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Jüdische Zeitung · 1914-07-10 · 28 (10.7.1914) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
28 (10.7.1914)
Date
1914-07-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 28 Sammlung-, indem er darauf hinwies, daß die Veranstaltung den Zweck habe, -die Oeffentlichkeit über das gegenwärtige System' der Kultusgemeinde, über die Mängel ihrer Verwaltung und insbesondere über die letzten Vorgänge zu informieren. ' ^. Dr. .Paul Weisengrüa behandelte!\ in großangelegter Rede das. gegenwärtige System der Kultusgemeinde. Das Interesse der Zionisten, welches allen jüdischen Fragen nach'-' gehe, könne vor der Kultusgemeinde nicht Halt machen. Ein Sieg der zionistischen Idee ohne gründliche Reinigung des öffentlichen jüdischen Lebens sei nicht möglich. Gerade die Verhältnisse in der Wiener Kultusgemeinde zeigen, wie verworren und hilflos das sogenannte offizielle Judentum dastehe, wie es ohne jedes Interesse an den wichtigsten jüdischen Fragen vorübergehe und dadurch die Interesselosigkeit der Oeffentlichkeit gegenüber der Kultusgemeinde verschulde. Er besprach ausführlich die : Rückständigkeit der Verwaltung, das ungerechte, plutokratische Wahlrecht, das unhaltbare Steuersystem, den Trinkgeldunfug im Rabbinat, die Mängel des Lieferungswesens u. a. m'. Er schloß unter stürmischem Beifall mit den Worten, daß diese Uebelstände nicht immer so krasse gewesen seien, sondern daß die Kultusgemeinde ihren gegenwärtigen Stand nur der jeder besseren Einsicht imfähigen Person des gegenwärtigen Präsidenten zu verdanken habe. Kultusvorsteher Dr. Jakob Ehrlich1 bespricht, von lebhaftem Beifall begrüßt, die letz-, ten Vorgänge in der Wiener Kultusstube. Als die Zionisten in die Kultusstube eingezögen sind, waren sie so naiv, zu glauben, sie müßten dort ihre Anträge nur einbringen und ordentlich begründen und alles iwerde seinen geschäftsordnungsmäßigen Weg gehen. Dies war aber ein. schwerer Irrtum, denn der Präsident Dr. Stern macht jede Arbeit unmöglidh. Man hat einstens WeiskirChner ausgeladht, als er sein politisches Bekenntnis mit den Worten ablegte, sein Programm heiße Dr. Karl Lueger. Es gibt aber auch in der Kultusgemeinde manche Herren, die ausdrücklich oder durch ihre Handlungsweise erklären, ihr Progr amWli'eiße Dr. Alfred Stern.- Der Präsident hat aber tatsächlich kein Programm, sondern nur einen Leitsatz: In der Kultusgemeinde gilt nur sein Wille, und wer eine andere Ansicht vertritt, stört den Frieden in der Gemeinde. Seitdem die Zionisten den Kultuspräsidenten in der Frage der KonkurrenzaussCnreijen, beim Bau des Kinderspitals eine empfindliche Niederlage beigebracht haben, verfolgt er sie mit seinem Haß und läßt keine Gelegenheit unbenützt, umeinen Konflikt herbeizuführen. Eine solche Gelegenheit bot dem Präsidenten die Beschlußfassung über die PalästinakommiSSion. Der Kultusvorstand hat die Abwesenheit des Präsidenten benützt, um einen vernünftigen Beschlub zu fassen. Der „palästinafreundliche“ Präsident hat aber diesen Beschluß in vollständig gesetzwidriger Weise sisttiert . und sich hiedurch dem 'Zionistischen: Teil der Bevölkerung gegenüber .eines Friedensbruches schuldig gemacht. Der Redner kommt im weiteren Verlauf seiner Ausführungen auf die Affäre Mayersohn zu sprechen. Er. erklärt unter stürmischer Zustimmung der Versammlung, daß man im Wiener Rabbinat keine p r i e s t e r 1 i c h e Würde finde, Sondern eine, grenzenlose Würdelosigkeit, kein Amt, sondern eine nach dem'.persönlichen Vorteil der Nutznießer verwaltete- Geschäftsstelle, dort würden keine amtlichen Funktionen versehen, sondern für ein gutes Trinkgeld sei dort alles erreichbar. Dr. Stern,• den :an diesen Zuständen . die Hauptschuld . treffe, fügt hiedurch dem1 Ansehen der Gemeinde und des Die'-zionistischen “Kultusvorsteher griffen durch viele Monate in die Untersuchung nicht ein. Erst als sie sahen, daß der Präsident die Untersuchung nicht ordnungsgemäß führt und die Skandalaffären zu vertuschen sucht, als alle Versuche itn‘ ’ Kultusvorstande selbst Ordnung zu schaffen, durch den Präsidenten verhindert wurden. er^t dann haben sich