Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 29 (17.7.1914)
- Date
- 1914-07-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 29 JÜDISCHE ZEITUNG kamen die Chedarim, die heute im Osten noch eine ziemlich große Rolle spielen, sdlion seit langem nicht in Betracht. Eine Art konfessio-i neller Schulen gab und gibt es allerdings noch in den letzten Resten jüdisch-politischer Selbständigkeit, nämlich in den dem Untergänge geweihten politischen Judengemeinden Mährens. Dort gab es überall sogenannte „deutsche Volksschulen“, in denen jedoch fast ausschließlich oder zumindest mit überwiegender Majorität jüdische Schulkinder von jüdischen Lehrern, dem Ge-i setze nach selbstverständlich unter jüdischen Oberlehrern, unterrichtet wurden. Wie die jüdisch-politischen Gemeinden Mährens überhaupt, so gehen auch diese jüdischen Schulen von Jahr zu Jahr immer mehr ein, von .vielen Orten ist uns bekannt, daß in solchen; ausschließlich aus jüdischen Steuergeldern erhaltenen Schulen, nichtjüdische Lehrer angestellt wurden und daß demgemäß auch der Lehrplan Aenderungen zu Ungunsten einer jüdischen Erziehung erfahren hat. Dieser Rückgang jüdischen Besitzstandes ist allerdings zu beklagen; aufhalten läßt er sich jedoch nicht, da ja die jüdische Bevölkerung der mährischen Provinz selbst einen rapiden Rückgang aufweist. Außerhalb dieser Schulen war die Erziehung der jüdischen Schulkinder im Sinne des Judentums eine mehr als mangelhafte. Die Folgen davon sind nur allzu auffällig und lassen sich später kaum mehr gutmachen. Jeder Einsichtige muß daher wünschen, daß in dieser Beziehung eine umfassende Aenderung Platz greife. Wollen wir nicht ‘der Auflösung des Judentums weiterhin untätig Zusehen, so muß jeder Einzelne, so weit es in seinen Kräften steht, hier mithelfen, allen voran die j ü d i-: sehen Elte rn. Das Leben und die Umgebung verlangen, je höher das Kind in seiner Fortbildung schreitet, immer größere Konzessionen, die von einer rein jüdischen Erziehung immer weiter wegführen — die rein jüdische Erziehung kann nur in einem rein jüdischen Kulturmilieu, wie es Palästina werden soll, gewährleistet werden — darum müssen wir, so Weit als nur immer möglich, dort der jüdischen Erziehung eine gesunde Basis geben, wo dies ohne Schaden der Allgemeinerziehung geschehen kann und das ist nur möglich im — hebräischen Kindergarten. Dort soll dem Kinde, das im Elternhause ohnedies die deutsche Sprache in für den allgemeinen Umgang genügender Weise kennen gelernt hat, im Spiele die hebräische Sprache erschlossen, jüdische Sitten und Gebräuche sollen ihni mundgerecht gemacht werden,' vor allem aber soll der hebräische Kindergarten ein Hort für unsere zarten Kiemen sein, in dem sie bewahrt werden vor den widerwärtigen und rohen Ausschreitungen des Antisemitismus, die schon' allzu häufig und allzu früh die Seele des jümer, Pariser, asiatische und afrikanische Drucke zur Ausstellung. Aher auch außerhalb der Halle der Kultur finden wir jüdische Beziehungen. In der Straße der Völker, in der österreichischen Ausstellung hat die Bibliothek der Wiener israelitischen Kultusgemeinde einige sehr schöne und seltene Bücher ausgestellt: Das 1618 in