Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 9 (1915)
- Issue
- 7 (19.2.1915)
- Date
- 1915-02-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JGPISCHE ZEITUNG; Nr. 7 arbeitem, unterstützt von einer Anzahl von hilfsbereiten Damen, bemüht war, in liebevollster Weise den Flüchtlingen bei der Erledigung der verschiedensten Angelegenheiten, wegen deren sie unsere Hilfe in Anspruch nahmen, an die Hand zu gehen. Mit freudiger Genugtuung stellen wir fest, daß uns bei dieser Tätigkeit unsere Gesinnungsgenossen aus Galizien und der Bukowina, selbst Flüchtlinge, und solchermaßen das bittere Los der Verbannung von oer {heimatlichen Scholle und dem gewohnten Erwerbsleben durch die eigene traurige Erfahrung kennend, auf das Wirksamste zur Seite gestanden sind. Schon bei der Wohnungssuche stießen die völlig Ortsfremden auf Schwierigkeiten, da sie sich in ihrer Hilfslosigkeit in bestimmten, wenigen Gegenden der Stadt zusammendrängten, was naturgemäß von den Wohnungsvermietem zu einer ganz unverhältnismäßigen Steigerung der Mietpreise mißbraucht wurde. Es wurde deshalb eine Art Dezentralisierung, die doch den Zusammenhang nicht zerstörte, versucht. Mit den sehr bald einsetzenden Absperrungsmaßnahmen gegen den Zuzug von Flüchtlingen ergab sidi die Notwendigkeit, die Härten solcher Verfügungen möglichst zu mildern und neben festgelegten 'Ausnahmsbestimmungen auch in zahlreichen Einzelfällen zu intervenieren. Es kann gesagt werden, daß dank dem Entgegenkommen der zuständigen Behörden die Interventionen in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle von Erfolg begleitet waren. Flüchtlingen jedoch, denen es trotz allen Bemühungen nicht gelang, die Bewilligung zum Aufenthalte in Wien zu erlangen, versuchte das Büro durch Zuweisung an andere, vor allem zion. Hilfskomitees in der Provinz zu helfen, sie auf für sie besonders günstige Orte aufmerksam zu machen, für die richtige Zusendung des Gepäckes zu sorgen u. a. m. Den Flüchtlingen in Wien stand das Zentralbüro bei den ziemlich häufigen Differenzen mit den Wohnungsvermietern, die sich aus Ortsunkenntnis ergaben, bei, und es war fast immer ■ möglich, den Flüchtlingen zu ihrem Rechte zu verhelfen. Das gleiche gilt von Fällen, wo hilflose Flüchtlinge von ihren Hausleuten oder Mitbewohnern ausgenützt, verhöhnt und manchmal sagar ibrutal behandelt wurden. Auch hier half das Dazwischentreten des Zentraibüros, da man immer mehr erkannte, daß die Unglücklichen nicht völlig schutzlos der Willkür ausgesetzt seien. Unzähligemale griff auch das Zentralbüro für die Flüchtlinge bei der Zentralfürsorgestelle : ein, indem es bei Schwierigkeiten in der Auszahlung der staatlichen Unterstützungsge’der intervenierte und so eine große Zahl von Familien der drückenden Sorge über das oft monatelange Ausbleiben des Beitrages enthob. Selbstverständlich versucht das Zionistische Zentralkomitee, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, um einer möglichen Demoralisierung der Flüchtlinge durch die stete Geldunterstützung vorzubeugen, für dieselben Arbeitsgelegenheiten zu finden. Hunderte von Näherinnen wurden z. B. auf diese Weise versorgt. Aber nur in solchen Berufen war die Zuweisung von Arbeit auf die Dauer möglich, wo keinerlei Arbeitsbuch gefordert wurde, denn den hartnäckigsten Bemühungen des Zentralkomitees gelang es — leider nur kurze Zeit hindurch — für die Flüchtlinge Arbeitsbücher ausgefolgt zu erhalten, während man schon seit langem die Ausfolgung von Arbeitsbüchern — wohl auf höhere Weisung hin — verweigert. Auch für die Unterbringung zahlreicher Schüler und Schülerinnen in Mittelschulen, Handelsschulen und Lehrkursen konn'e Sorge getragen werden, wobei infolge der geringen Anzahl von Anstalten die für Kinder galizischer Flüchtlinge geöffnet sind, häufig große Schwierigkeiten zu überwinden