Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 30 (24.7.1914)
- Date
- 1914-07-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 30 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Briet aus Spanien. Die frankfurter Zeitung' veröffentlicht einen überaus interessanten Bericht über die auch1 von uns des! öftem besprochenen Vorlesungen des Prof. Yahuda. Sie schreibt u. a.: „Die von dem Dozenten an der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums Dr. A. S. Yahuda auf Veranlassung .'der spanischen Regierung veranstaltete Vortragsreihe über „Jüdische Zivilisation in Spanien“ ist jetzt zum' Abschluß gelangt. Das freundliche Interesse, dem die Vorlesungen Isowohl in wissenschaftlichen Kreisen wie in der breiteren Oeffentlichkeit begegneten, erlitt hur geringe Ausnahmen, die zwar, wie (man sich' leicht denken kann, ins kirchliche Lager fallen, aber keineswegs als allgemeiner Ausdruck der dort .herrschenden Stimmung gelten konnten. Waren doch diesen Kreisen angehörige Persönlichkeiten und Organe, so der gelehrte Jesuitenpater Fita, die vielgeleSene Zeitung „A B C“, mit unter den eifrigsten Förderern der den Vorlesungen 'zu Grunde liegenden Idee. Diese hat der GeSchichtsprofessor Jaen treffend formuliert, indem er sie in die Geschichte der spanischen Zivilisation einordnete, „deren vollständige Kenntnis undenkbar ist, ohne die Berücksichtigung der orientalischen Quellen, unter denen wiederum der jüdische Zweig eine hervorragende Bedeutung besitzt: jeder Versuch einer Interpretierung des Spanischen Lebens, der sich nicht auf jene Dokumentierung stützt, ist von vornherein luf. - Unfruchtbarkeit verurteilt.“ Freilich, zum großen Teil ist- Solche Doku-' mentierung für .immer verloren oder dodb nur Schwer .zugänglich, jveil sie entweder der iriquisitorischen Zerstörungswut anheimfiel oder in irgendwelchem verstaubten Archiven unter gänzlich unkundiger Obhut ein verschollenes Dasein fristet. Sie hatten noch' ein bevorzugtes Schicksal, jene hebräischen Manuskripte eines berühmten Klosters, die der geistliche ArChivarius neulich zu katalogisieren unternahm, wobei er unter anderem eine altbekannte Aufzählung von Reügionsigesetzen als kabbalistische Geheimschrift VeCzeichnete. Diesem „Forsther“ war les nämlich1 entgangen, daß der Hebräer sidh deS Alphabets zur Numerierung bedient, und Iso Wurden die mysteriösen „Worte“ — harmlose Zahlen —■, die in keinem Wörterbuch zu finden Waren, kurzer Hand in das dunkle Reich der Zauberkunst verwiesen! Die politischen Erwägungen, die zuf Berufung des Berliner Gelehrten führten, zielen zunächst auf Marokko und;die dortigen, als Stützpunkte der „friedlichen Eindringung“ geidachten Juden Spanischen Ursprungs, deren merkwürdiges Schicksal es ist, von der Nation, die sie einst aus ihrer Mitte vertrieb, heute als Vorposten und Quartiermacher in Anspruch genommen zu werden, — im Einklang, mit dem nationalen Schicksal Spanies selber, einst Schutzwehr des Christentums gegen die von Süden drohenden Ungläubigen, heute Verbmdungsbrücke der europäischen Kultur auf dem Wege nach Afrika. Gerade die Verkennung dieser neuen Mission, das Steckenbleiben in längst gegenstandslos gewordenen Ueberlieferungen War es ja, Was Spanien in der Gegenwart verhindert hat, seine Vermittlerpflicht zwischen Europa und Afrika zu erfüllen und damit seinen, Rang unter unter den Nationen; zu, behaupten. „Jhr beklagt euch.^daß,. Europa.-uns^,im,Stich ließ;..aber haben wir Europa Inicht zuerst im Stich gelassen?