Proßnitz gedruckte Werk „Chidusche Gemara“ des Eleaser ben Samuel, die Prager Ausgabe der „Thorat ha-ola“ von Moses Isserles aus dem Jahre 1570, usw. Die Innsbrucker Ferdinands-Universität hat das erste in RivadiTrento gedruckte hebräische Buch, ein metaphysisches und naturwissenschaftliches Werk von Meir ibn Aldabi aus dhm Jahre 1558, ausgestellt. In der italienischen Ausstellung finden wir alte hebräische Drucke: Hiob-Kommentar von Rabbi Levi ben Gersen (Ferrara 1477) und ein Gedichteband von Immanuel-ha-romi (Brescia 1491). In der türkischen Ausstellung fällt hie und da die hebräische Schrift auf. Es sind Zeitungen, Einladungen- und Plakate in arabischer, türkischer und spaniolischer Sprache. Im Pavillon der F a c h b 1 ä 11 e r ist die jüdische Presse bloß durch den Frankfurter „Israelit“ und die „Hebräische Bibliographie“ vertreten. Ich sah noch einen Pavillon, wo das Judentum eine Rolle spielt, ja sogar durch die ausgestellten Gegenstände allgemeine Aufmerksamkeit erregt: es ist das der Buchgewerbe- Pavjllon. In der Nähe der wertvollen Bibliothek dischen Kindes mit ihrem Giftstachel verletzen. Davor sollten unsere Kinder, die ihr Leben lang an derartigen seelischen Wunden zu leiden haben, möglichst lange bewahrt bleiben. Haben wir ferner im zartesten Kindesalter unter inniger Zusammenarbeit zwischen hebräischen Kindergarten und jüdisch gutwilligen Eltern in dem empfänglichen Kindergemüte einen guten Grund für jüdisches Empfinden gelegt, dann wird die rauhe Außenluft, die bisher so zerstörend unter unserer jüdischen Jugend gewirkt hat, geringere Angriffsflächen bekommen. Jeder Tag, den wir nach solcher Erkenntnis bei der Schaffung unseres Werkes versäumen, ist ein uneinbringlicher Schaden für unsere Jugend und das Judentum. Und da wir, seit Herzls Beispiel, gewohnt sind, unsere Erwägungen möglichst rasch in Tat umzusetzen, haben sich hier in Wien einige an der jüdischen Erziehung interessierte Kräfte zusammengetan, um, wenn möglich, schon im kommenden Herbste den ersten hebräischen Kindergarten Wiens zu eröffnen. Die Leitung dieses Unternehmens hat der „Verein für hebräische Sprache und Kultur“ übernommen, dem sich zur Erledigung der Vorarbeiten Dr. Abeies und Dr. Zweig, sowie der Verfasser dieser Zeilen zur Verfügung gestellt haben.*) Eine ganze Reihe von Eltern haben ihre Kinder für den Besuch dieses hebräischen Kindergartens bereits anmelden lassen, auch in finanzieller Beziehung erscheint dieses Werk gesichert. Hoffen wir, daß die interessierten Kreise für das brennende Interesse der jüdischen Jugenderziehung Verständnis genug aufbringen, um durch rechtzeitige und weise Förderung aus diesem ersten Anfang den Aufbau eines geschlossenen jüdischen Erziehungssystems zu ermöglichen. Zur Statistik der Juden in Oesterreidi. j. 1.: Dem".für das Jahr 1913 erschienenen „Oesterreichischen statistischen Handbuch“ entnehmen wir einige, auf Grund der letzten Volkszählungsergebnisse berechnete Ziffern, die sich auf die jüdische Nation beziehen. Erwähnt sei, daß das sonst vortreffliche Handbuch sich den Geboten unserer amtlichen Gerechtigkeit unterordnet und entgegen der Wahrheitspflicht der Wissenschaft eine jüdische