Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 9 (5.3.1915)
- Date
- 1915-03-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 9 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 .als! in Deutschland. Neben den eigentlichen Aufgaben' widmen sich die Vereine der allgemeinen Kriegsfürsorge und speziell den aus Galizien geflüchteten Stammesgenossen. Per Deutsche Kreisvorstand steht ganz unter Waffen. Die größeren Vereine (Berlin, Hamburg, Frankfurt a. M.) setzen ihre Arbeit fast ungestört in allen Abteilungen for+. Aber selbst kleinere Vereine (wie Stettin, Köln, Halberstadt, Nürnberg, Kattowitz, München) halten ihre Tätigkeit aufrecht. Zionisten im Felde. Leutnant Dr. Hugo Bergmann, A. H. der Bar-Kochba in Prag, Amanuensis der dortigen deutschen Universitätsbibliothek, wurde in Anerkennung tapferen Verhaltens vor dem Feinde mit dem Signum laudis ausgezeichnet und zum Oberleutnant befördert. Dr. Bergmann liegt gegenwärtig verwundet in einem Wiener Spital; Leutnant Herman Steuer, A. H. der jüd.- akad. Verbindung „Emunah“ in Bielitz wurde zum Oberleutnant befördert; Assistenzarzt Dr. Max A r m i n s k i, Wien, der am südlichen Kriegsschauplatz tätig war, erhielt dieser Tage seine Beförderung zum Oberarzt;; Patrouillenführer Arnold O o 1 d s t e i n, der als Bauer verkleidet seine Kompagnie rettete, erhielt die silberne Tapferkeitsmed a i 11 et I. Klasse. Og. Dr. Moriz Tischler, Assistenzarzt, A. H. der jüd.-akad. Verbindung „Unitas“ wurde mit dem goldenen Verdienstkreuz am Bande der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet. 1 * Oie Berliner Jüdische Studenten: schalt ISr den Roten Halbmond. Zu Gunsten des Roten Halbmonds veranstaltet das Kartell Jüdischer Verbindungen im Preusssischen Abgeordnetenhaus in Berlin einen Zyklus von Vorträgen, die die Zusammenhänge zwischen der Zukunft des Orients, Deutscher Weltpolitik und Jüdischer Kolonisation im Osten behandeln werden. Hervorragende Kenner der Probleme haben die Referate übernommen. Den ersten Vortrag am 3. März wira Herr Paul Rohrbach über die Zukunft des Orie nts halten; am 10. März wird Herr Dr. Martin Buber über „Die Juden als Volk des Orients“ sprechen; Herr Dr. Ernst Jaeckh wird am 17. März über das Thema: „DeutscheWeltpolitik und Türkische Entwicklung“ vortragen; den Zyklus wird am 24. März Herr Dr. Alfons Paquet, der vor kurzem längere Zeit der Besichtigung der Kolonien Palästinas gewidmet hat, mit dem Vortrag „Erlebnisse m Jüdischen Kolonien“ abschließen. Kriegsbrief aus Jaffa. Der erste feindliche Flieger über Jaffa. — Kino- Vorstellung mit Beilis. — Postverkehr. — Regenreicher Winter. Heute haben wir hier die ersten Vorboten des Krieges begrüßen können. Ein englisches Kriegsschiff erschien gegen 8 Uhr früh vor Jaffa und entsandte einen Flieger, der nach einstündigem Fluge längs der Küste zum Schiffe zurückkehrte, worauf das Schiff sich in nördlicher Richtung enfertnte. Vorgestern ist ein Hydroplan über Gaza aufgestiegen, der, von Geschützschüssen verfolgt, einige Bomben auf die Stadt niederwarf, ohne jedoch irgendwelchen Schaden anzurichten. Das Wetter der letzten Tage eignet sich ausgezeichnet für Rekognoszierungs-Unternehmungen : die See ist still, flach und glatt, ohne Fältchen, die Luft ist durchsichtig und klar, wie man sich das im düsteren nordischen Klima kaum richtig vorstellen kann. An solchen Tagen sehe ich von meinem flachen Dache aus 20 bis 25 Kilometer entfernte Ansiedlungen mit freiem Auge so deutlich, daß ich die einzelnen Häuser und Pflanzungsanlagen genau unterscheiden kann; mit einem guten Fernrohr kann man das weidende Vieh und vorbeispazierende Menschen in ihren Bewegungen genau beobachten und einzeln abzählen. Für Jaffa, das überhaupt bis heute nur zwei Flieger zu beobachten Gelegenheit hatte, war der hübsche Flug des englischen Auskundschafters an sich ein interessantes Schauspiel; der allgemeine Eindruck des