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Jüdische Zeitung · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Date
1914-07-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wenn ich dennoch sagte, ein Mehr von Herzlschem Geiste sei nötig, so meine ich damit, daß wir durch die fortwährend sich häufenden praktischen Aufgaben in Gefahr sind, an Systematik einzubüßen. An Herzl uns orientierend müssen wir uns immer wieder erinnern, daß alle unsere Entscheidungen niemals den besonderen Fall betreffen dürfen, sondern daß sie prinzipiell er Natur sein müssen. Daß wir ferner für unsere Arbeit ein System ausarbeiten, vom Kongreß beschließen lassen und dann danach handeln müssen, ein System, in welchem jede unserer Institutionen ihren Platz angewiesen erhält. Ein Mehr von Herzls Geist ist auch nötig in Bezug auf die Großzügigkeit unserer Konzeptionen und auf die Würde unseres Auftretens nach außen, die immer wieder durch die Notwendigkeit scharfer Kämpfe nach allen Seiten gefährdet wird. So steht Herzl vor uns nach wie vor als dei große Erzieher, von dessen Methoden wir zwar einigermaßen abgewichen sind, dejuns dagegen, was die großen Linien des Denkens und Handelns betrifft, nie genug stark gegenwärtig sein kann. Denn um nochmals es zu sagen, bis zr Herzl W'aren wir ein Ghetto- und Khillevolk, e r wandelte uns zu einer politischen Nation. Alle großen Erzieher wirken aber nicht nir durch ihre Gedanken, sondern ebenso mächtig durch ihre Person, Herzl verkörperte uns den neuen Juden, wie er uns als Ideal vorschwebte, in seiner Person. An ihr haben wir Uns aufgerichtet, fsie ist es, (welche unserer Jugend zum Vorbild geworden ist Sie zu charakterisieren, finde ich keine besseren Worte, als jene, die ich einmal an seinem Grabe Sprach: ln Herzl sind all die versunkenen, verschütteten, vergessenen Möglichkeiten des Judentums Wirklichkeit geworden. Alles was dem Judentum verloren gegangen war; Kraft, Würde, Freiheit, Selbstvertrauen, Größe, Adel, das wrar in Herzl. Bis zu Herzl war es ein Kummer, vielleicht eine Sdiande Jude zu sein, die Erscheinung Theodor Herzls hat dem Judentum neuen Adel verliehen! 12. Juli d. J. 7c 10 Uhr vorm. Gang zum Grabe Herzls Treffpunkt vor der Hochschule für Bodenkultur. 13. Juli d. J., halb 8 Uhr abends Trauer-Gottesdienst im Stadttempel, I. Seitenstettengasse. hatte, zu Gunsten des „Zionismus“ im engeren Sinne aufgab. Einmal nur branden der Wille des Führers und des Volkes in heftigster Weise gegeneinander — beim Ugandaprojekt, zu dem Herzl gegriffen hatte, als er, kurz nach dem Kischenewpogrom, das Elend der jüdischen Volksmassen mit eigenen Augen sah und, in seinem Herzen schwer erbittert, die Gelegenheit eines sofortigen großzügigen Hilfswerkes nicht glaubte vorübergehen lassen zu dürfen. Ein großer Teil der zionistischen Partei beharrte gegen den momentanen Notschrei auf der Zukunftsforderung: Palästina, in der irrigen Meinung, daß der geliebte Führer dem Ziele der Bewegung untreu geworden war. Die Versöhnung eines Konfliktes, der zu einer Zerklüftung der Bewegung zu führen drohte, und die Wiederherstellung einer in sich einigen Organisation war das letzte Lebenswerk, das Herzl, seines unmittelbar bevorstehenden Endes schon bewußt, mit letzter Zusammenfassung seiner Kräft vollführte. Die Herzische Politik gehört als solche nur mehr der Historie an. Ungeahnte Erfolge scheiterten doch mehr als einmal unmittelbar vor der letzten Erfüllung — an der völligen Gleichgültigkeit des jüdischen Kanitals, an der Weigerung kolonisatorischer Voraussetzungen, an dem Widerstand im eigenen Lager. In kulturzionistischen und in gegnerisch n Kreisen war es die politische, speziell die „diplomatische“ Methode Herzls, die Bedenken, Kritik und auch hämischen Spott erntete. Und die innere Parteipolitik, die sich mit dem Anwachsen und den Wandlungen innerhalb der zionistischen Organisation entwickelte, gab wirklich JÜDISCHE ZEITUNG fietriisdie