Nationalität nicht kennt, ebenso wie es den jüdisch-deutschen Jargon, so weit es von ihm Notiz nimmt, als- „hebräisch-deutsch“ verzeichnet. Bei den Umgangssprachen (Tabelle B 10). wird der, jüdischdeutsche Jargon überhaupt nicht erwähnt, so daß das Resultat für „polnisch“ unbedingt falsch ist. — . : - Anwesende- Bevölkerung nach der Volkszählung von 1910 : 28,324.940 Seelen (1900: *) Auskünfte über den hebräischen Kindergarten erteilt recht gerne Dr. Emil Stein per Adresse „Jüdischer Nationalfonds“, Wien, II., Karmeliterplatz 1. des Deutschen Kaisers und der auf zwei Millionen versicherten hundertjährigen Bücherstube einer Dame aus Düren ist die zionistische Nische untergebracht. Der Jüdische Nationalfonds erweckt hier allgemeines Interesse durch die künstlerischen und wertvollen Einbände der beiden Goldenen Bücher (Ssefer ha-zahav) und des Gedenkbuches (Ssefer ha-zichronot). Das letztere ist in einen i - Meter langen Silberdeckel gebunden. Rechts und links von ihm liegt je ein dreiviertel Meter langes Goldenes Buch in braunem Ledereinband, der eine, reich mit Gold verziert, stellt die aufgehende Sonne dar. Die Aufschrift besteht aus 5 Zentimeter großen blauen Emaiibuchstaben. Der andere Einband weist Elfenbeineinlagen auf, deren Reliefs einen Bauer, der sein Feld bestellt, zeigen. In der Mitte des Deckels ist ein anderthalb Dezimeter großes Tor (Filigran- Arbeit) zu sehen. Nach Ansicht der S a c h v e rständigen ist dieser Einband der Clou der ausgestellten 'Prachtwerke der Buchbinderei. Neben dem kolossalen kulturhistorischen Material und sonstigem Reichtum der Ausstellung verschwindet fast das Jüdische. Trotzdem können wir mit-Freuden verzeichnen, daß wir in dem bescheidenen Rahmen, in den das Judentum infolge der ungünstigen Verhältnisse gedrängt wurde, unseren Mann stellen und das Bild, das der Betrachtende vom Judentum gewinnt, ein günstiges ist. OOO Seite 3 KINDERMEHL, altbewährtes vol Iständige Säuglingsnahrung. Probedosen und lehrreiche Broschüre über die Kinderpflege gratis durch die Firma Henri Nestle, Wien, I. Biberstr. 1 f -k- M- 25,921.671 Seelen). Anzahl der Juden in: Niederösterreich 184.779 (5,23°,o), Oberösterreich 1215 (0,14°/o), Salzburg 285 (0,13°/'o), Steiermark 2895 (0,20""), Kärnten 341 (O.OOo/o), Krain 146 (0,03°«), Triest 5498 (2,40°/o), Görz und Gradiska 33S (0,13no), Istrien 677 (0,17o,o), Tirol 1624 (0,17""), Vorarlberg 126 (0,09»/o), Böhmen 85.826 (l,27' i), Mähren 41.158 (l,57°/o), Schlesien 13.4-12 (1,77°"), Galizien 871.895 (10,86°/o), Bukowina 102.919 (12,86 °/o), Dalmatien 523 (0,08""), Summe 1,313.687 (gegen 1900 -j- 88.976) 4,60"" (4,69"-). In Tabelle XIX wird unter f) mitgeteilt, dab im Jahre 1910 Kultusgemeinden bestanden in: Niederösterreich 16, Oberösterreich 2 (mit Salzburg), Steiermark 1 (mit Kärnten und Krain). Triest und Istrien .1, Görz-Gradiska 1, Vorarlberg (mit Tirol) 1, Böhmen 207, Mähren 50, Schlesien 11, Galizien 253, Bukowina 17, Dalmatien 2, zusammen 562. Eheschließungen im Jahre 1911: a) gleiches Bekenntnis: Niederösterreich 1134, Oberösterreich 5, Salzburg 8, Steiermark 13, Triest 24, Tirol 4, Böhmen 670, Mähren 225, Schlesien 92, Galizien 5478, Bukowina 