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Jüdische Zeitung · 1914-10-30 · 34 (30.10.1914) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
34 (30.10.1914)
Date
1914-10-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 herrscht nur eine Stimme der Klage über Behandlung und Kost: Zum Frühstück wird Kaffee mit einer Semmel, für die Säuglinge ein Glas Milch gereicht, all dies gut, zu Mittag aber bekommt jeder einen Teller schlediler Grießsuppe, 2 Löffel Reis oder wurmstichige Graupen (Bruchgerste mit einem dünnen Stück Brot, für Kinder in noch verkleinertem Format zum Nachtmahl Tee, wieder mit einem Brot. Nur Freitag Abend und zu Simchas Torah gab es Fleisch, nämlich 2 Schnitten Wurst. Die Brötchen wnrden uns vorgewiesen, Suppe und Graupen verkosteten wir und fanden sin kaum genießbar. Auch hier fanden sich die Strenggläubigen in ihrem" •Gewtssen bedrückt' und baten um das Bärrelutum, * um sich selbst zu verköstigen. Die Wirtin, eine Christin, suchte sehr erregt die Beschwerdeführer trotz unserer Abwehr niederzuschreien und einzuschüchtem. Hingegen bestätigte sie, Caß kranke Flüchtlinge bei ihren Versuchen, unentgeltliche ärztliche Hilfe zu erlangen, oft "brüsk, ja unter Beschimpfungen abgewiesen werden. . Nicht viel besser sind die von H. Krakauer persöhnlich verwalteten Notbaracken, nach denen sich die Armen aus der Schießstätte sehnen. Die Kost ist hier womöglich noch schlechter. Nebenan hat der Kantinör Degenfeld seinen Sitz, der die Postkarte statt um 5 h um 6 h verkauft, den Tabak statt um 16 um 18 h und Zwetschken 8 Stück per Kr. — während sonst 20—25 Stück um dissen Preis zu haben sind. Unter den Ordner wird Meschulin Schorr allseits bezichtigt, seine Schützlinge aus dem geringsten Anlaß zu beschimpfen und zu schlagen. Insbesondere bedroht er jeden, der irgend welche Aussage mache. Es ist grundsätzlich verfehlt, aus dem in Nikolsburg von der Bezirkshauptmannschaft gewidmeten Kostgeld von 55 h per Kopf die Verpflegung durch Gastwirte besorgen zu lassen, denn wer will die Grenzen für ihren Zwischengeuinn ziehen? Glücklich jene Flüchtlinge, die in den hier zahlreicher als in Gaya zur Verfügung stehenden Privatwohnungen der Judenstadt wohnen und sich selbst verköstigen oder aus den inzwischen auch hier gesammelten Spenden eineKostaufbesserung beziehen. Hoffentlich ermannen sich auch hier der Juden- Bürgermeister und der Kultusvorsteher, bilden ein Bürgerkomitee, welches das der Judenschaft entfremdete Liebeswerk an sich nimmt und, unterstützt von den answärtigen jüdischen Körpei schäften und Vereinen, im Geiste der Humanität verwaltet. Auch wird es hier noch eher als in Gaya möglich sein, die Flüchtlinge, unter denen wir intelligente, wohlerzogene und dienstbereite Männer aus den besten Klassen trafen, zur Mitarbeit heranzuziehen, Die Besichtigung der neuen Baracken, welche bald fertig werden, ist uns von Herrn Krakauer verwehrt worden. Wir erfuhren nur so viel, daß sie in Räume zu je 150 Betten geteilt sind, wobei die Betten in 3 meterweit voneinander entfernten Etagen übereinander liegen. Polirlitz mit seinem Flüchtlingslager von 6000 Juden konnten wir der jetzt so schlechten Bahnverbindungwegen diesmal leider noch nicht besuchen. Viele Beschwerdefälle haben wir zu Protokoll genommen und den zuständigen Staatsbehörden und allen interessierten jüdischen Stellen mit dem Verlangen nach Abhilfe zur Kenntnis gebracht. Das Zentralkomitee wird die Brüder in den Konzentrationslagern nicht im Stiche lassen. Unsere Tätigkeit für Oie Eliiditlinge