Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Date
- 1914-07-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Der erste Ausweis der wird in der nächsten Nummer dieses Blattes veröffentlicht. Der Redaktionsschluß dieses Ausweises erfolgt Montag, den 6. Juli 1914. Die Gesinnungsgenossen, die Wert darauf legen, daß auch ihre Spenden in diesem Ausweise publiziert werden, sind gebeten, diese umgehend der Sammelstelle des Jüd. Nationalfonds, Wien, II/l, Karmeliterplatz 1, Postsparkassenkonto 100.208, zugehen zu lassen. . Die Enluifthmg Der Beuegung seit Herz], Von Adolf Böhm’.* *) Die Entwicklung der zionistiSdhen Bewegung Kat scheinbar in vielen Dingen von' Herzlä Gedanken weggefuhrt. Herzl Sah in der Judenfrage eine Madhtfrage, ihre Lösung in der Schaffung eines jüdischen Machtzentrums. Seine Aufgabe sah er darin, Machtmittel zu schaffen, mit deren Hilfe er die materiellen und rechtlichen Unterlagen für den Aufbau dieses Zentrums erringen könnte. Die Organisation,' Bank und Nationalfonds waren in steinen Händen Mittel zum’ Zweck, die politische Arbeit, die er als' Sachwalter der Nation führte, war die weitaus wichtigste Tätigkeit für die Erreichung jenes Ziels. Seit seinem Tode ist «ine völlige Wandlung eingetreten. Der AufBätr^eines'' jüdischen Zentrums wurde als eine Sache begriffen, die nicht von oben, Sondern von unten anzufangen wäre. Ruppin Spricht in seinem Büche ganz richtig davon, daß es gälte, einen „KrystalliSationskem“ in Palästina zu schaffen. Dieser Imuß einerseits durch' eigenes Wachstum, andererseits durch stete Angliederung hinzuströmender Elemente sich vergrößern, und damit an Bedeutung für die Judenheit zunehmen. Die Institutionen der Bewegung haben deshalb heute die Aufgaben an der Schaffung dieses Kernes mitzuarbeiten. Die Zionisten, in der Organisation vereinigt, sind nicht mehr als bloße Sachwalter des Volkes anzusehen, sondern sie müssen diejenigen MenSchen sein, denen die Schaffung des Zentrums persönliche Lebensaufgabe ist. Die politische Arbeit ist andauernd nötig, aber Sie kann nur erfolgreich sein, wenn sie Sich auf reale Positionen in Palästina zu stützen in der Lage ist. *) Da ein Artikel über dieses von uns vorgeschlagene Thema den Umfang einer BroSchüre annehmen müßte, sendet uns Herr Böhm eine Skizze eines darüber gehaltenen Vortrages. sal, das zur Weltsensation wurde. Hinter diesem Einzelschicksal Steht die ganze Problematik des westlichen Judein, die Problematik der Judenpofitik, der jüdischen Gesellschaft und des ganzen Judenlebens. Und während er als Journalist halb der Neugier und halb dem GerechtigkeitsinteresSe des Publikums zu dienen hat, reift in ihm der Keim Zu einer Dichtung, die nur der Schmerz gebären kann. Und er ist es, der einen bis dahin schlummernden Willen Riesenkräfte leiht, die ohne UmWeg des Intellektes rein aus' der Persönlichkeit heraus wirken, denen nur r'-aS umfassende Wissen des Lebens und der Zeit hilfreich' manche Wege erleichtern. Uiid eine So geborene Dichtung kann nicht anders heißen als — Verwirklichung. Das war damals, älS Herzl begann den „Judenstaat“ zu Schreiben und Adler sich zu Happ ten rauschen fühlte — in Paris, derselben Stadt, in der 31 Jahre vorher der längst verschollene Moses Heß die gleiche „Lösung der letzten Nationalitätenfrage“ vorhergesagt hatte, nach1 'Leo Tinsker und nachdem AChad Haatn kurz vorher für die bisherigen chöwewej-zionistiSchen Versuche die theoretische Forderung offener Legalität erhoben hatte. Von alledem wußte Heizl nichts (außer von der Existenz einer zionistischen Bewegung), er trat als „Erster“ auf und konnte zionistischen Führern verdächtig erscheinen. In der Vorrede zum „Judenstaat“ finden sich Worte: „Ich bin im Tiefsten davon überzeugt, daß ich Recht habe — ich weiß nicht, ob ich in der Zeit meines Lebens Recht behalten werde. Die ersten Männer, welche diese Bewegung beginnen, werden schwerlich' ihr ruhmvolles Ende Diese Entwicklung ist vor allem der Durchdringung des politischen