Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 37 (11.12.1914)
- Date
- 1914-12-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JLCISLHE zbtung NfiTIDNflL. -JUDI5CHE5 DRGF1N »Mi Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS,, O ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II-, 2irkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—. halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ gg Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. ■ Nr. 37. Wien, Freitag, den 11. Dezember 1914 VIII. Jahrgang Makkabäertage. In klarer Erkenntnis der erzieherischen Bedeutung geschichtlicher Vorgänge hat Herzl die kleinmütige jüdische Generation seiner Zeit das Heldenzeitalter der Makkabäer feiern heißen: hier wie dort brach aus einer demütigen Aneignung fremder Lebensformen und schmachvoller Unterdrückung des Nationalgefühls die leuchtende Flamme stolzen Volksbewußtseins und der freudigen Bejahung der eigenen Volksart empor. In ungezählten Makkabäerfeiern wurde dieser Vergleich von der gleichnisliebenden jüdischen Phantasie des Festredners weitergesponnen und hoch erhobenen Hauptes glaubten sich Festredner und Festversammlung würdig der gefeierten Ahnen. Es war gewiß eine Mannestat, als die ersten Bekenner der Nationalzugehörigkeit zu der verachteten und verhöhnten jüdischen Gemeinschaft ihr Bekenntnis laut und offen aussprachen; und noch mehr, als sie an die Durchsetzung ihrer Idee schritten, unbekümmert um allen Spott, den man ihnen ins Gesicht warf. Und war es anfangs hellauflodemde Begeisterung, die Herzls Jünger drängte, war es jugendlicher Ueberschwang, der sein Bekenntnis allzulaut in die Welt hinausrief und allzuoft ein Sprechen von ungekannten und jeder Realität entbehrenden Dingen, es war doch ein mutvolles Stellungnehmen gegen die gesamte Umwelt, eine Ablehnung dessen, was bisher ihr Leben ausmachte und ihre Lebensbahn bestimmen sollte. Als dann die Bewährung des Bekenntnisses im kalten, harten Licht der Wirklichkeit nöiig wurde, als es hieß, Tag für Tag das Feuer zu nähren, Schritt für Schritt bis zur Erfüllung des Zieles zu gehen, da blieb gar mancher am Wege; die Mutigen und die Echten aber gingen ihren Weg weiter, vertieften die Idee, suchten den engsten Anschluß an die Vergangenheit ihres Volkes und tauchten tief ein in die Gegenwart und machten sie laus einem nebenhergehenden Elemente ihres Daseins zum zentralen Gedanken. Stumpf und verständnislos schien das Volk die Worte der Verkünder an sich abgleiten zu lassen. Für den ehrlichen Idealismus fand sich scheinbar kein Verständnis in der materialistisch orientierten Masse der Judenheit. Zagenden Herzens mußten nur allzuoft die Sendboten der Idee an der Wirkung ihrer Verkündigung zweifeln. Aber der Jahrzehnte währende Kampf mit dem Volke um die nationale Idee hat eine neue Generation erzogen. Denn ein klaffender Unterschied besteht zwischen der Zahl der organisierten Bekenner und der Unzahl derer, auf die der nationale Gedanke [umgestaltend und richtunggebend gewirkt hat: der Stolz auf die jüdische Gemeinschaft und der Wille, sie zu bejahen, ist Eigentum des gesamten Jungenjudengeschlecht. Wer bisher an der Bedeutung des nationalen Gedankens für das jüdische Volk gezweifelt hat, der mußte überzeugt werden von den Vorgängen der letzten Monate. Die Lehre der Makkabäerkämpfe, die so oft wirkungslos gesagt zu sein schien, hat eine verstehende Generation gefunden. Als der Weltkrieg ausbrach, da ging unsere jüdische Jugend ernst und freudig zugleich zu den Waffen. Gerade ihr mußte der Krieg mit allen seinen Strapazen und dem ewigen Ringen auf Leben und Tod umso schmerzhafter sein, als sie nicht durch Tradition an das Kriegshandwerk gewöhnt war und auch nicht in Dumpfheit die Gefahr an sich herankommen ließ; der Jude weiß, was ihm droht, er sieht vor seinem Auge alle die unsagbaren Schrecknisse des Krieges, und er denkt an die Folgen, die die Kämpfe für sein Leben, seine Zukunft, seine Liebsten haben werden und doch sind unsere jungen Juden, ohne auch nur einen Augenblick zu zaudern, in den Krieg gegangen. Wir alle sind Zeugen von Szenen der Ueberwindung gewesen, die wir unserem scheinbar so wenig heroischen