592, Dalmatien 4, zusammen 82-19 (1910: 8214); b) gemischte Ehen: Bräutigam jüdisch: Niederösterreich 110, Triest 15, Tirol 1, Böhmen 16, Mähren 6. Braut jüdisch : Böhmen 26. (Aus Galizien und der Bubowina fehlen die Daten.) Oesterreichische Staatsbürgerschaftserteilung 1911: a) Aufnahmsländer: Niederösterreich 94 (262 Familienangehörige), Oberösterreich 4 (11), Salzburg 1 (4), Steiermark 14 (35), Triest 2 (6), Tirol 1 (4), Böhmen 9 (6), Mähren 191 (399), Schlesien 7 (18), Galizien 8 (29), Bukowina 15 (32), Dalmatien 1 (—). b) Herkunftsländer: Ungarn 265 (629 Familienangehörige), Preußen 2 (1), sonstige deutsche Staaten 4 (14), Deutsches Reich 6 (15), Italien 1 (—), Frankreich 1 (—), Belgien 1 (1), Rußland 35 (66), Rumänien 17 (-12), Serbien 1 (—), Griechenland 2 (—), Türkei 11 (34), sonstige Staaten 4 (—), unbekannte Staaten 2 (18), ferner ein Kind aus der Schweiz; zusammen 346 (806); im ganzen 2071 (6637). Entlassungen aus dem Staatsverband: Entlassungsländer: Niederösterreich 9 (14 Familienangehörige), Triest 1 (—), Böhmen 21 (26), Mähren 12 (17), Schlesien 2 (3), Galizien 61 (165), Bukowina 5 (19). Aufnahmsstaaten: Ungarn 50 (141), Bosnien 3 (8), Preußen 2 (5) Bayern 8 (16), Sachsen 2 (5), andere deutsche Staaten 13 (23), Deutsches Reich 25' (49), Italien 1 (—), Frankreich 2 (2), England 1 (—), Belgien 1 (4), unbekannte Staaten 28 (40), zusammen 111 (244), im ganzen 1343 (4395). Auswanderung: Nadr den Vereinigten Staaten: 1908 15.293, 1909" 8431, 1919 aus Oesterreich 10.704, aus Ungarn. 2433, 191.1 aus Oesterreich 10.101, aus Ungarn 2684, 1912 aus Oesterreich 8535, aus Ungarn 2222. Rückwanderung: 1908 1758, 1909 1398, 1010 Oesterreicher 1161, Ungarn 248, 1911 Oesterreicher 1445, Ungarn 382, 1912 Oesterreicher 1664, Ungarn 457. Bildungsanstalten: Universitäten in den Schuljahren 1910/11, Wintersemester: Universität Wien 240-1 (25,2"'"), Graz 63 (3), Innsbruck 6 (0,5), Prag, deutsch 353 (19,1), tschechisch 86 (1,9), Lemberg 1350 (27,5), Krakau 479 (17,1), Czernowitz 451 (38,2); Sommersemester 1911: Wien 2135, Graz 66, Innsbruck 2, Prag, deutsch 312, tschechisch 83, Lemberg 1245, Krakau 377, Czernowitz 441. Technische Hochschulen, Wintersemester 1910.11: Wien 783, Graz 35, Prag, deutsch 257, tschechisch 67, Brünn, deutsch 128, tschechisch —, Lemberg 198; Sommersemester 1911: Wien 660, Graz 32, Prag, deutsch 249, tschechisch 66, Brünn, deutsch 132, tschechisch —, Lemberg 132. Hochschule für Bodenkultur, Wien: Wintersemester 1910.11 31, Sommersemester 1911 24. Montanistische Hochschulen: Leoben 9, 9; Pribram 3, 3. Tierärztliche Hochschulen: Wien 36, 31; Lemberg 25, 25. Exportakademie Wien 163. Kunstakademien: Wien 18, Prag 3, Krakau 11. Graveur- und Medailleurschule Wien 1. Akademie für Musik und darstellende Kunst Wien 229. Militärbildungsanstalten 1911/12: Infanteriekadetlenschulen 3, Militärunterrealschulen 7, -Oberrealschulen 2, Theresianum 3, Technische Militärakademie 2, Verpflegsbeamtenschule 3, Proviantoffizierskurs 5, Feldartillerie-Schießschule 2, Infanterietelegraphenkurs (Offiziere) 17, Kavalierietelegraphenkurs (Mannschaft) 11, Militärärztliche Applikationsschule 3, Tierärztliche *e. I 4\- ■Kf=-