Zionismus mit den Gedanken der national-kulturellen Zionisten, die Herzl bei seinem Auftreten vorfand, zu danken. Diesen war es nicht in erster Linie um die „Lösung der Judenfrage“, Sondern um die „Erhaltung und Erneuerung der Volksindividualität“ zu tun. Die Mittel dazu waren: Die Verwurzelung mit dem Boden (Kolonisation) als Gewähr des physischen und die Entwicklung einer eigen nationalen-hebräischen-Volkskultur als Sicherung des geistigen Bestandes der Nation. Diesem diTerenten Ausgangspunkt entsprach auch die völlig verschiedene Art der Methode in der Propaganda. Hätte Herzl gemeint, er brauche nur die von ihm gefundene Wahrheit immer und immer wieder zu verkünden — „man müsse unermüdlich an das Volk appellieren,“ wie Motzkin am1 achten Kongresse sagte — dann tniüsise die Mehrzahl der Juden sie annehmen, so war es den national-kulturellen Zionisten klar, daß man nur durch Nationalisierung und Hebräisierung der Diasporajudenheit dazu gelangen könne, daß in ihr der Wille zur Wiedergeburt zum Zentrum der Seele, — merkas haruach (Achad Haam) — Werde. Das Starke Vordringen der Gedanken der national-kulturellen Zionisten in der Bewegung hat sowohl bei jenen Zionisten, welche der neuen Richtung mit Leidenschaft anhängen, als auch bei denen, die ihnen gegenüber den politischen Zionismus Herzls verteidigen zu müssen glauben, den Eindruck erweckt, als ob dieser gänzlich in den Hintergrund gedrängt worden wäre. Ist dem wirklich so? Ich1 glaube nicht. In Wahrheit ist nur eine Verschiebung der Perspektive eingetreten. Die Zentrale 'Aufmerksamkeit'der Zionismen, die zu Herzls Zeiten auf den Charter und seine Gewinnung gerichtet war, wird heute von den Problemen der jüdischen Siedlung in Palästina vollauf gefangen genommen. Die Arbeit für diese und die eigene immer stärker werdende Verflechtung mit ihrer Entwicklung, nehmen die Aufmerksamkeit der Zionisten vollauf in Anspruch. Aber deshalb haben sie nie und nimmer den Gedanken Herzls aufgegeben, daß ihre Arbeit in letzter Linie der „Lösung der Judenfrage“ durch Normalisierung der Lage der Juden gilt. Niemals ist eS auch dem national radikalsten Zionisten in den Sinn gekommen, 'daß unsere nationale Arbeit in Palästina und in der Diaspora quasi schon die persönliche Erlösung von der Schmach, in der wir uns befinden, bedeute, so sehr die Teilnahme daran auch befreiend wirkt. Immer aufs heue, 'trotz alles Hochgefühls über die werdende Volksrenaissance und der Lust an der Mitarbeit, wird die eigene Lage und die der Nation als eine unmögliche und unwürdige angesehen, die man radikal ändern müsse. Hier, in dieser echt Herzischen Auffassung liegt der Grund, Warum wir niemals mit den Jiddischisten uns vereinigen können, so Sehr auch wir auf die Hebung des Volkes im Golus bedacht sind. Aber nicht nur in diesem psychischen Ausgangspunkt und in Bezug auf das Endziel sind wir von Herzls Geist beseelt, auch die Methode unserer Arbeit ist von seinem Geiste getragen. Wie er, wollen wir unsere Organisation gewärtig ausbauen, bis sie eine völlige Repräsentanz der Judenheit geworden ist, nach wie vor sehen wir im Kongreß, den er geschaffen, die gesetzgebende Körperschaft unseres Volkes und seine einzig berufene Vertretung nach außen, wie er wollen wir zwar kleine Arbeit, aber keine „Kleinarbeit“ leisten, d. h. solche, die nicht ausgerichtet ist auf das Ziel. Und in diesem Punkte wäre heute vielleicht doch schon ein Ruf nach stärkerer Durchdringung mit seinem Geiste nötig, wovon noch gesprochen werden soll. Was Herzl uns gelehrt hat, und worin seine größte Bedeutung liegt, d. i., daß er uns einprägte als Staatsvolk zu handeln. Nicht in den einzelnen vorübergehenden methodischen Ideen, die er hatte, wie z. B. in jener des Charters, liegt seine größte Bedeutung, sondern darin, daß er aus Ghetto und Khiliemens,chen eine poltisch denkende und handelnde Nation gemacht hat. Nur eine solche kann den Weitblick haben, über die Not des Tages hinaus zu sehen, den Ursachen ihres Schicksals auf