Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 37 (11.12.1914)
- Date
- 1914-12-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ziönisten im Felde. Wieder erhielten mehrere Zionisten, die im Felde stehen, Auszeichnungen. Kadett-Feldwebel Felix Pollitzer, A. H. der jüd.-akad. Verbindung „Veritas“ (Brünn), wurde in Anerkennung seines tapferen Verhaltens unter gleichzeitiger Beförderung zünii Leutnant mit der silbernen Tapferkeitsmedaille I. Klasse ausgezeichnet Fähnrich Paul Weinstein aus Olmütz, aktiver Bursch der jüd.-akad. Verbindung „Unitas“ (Wien), hat für seine vor dem Feinde bewiesene Tapferkeit und kühne Entschlossenheit die goldene Tapferkeitsmedaille erhalten. Fähnrich Paul Weinstein hat mit seiner Batterie eine Brücke vier Tage lang mit bravourösem Heldenmut und mit Todesverachtung gegen wiederholt unternommene Sturmversuche der Serben verteidigt und durch sein vortrefflich geleitetes Feuer den Serben riesige Verluste beigebracht. Der Divisionär selbst heftete vor den versammelten Offizieren und Mannschaften dem jungen jüdischen Helden die goldene Tapferkeitsmedaille an die Brust und belobte ihn in einer Ansprache für sein musterhaftes, heldenmütiges Verhalten. Einj.-Freiw. med. Dr. Julius Kraus, A. H. der „Makkabäa“ (Budapest), Assistent am dortigen jüdischen Spital, erhielt die silberne Ta p f erk e i t s m e da i 11 e I. Klasse. Aber auch die Verlustliste enthält die Namen unserer wackeren Freunde. Es starben den H el d entod: Dr. Albert Baltinester aus Czernowitz, Vetter des verwundeten Leutnant Jeremias Baltinester; Isidor Barb er, Mitglied des Jüdischen Volksvereines Wien (Leopoldstadt); Leutnant Humbert Braun, aktiver Bursch der jüd.-aka!d. Verbindung „Charitas“ (Graz); Feldwebel Berthold Frankl, Lcjdcrhändler in Göding; Rudolf Fuchs, Schriftführer des Zionististischen Vereines „Jescliurun“ in Troppau; Professor Hilf er ding, A. H. der „Zephira“ (Czernowitz), Gymnasiallehrer; Leutnant Dr. Ernst K o r e f, A. H. des „Bar Kochba“ (Prag), Vetter des vor kurzer Zeit gefallenen Prof. Alfred Kraus; Fähnrich Ernst Platschek aus Mährisch- Ostrau; Oskar Weiner, Kassier des Ersten Wiener Jüdischen Turnvereines und Korporal Josef Hermann aus Landskron, Mitglied des Cixcolo Sionistico in Triest, Bruder des Sekretärs des Zionistischen Aktionskomitees Leo Hermann. In der 'Verlustliste wird ein bekannter Wiener Gesinnungsgenosse, Arcli. Dr. Berthold Al a rm o r s t e i n, A. H. der jüd.-akad. Verbindung „lvria“, als gefallen ausgewiesen. Wie uns nun von seiner Familie mitgeteilt w'ird, befindet sich Dr. Marmorstein in russischer Gefangenschaft. Hoffentlich beruht diese Mitteilung auf Richtigkeit und somit sind auch die in verschiedenen Tagesblättem Dr. Marmorstein gewidmeten Nachrufe gegenstandslos. Wie erinnerlich, hat Dr. Marmorstein, der sich in Wiener Architektenkreisen, des größten Ansehens erfreut, anläßlich des Wiener Zionistenkongresses die Aufgabe der künstlerischen Ausstattung der Kongreßräume und der verschiedenen Veranstaltungen geradezu glänzend gelöst. Von ihm stammt auch das Kongreßplakat und das Herzlbild, das während des letzten Kongresses den Saal schmückte. Zwei bisher vermißte Gesinnungsgenossen: Dr. Alexander Kohn und Dr. Hermann Löw befinden sich in russischer Gefangenschaft, und zwrar ersterer als Arzt am Zloczower Krankenhaus, letzterer in