die Zionisten an die Oeffentlichkeit gewendet. Man habe versucht, die Oeffentlichkeit durch den frechen Schwindel irre zu führen, die Aktion der Zionisten - richte sichgegen-die galizischen Juden. Der Zionismus hat den1 Gegensatz zwischen Ost und West überbrückt und in allen Zentralstellen der zionistischen Weltorganisation arbeiten östliche und westliche Juden brüderlich nebeneinander. Diese Verleumdung ist so dumm, daß sie einer ernstlichen Widerlegung nicht bedart. Durch Solche Mätzchen werden sich die. Zionisten nicht beirren lassen, ebensowenig durch das heuchlerische perede vom „Chihilhaschem“. Die Oeffentlichkeit werde schon zu beurteilen wissen, ob diejenigen im' Interesse des Ansehens der Gemeinde handeln, welche die Beseitigung dieser Uebelstände verlangen, oder, diejenigen, die deren Befestigung durch alle Mit- Itel-herbeizuführen trachten.' •" Höf- und Gerichtsadvokat Dr. Theodor -Gutmann erklärt, er sei kein Zionist, aber 'in der Frage der Säuberung deS Wiener Rabbi- N KINDERMEHL, altbewährtes]_ vollsfändlqeSäugjmgsnahrung^ Pröbedosen und lehrreiche Broschüre über die Kinderpflege gratis durch die Firma Henri Nestlö, Wien, 1. Biberstr. 1 Schließlich' wurde der Antrag Dr. Rosenbacher angenommen, daß die Repräsentanz in Aufrechterhaltung ihres StandpunkteskeineGedenkfeier veranstalten -werde, daß sie aber die Zustimmung erteile, daß eines derartige Feier von einer anderen Seite in den Synagogen abgehalten ■werde. In Teplitz-Schönau hat der Jüdische Volksverein' „Zion“ den Auftrag unserer Parteileitung und Anregungen aus der Mitte der Mitgliedschaft ■ folgend, beim Kultusrate üm Ueber- •lassung des Tempels für einen Gedächtnisgottesdienst anläßlich des Herzl-Gedenktages ans [gesucht Die Zionisten hatten sicher mit der Bewilligung gerechnet, nicht nur deshalb, weil solche Bewilligungen aus anderen, darunter maßgebenden -Gemeinden schon Vorlagen, sondern auch, weil .sie annehmen durften, daß die 'Antizionisten, wenn schon nicht aus politischer Klugheit, so aus Gründen der Gerechtigkeit das Ansuchen bewilligen werden, denn nicht die Gemeinde sollte die Feier veranstalten, sondern' voll berechtigte Mitglieder derselben, sollte für eine von ihnen veranstaltete Feier der Tempel überlassen werden. So viel Gerechtigkeitssinn bringen aber unsere Antizionisten, die sich den Titel die „freisinnigen Juden“ beanspruchen nicht auf. Es sprachen einige Zionisten für das Gesuch und ihre Argumente hatten auch ihren Eindruck nicht verfehlt, und ein Mitglied der Majorität beantragte die Unterbrechung der Sitzung zur Parteibesprechung. Leider zeigte es sich bei der Wiederaufnahme der Sitzung, daß die Neigung zu einer gerechten Entscheidung in der Beratung der gegnerischen Partei nicht zum Durchbruch gelangt ist, daß vielmehr die unversöhnlichen Elemente die Oberhand gewannen; das Ansuchen wurde nur von den Zionisten befürwortet, Somit abgelehnt. -Wir legen es zu dem Uebrigen, Wir werden zur Zeit Abrechnung pflegen und die Verantwortung haben diejenigen, welche die momentan in ihren Händen befindliche Gewalt zur Beugung des Rechtes vollwertiger Gemeindemitglieder mißbrauchen. Es hätte nur eines Wortes des Präsidenten, der doch der Präsident der ganzen Gemeinde und nicht einer Partei ist, bedurft, um mit größter Wahrscheinlichkeit dem Rechte zum Durchbruch zu verhelfen. Gegen Die Nieser Kulfnsuhanie. Große Volksversammlung im Hotel Kontinental. Am 23. Juni fand, wie wir schon kurz berichtet haben, im' Hotel Kontinental eine vom „Jüdischen Volksverein Leopoldstadt über Veranlassung des „Jüdischen Volksrates“ e inberufene Versammlung statt, die sich eines Massenbesuchs erfreute. Den Vorsitz führte Kultusvorsteher Obering. Stricker. In der Versammlung herrschte eine leidenschaftliche Stimmung, die sich in stürmischen Kundgebungen gegen den Kultuspräsidenten Dr. Stern und gegen die von ihm geschützte Korruption des Wiener Rabbinats entlud. Nachstehend der Bericht über den Verlauf der Versammlung : Obering. Stricker eröffnete die Ver- Feuilleton. Bücherbesprechung. Hartmann Martin: Reisebriefe aus Syrien — Verlag Dietrich1 Raimer, Berlin, M. 3.60. — Der berühmte Arabist