“ hat Joaquin Costa .mit Bezug auf die Katastrophe von 1898 gesagt, die jedenfalls das Gute hatte, dass sie einer neuen „Reconquista“, einer Wiedereroberung des Landes für seine natürlichen Aufgaben die Wege ebnete. Aber erst die in den letzten -Jahren in den Vordergrund des öffentlichen Jnteresses tretenden internationalen Beziehungen mit ihrem gebieterischen Verweis auf Afrika — -wo Spanien aus Vertragspflicht und politischem Takt bereits die dem Mutterland noch Versagte Glaubensfreiheit proklamierte — haben, die Atmosphäre geschaffen, aus der, wie ein später Gruß an die vorchristliche und Vorinquisitorische Vergangenheit der Halbinsel, [die Anregung zu "Yahudas Vorlesungen Ihervorging. Für die große Mehrheit der Zuhörerschaft, die den Saal der juristischen Akademie füllte, waren es ganz neue Bilder, .die der Berliner Orientalist vom 'Leben und Wirken jüdischer' Staatsmänner, Dichter und Philosophen entwarf: Chisdai ben Chaprut, Minister Abd-al-Rahmans III. in Cordobas Blütezeit, Samuel ha-Nagid, der zu Granada unter den Berberkönigen Habus und Badis eine ähnliche Rolle spielte, Samuel Levy, der unter Pedro dem Grausamen Höhen und Tiefen der Fürstenlaune erfuhr, Isaac Abarbanel endlich, den die katholische Isabella vergeblich davon abzubringen suchte, das Exil seiner Glaubensgenossen zu teilen. Dann die Poeten und Denker- Jahuda Halevy, Salomon ben Gabirol, Jehuda Alcharisi, Abu Esra, Maimoiides, dessen Andenken in Cordoba kürzlich durch eine Straßenbenennung geehrt wurde. Im weiteren Verlauf der Vorträge wurde hervorragender Figuren aus der spanisch-jüdischen Nachkommenschaft gedacht, die ja von spanischen Schriftstellern (Angel Pulido, Rodolfo Gil u. a.) gerne als „nationale Glorien“ in Anspruch genommen werden: Spinoza, der Nationalökonom Ricardo, der Taubstummenlehrer Rodrigues Pereira, Lord Beaconsfield usw. Ein Ueberblick lüber die Lage1 der marokkanischen Juden bildete den Abschluß, dem eine Reise des "Gelehrten nach Marokko vorausgegangen war, wo ihm ,von Zivil- und Militärbehörden der ehrenvollste Empfang beS reitet. -wurde. Von der Presse, wie Schon erwähnt, miU ungewöhnlichem Interesse verfolgt, in gebildeten Kreisen, als kulturgeschichtliches Ereignis empfunden, finden die Vorlesungen eine Art Verewigung in der Einrichtung eines „Zentrums für jüdische Studien“ in den Nebenräumen der schon vordem dem Kultus entzogenen und unter Denkmalschutz gestellten „Transito-Kirche“ (Synagoge) zu Toledo. Wie man weiß, ist Yahuda bereits eine Professur an dem Madrider staatlichen „Institut für historische Studien“ übertragen worden. Die Schaffung eines Lehrstuhles für ihn an der hauptstädtischen Universität, die in Gelehrtenkreisen lebhaft gewünscht wird, scheint nur noch von der Regelung gewisser administrativer Schwierigkeiten abzuhängen. 6anze Judengenieinden greifen zum IMersfate. Drohende Ausweisung von Zehntausenden Juden aus Kiew. Nach einer neuerdings getroffenen behördlichen Verfügung werden voraussichtlich acht- bis neuntausend Familien, insgesamt etwa vierzigtausenü Seelen, die Stadt verlassen müssen. Dabei handelt es sich um zwei besonders privilegierte Kategorien von Juden, deren Wohnrecht seit Jahrzehnten unbestritten ist. Als nämlich die russische Regierung unter dem liberalen Alexander II. die Verbreitung der Bildung unter den Juden besonders fördern wollte, da erließ sie ein Gesetz, wonach alle diejenigen Juden, die ihre Kinder in die Unterrichtsanstalten Kiews schickten, unbehelligt am Orte wohnen durften. So wohnen gegenwärtig etwa zweitausendfünfhundert jüdische Familien in Kiew nur auf Grund der Erziehung ihrer Kinder in staatlichen Schulen. Da sind nun plötzlich die russischen Verwaltungsbehörden auf den Gedanken gekommen, das seit Jahrzehnten bestehende Privileg ohne jegliche Sanktion seitens der bestehenden Körperschaften umzustoßen! Neben dieser Kategorie soll aber noch eine weit größere, diejenige der Handwerker, schon in den nächsten Wochen der Ausweisung verfallen. Denn in Kiew gibt es nicht weniger als sechstausend alteingesessene jüdische Handwerkerfamilien, die also plötzlich ins große Unglück gestürzt werden. Und womit begründen die Behörden diese Grausamkeit? Sie haben vor .einigen Jahren in dem jüdischen Ansiedlungsrayon sämtliche Handwerkerinnungen mit