den Grund zu gehen una den Entschluß zur Schaffung völlig neuer Daseinsbedingungen zu fassen. Nur eine solche ist imstande, sich Instrumente für staatsähnliches Handeln zu schaffen, eine Organisation, eil i Leitung, Banken, Fonds, einen Verwaltungsapparat, etc. sowie der Herzische Zionismus sie auch geschaffen hat. Das dauernde Wirken in diesem Geiste ist nicht nur unverloren in Ter Bewegung, sondern gerade in den letzten Jahren haben wir eminent an politischer Schulung und Reife zugenommen, woran nicht nur unsere Leitung einen großen Teil des Verdienstes hat, sondern was auch dadurch erst ermöglicht wurde, daß heute jedem Zionisten der Zionismus eine persönliche Angelegenheit geworden ist, d. h. eine solche, von dem sein eigenes Lebensschicksal abhängt. . Neu! GRAF Gulasch-Saft I zur mühelosen Bereitung von delikatem Gulasch, Paprika» schnitzet, Gulasch »Kartoffeln 1 Tafel ä 20 h tfir 1 ho Fleisch oder 2 ho Kartoffel. siehen. Aber Schon durch das Beginnen kommt ein hoher Stolz und das Glück der innerlichen Freiheit in ihr Dasein.“ Herzl war sich also der Bedeutung seines Vorschlags, dessen ganzer moralischer Kraft vor allem, von vornherein völlig bewußt. Nur die Stellung seiner eigenen Persönlichkeit war ihm gänzlich unklar. „Ich selbst halte meine Aufgabe mit der Publikation dieser Schrift für erledigt.“ Letzteres kam völlig anders. Herzl hatte nur als Schriftsteller seinen Vorschlag der Oeffentlichkeit unterbreitet. Er konnte das Echo nicht voraussehen, das seine Schrift in Lebenssphärenerweckte, die ihm selbst völlig unbekannt waren: in den jüdischen Volksmassen 'des Ostens. Ungewollt wurde er zum selbstverständlichen, zum souveränen Führer der Bewegung. Von da an ist jeder Tag, ja vielleicht jede Stunde seines Lebens mit dem Zionismus verbunden. Sein Wirken innerhalb der zionistischen Bewegung ist objektive Geschichte des Zionismus selbst. Was er persönlich dabei litt und lebte, wird fe'in großes Zeitdokumerit bilden, sobald einmal 'die Tagebücher Herzls veröffentlicht sein werden. * * * Der Führer des Zionismus hat den Schreiber des „Judenstaats“ immer mehr hinter sich gelassen. „Indem ich zur Vernunft spreche, weiß ich dennoch Wohl, daß die Vernunft allein nicht genügt — so hatte er in der Einleitung zum „Judenstaat “ geschrieben. Die klaren Formen der vemunftmäßig durchsichtigen Lösung sind nicht die der Wirklichkeit. Diese ist verworrener, irrationeller, Zugleich aber auch noch reicher und tiefer. Der aufgerufene Volkswilte hat sein selbständiges historisches Recht. Wie merkwürdig ist diese Beziehung des „von draußen“ gekommenen Führers zu dem Volke, dessen Willensträger er wird und das ihm unbedingt Gefolgschaft leistet. So vollbringt er — zum erstenmale seit fast zwei Jahrtausenden — das Wunder einer weltumfassenden nationalen Organisation, die, wenn sie auch der Zahl nach nur einen Bruchteil der Judenheit einschließt, moralisch fast alle jüdischen Lebensgebiete beeinflußt. Das Spottwort vom „Judenkönig“ wird an Herzl zu einer ausgesprochenen Wirklichkeit, bloß kraft seiner Persönlichkeit und einer im Grunde gesunden Volksnatur, die sich, wenn auch in ihren Gegenwartshoffnungen nicht befriedigt, freiwillig der Größe dieses Mannes unterordnet. Und Herzl erringt seine Erfolge bloß durch den Zauber und die schlichte Würde seiner Persönlichkeit. Sie geben ihm jene klare Sicherheit, die man noch heute aus jenen Worten herausfühlen kann, die er an Kaiser Wilhelm bei dessen Einzug in Jerusalem richtete. Nur ein Herzl konnte es vereinigen, fast jede seiner Aktionen, in denen er als Einzelner Diplomaten und gekrönten Häuptern gegenübertrat, aus persönlichster Initiative zu entnehmen und dabei die letzten Entscheidungen einer durch und durch demokratischen Körperschaft anheimzustellen. Und an den Volkswillen fühlte er sich so enge gebunden, daß er auch in Bezug auf den Grundinhalt des Zionismus sich ihm unterwarf und die Möglichkeit: „Argentinien oder Palästina“, die noch im „Judenstaat“ bestanden