Lemberg. Aufruf! Der Z. G. K. „Jugendbund“ hat beschlossen, allen im Felde stehenden Gesinnungsgenossen regelmäßig Liebesgaben zu senden. , Wir bitten Sie darum, uns die Fel'dpostadressen Ihrer im Felde stehenden Bundesbrüder und Bekannten baldmöglichst anher mitzuteilen. Mit treujüdischem Gruß und Hedad! Z. G. K. „Jugendbund“ Wien, VI., Hofmühlgasse Nr. 2. flrmdnambulatoFium fltdZioliist. Zehlralhomifets fBr Ü nGWHIhge. Seit Wocheh schon sind die. Arbeiten zur. Errichtung, eines Ambulatoriums ,füix die F.lüfciiilinge im Gange. Die ungünstigen Gesundheitsverhältnisse unter den Flüchtlingen, die schon in der Heimat und ,in geordneten . Verhältnissen viel zu wünschen übrig lassen, haben sich aus leicht erklärlichen Gründen noch mehr gesteigert und forderten daher gebieterisch eine energische Aktion zur Abhilfe, ln anerkennenswerter Weise hat zw'ar der Vorstand der Barmherzigen Brüder einem in dieser Angelegenheit an sie gerichteten Ersuchen der Zentralfürsorgestelle entsprochen, da aber das Barmherzigen-Spital infolge der Verwundetenpflege ohnehin schon aufs Aeußerste in Anspruch genommen war, konnte nur ein Raum für zwrei Stunden des Tages zur Verfügung gestellt "werden, doch ohne die notwendigen ärztlichen Behelfe und Instrumente. Aus diesem Grunde fand denn auch das Ambulatoriumprojekt an den maßgebenden Stellen das wärmste Wohlwollen; die Aerztekammer sowohl, wie auch die Kommune förderten die Institution, die sich eine ernste Regelung der Sanitätspflege zur Aufgabe gestellt. Diejenige Stelle aber, welche eigentlich berufen würe, alles zu unterstützen, was der Fürsorge für die Flüchtlinge dient, hat aus kleinlichen politischen Motiven der guten Sache entgegen gearbeitet, allerdings ohne mehr erzielen zu können, als daß die armen Patienten eine Woche länger als nötig gewiesen würe, auf spezialistische Hilfe warten mußten. Am 14. Dezember w'ird das vom Zionistischen Zentralkomitee für Westösterreich ins Leben gerufene Armenambulatorium im II. Bezirke, Taborstraße Nr. 20 a, der öffentlichen Benützung übergeben werden. Dasselbe w'ird nur Flüchtlingen aus Galizien und der Bukowina ohne Unterschied der Nationalität unfd der Konfession ,unentgeltlich behandeln, woferne dieselben einen Nachweis erbringen, daß sie im Genuß der Regierungsunterstützurig stehen. Das einfach, aber höchst sauber und hygienisch ausgestattete Institut umfaßt 5 Räume und Nebenräume. Es wird in demselben von einer Reihe angesehener Wiener Spezialisten, die sich nach getroffenen Vereinbarungen mit der Aerztekammer und der wirtschaftlichen Organisation der Aerzte im Interesse der ebenso humanen als patriotischen Sache unentgeltlich zur Verfügung gestellt haben, unter Assistenz einer Oberin und 12 freiwilligen Pflegerinnen zu verschiedenen Zeiten des Tages für Augenkranke, Chirurgie, Gynäkologie, Hautkranke, Interne, Kinderheilkunde, Hals-, Nasen-, Ohr- und Zahnleidende ordiniert werden. Augenkrankheiten 143—'44; chirurgische Krankheiten */■/-—>,43; Frauenkrankheiten 5—0; Hals- und Nasenkrankheiten 6—7; Hautkrankheiten (Dienstag, Donnerstag, Samstag) Vs5—J,4ö; Innere Krankheiten 1—2; Kinderkrankheiten 5—6; Ohren- und Zahnkrankheiten 8—9 Uhr früh. Es ist zu hoffen, daß die Anstalt, welche bald ein hervorragender Faktor in der Sanitätspflege der Aermsten sein wird, eine Sache, welche gerade jetzt im Interesse der Allgemeinheit