waren. Es ist daher die Errichtung von eigenen Lehrkursen für Flüchtlingskinder in 'Aussicht genommen. Wohl hat sich in den letzten Wochen eine Abnahme des Parteienverkehrs im Zentralbüro eltend gemacht, was vor al’em auf ein gewisses, ldizurechtfinden der Flüchtlinge in Wien zurückgeführt werden kann, aber immer ist das Büro des Zionistischen Zentralkomitees der Ort, an dem die Flüchtlinge Rat und Hilfe bei allen sie drückenden Sorgen suchen und finden. Und wie sie dieselbe im Hilfsbüro des Zionistischen Zentralkomi'ees zum Unterschiede von' anderen Stellen, die be-ufsmäßig dazu verpflichtet wären, weil ihr einziger Daseinszweck diese.Hilfe ist, gefunden haben, das ist in einer Unzahl von Dankkundgebungen aus fast allen Teilen dieses •weiten Reiches, in welchen die versprengten Flüchtlinge untergebracht sind, in oft rührender Form dokumentarisch niederge’egt und wird für immerdar ein Ruhmesblatt in der Geschichte des Zionistischen Zentralkomitees . für Westösterreich bilden, auf das stolz zu sein ■ alle jene Grund haben, die das Glück genießen, ihren .unglücklichen Volksgenossen aus den von der Furie des Krieges am meisten heimgesuchten Gauen Oesterreichs nach besten Kräften hilfreich bei-' stehen zu können. des Ordens Bnei Zion und Mitglied des Schulrates der Stadt Newyork, Verdienste erworben, der als Vorsitzender des Komitees seinen großen Einfluß dem wohltätigen Zweck zur Verfügung stellte. Besonders haben sich für die Arbeit des Komitees auch die Herren Samuel Goldstein (aus Kolomea), B. Siegel, Moses Kramer, Sam. Wiesen (aus Dembitz), >B. Duhl und Marcus Kramer eingesetzt. Es ist zu hoffen, daß weitere Summen bald ausgewiesen werden können. Bussisdie Versprechungen. Man weiß in Deutschland schon seit langem, daß es mit russischen Versprechungen nicht weit her ist. In Rußland wird immer sehr viel versprochen, aber sehr wenig gehalten. Die unmenschlichen Unterdrückungen der Juden in Rußland seit dem Ausbruche des Krieges haben ihrerseits den Glauben an die Versicherungen der konservativen russischen Kreise völlig erschüttert. Nun veröffentlicht die jüdische Zeitung „Moment“ (Warschau) eine Unterredung mit einer hochstehenden Persönlichkeit, die anscheinend zu der liberalen Richtung gehört. Es ist bemerkenswert, mit welchen Vorbehalten auch von dieser Seite den Juden die bürgerlichen Rechte verspro- *"* chen werden. Der russische Politiker hat sich folgendermaßen über die zukünftige Gleichberechtigung der Juden geäußert: „Es wird geplant, den jüdischen Ansiedlungsrayon abzuschaffen, jedoch nur in Bezug auf die Städte. Das Wohnungsverbot für die Dörfer wird auch künftighin bestehen bleiben. Man denkt daran, die Prozentnorm in den mittleren und höheren Schulen fallen zu lassen. Es ist aber nicht sicher, ob dieses gleich oder erst im Verlaufe von einigen Jahren geschieht. Man will indes den Juden erlauben, eigene Schulen zu gründen. Es ist ferner möglich, daß man den Juden den Zugang zur Advokatur wieder gestatten wird; man denkt sogar daran, jüdische Offiziere zu ernennen. Jedoch hält man dises Projekt in den maßgebenden Kreisen für verfrüht. Die hohen Finanzkreise sind sehr dafür, daß man den Ansiedlungsrayon abschafft. Sie machen aber gleichzeitig darauf aufmerksam, daß dadurch die Auswanderung von nicht diplomierten jüdischen Handwerkern aus Polen nach Rußland einen zu großen Umfang annehmen wird, wodurch eine große Konkurrenz zwischen dem jüdischen Arbeiter, der für einen viel niedrigeren Lohn arbeitet, und dem russischen. Bauer entstehen wird. Mit der Befreiung Galiziens wird sich für Rußland eine neue Judenfrage bilden. Die galizischen Juden leben noch ärmer als die Juden Polens und sind bereit, für einen noch kleineren Lohn zu arbeiten. Auch von diesen / Juden ist im Falle der vollen Freizügigkeit eine starke Konkurrenz zu befürchten. Zu