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Jüdische Zeitung · 1914-07-10 · 28 (10.7.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
28 (10.7.1914)
Date
1914-07-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNG NflTIDNflL -JÜDI5CHE5 DRGRN Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■- täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. ■ Nr. 28. Wien, Freitag, den 10. Juli 1914 VIII. Jahrgang Sonntag, den 12. Juli, präzise y, 10.Uhr vormittags gemeinsamer Gang zum Grabe Herzls Treffpunkt vor der Hochschule für Bodenkultur (40er Linie). Die Mitglider der Turnvereine versammeln sich um 9 Uhr Ecke Köhler- und Spötlergasse. Montag, den 13. Juli, präzise 'Iß Uhr abends Trauer-Gottesdienst im Stadttempel, I. Seitenstettengasse. Joe Ctiamberlain. Aus England kommt die Nachricht vom Tode des ehemaligen Kolonialministers der vereinigten Königreiche Joe Chamberlain. Mit ihm ist ein Mann gestorben, der über ein Menschenalter die Wege für Englands Weltpolitik gewiesen hat und zuerst als Träger des Neuliberalismus, dann als Führer der konservativen Partei maßgebend auf die innere Politik dieses Weltreiches eingewirkt hat. Chamberlain Iwar seitDisraeli der bedeutendste und erfolgreichste Vorkämpfer für den großbritischen Imperialismus, unstreitig einer der interessantesten und markantesten Figuren der an politischen Köpfen so reichen angelsächsischen Nation. Für uns hat Joe Chamberlain noch eine ganz besondere Bedeutung. Der Grundgedanke seiner Kolonialpolitik richtete sich auf die innere, kulturelle und materielle Hebung der britischen Kolonien, die er durch Ausnützung aller dort vorhandenen Kräfte erreichen wollte. In Konsequenz dieses seines Gedankens ließ er nicht nur den vielen Nationen und Rassen des britischen Kaiserreiches freien Spielraum, sondern unterstützte sie auch noch in ihrer nationalen Entwicklung. Allerdings hat dieses Vorgehen schwere Gefahren im Gefolge, da mit dem Erwachen des Nationalgefühls auch die, oft von außen in das Volk hineingetragene, Unzufriedenheit über die Herrschaft einer importierten Beamten- und Offiziersoligarchie gewaltige Nahrung .bekommt. Wir sehen auch, daß es allenthalben innerhalb des britischen Imperiums, dort, wo nicht angelsächsische Rassen die Majorität der Bevölkerung bilden, gährt und daß insbesondere die panislamitische und arabische Propaganda gerade in den von England regierten Gebieten, am allerkräftigsten gedeiht; oft allerdings von England unterstützt, doch wie die Entwicklung lehren dürfte, in letzter Linie gegen den britischen Imperialismus selbst gerichtet. Chamberlains Politik mußte naturgemäß nicht allein darauf sehen, die bereits besiedelten Kolonien Englands zu heben, sondern auch die Entwicklung der schlecht oder gar nicht besetzten Gebietsteile in die Wege zu leiten. Aus dieser Politik heraus kam Chamberlains Regierung dazu, der zionistischen Organisation die Ansiedlung eines großen Landgebietes in Britisch- Ostafrika anzubieten'. Dieses Angebot brachte der damals noch jungen zionistischen Bewegung schwere innere Kämpfe und ernste Krisen. Der damals, namentlich unter den westlichen Zionisten, noch sehr zarte Palästinagedanke war in Gefahr geraten; ein Teil der zionistischen Organisation löste sich unter der Führung Israel Zangwills iab, um mit der britischen Regierung weiter über dieses, vom zionistischen Kongresse abgelehnte Uganda-Projekt zu verhandeln. Indirekt und ungewollt ist Josef Chamberlain demnach die erste Feuerprobe zu verdanken, die der Zionismus und die von Herzl gegründete, Organisation zu bestehen hatten und gut bestanden haben. Aber sehen wir ab von den Motiven, die Josef Chamberlains Regierung bei dieser Politik geleitet haben. Sehen wir ab von den Krisen, die durch diese Politik über den Zionismus heraufbeschworen worden sind: Es bleibt die gewaltige und historisch hochzuschätzende Tatsache, daß Joe Chamberlains Regierung die Juden zum allerersten Male als Volk gewertet und nicht ials Substrat für eine philantropische Aktion behandelt hat. Hier lag vielmehr seit zwei Jahrtausenden zum erstenmale die Schätzung der inneren Kräfte des jüdischen Volkes vor, Joe Chamberlain hat das jüdische Volk als gleichwertig seinem eigenen anerkannt, indem er als Vertreter der englischen Kolonialregierung mit den