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Jüdische Zeitung · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Date
1914-07-03
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 27 Baden. Ein Komitee hiesiger Gggs. veranstaltet im Einvernehmen mit dem D. K. für Innerösterreich am 12. Juli eine Herzlgedenkfeier. Die Gedenkrede wird Herr Dr. Emil Stein halten; nachher Rezitation aus Herzls Werken. Gäste herzlich willkommen. * Budweis. Lieber Initiative des Jüd. Volksvereines „Zion“ findet am 20. Tamus (14. Juli) im Tempel eine Herzlfeier statt, bei welcher Herr Rabbiner Dr. Thieberger die Gedenkrede halten wird. Anschließend daran findet am Abend im Sitzungssaal der Kultusgemeinde eine interne Feier statt, in der Herr Professor Dr. Epstein über das Thema „Herzl und wir“ sprechen wird. * Lunöenburg. Die J.A. Ferialverbindung veranstaltet am 5. Juli anläßlich der 10. Wiederkehr von Herzls Todestag im Tempel um 5 Uhr einen Trauergottesdienst, bei welchem Herr Gg. Rabbiner Dr. Schwenger die Predigt halten wird. Um 8 Uhr findet im großen Saal der „Krone“ eine Gedenkfeier statt. Redner die Herren: Dr. Emil Stein und Dr. Wilhelm Stein. Alle durch reisenden Gg. Gg. werden zur Teilnahme eingeladen. Jüdischer Handlungsgehilfen-Verband Wien, II. Taborstraße 11 b. Einladung zu dem Dienstag, den 7. Juli 1914, im Saale der Naturfreunde, 1. Postgasse 13,1. Stock, stattfindenden Vortrag des Herrn k. k. Universitätsprofessors Dr. Salomon Ehrmann, über Wesen und Bedeutung der Geschlechts- Krankheiten. Beginn 8 Uhr abends. Gäste willkommen! Eintritt frei ohne Karten. ParteinadiFiditen. Letzter Wochenausweis des Nationalfonds. Die für den Jüdischen Nationalfonds in der Zeit vom 13. bis 20. Juni d. J. eingegangi neu Spenden betragen Mk. 31.602.61. Hiervon entfallen auf Nordamerika Mk. 17.317.36, auf Rußland Mk. 4259.36, Rumänien Mk. 1999.96, Bet-, gien Mk. 1658.93, Galizien Mk. 1430.75, Südslavische Länder Mk. 1243.43, Deutschland Mark 1208.68, Holland Mk. 967.06, Oesterreich Mk. 905.19, Sdtweiz Mk. 493.32, Schweden Mk. 112.57, verschiedene Eingänge Mk. 6.—. * * * 1. Schekelausweis 5674: (Innerösterreich). Wien: Adolf Sußmann 12.—; Zion. Verband ehemaliger Hochschüler 20.40; „Esperanza“ 36.—; „Theodor Herzl“ 12.—; „Ivria“ 45.—; „Bar-Kochba“ 42.—; Eduard Mahler 2.—; Diverse 14.60. K1 o st er n eub u r n : Jüdischer Volksverein 14.40; Stockerau: Verein Zion 12.—; Semmering: Arthur Mayer 4.—; Linz: Karl Schwager 14.40; Meran: Dr. Josef Kohn 27.60; zusammen K 256.40. Erinnerungen und Erlebnisse. Wer konnte ahnen, daß die Sonne, die uns in ihrer ganzen Pracht einmal in unserem langen Goluth aufleuchtete, nach kurzer Dauer wieder untergeben werde! Und nun schicken wir unS bereits an, Benjamin Seff Herzl, unserem Herzl, zur zehnjährigen „Jahrzeit“ eine Gedenkfeier zu veranstalten. Wir wollen nun bei diesem Anlasse von ihm reden, ihn vor unseren Augen aufleben lassen, wie Kinder eines Vaters gedenken, eines lieben, großen Vaters! Denn was war uns Herzl. Wir seine Jünger und Verehrer aus seiner nächsten Umgebung, die wir an seiner zionistischen Wiege gestanden und das Glüdc hatten, mit ihm zusammen Zu arbeiten und auch manche vergnügte Stunde in seiner Gesellschaft zu verbringen, die wir uns riidht satt sehen konnten an seiner stolzen Erscheinung, die Natur so reich, ja verschwenderisch' beschenkt hatte, wir wurden durch sein allzu frühes Ableben überrascht! ln jener Sturm- und Drangperiode des Zionismus konnte sich keiner von uns die Zeit nehmen, die Ereignisse, in denen wir alle wie Räder einer Maschine mitgetrieben wurden, in beschaulicher Ruhe niederzusdvreiben. Beseelte uns doch alle der Wunsch, der Vater des Gedankens, Herzl, werde ewig leben! Die Menschen, namentlich wir Juden sind einmal so! Leuchtet für uns einmal die Sonne auf, glauben wir, es sei für ewig der Tag'angebrochen! Audh ich war einer seiner vielen Bewunderer und Verehrer, die geglaubt