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Jüdische Zeitung · 1914-07-31 · 31 (31.7.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
31 (31.7.1914)
Date
1914-07-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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* *4* Ml— Bflfif NRTIDNRL -JÜDISCHES DRERN rrrum Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Kanneliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ■ refch-Üngarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 1®.—, halbjähr. Alk. 5.—, Vierteljahr. “ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. ■ Nr. 31. Wien, Freitag, den 31. Juli 1914 VIII. Jahrgang OuterreiA und wir Juden. Oesterreich zieht in den Krieg. Der Kaiser hat seine Völker aufgerufen, die Ruhe und Ehre des Reiches mit den Waffen zu schützen. Wo gibt es in den weiten Marken dieses Reiches einen Juden, welcher religiösen Schattierung oder politischer Ueberzeugung er immer sei, dem bei solcher Kunde nicht der heiße Wunsch aufquillt, für das Reich nach Kräften einzustehen! Die Nichtswürdigen, die jahraus jahrein uns Juden als herzlose Geldmaschinen, als ehrlose Feiglinge, als den Ausbund aller Laster schmähten, die unser gesetzlich gewährleistetes Recht auf Gleichberechtigung hohnlächelnd mit Füßen getreten haben, die mögen sehen, wie jüdische Männer kampfbereit dem Kaiser geben, was des Kaisers ist! Seht hin, wie jüdische Mütter und Frauen, Schwester und Töchter die bitteren Abschiedstränen verbergen und den tiefen Schmerz des Scbeidenmüssens verbeißen, um die ins Feld Rückenden in der frohen Erfüllung ihrer, Pflicht nicht irre zu machen! Auf ,allen Bahnhöfen wimmelt es von jüdischen Soldaten und Offizieren; dort wird uns so recht von neuem die bedeutsame Tatsache bewußt, daß wir Juden dem österreichischen Heer ein weit größeres Kontingent stellen, als unserer Kopfzahl (entsprechen würde. Und wer geht mit dem Beispiel voran, kaulm daß die ersten Aufrufe zu Geldspenden für das „Rote Kreuz“ und „die Familien (der Einberufenen“ laut' wurden? Natürlich wieder Juden! Mit ruhigem Selbstbewußtsein 'kann und soll es darum heute ausgesprochen werden, daß wir Juden an Opferwilligkeit für Kaiser und Reich hinter keiner, aber auch hinter keiner der vielen Nationen, welche die Monarchie in ihren Grenzen vereint, Zurückbleiben. Dabei liegt es uns Juden weltenfern, unseren Patriotismus zur Schau zu stellen, um den anderen, uns mißgünstigen Mitbürgern eine freundlichere Gesinnung abzuschmeicheln loder auch zu zeigen. Nein! Wir handeln so, ohne Rücksicht auf Wohl und Wehe, spontan, aus mächtiger Impulsion heraus, unter dem kategorischen Imperativ von Liebe und Dankbarkeit. Denn wir Juden sind und waren stets das Volk der Treue, treu sich selbst und jedem treu, der sich uns in Güte neigte. Als Alexander der Große auf seinem Triumphzuge durch Asien vor Jerusalem Halt machte, dem Hohenpriester ehrfürchtend Haupt und Knie beugte und das jüdische Volk in seinen Schutz nahm, da beschloß es in überströmender Dankbarkeit, alle in diesem Jahre geborenen Knaben nach dem huldreichen Sieger zu nennen. Und so blieb mit dem Namen Alexander sein Andenken in den Häusern Judas durch die Jahrtausende lebendig. Und um ein näherliegendes Beispiel zu wählen, mit welch inniger Treue hängt der Jude an Josef II., dem Schöpfer des Toleranzpatentes! Darum auch lieben wir österreichischen Juden unser Land. Mag es uns auch oft genug zurückgesetzt haben wie Stiefkinder, wir sehen in fernere Zeiten, wo es uns hierzulande viel, viel schlimmer erging, wir blicken über die Reichsgrenzen, wo in Rußland und Rumänien die jüdischen Brüder in Schreckenskerkern schmachten, und wenn uns Unrecht geschah, dann haben wir stets bei unserem Kaiser, dem Repräsentanten dieses Staates, Schutz gefunden. Darum lieben wir Oesterreich. Wohl dem Lande, das auf die gleichen Gesinnungen seiner Juden Anspruch erheben darf und kann! Es erübrigt sich noch, von dem Standpunkte der Zionisten zu sprechen. — Wir haben nicht den Ehrgeiz, in diesen ernsten Zeiten aus der geschlossenen Phalanx der österreichischen Judenschaft als Sondergruppe hervorzuleuchten. Aber die herzliche Freude der Erkenntnis können wir Zionisten nicht unterdrücken, daß wir jetzt — im Momente der Erprobung— unsere Reichstreue ungeschwächt bekunden können. Man hat uns von jüdischer Seite bisweilen vorgeworfen, der Zionismus sei mit diesem Patriotismus unvereinbar; der