Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 31 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 31 ..Die Reformer fadbeh. gewiß recht' gefühlt; sie-^mußten furchten. Wir aber hoffen, ..was sie beängstigt' hat;-" mehr noch, wir wissen; daß gerade in unseren schweren Tagen, da die 1 Seelen-' empfänglich: gemacht wurden für . das Große und Höhe, in 'manchem Juden reine Ahnung einziehen wird vom wahren W erte des Volkstums,, von seinem Recht auf Verantwortung’ jedes- Einzelnen und von der peinigenden Notdes jüdischen Volkes, das hilflos in die Zukunft schaut; weil seine- Söhne noch immer nicht den Sinn des 9. Ab. erfassen. w. st. Oie flofgaboi 4» jüNftben Iura«® fdiait in Weslösterreidi. ' Von Dr. Sdnnenfeld (Brünn).*) In keinem Lande (wird die Bedeutung der nationalen Turaerschaft so leicht anerkannt werden können, wie bei uns in Westösterreich. Hier, wo auf einem verhältnismäßig engen Territorium 8 Nationen aneinander schließen und zu immerwährenden nationalen Reibungen durch den nationalen Daseinskampf gezwungen werden, kann erst der völkische Erziehungswert der Turnvereine zum Vorschein kommen. Wie im Staatenleben jeder Einzelstaat bemüht ist, aus dem allgemeinen wirtschaftlichen und kulturellen Wettstreite für sich selbst die größten Vorteile Zu ziehen, seine .politischen Grenzen auf Kosten der anderen Staaten zu erweitern, wobei die jeweilige militärische Machtentwicklung den Ausschlag für den politischen und damit auch Wirtschaftlichen und kulturellen Erfolg zu geben berufen ist, so sehen wir auch zwischen den einzelnen in Westösterreich lebenden Nationen auf allen Gebieten des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens den heftigsten Kampf toben, können auch hier die Erscheinung beobachten, wie jede Nation ihr nationales Geltungsgebiet zu erweitern sucht und werden feiner den sicheren Nachweis erbringen können, daß die Stoßkraft der einzelnen Nation Von ihrer Wehrkraft, von ihrer Organisation 'in Tum verbänden abhängig ist. Die Organisierung nationaler Widerstandskraft und nationaler Eroberungsfähigkeit in den Tumverbänden der einzelnen Nationen Westösterreichs verleiht diesen Organisationen ihre große völkische iBedeutung. Um nur ein Beispiel anzuführen: Mit der Ausbreitung der deutschen Turnbewegung erstarkte in dem1 bisher feudal, anationaf regierten Oesterreich der Einfluß des deutschen Bürgertums. Mit der Zahl der deutschen Turnvereine stieg auch jährlich die Zahl germanisierter Staatsbürger, so daß es fast den Anschein hätte, als ob aus dem national Zerklüfteten Westösterreich ein einheitlich deutsches Gebilde entstehen werde. Diese langsame Germanisierung dauerte aber nur so lange, bis auch die anderen Völker Westösterreichs, insbesondere das tschechische Volk die große Bedeutung des Tum Wesens für die nationale Selbsterhaltung erkannten und dieser Erkenntnis Rechnung tragend sich eigene Turnvereine schufen. Im tschechischen „Sokol“ wurde das erste wirksame Bollwerk gegen die Germanisierung der Tschechen gelegt und bald entwickelte sich, wie bei den Deutschen, so auch bei den Tschechen die Institution, die zunächst nur die eigene Kultur und Nation Zusammenhalten und stärken sollte, zu einer scharfen Angriffswaffe im nationalen Kampfe. Heute können wir bei allen westösterreidiischen Nationalitäten diesen Entwicklungsgang der nationalen Tum- und Sportvereine als abgeschlossen betrachten und es ist uns auch schon möglich, ein historisches Urteil über die Bedeutung derselben für die betreffende Nation zu gewinnen. Sie sind die Grundfesten jeder