Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 9 (5.3.1915)
- Date
- 1915-03-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 9 Begegnung von Zionisten im EelSe. (Aus dem Feldpostbriefe eines österreichischen Zionisten.) 23. Februar 1915. Lieber Freund! Heute erhielt ich die „Jüdische Zeitung“ vom 5. Februar. In einigen Sätzen dieser Nummer finde ich die Nachricht bestätigt, die mir schon von anderer Seite mitgeteilt wurde, die ich pber nicht glauben konnte: Hugo Zuckermann ist tot! Mich berührte diese Trauerbotschaft .doppelt schmerzhaft War er mir. doch ein guter Freund und Mitarbeiter in den allerersten Anfängen des Jüdischen Nationalfonds und bei der Gründung des Stundenvermittlungsbureaus jüdischer Studenten. Er war aber auch der einzige Gesinnungsgenosse, den idh in Kampfstellung im Felde traf. Am 4. November verließen wir unsere Stellungen am S. und marschierten von 6 Uhr abends bis 6 Uhr früh nach P. Hier lernte ich einen Hauptmann vom Landwehr-Inf.iReg. Nr. 9 oder 10 kennen, der mir unter anderen — wir sprachen von Reserveoffizieren '— von einem äußerst tüchtigen Reserveleutnant Dr. Zuckermann erzählte. Kaum hörte ich diesen Namen, da bestürmte ich auch schon 'den Hauptmann mit meinen Fragen und es kam dabei heraus, daß unser Hugo Zuckermann der Vielgelobte war. Leider war am selben Tage ein Zusammentreffen unmöglich, da seine Kompagnie in der Nachhut war. Ich wäre ganz' besonders gerne in P. mit ihm zusammengekommen, 4a es hier für uns beide viel Arbeit gab, die ich dann allein geleistet habe. Wie überall, wo wir Rast hielten, ging ich auch hier auf die Suche nach unseren 'armen Brüdern. Sehr bald traf ich auch eine Gruppe sich1 beratender und durch die ihnen nicht gut erklärlichen Vorgänge beunruhigter Juden. Ich gesellte midi ihnen zu und stellte mich als Juden vor. Sofort wurde ich, der „Herr Regimentsarzt“, — sie titulieren einen prinzipiell um einen Rang höher — mit Fragen bestürmt Ich gab allerhand Aufklärungen, erteilte Ratsdiläge und ersuchte sie ihrerseits, die übrigen Juden des Ortes aufzuklären. Nur in einem Falle weiß ich' nicht, ob fch richtig geraten habe. Ein alter, grauer Jude (stellte an midi die Frage, ob er mit seiner (Frau, die in den nächsten Stunden ihrer Entbindung lentgegensah, mit einem bereits eingespannten Wagen ab reisen sollte. Als ich die sehr (schwache Frau (sah, riet ich ihnen zu bleiberg. Ob es wohl richtig war?.'Einer anderen Judenfamilie half ich beim Verkaufe ihrer Waren an die stark herandrängenden Soldaten. Und nodi viele ähnliche Arbeiten besorgte ich', bei denen Hugo Zuckermann sicherlich gern mitgetsfn hätte. Am Abend bezog ich mit meinem Bataillon (einen Feldposten. Zeitlich früh Abmarsch und 3 Uhr nachmittag Menage in J. P. Ich kehrte eben von meinem „jüdischen Rekognoszierungsmarsche“ (so nannten es die Offiziere (meines Regimentes) zurück, als mir der bekannte Landwehrhauptmann die Mitteilung machte, daß Zuckermann jeden Augenblick mit seiner 'Kompagnie eintreffen müsse. Idi ging ihm sofort entgegen und bald traf ich ihn auch'. Du kannst Dir vorstellen, wie wir uns begrüßt haben! Wie immer, wenn wir zusammenkamen, gewannen zunächst Heiterkeit und Humor die Oberhand. Man hätte ihn sehen müssen! Ein dunkler