Ereignisses aber war nicht überwältigend, da wir schon anderthalb Monate uns im Kriegszustand befinden und längst solche Besuche erwartet haben. Die Garnison und die aus Beduinen-Reitem gebildete Küstenwache war im Nu vollständig bereit. Alle Maßnahmen, einem möglichen Angriff auf die Stadt entgegenzutreten, sind längst getroffen. Die Bevölkerung verhält sich vollständig ruhig; nur einige Dutzend arabische Familien, die sich in ihren, dem Strande nahe gelegenen Wohnungen nicht sicher genug fühlten, haben die Frauen und Kinder mit 'zwei Extra-Zügen heute nach dem Innern des Landes geschickt. Das heutige Ereignis war immerhin eine Unterbrechung des monotonen Lebens der letzten Wochen, an das man sich bereits gewöhnt hatte. Man hat sich selbst damit abgefunden, daß man um 8 Uhr abends bereits zuhause sein muß, keine Spaziergänge und Besuche machen oder empfangen kann. Die an ein reges geselliges Leben gewöhnten Europäer traf diese Verordnung der Achtuhr-Sperre zunächst etwas schwer, man tröstete sich aber bald durch ausgiebigeren Schlafgenuß auch über diese Lebenseinschränkung wie über manche andere Entbehrungen, welche die Zeitverhältnisse mit sich brachten. In den letzten Tagen ist wegen des Chanukah-Festes das Herumspazieren auf den Straßen bis 10 Uhr gestattet, jüngst sogar gelegentlich einer Veranstaltung zugunsten des „Roten Halbmondes“ bis Mitternacht erlaubt gewesen. Unter dem Protektorate des Platzkommandanten und der Beteiligung des Kaimakams (Bezirkshauptmann-Landrat) sowie der übrigen höheren Beamten und angesehenen Bürger brachte diese Veranstaltung die gleichmäßige Zusammenwirkung der arabischen und jüdischen Bevölkerung zum Ausdruck. Der Chor und das Orchester des Hebräischen Gymnasiums sang und spielte die türkische Hymne und hebräische Lieder, zwischendurch wurden patriotische Reden in arabischer Sprache gehalten und zuletzt das Beilis - Drama kinematographisch dargestellt. Mendel Beilis, der nach seiner Freisprechung nach Jaffa übersiedelt war, und hier mit seiner Familie ruhig und friedlich lebt, war bei der Vorstellung zugegen und wurde, vom Kaimakam herzlich angeredet und dem Publikum vorgestellt, auf das Lebhafteste von allen bejubelt. Beilis hat zusammen mit anderen Glaubensgenossen um die Aufnahme in den türkischen Staatsverband nachgesucht. Nun sind wir vom Auslande ganz abgeschlossen. Das letzte italienische Schiff, das einige Passagiere aufnahm, ging von hier am 5. Dezember ab, ein acht Tage später eintreffender Dampfer durfte keinen Passagier ans Land setzen noch irgend jemanden einbooten; aus militärischen Rücksichten ist der Schiffsverkehr zeitzeitweiiig verboten. Der Festverkehr hat sich allerdings zum großen Teil von der Seeverbindung emanzipiert. Zum erstenmale seit Ausbruch des Krieges von zahlreichen Scharen einrückender Deutschen und Oesterreicher befahren, ist der Landweg nun zu einer ziemlich regelmäßigen Verbindung zwischen Konstantinopel una Syrien geworden. Haifa und Beiruth haben gute Bahnverbindung mit Damaskus (je zwölf Stunden), Damaskus bis Aleppo sechzehn Stunden, sodann muß man in zwei bis drei Tagen zu Wagen und (ungefähr zwölf Stunden) aut einem Reittier den cilicischen Taurus überqueren und kann dann von Adana mit den anatolischen Bahnen bequem bis Konstantinopel kommen. Aut diesem Wege hat sich bereits ein sehr geregelter Postverkehr mit Deutschland und Oesterreich eingestellt. Briefe trafen zwar infolge der Entfernung jenseits und diesseits der Grenze mit großer Verspätung ein, Zeitungen dagegen fast täglich nach ungefähr 14 Tagen. In den letzten Wochen ist allerdings infolge sehr heftiger Regengüsse eine zeitweilige Störung eingetreten, die uns dieser Winteranfang brachte. Schon in den ersetn Novembertagen ging in diesem Jahre reicher Regen nieder (gewöhnlich beginnt die Regenperiode erst um die Mitte November). Sodann folgten in kurzen Abständen sehr starke Niederschläge