bei Der Regierung. Die jüdischen Flüchtlinge erkennen instinktiv, wo ihnen brüderliche Hilfe winkt, wo ihnen herzlich Rat und Tat zu Diensten steht: sie wenden sich mit all* ihren großen und kleinen Leiden an uns Zionisten, an das Zentralkomitee für Westösterreich. Hunderte von Flüchtlingen besuchen uns täglich, jeder will sein Herz ausschutten in dieser schweren, traurigen Zeit und wenn wir auch nicht allen helfen können, jeder verläßt getröstet und erhoben unsere Räume. So kamen uns zahllose Beschwerden zu über schlechte Behandlung und ungenügende Versorgung, über gewaltsame Abschiebungen und unzulässige Perlustrierungen, überall griffen wir helfend ein. Uns erreichten ferner ganze Stöße von Briefen, in welchen Flüchtlinge über die SamnieJorte Nikolsburg, Polirlitz und Gaya verschiedene Klagen führten. Auch dies erforderte unsere Fürsorge und wir suchten den Ansprüchen gerecht zu werden. Da möglichst rasche Hilfe nottat, setzte sich das Zentralkomitee mit der Regierung ins Einvernehmen und sandte eine Abordnung, bestehend aus den Gg. Dr. Karl Poliack, Dr. Leopond Plaschkes und Dr. Max Bernhardt am 16. Oktob. in die wirtschaftliche Sektion des Ministeriums des Innern, dem die Flüchtlingsfürsorge obliegt, um dort mit dem Abteilungsvorstand mehrere konkrete Fälle ungerechtfertigter Perlustrierungen in Wien und zwangsweise Abschiebungen nach Gaya zu besprechen und künftige Wiederholung solcher Vorfälle zu vermeiden. Herr Sektionsrat Dr. von Marquet unterhielt sich mit den Mitgliedern der Abordnung angelegentlichst über alle einschlägigen Fragen der Flüchtlingsfürsorge und versprach die gerügten Mängel Montag, den IS. Oktober abzustellen. Wir konstatieren mit Genugtuung, daß uns seither kein Fall einer Musterung von Wohnungen am frühen Morgen JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 34 oder -einer gewaltsamen Entfernung jüdischer Flüchtlinge aus Wien zur Kenntnis gelangt ist. Bei dieser Rücksprache informierte der Referent. auch über die Absichten der Regierung bezüglich der jüdischen Sammellager, gab" der am selben Abend nach den Konzentrationsstätten abgehenden zionistischen Studienmission zweck- 1 dienliche Winke und . wertvolle Ratschläge, ersuchte um eingehenden Bericht über die Ergebnisse der Reise und bat um Durchführung ganz bestimmter Erhebungen" zur Information des- Ministeriums. Nach Rückkehr der Kommission begaben sich die Mitglieder derselben, die Gg. Bernhardt, Dr; Plaschkes und Taussig am 20. Oktober ungesäumt zur unmittelbaren Berichterstattung ins- Ministerium, besprachen mit Sektionsrat von Marquet ihre teils günstigen, teils höchst ungünstigen Wahrnehmungen und erstatteten Vorschläge we- . gen Abhilfe der Uebelstände. Der Referent nahm die Mitteilungen der Herren zur Kenntnis, sicherte in den meisten-Punkten schnelle Abhilfe, zu und wünschte nur die genaue schriftliche , Angabe der Forderungen und Vorschläge, damit eine sichere Grundlage für die weitere Amtshandlung gegeben sei. Diese Niederschrift wurde am 23. Oktober von einer Deputation in Nikolsburg unterge - brachter Flüchtlinge unter Führung unserer Gg. Dr. Kari Pollack und Dr. Egon Zweig im Ministerium überreicht. Aus dem Inhalte dieses Memorandums nennen wir folgende wichtigsten Forderungen : 1. Gewährung einer gewissen Autonomie an die Flüchtlinge durch Einsetzung aus ihrer Mitto von ihnen zu wählender Delegaten, welche den bisherigen Fürsorgekomitees, bezw. den Leitern der Barackenlager mit beratender und beschließender Stimme beigegeben werden. 