Vollbart, (den Zwicker verlor er immer), ein Viel zu langer Gummimantel, darüber ein nach allen Richtungen flatternder, ganz zerfetzter Wetterkragen und der noch mehr nach vorne geneigte Gang. Er erzählte mir in seiner übersprudelnden Sprache derart viel, daß ich ihm nicht folgen konnte. Besonders viei sprach ■er von seinem Tagebuche und seinen Gedichten. Auch sein strammes Kommando bekam ich zu hören. Seine Soldaten haben ihn überaus gerne gehabt ,und erzählten mir viel von seiner Tapferkeit! Leider konnte ich nicht lange mit ihm verweilen, (da ich fort mußte. Noch einmal sollte ich ihn Wiedersehen. Ein trauriges Wiedersehen! Es war in den Tagen zwischen dem 22. und 27. November. Als Kommandant der Krankenhaltestelle in Eperjes visitierte ich eben einen der zahlreichen Krankenzüge. Noch ein Wagen I. Klasse war zu prüfen. Ich trat in ein Halbcupe ein, da schallte mir der schöne Grub „Hedad!“ entgegen. Auf den Sammetsitzen, in Decken gehüllt, lag mit blassem Gesichte — Hugo Zuckermann. „Eine leichte Verletzung, die bald gut (wird und ich' komme schon wieder“, war seine (Antwort auf meine Frage. Ich versorgte ihn mit Verschiedenen und verließ ihn mit dem Wunsche für eine baldige Wiederherstellung. Leider, leider dürfte die Verletzung nicht so leicht gewesen sein, wie er annahm. Begreifst Du jiun, daß ich anfangs die Nachricht über seinen Tod gar nicht glauben wollte und wie schwer mich die Wahrheit getroffen hat?Wieder einer (unserer Besten! Wird man es zu werten wissen, was wir geopferthaben? Ich bitte Dich, spende in meinem Namen einen Baum aut Hugo Zuckermanns Namen. . Nun will ich Dir von meiner Begegnung mit anderen Gesinnungsgenossen erzählen. In Rzeszow traf ich einen Tag nach der Schlacht bei L. den strammen Sektionsleiter unserer „Hakoah“ t— Eisler. Natürlich füllten wir unser ganzes Zusammensein mit der Besprechung von „Hakoah“-Fragen aus, besonders mit Zukunftsmusik und Aufzählung der im Felde stehenden zahlreichen Hakoahner. Einige Tage später kam ‘ich in Sanok mit meinem Bundesbruder Käufler Zusammen, konnte aber leider nicht unseren in*'unmittelbarer Nähe beschäftigten Bun- desbruder Dr. Leopold Friedmann, den gewesenen pbmann des innerösterreichischen zionistischen Distriktskomitees, besuchen, da ich nach R.'mußte. Hier traf ich mit Moses Waldmann, meinem Bundesbruder Ing.-Zw eig enthat und einigen ehemaligen Hochschulkollegen '(zusammen. Am S. war ich einige Tage mit unserem Gg. Dr. Großmann aus Wien beisammen. In Bärtfa wurden mir zwei Aerzte zugeteilt — beide alte Gesinnungsgenossen: der langjährige jVerkehrsgast der Ivria, Dr. Hoeniger juid Dr. Steinhart, wenn ich nicht irre, A. H. der Bar-Kochba. In Eperjes war ich mit dem ehemaligen Ivrianer Dr. Fritz G r o a g, idem A. H. der Kadimah Dr. Feingold, dem A. H. der Unitas Dr. Gallus fsignum laudis) und unserem glänzenden Hakoah-Back Sträußler zusammen. Bei der Visitierung eines Krankenwagens hatte ich eine sehr amüsante Zusammenkunft. Ich komme in einen geheizten Gütenvagen, um die Verbände der Verwundeten zu besichtigen, da grüßt mich ein Venvundeter sehr freudig. Ich erkenne ihn nicht und da sagt er mir, ich hätte ihn einmal aus einer Versammlung entfernen lassen. Ein Poale-Zionist |Bei G. auf dem