nationaldemokratischen Entwicklung geworden und die ehernen Pfeiler, auf denen sich das mojdeme nationale Kulturgebäude aufbaut. Den Juden Westösterreichs war die Bedeutung der Tumerei für Gesundheit und körperliches Wohlergehen nicht entgangen und sobald sich ihnen die Möglichkeit bot, traten sie den bestehenden Turnvereinen bei, woselbst sie als wünschenswerte Assimilatiönsprojekte und als eifrige, wohlhabende Mitarbeiter bald geschätzt waren. So finden wir im nationalen Westösterreich unter den Vorkämpfern des Tumgedankens Juden, bis der liberalen Epoche in Westösterreich ein Ende gemacht wurde und mit dem Eindringen des Gedankens, daß die Juden Fremdlinge seien, ein langsames Hinausdrängen der Juden aus jenen Vereinen, welche Gewicht auf ihre nationale Reinheit und Wirksamkeit legten, erfolgte. Dieses Judenreinmachen der nationalen Turnvereine ist nunmehr fast ausnahmslos durchgesetzt, nicht zumindest selbst herbeigeführt . . *) Aus einer der jüngsten Numtnern der „Jüdischen Monatshefte der Juden und Sport“. JÜDISCHE ZEITUNG du^ch unsere judenheft, die durch das Anwachsen der nationalen Strömujng im’ eigenen Lager bewogen wurde, sich von fremdnationalen Organisationen immer mehr zurückzuziehen und die endlich einzusehen beginnt, daß die Zugehörigkeit zu dem einen oder anderen nichtjüdischen Turnvereine, speziell in gemischtsprachigen Gebieten, das Judentum nicht nur kulturell, sondern auch wirtschaftlich schwer schädigt. .Während so die Juden Westösterreichs teils aus eigener Initiative, teils gedrängt durch antijüdische Tendenzen aus den Turnvereinen der anderen Nationalitäten allmählich schieden, den aber in fremdnationalen Vereinen gebliebenen jüdischen Turnern' die ihnen trotz aller Zurücksetzung abverlangte Mitarbeit immer lästiger fallen mußte, trat die neubegründete „Jüdische Turnerschaft“ werbend auf den Plan. Die Jüdische Turnerschaft hat, wie der Name schon voraussehen läßt, das Turnen als Mittel und die körperliche Kräftigung der Juden zur Stärkung der jüdischen Nation als Endziel in ihr Programm aufgenommen und von diesem Ge: 1 .htspunkte aus lassen sich nun die Aufgaln der Jüdischen Tumersdraft in Westösterreu.i am besten betrachten. Die Jüdische Turnerschaft hat nach ihrem Programm als Endzweck: die nationale Erziehu.:.j der Juden. Diese Erziehungsaufgäbe beschränkt sich nur sch inbar auf die leibliche Erziehung der Juden: in \7ahrheit wirkt sie auch auf Seele und Charak uv Körper und Geist sind nicht zu trennen: wev der Körper gekräftigt wird, wird die SeeJ.; gestählt; wenn der Jude sich gewöhnt, aufrecht hodh erhobenen Hauptes zu gehen, dann wird auch gerader Sinn und Charakterfestigkeit : den Grundzug seines inneren Menschen bilden. Nur wenn solche systematische, auf Körper und Charakter gleichmäßig wirkende Erziehung in dem vollen Bewußtsein geleitet wird, daß mit dem Körper jedes Juden gleichzeitig auch1 ein Teil unseres alten Volkes aufgerichtet wird, daß wir in jedem körperlich, geistig und' moralisch gekräftigten Juden einen starken Kämpfer für unser Volkstum gewinnen — wird erst jene nationale Erziehungsarbeit geleistet, die unserer Mühe wert ist und die bestimmt ist, unser : Volk von dem Marasmus, der ihm innewohnt, zu befreien. Auf Körper und Geist muß unsere nationale Erziehungsarbeit gerichtet sein. Denn in dem schweren Kampfe der rivalisierenden Völker kommen wir mit seelischem Geistesädel allein nicht durch: wir müssen auch körperlich sta,rk sein, damit wir den Anforderungen des; uns umgebenden, auf uns einstürmenderi Daseins- : kampfes gewachsen sind. Während es bei