Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 34 (30.10.1914)
- Date
- 1914-10-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZEITUNG KHC NRTIDNFIL -JUDI5CHE5 ORGAN WM rrrrm Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS« MWrWnn ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II.» Zirkusgasse Nr. 33. — Sprechstunden ■ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ H reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. * ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. ■ Nr. 34. Wien, Freitag, den 30. Oktober 1914 VIII. Jahrgang Die mährischen Flüchtlingslager. Das zionistische Zentralkomitee für Westösterreich hat bekanntlich den in Wien einlangenden jüdischen Flüchtlingen seine Fürsorge u. a. dahin angedeihen lassen, daß es durch zionistische Parteiangehörige Tag und Nacht den Bahnhofdienst versieht. So erfuhr das Zentralkomitee zuerst von jener Anordnung der Regierung, nach dem 27. September seien weitere Flüchtlinge nach dem überfüllten Wien nicht zuzulassen und die hieher aus Ungarn abgedrängten österreichischen Staatsbürger sofort vom Ostbahnhof nach den Konzentrationslagern in Nikolsburg, Pohrlitz und Gaya abzuschaffen. Da die so Betroffenen sich wehrten und darauf verwiesen, die dortigen Zustände seien überaus trist, beschloß das Zentralkomitee, die Berechtigung dieser Gerüchte zu überprüfen und, wenn irgend möglich, auf die Flüchtlinge beruhigend einzuwirken. Sonntag, den 18. Oktober fuhr — mit Ermächtigung der zuständigen Ministerialstelle — unsere" Kommission, bestehend aus den Gg. Ing. Bernhardt, Dr. Plaschkes, Revisor Taussig und Dr. Zweig, zunächst nach Gaya und machte den Lokalbehörden ihre Aufwartung. Dann wurden vor- und nachmittags alle in- und nächst der Stadt von Flüchtlingen belegten Ubikationen genau besichtigt. Am Abend war dann unserer Kommission freundlich Gelegenheit geboten, ihre . Wahrnehmungen und Anregungen dem versammelten jüdischen ®ürgerkomitee .Vorzutragen, welches in Gaya fast die ganze Fürsorgetätigkeit für die Flüchtlinge — sogar einschließlich des Meldewesens — versieht. Dieses Komitee war sofort, als der erste Zug mit Flüchtlingen — übrigens selbst für die Behörden überraschend — in Gaya einlangte, unter Leitung der Herren Bürgermeister Klein, der politischen Judengemeinde als Obmannes, Gemeinderates J e 11 i n e k und Feuerwehrkommandant Sign». Mandl als Stellvertreter spontan zusammengetreten, um das Los ihrer armen versprengten Brüder nach Möglichkeit zu lindern. Dies war umso erfreulicher, als die nichtjüdische Bevölkerung dem Zuzug wenig isympatisch begegnete. Doch 'sei schon hier lobend des Bezirks-Gendarmerie-Wachtmeisters Josef Gröschl, dessen Tätigkeit bei all seiner militärischen Strammheit die dankbare Anerkennung des Komitees und der Flüchtlinge selbst gefunden hat, und des klerikalen Dorfes Milotitz mit seinem Pfarrer gedacht! Das jüdische Bürgerkomitee hatte sich die Unterbringung, die Verpflegung und den Rechtsschutz der Flüchtlinge als Hauptaufgaben gestellt. Letzteren besorgt ein Subkomitee, welches die Personaldaten der Flüchtlinge aufnimmt und sichtet, um Handwerkern Arbeit, um Frauen eingerückter Soldaten den Staatlichen Unterhaltungsbeitrag. zu ver - schaffen etc. Obmann ist hier Dr. Czuczka, während H. Hausner die Buchhaltung und die Herren Otto und Emst Hayek die Kassa führen. Zur Verpflegung stehen dem Komitee aus staatlichen Mitteln per Flüchtling 45 Heller zur Verfügung, da die Bezirkshauptmannschaft von den normierten 70 h als Amortisationsquote für den noch zu erwähnenden Barackenbau 15 h und weitere 10 h als Reserve einbehält, ferner eine Kostverbesserungsquote, welche aus den zunächst von den Gayenser Juden aufgebrachten Geldspenden entnommen wird. Die Familien in den Privatwohnungen bekommen das Kostgeld ausbezählt, jenen in den Massenlagem wurden bisnun gemeinsam ausgekocht. Die Unterbringung der Flüchtlinge erfolgte nämlich entweder in den [meist von Juden gratis oder gegen 'Bezahlung bereitgestellten Privatwohnungen, ferner in Massenlagern der Stadt, denen je ein Lagerkommandant