Marsche begrüßte mich ein Zugsführer der Honvedhusaren mit einem kräftigen Aschre. Er war unter den Leichtathleten unserer Budapester Gesinnungsgenossen am Kongreßmeeting dabei. Jetzt bin ich sehr oft mit unserem Gesinnungsgenossen Dr. G r o s n e r (zusammen.: Ich habe mich bisher nur im Bereiche des .. und .. Korps bewegt, die ganz auseinander liegen und trotzdem so viele Gesinnungsgenossen -gesehen, wie gut muß es erst unseren Freunden im .. und .. Korps gehen! Ich beneide alle, die dort Gelegenheit haben, mit Gesinnungsgenossen (beisammen zu sein. Mit besten Ziongrüßen Dein J. H. K. Eluditlingsfürsorge in Mnifz. Von Anfang an hat sich die Judenschaft unserer Stadt der unglücklichen galizischen Flüchtlinge angenommen. Die jüdischen Studenten und Handelsangestellten unterzogen sich •der Mühe, eine Wohnungsliste anzulegen, mit welcher sie den an der Bahn erwarteten Flüchtlingen ratend und helfend an die Hand gingen. Ein aus der hiesigen Judenschaft hervorgegangenes Flüchtlingsfürsorge-Komitee leitete eine Sammlung ein, welche;: die für unsere Verhältnisse hohe Summe von K 8000.— ergab. Den Anfang machte im Namen der Firma M. & J. Mandl, Proßnitz—Wien, die Herren Erich Mandl und Dr. Gustav Stöger mit K 1000.—. Von aller Anfang an waren wir uns bewußt, daß die Flüchtlingsfürsorge ieine systematische sein müsse. Das mährisch-schlesische D.-JC. regte bei Gg. Herrn Bürgermeister Dr. Zweig die Frage an, ob man diese Binnenwanderung der Juden nicht zu einer Innenkolonisation gestalten könnte. Die Anfragen des Gg. Herrn Dr. Zweig, wie auch des Gg. Herrn Rabbiner Dr. Goldschmied bei allen in Betracht kommenden Körperschaften und Vereinigungen ergaben ein negatives Resultat. Nun erkannten wir, daß wir uns auf Proßnitz allein beschränken müssen. Wir waren bald in der angenehmen Lage, zahlreiche Schneider und Kürschner aus den Konzentrationslagern zu uns berufen zu können, obschon wir in unseren diesbezüglichen Bestrebungen seitens der israelitischen Gemeinde Nikolsburg trotz wiederholten Ansuchens, keine Förderung erfuhren. An mittellose Flüchtlinge wurden wöchentliche Unterstützungen verabfolgt, die monatlich weit über K 1000.— beanspruchten. Ein rühriges Damenkomitee unterzog sich der schweren Aufgabe, Kleider und Wäsche zu beschaffen und an die bedürftigen Leute zu verteilen. Um den zahlreichen Töchtern der Flüchtlinge Erwerbsgelegenheit zu bieten, richteten wir eine Nähschule ein, die dank der werktätigen Mithilfe des Herrn Kulturrates Emanuei Türkl und des Herrn Dr. Ludwig Brüll, unter der Leitung unseres wackeren Gg. Ing. Josef Mandl, gew. Lehrer am „Bezalel“, bald Gelegenheit hatte, ungelernten Arbeiterinnen einen beträchtlichen Wochenlohn zu verschaffen. Die schulpflichtigen -Kinder der Flüchtlinge wurden in den hiesigen Schulen untergebracht, wobei besonders die Schulleitung der deutschen Volksschule in der Stadtgemeinde uns das größte Entgegenkommen bewies. Bald jedoch erkannten wir, daß unsere Mittel für die immer größer werdende Zahl der Flüchtlinge nicht mehr hinreichen und so bemühten wir uns bei der Regierung, die staatliche Unterstützung für unsere Proßnitzer Flüchtlinge zu erwirken. Eine aus den Herren Rabbiner Dr. Goldschmied, Dr. Ludwig Brüll und Siegmund Bill