den andersnationalen Tum- und Sportvereinen als selbstverständlich erscheint, daß in ihrer Mitte nationale Arbeit gepflegt, daß nationale Arbeit geleistet wird, ist dies den Mitgliedern in unseren jüdischen Vereinen noch lange nicht geläufig. Verfolgen wir die Gründung unserer meisten Vereine und deren Entwicklung, so bemerken wir wohl, daß die Gründer ein paar beherzte 'Nationaljuden sind, daß aber die große Masse der Mitglieder im jüdischen Turnvereine national zu denken und zu fühlen erst gelehrt werden imuß. Der Eine komtnt aus konfessionellen Gründen zu un's, der Andere aus persönlicher Anhänglichkeit an gewisse Vereinsmitglieder, der Dritte, weil ihm vielleicht die Halle des1 jüdischen Turnvereines am1 günstigsten gelegen ist, endlich der Vierte, gedrängt von einem nationalen Unterbewußtstem, über dessen Wesen er sich selbst nicht klar ist. Alle diese Elemente finden sich kl jedem unserer Vereine, und es ist klar, daß wir dafür Sorge tragen müssen, daß dieses Konglomerat von Judentypen nach und nach nationalisiert werde. Prinzipiell muß festgestellt werden, daß in die Vereinsleitungen hur wirklich nationalbewußte Mitglieder kommen dürfen. Laue Elemente sind fernzuhalten, da sie nur retardierend auf die Nationalisierungsarbeit unter den Mitgliedern wirken und vielleicht auch durch ihr Auftreten nach außen hin den Verein in zweifelhaftes Licht stellen könnten. Ist sich die Leitung der nationalen Bedeutung ihres Vereines bewußt und von ihrer eigenen nationalen Aufgabe durchdrungen, dann wird es ihr sicherlich gelingen, durch planmäßige Arbeit das schlummernde Nationalgefühl der gesamten Mitgliedschaft zu höchster Aktivität zu wecken. Ich selbst erachte Vorträge in Zyklusforin aus den Gebieten der jüdischen Geschichte und Literatur, des Zionismus usw., ferner Diskussionsabende über allgemein jüdische Fragen, gegebenenfalls an der Hand aktueller Zeitungsnachrichten, für ganz vorzüglich geeignet, vorerst das Interesse für das Judentum zu heben, späterhin das einzelne Vereinsmitglied selbst zur tatkräftigen Mitarbeit in unserem1 Sinne herarizuziehen. — Selbstverständlich1 dürfen solche Vortragszyklen, deren Programm' alljährlich zu Beginn der Herbstsaison festgelegt werden soll, nicht Stückwerk bleiben, indem1 sie wahllos durchgeführt werden, sie sollen vielmehr einander inhaltlich ergänzen und das! ganze moderne jüdische Leben zum' Gegenstände haben. — Auch hebräische Sprachkurse werden geeignet sein, das bereits vorhandene Nationalgefühl zu stärken, doch würde ich gerade auf diesem Gebiete allzugroßen Radikalismus jetzt nicht empfehlen; die Liehe zur hebräischen Sprache als Nationalsprache muß und wird sich von selbst aus dem erwachten Nationalgefühl entwickeln, sie soll und darf nicht künstlich angefacht werden. Hingegen wird es notwendig sein, daß Wir das nationale hebräische Kommando einführen, und dies schon aus Zweckmäßigkeitsgründen, da wir ja sahen, daß ohne ' einheitliche Kommandosprache die Durchführung einer turnerischen Veranstaltung der jüdischen Gesamtturnerschaft zumindest erschwert, ja vielfach geradezu unmöglich gemacht wird. Durch Belehrung und durch eigenes Beispiel müssen wir unsere Tumerschaft zur Opferwilligkeit erziehen. Idelle und materielle Opfer müssen 'die Träger jeder nationalen Bewegung aut sich nehmen und es wird die Kraft der nationalen Idee immer im Verhältnis zur Opferwilligkeit ihrer Verfechter stehen. Nur wer auch imstande ist, sein persönliches Ich der Volksidee zum Opfer zu bringen, wird ein vollwertiger Kämpfer in unserer Renaissancebewegung sein. Je