Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 15 (16.4.1915)
- Date
- 1915-04-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZEH ffiflfig NRTIQNFIL -JÜDISCHES DRGRN rmrum Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS« ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenanfnahme: Wien, II., Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnemenstspreise: Für Oester- _ “ reich-Ungam: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjäkr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ C Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 45.325. | Nr. 15. Wien, Freitag, den 16. April 1915. IX. Jahrgang. Gleitbes Reibt lür Alle! Die erste Seite unserer jüngsten Nummer prangte — dank der gründlichen Arbeit der Zensur — in blühendem Weiß. Was wir in dem gestrichenen Aufsatze in durchaus maßvollen Ausführungen sagten, haben wir bereits des öftern dargelegt, ohne dem Rotstift des Zensors zu verfallen. Es handelte sich um die jüngsten Vorgänge in Russisch - Polen und in zweiter Linie um unser Verhältnis zu den Polen. Allerdings haben wir (uns in den früheren Ausführungen auf drei Momente gestützt, die immer wieder hervorzuheben uns überflüssig und für die Leser ermüdend erschien. Theodor Herzl sagte einmal, es sei tragisch, dab wir Zionisten unsere Wahrheiten immer von neuem wiederholen müssen, bis Sie ganz banal klingen. Dies trifft auch auf die Sache unserer armen Brüder in Russisch-Polen zu. Das Gedächtnis der Zensur ist eben sehr kurz und so werden wir — selbst auf >die Gefahr hin, banal zu werden — Woche für Woche der Oeffentlichkeit folgendes ins Gedächtnis rufen müssen: Das jüdische Volk in Oesterreich brachte und bringt immer noch in diesem furchtbaren Kriege unermeßliche Opfer an Gut und Blut fürs Vaterland, Die Opfer der jüdischen Bevölkerung! Sie treten auf allen Gebieten in Erscheinung. Die unseren Prozentsatz bei weitem übersteigende Zahl jüdischer Soldaten, die überaus vielen jüdischen Namen in den Verlustlisten, unter den beförderten und ausgezeichneten Offizieren und Manschaften und den Spendern für Kriegsfürsorgezwecke, ferner die Hunderttausende jüdischer Flüchtlinge, die Haus und Hof verlassen haben, weil sie nicht mit dem Feinde frater-t nisieren wollten, sie alle legen ein beredtes Zeugnis vom jüdischen Opfermut ab. Man lese blob den jetzt erschienenen zweiten Teil des österreichisch-ungarischen Rotbuches und mit Grauen wird man iwahmehmen, was wir schon lange wissen, daß unser Volk das Opfer des Krieges ist. Zionisfistfie Elüdillingslnpsopge. Die notwendige, unmittelbare Fürsorge für die vom Kriege betroffenen Stammesgenossen aus dem Osten hatte naturgemäß bisher auch die zionistische Organisation voll und ganz beschäftigt und sie hat darin außerordentliches geleistet. Mitten in dieser mit so großem Eifer und Energie betriebenen Arbeit mußte aber doch der zionistische Grundgedanke: Nicht bloße Wohltätigkeit zu üben, gilt es, sondern Vorsorge zu treffen, daß den Bedürftigen ’ die Möglichkeit gegeben wird, sich selbst weiter zu bringen — immer wieder zu Erwägungen führen, was nach diesem Prinzip für die jüdischen Opfer des Krieges geschehen könnte. Dr. Gerson Zipper, der Obmann der Lemberger Nationalfonds-Kommission, war es, der darüber in letzter Zeit bestimmte praktische Vor- ■ Schläge gemacht hat, welche die ungeteilte Zustimmung aller maßgebenden Faktoren .gefunden haben. Dr. Zipper geht von der Tatsache aus, dab nach dem Kriege eine verstärkte Auswanderung österreichischer Juden stattfinden wird, teils solcher, die durch den Krieg ihrer Existenz beraubt sein werden, ohne sich eine neue i schaffen zu können, teils auch bemittelter Elemente, welche nach den furchtbaren Drangsalen, die sie seitens des russischen Heeres zu erleiden hatten, ein starkes Verlangen haben werden, in ein gastlicheres Land zu übersiedeln. Unter beiden Kategorien von Auswanderern werden sich gewib zahlreiche befinden, die in ihrer ^jetzigen Heimat landwirtschaftlich tätig waren. Die zionistische Organisation 'sollte nun diesen Elementen die Möglichkeit geben, sich in Palästina anzusiedeln. Namentlich gehe es, vielen mittellosen Auswanderern, die sonst nach Amerika gehen würden, um dort m den „Schwitzhöllen“ ein elendes Dasein zu fristen, diese Möglichkeit zu verschaffen. Zu diesem Zwecke regt Dr. Zipper an, unter dem Titel der „Landspende“ des Jüdischen Nationalfonds (bekanntlich beträgt diese K 50.