haben, daß er ewig leben werde. Es konnte natürlicherweise nicht anders sein. Kann man denn an den Tod eines heißgeliebten, allgeschätzten Vaters, Lehrers, denken? Wenn ich also der Einladung der verehrlichcn Redaktion, aus Anlaß der zehnten „Jahrzeit“ über Herzl etwas zu schreiben, Folge leiste, kann ich nur ganz Spärliches, Splitterteile aus meinem Gedächtnisse hervorholen und auch das nur aus dem gesellschaftlichen Verkehre mit Herzl schlecht und recht erzählen. Herzl war die Liebenswürdigkeit selbst, er besaß außergewöhnliche Geduld, die nur wenigen, besonders unter großen Leuten gegeben ist. Jeden, der sich bei ihm zu Besuche meldete, empfing er in der freundlichsten Weise und hörte sein Anliegen mit Aufmerksamkeit an. Seine Gastfreundschaft und Höflichkeit ging so weit, daß er jeden Besucher beim Verlassen seines Arbeitszimmers, dessen Einrichtung aus bescheidenen Möbelstücken und einer einfachen Bretterstellage bestand, bis in den Korridor manchmal auch bis zur Außentüre hinaus; begleitete und diesem, ohne Ausnahme — und wehrte man sich noch so sehr — in den Ueberrock half. Für jeden hatte er ein freundliches Lächeln und zarten Witz. Ich war mit Herrn Gluskin aus Warschau (jetzt in Risdion-le-Zion) als Mitglieder des Verlages „Achiassaf“ bei ihm erschienen, um Verhandlungen über die Uebernah’m'e der Redaktion der Jargonausgabe der „Welt“ zu pflegen. Wir hatten eine gereizte Aussprache. Mein, sonst auch sehr starkes Spradiorgan, war damals noch stärker hörbar als gewöhnlich. Unser lieber Herzl, statt mich zurecht zu weisen, flüsterte er mir mit einem Lächeln leise zu: „Aber Herr T. meine Frau könnte ja einen Polizeikommissär bei mir vermuten. Heben Sie sich Ihr Organ für unsere Versammlung auf, wir werden es nochtl es öfteren brauchen.“ Als der Schriftsteller Rubin Ascher Braudes nach Wien ' kam, erkannte Herzl, trotzdem' ihn dessen Name und literarische Bedeutung bis dahin vielleicht fremd war und er seinen litauischen Dialekt noch kaum verstand, sogleich1 seine außerordentlichen Fähigkeiten. Er besuchte jeden der Vorträge, die Braudes des öfteren an den damals üblichen Dienstagabenden hielt, hörte mit großer Aufmerksamkeit zu und griff in die Diskussion ein. War er einmal verhindert, sandte er expreß ein Entschuldigungsschreiben. In /einem Briefe (an Dr. ©erkowicz drückte er ganz besonders sein Bedauern aus, einen Braudesvortrag versäumt zu haben. Die Dienstagabende im Vereinslokale in der Rembrandtstraße, die muß man mitgelebt, micgemacht haben! Eine ganz gemischte Zuhörerschaft: stramme, stämmige Kadimahner und neben Dr. Schgirer und den alten Herrn dieser Verbindung Dr. Kokisch, den älteren, zwei Marmoreks und manch ehrwürdigen Khileisraeliten, wie Baurat Stiasny und a. m. sah man auch Juden mit Kaftan und Peoth, welche alle sich um die Zionsfahne, um Herzl gesammelt hatten. Alle zog er ins Gespräch und nicht selten sah man ihn sich mit dem greisen jüdischen Literaten Weißmarin-Chajes1, der bis zu seinem vor kurzen erfolgten Ableben seine polnisch jüdische Tracht und den Heimatjargon behielt, angelegentlich, aussprechen. Allein auch an Zudringlichen und Sichaufdrängenden fehlte es nicht. Herzl hätte sie besser nicht gesehen und doch bewahrte er stets ruhiges’ Blut undließ alles hingehen. Unter diesen gab es’ Ratgeber, die, ihrer Unberufenheit und Unfähigkeit unbewußt, FL zu überreden suchten, (bei (ihnen Unterricht im Hebräischen zu nehmen. Er hörte ihnen mit kindlicher Miene gelassen zu, die Antwort aber blieb er ihnen schuldig. Eines Abends jedoch, als noch wenige Leute im Vereinslokale anwesend waren, darunter Braudes, ich und einige andere, wandte er sich an ersteren mit der Frage: „Wie meinen Sie Herr B. — Ihr Ausspruch wird für mich Befehl sein —■ soll ich hebräisch zu lernen anfangen?“ B. verneinte diese Frage, indem er hinzufügte, „Sie können, Herr Doktor, Ihre Zeit besser für uns verwenden.