größer die Zahl aber dieser Opfermutigen ist, desto näher kommen wir unserem Ziele. Rußland uns die Juden*) Von Kurt Ar am. Die Grundlagen der Judengesetzgebung datieren aus der Zeit Alexander II. Danach besaßen alle Juden, die russische Untertanen waren, das Wohnrecht in den 10 polnischen und in 14 angrenzenden Gouvernements. Das erscheint auf den ersten Blick gar nicht wenig. Das Bild verändert sich aber, wenn man weiß, daß Rußland rund 90 abgeschlossene Verwaltungsbezirke (Gouvernements und Provinzen) zählt. Schon, damals besaß also das Gros der Juden nur in etwa einem Viertel Rußlands das Wohnrecht. Aber damals wurde es mit diesem Gesetz noch nicht sehr genau genommen, und die Polizei drückte beide Augen zu. Für ganz Rußland besaßen offiziell nur vier Kategorien von Juden das Wohnrecht. 1. Die jüdischen Kaufleute erster Gilde samt ihren jüdischen Geschäftsangestellten und ihrem jüdischen Hauspersonal. Kaufleute erster Gilde aber sind solche Kaufleute, welche jährlich 800—1000 Rubel Handelssteuer, Zahlen.: 2. Juden, die eine Hochschule absolviert haben, jüdische Pharmazeuten, Apothekergehilfen, diplomierte Zahntechniker, geprüfte Feldschen jüdische Hebammen und jüdische Studenten. 3. Jüdische Handwerker und Handwerkslehrlinge Während der Lernzeit. 4. Jüdische Soldaten nach ihrer Dienstentlassung. Es gibt auch noch eine 5. Kategorie, die bis auf den heutigen Tag alle nur wünschenswerte Bewegungsfreiheit im ganzen heiligen Rußland beisitzt, |die aber stets schamhaft Verschwiegen \vird, die Kategorie der Prostituierten, die der Russe gerne „gelbe Damen“ nennt, weil4 die Polizei ihnen ein gelbes Ausweispapier ausfertigt. Dieser Berui gilt der Polizei offenbar als eine besonders zuverlässige Stütze ihres Systems, denn er ist unter aßen Berufen derjenige in Rußland, der relativ am wenigsten polizeilichen Schikanen ausgesetzt ist. Seit dem Jahre 1882 erfahren nun die „Grundlagen“ der Judengesetzgebung immer seltsamere Auslegungen durch die Erläuterungen des Petersburger Senats, der höchsten Instanz russischer Gesetzauslegung. Die Tendenz, den Juden das Leben in Rußland zur Tortur zu machen, wird immer offenkundiger und nimmt immer krassere Formen an. Daran hat das Oktobermanifest Nikolaus II. vom Jahre 1905 nichts geändert. Der finstere Geist PobedonosCews geht um und scheint wirklich nicht früher Ruhe finden zu können, als bis der Zustand erreicht ist, der Pobedonoscew als Idealzustana vorschwebte: daß nämlich ein Drittel der russischen Juden getötet werden soll, und das zweite Drittel zur Auswanderung gezwungen werden, damit dann der Rest, gegen zwei'Millionen, von hundert-Millionen Rus-, seji assimiliert werden kann, ohne daß die russischen Lämmer dabei Schaden nehmen an ihrer Seele. Ganz möchte nämlich sogar Pobedonoscew die Juden nicht missen. Der wirtschaftliche Ruin Spaniens redet eine gar Zu eindringliche Sprache. Seitdem Alexander III. den Thron seiner Väter bestieg, häufen sich die „Gesetze auf allerhöchsten Befehl“, die Verfügungen der unterschiedlichen Ministerien und die Gesetzeserläuterungen des Senats, die sich mit den Juden befassen. Sie sind in diesen dreißig Jahren zahlreich geworden wie Sand am Meere, so daß sich dicke Bücher damit füllen ließen. Es gibt allein über 2000 Senatserläuterungen zu dieser *) Aus einer in der Zeitschrift „März“ erschienenen Artikelserie des publizistisch wohlbekannten Autors, der das Material auf einer jüngst unternommenen Studienreise gesammelt hat. Ausführlicher noch ist des gleichen Verfassers Buch: „Der Zar und seine Juden“. (Berlin, K. Curtius.)