— für 1 Dunam l/u Hektar-Land) größere Summen für die osteuropäischen Auswanderer zu sammeln. Dieser Fonds solle dein Jüdischen Nationalfonds zur Verfügung gestellt werden, der den Auswanderern den Boden in Erbpacht vermieten würde. Diese Aktion, deren Durchführung inzwischen beschlossen wurde, verspricht vollen Erfolg. Denn diese Art „Kriegsfürsorge“ erhebt sich über den Rahmen bloßer ephemerer Wohltätigkeitsübung und der ihr zugrunde liegende Gedanke ist kein anderer als der zionistische — der planmäßigen Lenkung der jüdischen Auswanderung nach Palästina mit dem Ziele landwirtschaftlicher Kolonisation. Gerade diejenigen Juden, welche unter dem Kriege so stark zu leiden haben, werden mehr, als die Auswanderer normaler Zeiten die Sehnsucht nach einem Fleckchen Erde, nach einer wirklichen Heimat empfinden, in der sie sich als Juden voll auslebcn können. Es darf aber (nicht verschwiegen werden, dab die geplante Aktion sehr große Mittel erfordert. Die Ansiedlung, auch in kleinen Händler- oder Arbeiterstellen ist relativ kostspielig und daher muß die Sammlung im größten Stil betrieben werden. Was immer auch Zusammenkommen mag, es gibt einen Weg, die Kapazität der betreffenden Summen ganz bedeutend zu steigern: Dies könnte (geschehen, wenn auch bemittelte Juden Palästina als Ziel ihrer Niederlassung nehmen würden. Es gibt ja in Wien, wie man weiß, sogar jüdische Großgrundbesitzer, ferner zahlreiche jüdische Pächter, Landwirte mittlerer Kategorien etc. Wenn manche von diesen mit ihrer Initiative, ihren Kenntnissen und ihren Kapitalien nach Palästina gehen würden, — und bei vielen ist dise Neigung vorhanden — so würden sie damit ganz von selbst Verdienstgelegenheiten für jüdische Arbeiter, Häusler etc. schaffen und aus dem zu sammelnden Fonds wären für diese letzteren nur kleinere Beihilfen für soziale Fürsorge (Arbeiterküchen, Bibliotheken etc.) zu leisten, mit anderen Worten, aus dem vorhandenen Gelde ließen sich für bedeutend mehr Familien Vorsorgen, als wenn nur unbemittelte Elemente nach Palästina gehen würden, für die beträchtliche Aufwendungen gemacht werden müßten. Die Tätigkeit der zionistischen Organe wird daher nicht nur eine solche des Sammelns sein, sondern auch eine organisatorische. Es ist nicht zu zweifeln, daß (angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse der ganzen Aktion ein großer Erfolg beschießen sein wird. Beridit über die am 13. April 1915 stattgefundene Vertrauensmänner - Versammlung betreffs Schaffung einer Kriegslandes- ■ spende (zur Ansiedlung jüdischer Kriegsopfer aus Osteuropa in Erez-Israel). Als Leiter der Nationalfonds-Sammelstelle für Westösterreich begrüßt Dr. Egon M. Zweig die zahlreich versammelten Vertrauensmänner aus Galizien, Bukowina und Wien. Er schildert in kurzen Zügen die augenblickliche Situation, wie sie sich durch den Weltkrieg für die Juden entwickelt hat, insbesondere die Folgen des Krieges in den Ländern des östlichen Kriegsschauplatzes und in Palästina. Sodann ergreift im Namen beider österreichischen Landes-Sammelstellen des Keren Kajemeth Lejisroel (Wien und Lemberg) Dr. G. Zipper als Referent das Wort: „Wir hoffen zuversichtlich, daß es unserer glorreichen österreichisch-ungarischen Armee gelingen wird, in nicht ferner Zukunft Galizien von der russischen Invasion zu säubern, wie es erst unlängst in Galizien (geschah Wir hoffen ferner, daß nach Abschluß eines ehrenvollen Friedens die alt-ehrwürdige österreichischungarische Monarchie gewiß nicht ermangeln wird, die Kriegsopfer des Ostens in entsprechender Weise zu entschädigen. Nichts-destoweniger ist zu befürchten, daß eine große Zahl jüdischer Familien ohne dauernde Existenzmöglichkeit vor die Frage gestellt sein wird, in Welcher Weise nach dem Kriege ihre Zukunft gesichert werden soll. Wir sind natürlich außer Stande, allen Kriegsopfern, welche sich in einer solchen Lage befinden werden, dauernde Existenzmöglichkeiten zu verschaffen. Eine Schichte der jüdischen Bevölkerung aus dem Osten aber verdient unsere besondere Aufmerksamkeit. Es sind dies diejenigen Familien, welche in kleinen Städten und Dörfern des Ostens sich entweder ausschließlich oder nur zum Teil mit Ackerbau befaßt haben. Eine ansehnliche Zahl solcher Familien hatte sich bereits vor Ausbruch des Weltkrieges an die galizische Sammelstelle des Keren Kajemeth mit der Bitte gewendet, ihnen die Ansiedlung itn heiligen Lande zu ermöglichen. Diesem Wunsche Rechnung tra-