Volke gar nie zugetraut hätten. Der nationale Wille, die Liebe zur Gemeinschaft haben mit einem wuchtigen Schlage alle Kleinlichkeit und Ghettoart/verschwinden lassen, es sind Seiten des jüdischen Wesens sichtbar; geworden, die man niemals auch nur geahnt; hat. Aus den verweichlichten, an jede Bequemlichkeit gewöhnten Stadtmenschen, die von der durchaus geistigen Berufsarbeit zermürbt schienen, sind Männer geworden, die ruhig und selbstbewußt das Ringen um die Entscheidung aufnainneii. Das uralte M.d;-uhäerblut ist wieder wach geworden. Jenseits von jeder Rauflust und jeder Freude an roher Gewalt sind unsere jungen Juden in dem Bewußtsein in den Kampf gegangen, nicht bitterem, äußerem Zwang zu folgen, sondern dem Staate dienen zu können, der trotz allem ihnen die Sicherheit des Lebens und des Gutes geboten, der ihnen die Möglichkeit fast freier Entfaltung ihrer Kräfte und Fähigkeiten gab und gegen einen Feind zu ziehen, der mit einer Grausamkeit sondergleichen die Stammesbrüder geknechtet und getreten hat. Sicherlich ist es ein tragisches Geschick für das jüdische Volk, daß die Söhne gegen einander kämpfen müssen, aus diesem Kampf aber muß ein Sieg erblühen, der Freiheit bringt. Der Optimismus der Juden mit seinem Glauben, die Gerechtigkeit muß siegen, sieht zuversichtlich und unerschüttert dem Ausgang des Ringens entgegen; die Henker des Zarismus, die echten Russen, jene im Innersten ■ verruchte moskowitische Beamtenschaft muß das Strafgericht erwarten. Und darum haben unsere jungen Juden den Kampf für die Monarchie und damit für die Freiheit ihrer Volksgenossen mit Begeisterung aufgenommen und in den Monaten des Krieges Heldentaten vollbracht, die jedes Reden und Gezischei von der jüdischen Feigheit verstummen machen müssen; und das konnten die gleichen Leute, die „von Geburt an jeder Ehre bar“ sind. Von dem jüdischen Arzt, der im feindlichen Feuer seiner Pflicht nachgeht, bis zu dem verachteten und geschmähten galizischen Juden mit den Schläfenlöckchen, der Wunder der Tapferkeit vollbringt, ungezählte Helden, deren Namen niemand weiß und deren Taten nur durch ihre Wirkung fortleben. Die Hasser unseres Volkes und auch wir; selbst haben die Kleinlichkeit und den lebensj feigen Materialismus der Juden gescholten, wir sahen nur Unterwürfigkeit vor der Macht und dem Geld und jeder wahre Makkabäersinn schien verloren; heute aber wissen wir, daß unter dieser Asche der Heroismus der kampffrohen jüdischen Vergangenheit noch glüht und dieses Bewußtsein läßt unseren Mut und unseren Glauben an den Lebenswillen des Volkes nicht wankend werden. Makkabäer 5675. Heute darf ich den Genossen Makkabäerlieder sagen, Weil ich selbst ein Schwert getragen Und mein rotes Blut vergossen. Heute keine Siegeslieder, Heute keine Freudenkerzen, Beugt euch mit zerrissnem Herzen Zur entweihten Erde nieder. Noch ist nicht die Zeit vollendet. Noch ist nicht das Land gereinigt, Noch wird unser Volk gesteinigt, Unsere Tempel sind geschändet. Keiner festlich hellen Stuben Siebenarmig Lichterschimmern, Ueber Scherben, Schutt und Trümmer Raufen sich zerlumpte Buben. ln den weihedunklen Schulen Stampfen die Kosakenrosse, Nach dem Lied der letzten Posse Walzen zwei betrunkne Buhlen. Unter der Granaten Pochen, Die den Friedhof gut getroffen — Alle Gräber gähnen offen — Speit die Erde Totenknochen. Darum keine Siegeslieder, Darum keine Freudenkerzen, Beugt euch mit zerrissnem Herzen Zur entweihten Erde nieder. In die harten Fäuste pressen Sollt ihr fest zwei Erdenbrocken, Meine Rechte werde trocken, Könnt ich deiner je vergessen. Deiner Seufzen, deiner Tränen, Deiner Schwären, deiner Schande, Judenvolk im Polenlande, In dem Rachen der Hyänen. Wer ein gutes Schwert kann schwingen, Wer noch kann die Büchse tragen. Wer da kann die Trommel schlagen, Soll den Arm zum Opfer bringen. Wer die Berge kann bezwingen, Wen ein flinkes Roß getragen, Wer sich auf den Mast will wagen, Soll die Beine uns verdingen. Eure Künste, euer Streben, Eure festen Daseinsplätze, Eure Häuser, eure Schätze Heischen wir und: Euer Leben. Euer Leben, daß nicht sterbe Väterart und Vätererbe. Macht den Tempel wieder rein, Laßt uns Makkabäer sein! Dr. Hugo Zuckermann.