2. Abschaffung der, „Erlaubnisscheine“ zum Betreten der Stadt und die Auswahl geeigneter Ordner und Ordnerinnen unter Mitwirkung der Delegierten. 3. Die von der Regierung wie bisher anzuschaffenden Viktualien sind portionenweise an die Flüehtlingsfamilien in den Baracken auszuteilen und diesen die Zubereitung selbst zu überlassen, in den Städten aber die Barbeträge pro Kopf und Tag auszufolgen. 4. Ernennung, bezw. Entsendung einer entsprechenden Zahl von Amtsärzten, welche ausschließlich mit der unentgeltlichen Behandlung der Flüchtlinge und mit der sanitären Ueberwachung in den Lagern und Quartieren befaßt - sein sollen. 5. Durch Aufführung dünner" Scheidewände und Anbringung von. Vorhängen zwischen den einzelnen Familien angewiesenen Barackenplätzen und Absonderung der alleinstehenden Personen nach Geschlechtern (auch durch Absonderung der Klosetts nach Geschlechtern) wäre für die Hebung der Sittlichkeit zu sorgen. 6. Das k. k. Ministerium wolle einen mit allen Vollmachten ausgestatteten Beamten ehestens nach den mährischen Konzentrationslagern entsenden und zwar unter Zuziehung je eines Mitgliedes unserer Kommission, um an Ort und Stelle Erhebungen zu pflegen und die erkannten Mißstände im Sinne unserer Vorschläge abzuändern. Herr Sektionsrat von Marquet versprach für die Bewilligung der meisten unserer Forderungen energisch einzutreten und sagte gleich die Gewährung dtJr Autonomie, die Vermehrung der Passierscheine, die Ausfolgung des Bargeldes an die in den Städten einzeln wohnenden Familien, die Entsendung von Amtsärzten, die Erfüllung der in sittlicher Beziehung ausgesprochenen Wünsche zu und behielt sich wegen Entsendung von Amtsorganen unter Mitwirkung unserer Konunissionsmitglieder die weitere Entschließung vor. Auch mit diesen Erfolgen können unsere Brüder aus Galizien und der Bukowina, wie wir glauben, recht zufrieden sein. Im Laufe des Sonntags (24. Oktober) und des darauffolgenden Montags liefen viele Be - schwerden aus Nikolsburg ein, welche vom zwangsweisen Abscliub der in der Stadt einzeln wohnenden Familien in die neuen Baracken und von vorgefallenen Gewalttätigkeiten berichteten. Wir hielten die Mitteilungen über diese Mißstände protokollarisch fest, übermittelten diese Protokolle unter Anschluß einiger Telegramme mit einem Geleitbrief dem Ministerium des Innern und erwarten nunmehr die Nachricht über die erfolgte Abhilfe. Heute bereits konstatieren wir, daß seit Dienstag weitere Beschwerden in dieser Richtung nicht vorliegen. Soeben bekannt gewordene Klagen über rechtswidrige Rückbehaltung solcher Flüchtlinge in Gänserndorf, welche nach Wien zu Verwandten und Bekannten reisen, machen wir unter einem zum Gegenstand ernster Vorstellungen im Sicherheitsbüro der Wiener Polizeidirektion, dessen Delegierter in Gänserndorf amtiert. Wo immer uns Beschwerden angezeigt werden, bemühen wir uns, wegen sofortiger Behebung. Wir unterstreichen, daß cs uns noch stets gelungen ist, bei den Zentralstellen verständnisvolle Aufnahme zu finden. Dieses Entgegenkommen für die berufenen Vertreter der jüdischen Flüchtlinge ist aber auch dringend nötig, weil es ja Sache der Zentralregierung ist, die in diesem-Kriege so bewährten Eigenschaften der Juden, den« Patriotismus und die Staatstreue zu erhalten und sie nicht durch Mißgriffe untergeorneter Exekutivorgane herabmindern zu lassen. Die österreichische Regierungmuß endlich einsehen lernen, wieviel der Staat-den Juden in glücklichen und : schicksalsschweren Tagen za; danken hat! PL. Zionisten in FelOe. Den Heldentod1 fanden: Fähnrich Karl