vorsteht, endlich in einzelnen Dörfern der Umgebung bis Zu eineinhalb Stunden Entfernung. Insgesamt umfaßt das Konzentrationsgebiet von Gaya an 2000 Zuwanderer. Daran gemessen, ist erst Aufgabe und Verdienst der keineswegs wohlhabenden Judenschaft von Gaya mit ihrem bloß 700 Seelen zu würdigen. Und nun ein kurzer Rückblick auf die Massenlager. Im Gartensalettl des Hotels „Zälozn a“ lagern unter dem Kommandanten Neugebauer und seinem aus den Flüchtlingen gewählten Adlatus Wolf T e f f n e r 72 Personen, darunter 27 Kinder. Der Luftraum von 6 m3 per Kopf ist genügend. Längs der Wand sind Strohschütten, im freien Mittelraum führt Frl. Elsa Czuczka die Küche. Zum Frühstück gibts Thee oder Kaffee, mittags eine Suppe und Reis mit Erbsen oder Reis mit# Bohnen, zweimal die Woche auch Fleisch, zum Nachtmahl Thee mit Erdäpfel und per Kopf und Tag einen halben Brotstritzen. Aehnlich ist die Kost in den anderen Lagern. Die Stimmung ist hier recht zufrieden. Das Jaroschauer Biermagazin — Kommandant Heinrich G ö t z — birgt in einem 40 Schritt langen und 10 Schritt breiten holzgedielten Raum, zu dem mar, auf unversicherter Hoizsteige gelangt, etwa 240 Flüchtlinge, die einzelnen Familien durch Holzleisten voneinander" und dem Mittelgang abgegrenzt. Hier wurdgp schon einigen strengorthodo’ien Familien Sondi#-^ kochherde bewilligt. Es herrscht scharfe Zugluft. Höchst unsanitär, ja zumal für Kinder lebensgefährlich sind die 2 provisorischen Klosetts, holzumschalte Gruben mit einem schwankenden Brett zum Aufhocken.. davq_r_„ _ Die Fabrik Vlcek — Kommandant Theod. Sonnenschein — beherbergt in 12 meist recht beengten Räumen, in denen zum Teil noch Maschinen stehen, insgesamt 250 Personen. In einem kleinen Verschlag haust eine Frau mit 6 kleinen Kindern. Hier wie fast überall fehlt es an jeder Sitzgelegenheit. An den Türen hängt je ein Verzeichnis der Insassen mit dem Namen des gewählten Zimmeraufsehers, eine kluge Anregung zur Selbstverwaltung, wofür die Flüchtlinge anch sichtlich dankbar sind. Einige kleine Idylle! Auf Nr. 14 arbeitet ein polnischer Schustermeister Fuchs mit von einem Nikolsburger Kollegen entlehnten Werkzeugen und 2 Gehilfen für die Flüchtlinge, die dafür bezahlen. Im Fabrikshof wird gerade ein Dunghaufen — von früher her — entfernt. Auch im Gartensaletl des Hotels „Schwarzer Adler“ sind die dort in einem größeren und einem kleinen Raum eng genug untergebrachten Flüchtlinge leidlich zufrieden. Geradezu unmöglich ist die Unterkunft in der unterirdisch liegenden Tenne der Holzfabrik Mandl. Diese besteht aus zwei luft- und lichtlosen Räumen von je einer Glühlampe erhellt, durch einen Gang vcn bloß Meterhöhe verbunden. Hier liegen auf von Stroh notdürftig verkleidetem Asphaltboden 72 Personen. Die Wände triefen, es fröstelt schon tagsüber. Wir stoßen auf den fiebernden 84jährigen Abr. Mostler, der sich weigert, auszuziehen, wenn nicht auch seine Familie mitkommt. In der Glashütte der Glasfabrik Reich hingegen, dem letzten großen Lager, dringt helles Licht durch die Scheiben in den steingepflasterten Saal. Die ursprünglich krasse Ueberfüllung ist nach der von der Gendarmerie besorgten Deportation Unzufriedener in die Dörfer etwas gelindert. Die Beschwerden richten sich vornehmlich gegen die ungenügende und unschmackhafte Kost und erklären sich wohl daraus, daß Frau Direktor Bock bisher versucht ‘hatte, mit den 45 h staatlichen Kostgeldes auszulangen. Schließlich beschloß das Komitee den Bedenken der Strengorthodoxen entgegenzukommen, indem diesen durch Auszahlung von Barreluten die autonome Küchenführung ermöglicht werden soll. Eine Besserung der Unterkunftsverhältnisse ist durch die Anfang November zu gewärtigende Fertigstellung von 14W:nter-Baracken zu erwarten. Auch hier sind Flüchtlinge als Hilfsarbeiier beschäftigt Wir schieden von Gaya mit dem frohen Bewußtsein, daß dort jüdische Männer im besten Sinne des Wortes all ihre Kraft daran setzen, den galizischen Brüdern zu helfen. Die unvermeidlichen Schwierigkeiten und Härten der so überraschenden Einquartierung werden sich mit Geduld