu stellen. Wir glauben an die Dauer und Entwicklungsfähigkeit des jüdischen Geistes, und wissen, daß er selbst aus sieh heraus abwirft, was morsch und alt ist, daß er aber keines äußeren Eingriffes bedarf, am allerwenigsten aber von seiten eines Theologieprofessors, für den der lebenskräftige Judaismus mit der Entstehung des Christentums schon an und für sich gestorben ist. Zionisten im Eelöe. J. U. C. Hans Kohn, Kadett im k. k. Landwehr-Infanterie-Regiment, Mitglied des Vereins jüdischer Hochschüler „Bar-Kochba“ in Prag, geriet bei den letzten Kämpfen in den Ostkarpathen in russische Kriegsgefangenschaft. Ing. mont. Eduard Ascher mann, Fähnrich des 10. Landwehr-Infanterie-Regimentes, Mitglied des Vereines jüdischer Hochschüler „Bar-Kochba“ in Prag, der schon vor längerer Zeit die große silberne Tapferkeitsmedaille erhalten hatte, ist neuerdings für das signum laudis vorgeschlagen worden. Fähnrich Bruno Stein im bosn.-herz. Infanterie-Regiment, Bruder des Dr. Wilhelm Stein, wurde in der Osterschlacht bei Virava verwundet. In den letzten Tagen des Februar ist der Professor des Realgymnasiums jn Banja Luka, absolvierter Jurist, Reserveleutnant Dr. phil. Otto G o 1 d S-t e i n in den Kämpfen bei Kolomea von einer Granate schwer verletzt worden und starb während des Transportes ins Spital. Er wurde aut dem jüdischen Friedhof in Marmaros-Sziget beerdigt. Die zionistische Bewegung verliert in ihm einen ihrer intelligentesten Vorkämpfer in Bosnien; er war langjähriger Mitarbeiter der „Zidovska smotra“ und vor allem radikaler Theoretiker der national-jüdischen Idee in den südslavischen Ländern. Seine wissenschaftliche Tätigkeit erstreckte sich auf ethnographische Untersuchungen der Balkanvölker, Wobei sich Goldstein als wertvolle Hilfe bei Abfassung der bekannten „Anthropophytea“ Friedr. F. Kraus bewährte. Osterfürsorge zuguslen Der Elüititlinge. Wie bekannt, fiaben unsere im „Ersten Zionistischen Frauen verein“ vereinigten Gesinnungsgenossen eine großzügig eingeleitete Aktion für die Pessach-Feiertage unternommen, die einen überaus günstigen Erfolg zu verzeichnen hatte. Die zum Ankäufe von Kartoffeln eingeleitete Sammlung ergab das Resultat von rfahezu 3000 Kronen, von welchen 2000 Kronen für den Ankaut von Kartoffeln verwendet wurden, mit denen über 2000 Personen beteilt wurden. Der Ueberschuß wird anderen Fürsorgeaktionen für die Flüchtlinge zugewendet (werden. So erhielt bereits unser von Frau Erna Patak so musterhaft geleitete „Erste Zionistische Kinderhort“ aus dem Ueberscliusse 270 Kronen. freiwillige Mitarbeiter gesudit. \ Das Armenambulatorium des Zionistischen Zentralkomitees für die Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina in Wien II. Taborstraße 20 a sucht einige Damen oder Herren, welche bereit sind, ihre Kräfte in der Zeit von halb 1 Uhr bis 6 Uhr nachmittags zur Verfügung zu stellen. Der Dienst muß nicht jeden Tag gemacht werden, auch kann eine Schichteneinteilung verabredet werden. Freiwillige Mitarbeiter mögen sich persönlich oder schriftlich bei der Verwaltung II. Taborstraße 20 a (Telephon 41.630) melden. —

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