Fürth aus Budweis, Mitglied des akad. Vereines „Theodor Herzl“ in’ Wien. Einige Tage vor seinem Tode wurde er mit der goldenen Tapferkeits- , m e d a i 11 e ausgezeichnet. Leutnant Karl G rün b e rg e r, Bankbeamter , in Oderberg. Ausgezeichnet wurden: Fähnrich Dr. Albert Schönhof, Brünn, . Mitglied des Zionistischen Z. K. f. W. Oe., erhielt für besonders hervorragende Leistungen vor dem Feinde die Beförderung ‘zum Leutnant und die silberne Tapferkeitstnedaille 2. Kl. Dr. Erwiir Gallus, Leutnant d. R.,- k. k. Richter, wurde die Allerhöchste belobende Anerkennung für tapferes Verhalten vor dem Feinde zuteil. Der Artillerie-Reservezugsführer Karl Weißkopf wurde für seine Waffentaten auf dem serbischen Kriegsschauplatz mit der silbernen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet. Fähnrich Goldschmid, (Veritas, Brünn) erhielt die silberne Tapfcrkeitsmedaille 2. Kl. Vermißt werden: Assistenzarzt Dr. Felix O r n s t e i n, Wien und Assistenzarzt - Stellvertreter Dr. Alexander K o h n, reitende Artilleriedivision 11.) Der bisher vermißte Dr. Ernst Skutetzky gab ein Lebenszeichen von sich. Er befindet sich auf dem nördlichen Kriegsschauplätze. In serbischer Kriegsgefangenschaft befinden sich zwei A. H. der Prager „Bar Kochba“: Ing. Ernst Popper und Ernst S t r a k a. * Der Herzl-Klub eröffnet demnächst eine Reihe von Kursen (Hebräisch, Jüdische Geschichte, Zionistisches Seminar). Näheres wird in einer der nächsten Nummern dieses Blattes bekanntgegeben. * ZionistiJitie freiwillige in DenlsdilanO. Das Präsidium des Kartells jüdischer Verbindungen hat bisher zwei Listen der im Felde stehenden K. J. V.er herausgegeben. Es ist bemerkenswert, daß sich unter den 265 verzeichnten zionistischen Studenten nicht weniger als 104 Kriegsfreiwillige befinden. * Bürgerineisler Dotilor Ueisseltierger. Die Geschichte der Juden im Weltkriege wird dem tapferen Verhalten des jüdisch-nationalen Bürgermeisters der Landeshauptstadt Czernowitz ein eigenes Blatt widmen. Seiner Aufgabe, der Stadt nicht nur im Frieden, sondern auch im Krieg und Not vorzustehen, vollauf bewußt, verharrte Bürgermeister Doktor Salo W e i!s s e 1 b erge r, auch als die Russen von der Stadt bereits Besitz ergriffen hatten, auf seinem Posten. Sein mutiges und mannhaftes Wesen flößte selbst dem Feinde Respekt ein — er weigerte sich z. B. den Befehl auf Entfernung des Doppeladlers vom Rathause auszuführen — und wendete ein böses Schicksal von der Stadt ab. Dr. Wefsselberger wurde später nach dem Innern Rußlands abgeschoben und befindet sich z. Z. in Kiew. Galizlulte Elürtillinge in Polirlitz. Unsere armen geflüchteten Volksgenossen in Pohrlitz sind igut aufgehoben. Nicht nur die brave Judenschaft des Ortes, auch die deutsche Bevölkerung der Gegend, die überaus mildtätig ist, sorgt für ihr Wohlergehen. Rührende Geschichten werden über das Verhalten der Dorfbewohner erzählt. So z. B. sammelte eine Bäuerin 100 Liter Milch, als sic hörte, daß nach Pohrlitz jüdische Flüchtlinge kämen und erkundigte sich beim Rabbiner, wie die Milch gekocht werden müsse, 'damit (die Flüchtlinge sie genießen können. Als die armen Leute in Pohrlitz ankamen, erhielt jeder von ihnen einen Viertelliter warme Milch. Einige Flüchtlinge tun bei der Weinlese und Rübenkampagne in der Gegend von Pohrlitz tüchtig mit und die Bauern sind mit ihnen derart zufrieden, daß sie bei den Behörden um die Weiterbelassung der Juden baten, als sie hörten, daß diese die Dörfer verlassen sollen. *>

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