und gegenseitigem Vertrauen allmählich überwinden lassen. Montag, den 19. Oktober fuhren wir nach N i k o 1 s b .u r g weiter, wo wir wie auch in den Dörfern ringsum 6000 Flüchtlinge konzentriert wußten. Mit hochgespannten Erwartungen näherten wir uns der romantisch gelegenen S‘adt, die noch vor wenigen Jahrzehnten als größte judengemeir.de Mährens, ja noch weiter zurück als Sitz des Landesrabbinats und Hochscuule jüdischer Wissenschaft weitberühmt war. Unterwegs erzählte uns ein schmucker Judenjunge in der kleidsamen Tracht der galizischen Mittelschüler, seine Eltern wohnen auf eigene Kosten in Untertamowitz und arbeiten gleich vielen anderen Flüchtlingen in den Feldern und Weingärten. Die deutschen Bauern seien fast durchwegs gutartig. Dies hörten wir auch weiterhin immer wieder bestätigt, was umso rühmlicher erscheint, als diese Gegend einen christlichsozialen Wahlbezirk bildet. Wir Juden wollen Böses und Gutes, das uns in diesen Tagen wiederfährt, nicht vergessen! Drum Heil jener biederen Bäuerin in Urspitz, welche auf die Nachricht vom Nahen der flüchtigen polnischen Juden von Haus zu Haus Milch sammeln ging, sie abkochte und als Willkommgruß darbot! Gerne sei auch der Bürgermeister von Polau und Paardorf gedacht, die bei der Bezirkshauptmannschaft deponierten, ihre Bauern seien mit der jüdischen Einquartierung wohl zufrieden und möchten sie auch nach der Ernte nicht missen. Umso schmerzlich wurden wir von den Ver-. hältnissen in der Stadt Nikolsburg enttäuscht. ln der schönen breiten Judengasse wimmelte es von Flüchtlingen, die sich mit Beschwerden an uns herandrängten und vor der Kanzlei der polnischen Judengemeinde hörten wir den Bürgermeister Herrn Franz Deutsch mit harten Worten die zudringlichen Bittsteller zurückscheuchen: die Ausgabe von Kleider und Wäsche sei heute sistiert. es fehle jede Uebersicht, wer schon bekommen habe, wer nicht-Schon hier trafen wir, wie später überall, auf eine gereizte ja erbitterte Stimmung, welche dem anderen Teil ruhiges Gehör und Gerechtigkeit nicht gönnte. Schuld daran trägt unseres Erachtens, daß hier — ganz im Gegensatz zu Gaya — nicht vom Anfang an ein jüdisches Bürgerkomitee die Unterbringung und Verpflegung der Flüchtlinge an vertraut bekam. Und doch hätte dies einer Gemeinde mit immerhin noch 1200 Seelen wohl angestanden! Diese Agenden waren aber von der Bezirkshauptmannschaft Herrn S. Krakauer zugewiesen worden, welcher einer solchen Riesenaufgabe allein nicht gewachsen sein konnte. Er bestellte zwar aus den Flüchtlingen O dner, scheint aber dabei eine sehr unglückliche Hand gehabt zu haben, denn diesen Ordnern, meist junge Burschen, wurde allenthalben jede Art Bedrückung gegen ihre Brüder nechgesagt. Da auch das Aufgebot von Landsturm und Gendarmerie die steigende Empörung nicht eindämmen konnte, ließ sich Herr Krakauer zur Deckung gegenüber der Oeffentlichkeit von diesen seinen Ordnern ein Wohlvei haltungszeugnis aussiellen und es in der Wiener Tagespresse einrücken. Alle Flüchtlinge protestierten gegen dieses Mätzchen und mit vollem Recnt. Daß die Zustände dort sehr ungesund sind, erhellt schon daraus, daß Besuche von auswärts nicht genehm sind. Nach dem Besuch durch Herrn Dr. Schwarz-Hiller fügte es sich, daß Tags darauf — offenbar aus Strafe für die „Angebereien“ — kein Mittagmahl gereicht wurde, mit der Begründung, die Köchin wolle nicht kochen! Und kaum war unsere Kommission fort, wurde jeder weitere Besuch durch Herrn Krakauer strengstens verboten. Hinter dem „guten Ort“, den wir mit scheuer Ehrfurcht vor den hier ruhenden Großen Israels durchquerten, befindet sich die S c h i e ß s t ä 11 e, das erste Massenquartier unter Leitung des Herrn Schey. In einem Parterrezimmer und im mäßig großen Saal des ersten Stockes liegen die Elüchtlinge eng gedrängt auf schmutzigem, seit Wochen nicht gewechselten Stroh, im Saal allein — es ist kaum glaublich — ihrer 340! Kein Wunder, daß alte und kranke Leute uns vorjammerten, sie können derart zusammengepreßt, inmitten des Weinens so vieler Kinder, von Ungeziefer geplagt, nicht schlafen. Auch