beachten ist es, dass die galizischen Juden an ein freieres Regime gewöhnt sind, weshalb sie sich nicht so leicht mit den neuen Zuständen abfinden werden. Die massgebenden Kreise halten deshalb eine Organisation der jüdischen Massenauswanderung für sehr wichtig. Wir glauben, dass England eine von den deutschen Kolonien bekommt und sie uns dann wiedergibt. Jedenfalls wäre es sehr wünschenswert, wenn Syrien unter Englands Protektorat käme. Dieser Landstrich soll dann den Juden unter der Garantie der vollen Selbstverwaltung überlassen (werden. Man wünscht auch, daß über diese Fragen eine öffentliche Diskussion sich entwickelt. Insbesondere hält man in den massgebenden Fragen eine Erörterung der Emigrationsfragen für höchst notwendig.“ Man sieht aus den vorstehenden gequälten Ausführungen wie wenig Hoffnung _ die russchen Juden haben, eine wirkliche Gleichberechtigung zu erlangen. Nur eine Niederlage des Za- , rismus wird sie ihnen verschaffen. Die luöen im Kriege. Von Zoltän v. S z ä s z, einem der begabtesten ungarischen Journalisten, erschien dieser Tage in der Budapester Tageszeitung „Pesti Hirlap“ ein Feuilleton über die Juden im Kriege, das verdient in weiten Kreisen der Juden bekannt zu werden. Szäsz ist kein Neuling auf dem Gebiete der Judenfrage. Dieser Ungar, der einer alten adeligen magyarischen Familie entstammt, bringt dlem jüdischen Volke, seinem Wesen, seinen Leiden und Hoffnungen — wie nur selten Je in Nichtjude — volles Verständnis entgegen. So mancher Wiener und Budapester jüdischer Journalist könnte sich an ihm ein Bei spiel nehmen.! „Noch viel.tragischer fund grausamer, schreibt v. Szäsz, sind die Leiden, die dieser Weltkrieg den Juden zugefügt hat. Fürwahr, das Schicksal dieses Volkes veranlaßt fortwährend zu neuer Bewunderung. Selbst die vom Mystizismus ganz freie Seele fühlt ein Erschauern, wenn sie von den neuesten Leiden dieses Ahasver-Volkes hört, die einem zumindest für den Augenblick zu der Annahme gelangen lassen, daß dieses Volk der einer transzedentalen Quelle entströmenden Der österreifb.^ungapisdie Zionisten: Verein in Nengorlt für Oie jSOisdien ElOditiinge aus Galizien. (Von unserem Berichterstatter.) Der in Newyork bestehende Verein der.österreichisch-ungarischen Zionjsten hat sich für verpflichtet gehalten, in energischer Weise an der Aktion für Aufbringung von Mitteln für die jüdischen Opfer des Krieges im Osten der österreichisch-ungarischen Monarchie mitzuwirken. Dje Nachrichten über das große Elend der jüdischen Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina, die durch den Einbruch der Russen!zur Flucht nach WestösterreiCh genötigt worden sind, sind durch die österreichischen Zionisten zuerst in ausführlicher und authentischer Form nach Amerika gelangt und haben so den festen Entschluß hervorgerufen, an der Beseitigung dieses Elends mitzuwirken. Die amerikanischen Zionisten als solche haben ihre Mithilfe und ihre Beteiligung an der Aufbringung von Mitteln für die jüdischen Flüchtlinge in Galizien innerhalb der allgemeinen Aktion des amerikanischen Judentums betätigt; aber die Zionisten aus OesteCrei ch - Ungarn glaubten darüber hinaus .etwas besonders tun zu müssen und haben daher am Samstag, den 3. Januar in Newyork einen Flagge n t a g veranstaltet und als dessen finanzielles Reinerträgnis schon die ersten tausend Dollars durch das kais, u. königl. österreichisch-ungarische Konsulat in Newyork an das Zionistische Komitee in Wien überwiesen, zu dessen Mitgliedern die Herren Oberingenieur Robert Stricker, Adolf Stand und Moses Frostig gehören. Nunmehr werden die Vorbereitungen für einen Bazar getroffen, der-zum Besten der galizischen Notleidenden in Wien in Henigton Hall vom 30. Januar bis 7. Februar stattfinden' wird. Um die Durchführung dieser Aktion hat sich besonders Höno'r. Joseph Baron des, Präses