Prof. Hartmann, berichtet in diesem Buche, über seine Eindrücke, die er auf seiner letzten Reisen in Syrien (Frühjahr 1913) gesammelt hat Durch das Ansehen, welches Hartmann in allen arabischen Kreisen genießt, ■war er imstande, mit den Notabein Beziehungen anzüknüpfen und sich sehr genau Über die Stimmungen der Araber Syriens zu unterrichten, welches Land ihm als das fortgeschrittenste Gebiet der arabischen IWelt erscheint. Hartmann ist auf die Türken sehr schlecht zu sprechen. Er glaubt nicht, daß diese gewillt und imstande sein werden, eine moderne Verwaltung zu führen und den nichttürkisdien Nationen irgend welche Selbständigkeit einzuräumen. Das neue Wilajetsgesetz erhöhe nur die Machtfülle des lokalen Gewalthabers, der türkischen Walis. Trotzdem zeigt Hartmann, daß noch viele Araberführer strenge an dem oSmanisehen Khalifat festhalten. Die jungarabische Bewegung ist in Syrien sehr stark, doch' gibt es noch keine einheitliche Meinung, die Differenzen in 'dem Charakter der einzelnen Städte, Konfessionen etc. sind 410dl sehr große. Besondere Wichtigkeit legt Hartmann dem Programm der Beiruter Konferenz bei, auf desSen Basis die Araberführer mit der. Regierung verhandelt haben. Diese hätte nach1 Hartmann in geschickter Weise manövriert, und jene Postis late, die ihr unangenehm geworden wären, eliminiert. Darunter vor allemdie Förderung nach europäischen Finanzinspektoren, die. Hartmann als die allerwichtigste erklärt Von den Städten Syriens hätten Aleppo und Haiffa (südlicher ist Hartmann nicht gekommen) eine seht, große Zukunft In enthusiastischer Weise spricht der Verfasser vom Technikum, von dem1 er sich freilich eine . Hebung, des ^deutschen * .Einflusses; erhofft — und vom Hilfsverein dieser „gewaltigen Organisation“. Üebrigens' spricht er auch vom Zionismus mit größter Achtung und sagt: „Es sei nur festgestellt, daß der Grundgedanke, die Schaffung eines neuen Israel im\ Heiligen Lande in einer Richtung eine erstaunliche Verwirklichung gefunden hat: in der Schaffung größerer jüdischer Gemeinwesen mit selbständiger Verwaltung und in der Durchsetzung des Hebräischen als Verkehrssprache, namentlich' als Schulsprache unter den Juden“. Trotzdem könne für das Technikum nur das Deutsche in Betracht kommen. „Die ReidhSregierung, die der Anstalt ihren Schutz gewährt, hat das volle Recht, auf dem deutschsprachlichen Unterricht in allen (!!) „Fächern des Technikums zu bestehen“. Dabei wehrt sich Hartmann aber selbst gegen einen Veigleidi mit der Alliance, deren Anstalten nur dem Prestige Frankreichs dienten. Sonderbar, höchst sonderbar! Eine Hochschule, auf der infolge Druckes, der deutschen Regierung die Unterrichtssprache die deutsche wäre,' würde vielleicht mit dem Prestige Deutschlands nichts zu tun haben? Hartmann stellt die deutschen Bestrebungen im Orient als rein kulturelle hin, aber dann ist picht zu verstehen, warum es vom deutschen Standpunkt nicht erlaubt sein sollte, moderne Kultur auch in hebräischer Sprache zu verbreiten. Uebrigens’.iist die Entscheidung; bekanntlich schon gefallen und sie ist .anders ausgefallen, als Hartmann sie gewünscht hat. — Ueber. die Aspirationen' der Mächte und! ihre .’Aussiditejti: äußert sich ,‘Hart'rnarui, an . verschiedenen [Stellen.''Fiür.r Deutschland', herrSche.' große Sympathie, der man mit einer großherzigen SclvuIpolitik entgegenkomUien müsse. Er ‘ entwickelt darüber gleiche Ansichten iwie Dr. Hugo ‘G.r Dt h e. An eine künftige Okkupation[ durch- Frankreich denke' kein Menah 'lind'wünsche , auch1 niemand. Dagegen sei' England in manchen Kreisen als künftige Schutzmächt erwünscht. Sehr scharfe Worte findet Hartmann gegen das MissionsWesen und seine Schulen. — 'Es ist nicht möglich, den reichen Inhalt des Büchleins auch’ pur auszugsweise Wiederzugeben. Der: Leser 'empfängt ein ungemein lebendiges Bild des syrischen Arabertums, dessen markanteste Gestalten vorgeführt werden! Er lernt in Prof. Hartmann einen in hohem Grade vorurteilsfreien, modernen und weitblickenden Mann kennen, dessen Weltklugheit bei einem deutschen Professor besonders angenehm berührt. . —b

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