aufeinander, sodaß in Judäa (Umgebung Jaffa, judäisches Gebirge, Jerusalem) übis jetzt schon über -400 mm Regen niederging; die gesamte jährliche Regenmenge beträgt jn dieser Zone 600 bis 800 mm. Wie man weiß, hängt hier vom Regen alles ab. Viel Regen ist ein Glück für Jerusalem, dessen arme Bevölkerung den letzten Sommer unter Wassermangel in den Zisternen schwer litt. Große Hoffnung erweckt der Regen beim Fellachen, der früher an die Bestellung seines Feldes berangehen und auf eine gute Ernte hoffen kann. Umwsifiäfiiie Fäisdiungen. In die täglich größer werdende Reihe der unverschämtesten Fälschungen selbst der offenkundigsten Wahrheit von seiten der russischen Regierung, gehört auch die Erklärung, die Herr Sasanow in der Dumasitzung vom 10. Feber über die Judenpogrome in Rußland abgab. „Zu den mißgünstigsten Erfindungen der Deutschen gehören die Gerüchte über Judenpogrome, welche die russischen Truppen angestiftet ihaben sollen. Ich ergreife die Gelegenheit, hier von der Tribüne des Parlamentes aus kategorisch die Verleumdungen zu dementieren. Denn, wenn die jüdische Bevölkerung auf dem Kriegsschauplätze gelitten hat, so ist dieser Uebelstand nicht zu verhindern, denn die Bewohner von feindlichen Gegenden haben immer zu leiden. Uebrigens erklärten Augenzeugen einsimmig, daß die größten Verwüstungen in Polen das Werk der O e s t e r r e i c h e r und Deutschen seien. Der deutsche Botschafter in Washington war eifrig bemüht, solche Gerüchte auszustreuen, um in den Vereinigten Staaten eine uns feindliche Stimmung zu schaffen. Aber der gesunde Menschenverstand der Amerikaner bewahrte sie davor, in die grob gestellte Falle zu gehen. Ich hoffe, daß die guten russisch-amerikanischen Beziehungen nicht durch die Umtriebe der Deutschen leiden werden.“ Judenverfolgung in Rigerien. Nach einer Meldung der „Guerre sociale“ sind 50 Tansend Juden in Algerien fortdauernden Unterdrückungen ausgesetzt, wie in den schlimmsten Tagen des Antisemitismus. Zahlreiche jüdische Familien, die aus diesem Grunde Algerien verlassen mußten, sind nach Frankreich gekommen, wo sie jedoch nicht die Hilfe fanden, auf die sie Anspruch haben, sondern weiter wie Ausgestoßene behandelt wurden. Die Emanzipation der Juden auf dem frommeren EriedensbongpeD. Unter dem Namen „Jüdisches Emanzipations- Komitee“ hat sich hier unter dem Vorsitz des Richters Jakob S. Strahl ein Komitee gebildet, das die öffentliche Meinung für eine wirksame Vertretung der Gleichberechtigung der Juden in allen Ländern auf dem kommenden Friedenskongreß vorbereiten will. Man rechnet zwar nicht auf eine offizielle Vertretung der jüdischen Gesamtheit auf diesem Kongreß, wohl aber damit, daß alle Kulturstaaten sich zum Anwalt der jüdischen Sache machen werden, wenn ihnen das notwendigste Material dazu geliefert wird. Das Komitee ist interkonfessionell und möchte zu ähnlichen Aktionen in den anderen Ländern anregen. Gie&esgafcnsenöungen der zion. Uzreinigung für Deutschland. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland hat in der Woche vom 1. bis 7. Februar, für welche Zeit von der Postbehörde Pakete im Gewicht bis zu 500 Gramm zugelassen waren, weitere 300 Sendungen an jüdische Soldaten im Felde zur Versendung gebracht; die Hälfte dieser Pakete ging an solche Soldaten, die als bedürftig angegeben wurden. Insgesamt 'wurden bisher über 2000 Pakete ins Feld geschickt. Die vielen überaus herzlichen Danksagungen, die der Zionistischen Vereinigung für Deutschland täglich von der Front zugehen, beweisen, mit welch aufrichtiger Freude das Eintreffen der Liebesgabensendungen aufgenommen wird. Das Komitee, z. Hd. von Herrn Max Wollsteiner, Charlottenburg, Roscherstraße 5, nimmt auch weiterhin Adressen armer jüdischer Soldaten gern entgegen, da sich auch eine ganze Anzahl von Vereinigungen gemeldet hat, die an solche Adressen ebenfalls regelmäßig Liebesgaben absenden wollen. . 1 -