“ , ’ |;;! i | | '□ Daß Herzl seine Zeit für uns, für die ZionSsache voll und ganz verwendete, wissen wir ja alle. Man sah ihn bald da bald dort auftreten und in Wien gab es bei seiner Anwesenheit keine Zionistische Versammlung, sei es eine Volks- oder Vereinsversammlung, zu der er nicht erschienen war, um gleich dem Jüngsten und Kleinsten in der Versammlung bis zum Schlüsse auszuharren. War Herzl in der Versammlung, war — wie es bei Hilel heißt — „Alles da!“ Und war es einmal stürmisch geworden, genügte seine nur ihm eigen gewesene feine Handbewegung und es trat wieder Ruhe ein. Herzl pflegte seine Reden und Referate in zionistischen Versammlungen mit den einfachen Worten des zionistischen Programmes einzuleiten: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina,“ und ermahnte uns seinem Beispiele zu folgen. „Denn — so sagte er — idi halte die fortwährende Anführung und Klarstellung des’ zionistischen Programmes in öffentlicher Versammlung für wichtiger als eine sthöne Rede.“ Herzl versuchte es niemals, innerhalb der zionistischen Partei und Presse die Reform der Religion oder der nationalen Sitten und Bräuche anzustreben. Er ließ jeden in der Partei nach seiner Fasson selig werden. Er liebte jeden ehrlichen, aufrichtigen Gesinnungsgenossen, den streng orthodoxen wie den extrem freidenkenden gleich. Er schätzte die Ehrlichkeit, die Aufrichtigkeit und ehrte die Ueberzeugung der wahrhaft Frommen, während er Heuchler, „Gotts^ fopper“, wie er sie nannte, verachtete. So unterhielt er mit Aron Markus, Jawitz und Rabbiner Reines innige freundschaftliche Beziehungen. Auf den Kongressen pflegte er oft seinen Sitz zu verlassen, um sich zu den einen oder anderen von ihnen hinzusetzen und mit ihnen Pourparlers zu pflegen. Wenn Herzl sprach und dabei auf irgend einen religiösen Brauch im Judentum zu reden kam, verstand er es, um nicht mißdeutet zu werden — in 'feuilletonistischer Weise, sich darüber hinwegzuhelfen, ln einer Versammlung im’ Ronachersaal,1 es war zwei Tage nach „Pessach“, begann er sein Referat mit folgenden Worten: „Wohl gehöre ich nicht zu den jüngsten in der Familie, doch erlaube ich mir die Frage: „Mah nischtanoh“ u. s. w., dieselbe Frage, die wir alle erst vor wenigen Tagen gefragt — oder nicht gefragt, auch hier vorzulegen.“ — Er hatte auch täglich eine allgemeine Empfangsstunde. Diese war für 1—2 Uhr nachmittag in der Redaktion der „Welt“ in der Türkenstraße festgesetzt und wurde solange abgehalten, bis er auf eindringliches Zureden seiner nächsten Umgebung sie aufgab, da sich im Laufe der Zeit allerlei Berufsschnorrer auf der Straße vor dem Redaktionslokale anhäuften und seine Güte, sein [überaus mitleidiges Jferz mißbrauchten. Herzl gab jedem der die Hand öffnete und gab über seine Kräfte. Ich verwendete mich einst für einen Agitator unserer Partei und wies unter anderem auch darauf hin, daß der Mann Frau gnd Kinder zu ernähren hatte. Herzl, der mir wohl (einen größeren Betrag aus eigenem für den Mann gab, war jedoch über meine Bemerkung wegen Frau und Kinder des Betreffenden erstaunt und sagte: „Oho! das hab‘ ich gern: der bekannte Hausierhandel mit Frau und Kinder. Sie haben ja audi Frau und Kinder .treiben Sie Hausierhandel mit diesen? Ich habe auch Frau und Kinder, meine Existenz istganz untergraben, wie mache iCh es? “— „Herzls1 Existenz untergraben!“ Wie ein Blitz aus heiterem Himtnef traf mich' diese Aeußerung. Erstaunt war ich' .und auch die anderen Gesinnungsgenossen, denen ich es vertraulich mitteilte. Keiner konnte es sich erklären und erst nach seinem Ableben war das Rätsel für uns gelöst. Die Frage Herzls an mich, „ob ich auch' Hausierhandel mit Frau und Kind betreibe“, hatte ihren Ursprung in nachstehendem1 Geschehnis, das klipp und klar beweist, wie sehr Herzl das Wohl und Wehe selbst des einzelnen Gesinnungsgenossen am Herzen lag. Im Sommer 1900 war mir in Neapel, wo ich mich ge-

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