Mtiop. Dreißig Jahre alt bin ich geworden, Eh ich begann, die Sprache meines Volkes zu lernen. Da war es mir, als sei ich dreißig Jahre taub gewesen. Und nun erschütterten, so lang zurückgehalten, Daß losgelassen sie wie Blitz die Luft durchschlugen, Nun schütterten mein Ohr die alten Laute, ' Die meine Wiege schön umklungen hätten, : - Die mir in Knabenschritt und erster Liebe Und erster Mannestat Geleit gewesen wären! Nun kam zu spät das Wiegenlied und klang nicht süß. Nein, wie erzürnt ob bitterer Versäumnis, Brach es als Blitz und jäher banger Donnerton Mit Kampf und Wirrwarr her. Doch neigte ich Das Haupt ihm gern, wie man der Mutter lauscht, Der Zürnenden, und aus dem Grollen war’s, I , ’ . Als klirre Wüste auf. Zusammenlaufen, Ein Späherpfiff, ein ganz vergessner Hörnerschall Und unsres alten Gottes Zuruf vom Gebirge. -Max Br:od. - Herzls Sdiöpfungen. Von Dr. Emil iSte.in. Der liebenswürdige Plauderer . und ,feine Aesthetiker Theodor Herz', hat sich im D-ange zu einem Tatenmenschen entwickelt, dessen Schöpfungen bis über seinen Tod hinaus in eine ferne Zukunft seines Volkes fortdauern werden, der Notwendigkeiten des zionistischen Lebens Es ist merkwürdig, wie auf den feinsinnigen Beobachter Judenfrage und Judens'chicksäl eingewirkt haben, so daß sich nicht nur seine Gedanken zum fertigen Programm des Judenstaates verdichteten, sondern daß Herz/' aus seinen Gedankengängen auch alle Konklusionen zog und, wie wir wissen, sich restlos der Verwirklichung seiner Pläne hingab. Theodor Herzl war ein großer und starker' MensCh. Machtvoll -wußte sich seine (überragende Persönlichkeit gegen alle Hindernisse und Anfeindungen durchzusetzen; für ihn konnte esl keine Unmöglichkeiten geben. Als diejenigen, auf die er seine Hoffnungen bei der Ausführung seiner Pläne gesetzt hatte, die Reichen und Mächtigen in Israel, in ihrer Kleinlichkeit den großen Zug seiner Gedanken nicht verstanden und die Möglichkeit zu kleinlichem Parteileben, das Herzl von Anfang an perhorreszierte, zur Vereinsmeierei und Außerachtlassung wahrer und großer Gesichtspunkte. Das schmälert die grundsätzliche Bedeutung nicht, weiche der neuen Politik nach außen und innen, soweit sie Herzlscher Geist bewahrt, für ein national entnervtes Volk innewohnt. Offen und ehrlich die Judenfrage zur Weltdiskussion stellen, sie aus eigener Initiative und doch im Einklang mit den Faktoren der Welt zu lösen und hiedurch das Friedenselement der Welt zu steigern — das sind die Motive der neuen Judenpolitik im Gegensätze zu jeder früheren. Und nach, innen eine Erziehung zur Mannhaftigkeit, zur Aufrechtheit und Aufrichtigkeit, zu zukunft sicherem1, opferlosem Leben — das bedingt auch den Gegensatz des neuen Judentums — zum alten und „neuen Ghetto“. Hinter der -Politik steht das soziale- Problem., „Zu den hohem Einwendungen der Welt gehört es, daß in der Welt die Not der Juden nicht die einzige ist. Ich meine aber, daß wir immerhin anfangen sollen, ein wenig Elend hinwegzuräumen, wäre es auch vorläufig nur unser eigenes.“ Es handelt sich um ein Erlösungswerk, allerdings nicht bloß im Sinne der Phi-' lanthropie, die immer eine halbe ist, sondern als Selbstbefreiung. Das neue Gemeinwesen j kann vor allem ein besseres sein — das wollte . Herzl in „Altneuland“ zeigen. Die technischen j Errungenschaften der neuen Zeit erscheinenhier i ganz in den Dienst des Guten gestellt: Siebenstundentag, Bodenreform; die völlige Gleichstellung der Fremden geben der neuen Gesellschaft ihre Berechtigung. Ein Volk, erzogen Nr. 27 ihn im Stiche Hießen, da wandte er Sich1 kurz entschlossen an sein Volk und schuf das Organ, welches mächtiger und dauernder wirken sollte, als es je eine Vereinigung selbst der bestgesinnten Phi’antropen hätte tun können, d i e zionistische Organisation. Seit Jahrtausenden zumersten Male, findet sich auf Herzls dröhnenden Sammelruf das in alle Welt zerstreute, in sich uneinige und. zerrissene jüdische