bestehende Abordnung sprach bei Sr. Exzellenz Freiherrn von Bleileben, dem Statthalter von Mähren vor. Die bezüglichen Verhandlungen in Wien wurden von Herrn Dr. Alexander Hirsch, dem Obmanne des Vereines der Proßnitzer in Wien, mit einer solchen Aufopferung und Beharrlichkeit geführt, daß es ihm bei einer Besprechung, die er mit dem zu diesem Zwecke nach Wien geeilten Herrn Rabbiner Dr. Goldschmied, bei Herrn Sektionsrat Dr. von Marquet hatte, gelang, das Ziel zu erreichen, unseren unglücklichen Brüdern, die am 15. Jänner 1915 in Proßnitz dauernd gemeldet waren, die staatliche Unterstützung zu erwirken. Mit Rücksicht auf den drohenden Nahrungsmittelmangel mußten wir, so schwer es uns fiel, die weitere Aufnahme von Flüchtlingen ablehnen. Wir können auf das erste Halbjahr der Flüchtlingsfürsorge mit um so größerer Befriedigung zurückblicken, als wir auch unseren Stammesgenossen, ihrem religiösen Gefühle entsprechend, im alten „Bes-Hamidrasch“ einen Tempel nach polnischem Ritus und in unserem „Jüdischen Vereinlokal“ eine Versammlungsstätte eingerichtet haben. Zum Schlüsse wollen wir noch tonen, daß in der Frage der Fürsorge die hiesige Judenschaft von einer erhebenden Einmütigkeit beseelt war, von der wir nur wünschen können, daß sie als Errungenschaft von bleibendem Werte uns auch dann erhalten bleibe, wenn wir unsere Brüder, so gern wie wir sie auch empfangen haben, glücklich in ihre Städte heimkehren sehen werden. Die Jüdische Turnersihalt im Kriege. . Der Krieg mußte naturgemäß eine starke Erschütterung des Turnverbandes mit sich bringen. Einmal wegen des interterritorialen Charakters der Organisation und dann wegen der Waffenfähigkeit der Mitglieder. Der Zentralaus- . schuh ging in letzter Hinsicht mit gutem Beispiel voran. Der Verbandstumwart Erich B urin (bereits mit dem Eisernen Kreuz dekoriert) und Herr Bialler traten sofort als Reservisten, Herr Dr.>M ünz als Arzt in die deutsche Armee. .Da die Vereine im! ersten Kriegsschreck alle ihre Zahlungen einstellten, mußte sich die Arbeit auch aus finanziellen Gründen stark reduzieren. Auch mußte sofort davon abgesehen werden, die „Monatshefte“ weiter erscheinen zu lassen. Der Ausschuß ist jedoch bestrebt, durch häufige Rundschreiben den Zusammenhang mit den erreichbaren Vereinen aufrecht zu erhalten. Er gab den Vereinsvorständen die unbedingte Parole „d u r c h z/u Ei a 11 e n“, wie schwer sich1 auch die Verhältnisse gestalten mögen. Als ein weiteres Mittel zur Aufrechterhaltung der Organisation diente der „Liebesgaben-, •dienst“. Der Ausschuß hielt es für seine selbstverständliche turnbrüderliche Pflicht, für unsere kämpfenden und verwundeten Freunde nach Kräften zu sorgen. Er schuf sich durch öffentliche und private Propaganda zunächst die nötigen materiellen Unterlagen an Geld, Wolle, Liebesgaben aller Art und verschickt (fast alle 14 Tage ungefähr dreihundert Sendungen. Oesterreich und Deutschland sind die einzigen Länder, die der Turnerschaft Arbeitsmöglichkeiten gewähren. Der west-österreichische Kreisvorstand versucht, so gut es eben gehen will, die dortigen Vereine zusammenzujhalten. Die größeren Vereine (Wien, Prag, Brünn 'und einige andere) halten durch. Naturgemäß liegen die Dinge in Oesterreich |noch schwieriger