dringender ist als je, von der Allgemeinheit der Wiener Bürger jene tatkräftige Unterstützung und Forderung erfahren wird, welche dieses mit vieler Aufopferung ins Leben gerufene Werk im vollsten Maße verdient. Der alte Kurs in Rußland. In Paris wurde folgende Erklärung des Auslandskomitees des Allgemeinen Jüdischen Ärbeiterbundes veröffentlicht; In einem in der „Humanite“ erschienenem Artikel über die Pflichten der Sozialisten der neutralen Länder wird dem russischen Zarismus im Gebiet der Inlandspolitik die Absicht zugeschrieben, sich auf den Boden „der Gerechtigkeit und der Zivilisation“ zu stellen. Der Zar, wirid dort behauptet, habe Polen wieder hergestellt, die Pogrome abgeschafft und die Juden seines Reiches aus der Sklaverei befreit. Diese Behauptungen widersprechen in schärfster Weise den Tatsachen. Die russische Regierung führt auch jetzt, genau wie vor dem Kriege, ihre traditionelle Politik . der Unterdrückung und Verfolgung. Nicht üm ein Jota wurde die Lage der Juden erleichtert: alle schmachvollen Ausnahmsgesetze — das Ansiedlungsgebiet, die Beschränkung bei Aufnahme in Lehranstalten uswr. —. bleiben in voller Kraft. Mit einer der russischen Regierung eigenen gehässigen Kleinlichkeit wird die Erlaubnis zum zeitweiligen Aufenthalt außerhalb des jüdischen Ansiedlungsgebietes auch solchen Juden verweigert, welche gezwungen, waren, pus Ortschaften zu flüchten, die von feindlichen Truppen besetzt wurden; gänzlich (unberücksichtigt bleibt der Umstand, daß der Krieg sich im; Ansiedlungsgebiet der Juden abspielt und die jüdische Bevölkerung neben der polnischen allen Verwüstungen und Schrecken, des Krieges .ausgesetzt ist. Nicht die mindeste Erleichterung wjird; sogar. solchen Juden zuteil, die sich ijn ativen Heeresdienst befinden und ihr Leberi für ihr „Vaterland“ hergebeh. Ihre Gesuche um ungehinderte Aufnahme ihrer - Nr. 37 Kihdfef. in..Lfehrahsiaiten, ihn;.zeitweilige Aufentnp!tsp,ewilligung.,fui; ihre Fämliien außerhalb des Jüdischen Sitdltmgs^ayonSj. wodurch älleiri diese Hungertodj: ehtgehfen könnten —. werden ihiieri , entsphieden . yenveig-ert mit . einer herzlosen Begründung,dife jedem menschlichen Enipr finden Höhn spricht: jjlh Ermarigiiing gesetzlicher Veranlassung“. , Auch ipi Verhältnis zu den Finnen ist sich die russische Regierung treu geblieben. Den besten Beweis ihrer t brutalen RacHsüchtigkeit liefert sie durch die Tatsache, daß sic sich — in den ersten Tagen des Krieges — entschieden geweigert hat, einem Gesuche nächzukommen, eine Anzahl finnischer Bürger, die für mannhafte Verteidigung' der finnischen Verfassung auf dem Verwaltungswege nach Sibirien verbannt wurden, zu „begnadigen“ und nach der Heimat zurückkehren zu lassen. Was die Polen betrifft, gibt es in Bezug auf diese vorläufig nur gewisse Versprechen des Truppenbefehlshabers, die kaum mehr wert sind als viele andere nicht minder feierliche Verpflichtungen des Zarismus, die bisher auf dem Papier geblieben sind. , Es muß noch hervorgehoben werden, daß die russische Regierung den Kriegszustand benützt, um die Arbeiterbewegung und jede oppositionelle Strömung noch grausamer als zuvor. zu unterdrücken. Sämtliche Arbeiterblätter sind sistiert wurden, die letzten Ueberbleibsel der Arbeiterorganisationen werden ausgerottet, die Leiter Her Arbeiterorganisationen werden ausspioniert und eingekerkert, rieüe