Volk, zu gemeinsamer Tat, zu gemeinsamer Hoffnung auf eine bessere, -frohe Zukunft der geeinten Nation zusammen. Klein war das Häufleinam •Anfang und .fast, schien es, als, würde, des Schöpfers Tod dieses junge Gefüge; wieder in sich' zusämmensinken lassen, doch' Theodor Herzls. Prophetenblick hat es besser erkannt. Von Jahr zu Jahr schwillt die Zionistische Organisation immer mehr an; Sie zieht immer weitere 'Kreise und was bedeutsamer. ist, als das -numerische Anwachsen der. Anhänger, ’ sie wird innerlich gefestigter und ist nach so kurzem Bestände heute die weitaus bedeutendste und kräftigste Organisation innerhalb des Judentums. Der Ruf des Führers hat die ersten zusammengebracht, sein Programm 'hat immer neue Anhänger geworben, sein flammender Wille‘hat über die Schwierigkeiten der ersten Jahre hinweggeholfen, sein Geist, in dem die Organisation heute und für alle. Zukunft lebt, und der eiserne Wille zur Erfüllung seiner Pläne, Schuf die innere Geschlossenheit und die rimmer mehr wachsende Schlagkraft. -Wer hätte es. noch vor zehn 'Jah- .ren, als Theodpr - Herzl. starb,. gedacht, daß die zionistische Organisation imstande., sein wird, solche Opferauf-sich zu nehmen, wie Sie es' in jüngster Zeit .für dasUnationale ßchülWerk in Palästina getan hat!;Die erste Feuerprobe ist bestanden, und schon -nimmt-sie spielend weitere auf sich. Die Kleinen und Zaghaften Werden verlacht, die Feigen aber, (die sich Vor 'dem1 Kampf um- Gesinnungen Scheuten iünd aus Ghettofurcht zum’ Frieden mit den „Reichen in Israel“ rieten, sie wissen nicht, daß in der zionistischen Organisation die Disziplin bereits so stark geworden ist, wie die Organisation 'selbst. Sie werden vomnächsten Kongreß darüber belehrt werden, daß diese HerzlSche Schöpfung, die so vornehm den Willen Herzls zum Volk trägt, nunmehr die Trägerin des VolksWillenS ist, der sich souverän über jede OpportunitätS-Politik hinwegsetzt, und nur eines kennt, die unentwegte Hingabe an das nationale Judentum'. Diese Gesundung unserer völkischen Politik läßt Sich am allerbesten auf jenen Tribünen beobachten, die Herzl für die öffentliche Besprechung aller Judenfragen geschaffen hat. Von Kongreß zu Kongreß, wird das Programm weiter, die Idee verinnerlichter. Von der Erkenntnis der Judenfragen sind die Kongresse aufgestiegen zur Erfassung ihrer Ursachen, zur Wertung an der Lehre der Leiden, kann sie verwirklichen, ohne doch den engherzigen Anspruch' auf Originalität zu erheben; denn es sind Ideen, in Europa ausgearbeitet, von allen Menschen erstrebt. Und die sonnige Küste Palästinas entlang segelt in jedem Vierteljahrhundert das seltsame Zukunftsschiff, auf dem, in freier Geselligkeit, aus allen Völkern und Ländern die erlesensten Menschen der Zeit sich zusammenfinden und die Fragen der Gesellschaft und des! Fortschrittes erörtern, in Tischgesprächen, durch welche „der Geist der Menschheit zum jüdischen Volke spricht . . .“ Ein speziell jüdisches Kulturproblem' lag Herzl ferne. Er. konnte zu. einer Bewegung der Jungen nicht jenes. .Verhältnis gewinnen, das von ihm erwartet wurde. Noch weniger, beschäftigte ihndas Problem des . Religiösen,- das-er, nur in. den ererbten -Formen richtigkannte-und in :Ehren hielt —-dessen direkten Einfluß auf die nationale Bewegung er aber taktvoll und geschickt abwehrte. Dennoch hätte er das' Gefühl eines tiefseelischen Zusammenhangs mit der inneren Schönheit jüdischer Lebensformen —'wie er es So wundervoll in seiner „Memorah“ ausgesprochen hat ... Von Herzls Wirken sind uns außerdem, was schon historisch' geworden ist, verblieben: die Form' der von ihm geschaffenen Organisation und seine unerfüllten Ziele, dazu die unsichtbar wirkenden Ideen, die seine Persönlichkeit verkörperte. Bleibe dem Volke auch ein Verständnis für die Größe und für die Liebe dieses Mannes, und für seine unvergeßliche Art auch eine unvergängliche Verehrung.

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