Ausnahme derer von Odessa, Berditschew, Kischinew und Kertsch geschlossen und von den Juden, die als Handwerker in Kiew wohnen, die alljährliche Beibringung eines Zeugnisses einer Innung verlangt, durch die der Befähigungsnachweis erbracht wäre. Nunmehr gehen die Behörden noch einen Schritt weiter. Sie verlangen von jedem, der ein solches Zeugnis beibringt, den Nachweis, daß er seinerzeit, sei es vor zwanzig oder dreißig oder noch mehr Jahren, am betreffenden Orte seine Lernzeit durchgemacht habe. So absurd auch diese Forderung ist, daß plötzlich sämtliche jüdischen Handwerker Rußlands, wenn sie vom allgemeinen Wohnprivileg Gebrauch machen wollen, den Nachweis erbringen sollen, daß sie ihre Lehrlingszeit an einem der genannten vier Orte zugebracht hätten, so sehr dies natürlich auch dem Gesetz widerspricht, so ist doch die Gefahr vorhanden, daß die Kiewer Verwaltung die widersinnige Katastrophe heraufbeschwören wird. Schon sind zahlreiche jüdische Handwerkerfamilien auf Grund der erwähnten Verfügung ausgewiesen worden und die anderen erwarten von Tag zu Tag das gleiche Schicksal. So werden wohl etwa vierzigtausend jüdische Seelen Kiew verlassen müssen! Die geplante Massenausweisung bedeutet eine Heraufbeschwörung von Elend, wie es selbst in Rußland nicht alltäglich ist. Sollte die Menschlichkeit nicht doch im letzten Momente siegen, so wird Kiew damit einen der schrecklichsten Probleme erleben. Diese Ausweisungen bedrohen aber nicht nur die Existenz der Kiewer Juden, sondern auch die gesamte Wirtschaft des russisdten Südwestens. * * * Auswanderungen ganzer Judengemeinden aus Griechenland. Aus den verschiedensten Teilen der ehemals türkischen Gebiete kommen Nachrichten von der fortdauernden, ja stetig zunehmenden Auswanderung der Juden. Aus Kirkilisse sind bis jetzt schon 75 Prozent der arbeitsfähigen Juden ausgewandert, während die alten und kranken arbeitsunfähigen Juden notgedrungen zurückgeblieben sind. Die Abwanderung der Juden aus Saloniki hält gleichfalls ungeschwächt an. In den letzten Wochen haben 30 große jüdische Firmen liquidiert und ihre Arbeiter - entlassen. Nicht alle entlassenen Arbeiter und Angestellte können sofort auswandern und mit ihren Familien in der Fremde neue Existenzen suchen. Die hierdurch entstandene Notlage unter den hiesigen Juden ist eine unbeschreibliche. Auch die Gemeindemittel sind völlig erschöpft, und sie steht vor einer Katastrophe. Jadendenö in Rumänien. Die jüdische Oeffentlichkeit ist schon ganz abgestumpft gegen die trostlosen und unheilvollen Nachrichten, die aus Rumänien von Zeit zu Zeit nach dem Westen dringen und von neuem an die entsetzliche Lage der Juden in diesem Staate mahnen. Gerade in den letzten Monaten schien Rumänien in den Vordergrund des politischen Interesses gerückt zu sein und ihm die Mission zuzufallen europäische Zivilisation auf den Balkan zu tragen. In welcher Weise es seiner Aufgabe gerecht wird, zeigen die uns zugekommenen Meldungen. „Der Verband der in Rumänien geborenen Juden hat an das Parlament von neuem eine Eingabe gerichtet, in welcher die Gleichberechtigung für die im Lande geborenen Juden gefordert wird. Au! diesen Schritt der rumänischen Juden antwortet nunmehr der Sekretär der rumänischen Kulturliga, Professor Bogan Duica, mit einer in allen rumänischen Zeitungen veröffentlichten, in überaus aufreizendem Tone gehaltenen Erklärung, worin er erklärt, daß die Judenfrage eine Machtfrage ist, und droht, daß aut den mindesten Versuch hin, diese Frage im Sinne der rumänischen Juden zu lösen, die rumänische Bevölkerung mit einem Pogrom nach russischem Muster antworten würde. Da sich auch die rumänische Regierung gegenüber den Forderungen der rumänischen Juden konsequent ablehnend verhält, so wird befürchtet, daß der begonnene Kampf der rumänischen Juden um die Gleichberechtigung ihnen nicht unerhebliche Gefahren bringen wird. * * *