politische Prozesse wurden inszeniert. Die politischen Gefangenen, Üntersuchungshäftlinge, sowie für politische Delikte zu Katorga Abgeurteilte, die in den Gefängnissen des westlichen Grenzgebietes interniert w:aren, wurden, sobald in dieses Gebiet feindliche Truppen eindrangen, schleunigst nach entfernteren Gouvernements des Reichsinnern abtransportiert, in der Befürchtung, das deutschösterreichische Militär könnte die Gefangenen auf freien Fuß setzen. Auf diese Weise ist die Behauptung, die russische Regierung habe den Weg der Reformen betreten oder sei geneigt, dies zu beginnen, völlig aus der Luft gegriffen und muß'naturnotwundig beim französischen Proletariat eine ganz verkehrte Ansicht über das wirkliche Wesen des russischen Absolutismus entstehen lassen, der tatsächlich genau wie ehedem auch jetzt die schlimmste Form der politischen Despotie bleibt. * Die russische Sdirecitensfierrsdiaif in Gaüzien. (Aus dem Briefe einer Frau aus Kolbuszowu (Galizien) an ihren Sohn in Luxemburg.) „Erst heute kann ich Dir mitteilen, daß die Kosaken drei Wochen hier wraren. Die ganze Stadt wurde beraubt, drei Juden am ersten jüdischen Neujahrstage gemordet. Als ich dies sah, bin ich mit Deinen beiden Schwestern weggefahren. Wir wollten nach Wien fahren; aber auf der Station wurde nur Militär aufgenommen. Vater blieb zu Hause und wurde von den Russen geschlagen, daß er mehr tot als lebendig wrar. Dreimal stand er in Lebensgefahr. Die Waren hatten wir in dem Keller eingemauert, die Kosaken brachen den Keller auf und stahlen alles. Wir leben fortwährend in großer Angst. Ich bin genau informiert über alles, was in Lemberg bis zum 7. Oktober vor sich gegangen ist. Da ging es den Juden noch leidlich gut. Bloß einmal fand im Ghetto eine Schießerei statt, als sich eine große Menschenmenge an- I sammelte, um einen Lemberg überfliegenden Aeroplan anizusehen. Die Russen befürchteten offenbar, daß es sich uni eine feindliche Kundgebung handeln könnte. Bei dieser Gelegenheit wurden 14 Juden (zumeist aus der Provinz) erschossen, 50 wurden verwundet. Als der Versöhnungstag heranriahte, da hieß es in Lemberg, daß das Beten in den Synagogen verboten werde. Hierauf begab sich Abgeordneter Breiter, stets ein wärmer Fürsprecher der Juden, mit derii argentinischen Konsul zum Gouverneur Bobrinsky, um eine diesbezügliche Erlaubnis zu erwirken. Der Gouverneur verlangte, daß der Oberrabbiner Braude, 'der Lemberg nicht verlassen hatte, bei ihm erscheine. Ais derselbe änkam, hätte er eine längere Unterredung mit dem Gouverneur. Vor dem Statthaltereipalais wartete auf ihn . eine große Menge, wulche von ihm" nähere Details..wissen wollte. Oberrabbiner Braude weihte jedoch bitterlich und erklärte bloß: „Fragt (mich nicht und seid ruhig.“ Am anderen Tage durfte in den Synagogen gebetet werden, es erschienen aber sehr wenig Leute.“ Die jbüisdie Presse. Der große Krieg, der sich jetzt iri Russisch- Polen‘abspielt, hat, insbesondere schlechte Wirkungen uuf die jüdische^ Presse in Rußland ausgeübt. Die Bekannten jüdischen Blätter „Haint“ und „Moment“, die bekanntlich sechs bis acht Seiten stark erschienen sind, und die größten Auflagen der russischen Presse hätten, erscheinen nunmehr bloß _zwei Seiten stark und dürteri bloß einige spärliche NäChricKteh und Depeschen vom Petersburger Telegraphenbüro ent- <111 l.miJi.lUTIIW