Vertretern des jüdischen Volkes in ernste, würdige Unterhandlungen eintrat Das sei Joe Chamberlain .unvergessen Doch nicht nur für uns, als die Aktivei: im Judentum, auch für den Zionismus als Partei, brachte Joe Chamberlains Politik einen pikanten Teilerfolg. Denn wir, die zionistische Organisation und nur diese, wurden von der britischen Kobnialregierung als die Vertreter des jüdi sehen Volkes anerkannt. Nur in uns ha. Chamberlain die Kraft und den Errst erkannt, die zur Durchführung seines großzügigen Planes, den Juden Uganda zur autonomen Besiedlung zu überlassen, nötig sind. Denn als die „Ito“ unter Zangwills Führung den vom Zionistenkongreß abgelehnten Plan auf nahm und mit der englischen Regierung diesbezüglich weiterverhandeln wollte, da wurde dieses Angebot Seitens Chamberlains rundweg abgewiesen. Chamberlains Politik hat nicht immer Wege begangen, die allgemeine Anerkennung finden. Für uns aber bleibt die Tatsache bestehen: Das jüdische Volk dankt Joe Chamberlain seine erste politische Anerkennung und wird# diesem Manne, der in des Judentumes kolonisatorische Kraft eine so gute Meinung setzte, ein dankbares Angedenken bewahren. Die uerueigerie Sgnagoge. Zehn Jahre sind seit dem Tode Herzls ins Land gegangen und diese kurze Spanne Zeit hat genügt, den größten Gegnern des Zionismus vor diesem großen Juden Achtung abzuringen. Anläßlich der zehnten (Wiederkehr seines Todestages veröffentlichen selbst antizionistische Blktter Aufsätze über unseren Führer, dessen hervorragenden Verdienste um das Judentum nunmehr allgemeine Anerkennung finden. Die jüdische» Gemeinden sehen sich veranlaßt, in den Synagogen Trauergottesdienste zu veranstalten, um sein Andenken zu ehren. Diese Stimmung wird nun gestört. Es haben in Westösterreich drei Gemeinden den traurigen Mut gefunden, die Synagoge für eine Herzltrauerfeier zu verweigern. Iglau, Teplitz und Prag heißen die Gemeinden, deren Häupter sich wahrscheinlich bereits öfters des Namensf unseres großen Führers bedient haben, um gegen die Zionisten loszugehen. Nun erlaubt es ihr deutsches Herz nicht, daß in ihren -Tempeln Theodor Herzls Name genannt und geehrt werde. Sie wollen unseren Synagogen, die im Hebräischen heute noch „Versammlungshäuser“ heißen, für sie aber nur „Kirchen“ sind, dem Volke verekeln und einzig allein ihren assimilatorischen Zwecken: Annäherung an das deutsch-christliche •Ideal dienstbar machen. Es gilt nunim Kampfe gegen die Kuttusgemeinden auch die Synagoge 'zu erobern auf, daß sie wieder ein VolkshauS werde! Im Nachstehenden lassen wir die Berichte aus T e p 1 i t z und Prag folgen. Mit Iglau befassen wir uns an anderer Stelle unseres Blattes. — Der letzten Sitzung des Präge r Kultus!- vorstandes lag ein Gesuch der zionistischen Vereine um Veranstaltung; einer Theodor-Herzl-Gedenkfeier vor. Präsident Dr. Rosenbacher erklärte, daß er die Bedeutung Herzls nicht unterschätze, vielmehr in ihm einen ausgezeichneten Juden erblicke, der mit vollster Kraft und aus vollster Ueberzeugung für das Judentum so gewirkt habe, wie es seiner Ueberzeugung entsprochen habe. Er, für seine Person, werde sich an einer solchen Feier mit der größten Bereitwilligkeit beteiligen. Die Repräsentanz aber habe keinen Anlaß, indiesem! Falle eine spezielle Feier zu veranlassen, weil nicht die ganze Gemeinde, ja nicht einmal die Majorität der Gemeinde der Ansicht sei, daß der Weg, den Herzl eingeschlagen habe, der richtige sei. Er müsse den Antrag von 1904 wiederholen, daß die Repräsentanz als solche keine Feier veranstalten solle, wohl aber den Unternehmern in keiner Weise entgegentreten solle, insbesondere den Synagogen die Zustimmung geben solle. Oberfinanzrat Dr. Ko’erak beantragte, falls eine Synagoge den Gottesdienst veranstalte, die Genehmigung zu erteilen. Hier sei von einer Reihe von Bürgern ein Antrag überreicht worden, zu dem man Stellung nehmen müsse. Dr. Rosen bache r erläuterte nochmals seine oben angeführte Ansicht; die Kultusgemeinde dürfe keine Politik treiben. Herzl habe bestimmte politische Ansichten vertreten, eine Trauerfeier, die von der Repräsentanz veranstaltet werde, sei ebenso unzulässig, wfe eine Feier für Schmeykal und Rieger, die mit dem Judentum als solchen nicht in Beziehung standen. i—

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