Patriotismus von Männern, die wollen, daß sie selbst oder ihre Kinder den Staub des Vaterlandes von den Füßen schütteln, um ihn gegen den Zions zu tauschen, das sei ein Patriotismus zweiter Güte. Nun denn, wir stehen zu unserem Bekenntnis. Ja wir wollen unseren Kindern den brennenden Schmerz ersparen, nicht als vollwertige Staatsbürger geschätzt zu werden, ja wir sehnen uns nach einem j/aterland, in welchem die Wellen der patriotischen und nationalen Begeisterung nicht nur ineinander spielen, sondern in gleichem Rhythmus, sich gegenseitig verstärkend, emporschlagen. Doch unser „Patriotismus zweiter Güte“ ist echt, tief und klar, weil niemand das Gefühl für das hohe Ideal des Staates, weil niemand das Gefühl für das hohe Ideal des Staates, weil niemand das Gefühl der Treue, der Pflichterfüllung und des rückhaltlosen Opfermutes so innig empfindet, als der dafür durch sefn Sinnen und Trachten geschulte Zionist. Deshalb stimmen wir — als reife Männer, in klarer Erkenntnis unserer Stellung — mit allen anderen Juden laut in den vielstimmigen Chorus der Völker Oesterreichs ein. Dr. Egon Zweig. Zum 9. Hb. Ein schicksalsschwerer Himmel hängt über Oesterreich. Um die Heimat, ihre Ehre und ihr glückliches Gedeihen geht der Kampf; und darum lodert helle Begeisterung in den Herzen und innige Zuversicht festigt ihr Tun, trotz aller bitterer Opfer, die geleistet werden müssen. c Dumpf und sinnlos aber werden wir Juden auch heuer wieder die Tage begehen, die uns an die unseligsten Katastrophen unserer Vergangenheit mahnen. Nur aus geistesträger Gewohnheit, nicht aus innerem Drange wird man das schwarzumhüllte Gotteshaus aufsuchen, dort erst wird in manchen, ganz wenigen eine wehmutsvolle Stimmung aufwachen; doch die Vielzuvielen werden gedankenlos die Lieder mitmurmeln, die einst schmerzdurchwühlte Menschen sangen, nein, stöhnten. Denn keine kustreich aufgebauten Strophen sind es, die aus des edeln Jeremias Seele emporstiegen, sondern ein wildes, schmerzhaftes Aufzucken eines gepeinigten Herzens, das den wohlverdienten Untergang des eigenen Volkes zu sehen glaubt. Und nicht innig rein, wie sie gedichtet wurden, strömen die Melodien Jehuda Halevis, sondern imverstanden im Wortlaut und unverstanden im Sinn. Was ist dem Juden unserer Zeit auch Zion, was Jeruscholajem, was Erez Israel? Aus nebeldunkter Feme, durch Jahrtausende dauernde Weiten schlagen diese Namen an sein Ohr und gleiten wirkungslos nieder. Fest eingesponnen in der Sicherheit Seines Besitzers, ganz erfüllt von den Forderungen des Tages und gefesselt von den äußerlichen Beziehungen seines Daseins, kommt er gar nicht zur Ruhe, über den Sinn und Wert seines Lebens nachzudenken. Die Umwelt scheint ihm die allein wahre Wirklichkeit. Das Naturferne seiner Existenz kommt ihm nicht zu Bewußtsein und darum besinnt er sich niemals auf die wahren Quellen seines Lebens, die nicht von der sinnlich faßbaren Tatsächlichkeit gebildet werden, sondern aus dem Blut der Gewesenen, das in ihm rollt und zu den Kommenden strömt, gespeist werden. In diesem Mangel an echter Besinnung und Betrachtung ist der tiefste Grund für die Schwierigkeit der Nationalisierung des heutigen Judentums zu finden. Wenn die äußere Welt mit ihren Verpflichtungen, Kümmernissen und Genüssen das Um' und Auf seines Lebens ausmacht, dem' kann auch Volkstum nur äußerliche Gleichheit von Sprache, Sitte und Lebensgewohnheit sein, ohne zu fassen, daß es die enge Gebundenheit des Geistes an seine Volksart ist. Solange dieses Bewußtsein nicht Gemeingut aller Juden ist, solange wird der Einzelne hoffen können, sich seiner Gemeinschaft zu entziehen oder der Verantwortung durch das Hinwerfen von ein paar Hellern Genüge geleistet zu haben. Solange müssen ihm aber auch Zion, Jeruscholajim und Erez Israel leerer Schall bleiben, bei dem er nichts denkt und nichts fühlt. Als die Reformer des Gottesdienstes in Deutschland diese Worte aus dem Gebetbuch streichen wollten, da waren sie ihnen schon inhaltslos geworden. Aber es war doch zu fürchten, däb manch einem beim Hören oder Lesen der uralten, heiligen Namen ein leuchtendes Bild von der Vergangenheit und Größe seines Volkes aufstiege, daß Kräfte in ihm wach werden, die längst eingesargt sein sollen und daß die Liebe zum Volke wieder stürmisch werde und dann ihre gutgemeinten Pläne, das Judentum zur Kirche zu machen, zunichte würden.

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