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Jüdische Zeitung · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Date
1914-07-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Als die Kulturvölker die Uninensdhlidikeit der Ausnahmsgesetze einsahen und uns frei ließen, kam die Freilassung zu spät. Wir waren gesetzlich in unseren bisherigen Wohnsitzen nicht mehr emanzipierbar. Wir hätten uns im Ghetto merkwürdigerweise zu einem MittelstandsVolk entwickelt und kamen als eine fürchterliche Konkurrenz für den Mittelstand heraus!. So standen wir nach der Emanzipation plötzlich im Ringe der Bourgeoisie und haben da einen doppelten Drude aüszuhalten, von innen und von außen. : , ....; -i * Es konnte nicht der geschichtliche Sinn der Emanzipation sein, daß wir aufhören sollten. Juden zu sein, denn wir wurden zumdkgestoßen, als Wir uns mit den andern vermischen wollten. Der geschichtliche Sinn der Emanzipation mußte vielmehr sein, daß wir unserem befreiten Volkstum eine Heimstätte .bereiten sollten. Das hätten wir früher nidit vermocht; wir können es jetzt, wenn wir es mit aller Kraft wollen. (Zweite Kongreßrede.) * Es ist ein heimlicher Jammer der Assimilierten, der sich in „wohltätigen .Unternehmungen Luft macht Sie gründen Auswanderungsvereine für zureisende Juden. Diese Erscheinung enthält einen Gegensinn, den man komisch finden könte, wenn es sich nicht um leidende Menschen handelte. Einzelne dieser Unterstützungsvereine sind nicht für, sondern gegen die verfolgten Juden da. Die Aermsten sollen nur recht Schnell, recht weit weggesdiaft werden. Und so entdeckt man, daß mancher scheinbare Judenfreund nur .ein als Wohltäter verkleideter Antisemit jüdischen Ursprungs ist („Judenstaat".) * Die Sache wird demnach' vielleicht nicht den Beifall der jüdischen Geldmagnaten finden- Diese werden sogar vielleicht durch ihre geheimen Knechte und Agenten den Kampf gegen unsere Judenbewegung einzuleiten versuchen. Einen solchen Kampf werden wir, wie jeden anderen, der uns aufgezwungen wird, mit schonungsloser Härte führen. („Judenstaat“.) * Wir wissen ja, daß, von den Reichsten abgesehen, die Juden fast gar keinen Verkehr mit Christen haben. In manchen Ländern ist es so, daß der Jude, der sich nicht ein paar Tafelschmarotzer, Borgbrüder und Judenknechte aushält, überhaupt keinen Christen kennt Das Ghetto besteht innerlich weiter. („Judenstaat“.) * Die „Welt“ soll dem jüdischen Volke eine Wehr und Waffe sein, und “zwar eine reine Waffe. Gegen wen? Gegen seine Feinde — ohne Unterschied der Konfession. (Programm der „Welt“.) JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 27 Der Zionismus! aber, das sehen wir immer deutlicher, wird zu einer heilsamen Krise des Judentums werden. Die Gegensätze, die entstehen, müssen zu einer Klärung verrotteter Verhältnisse, und endlich zu einer. Läuterung des Volkscharakters führen. sehen Gewohnheiten verwachsen und hatte aus den Kulturen der Völker, durch die ihn sein Bildungsgang geführt, Untilgbares in sich aufgenommen. Wie war dies mit (seiner Rückkehr zum Judentum zu versöhnen? Daraus) erwuchsen ihm selbst ' manche Zweifel an der Rich¬ („Protestrabbiner“) * ' Zum Bleiben wie zum Wandern muß die Rasse zunächst an Ort und Stelle verbessert werden. Man muß sie kriegsstark, arbeitsfroh und tugendhaft machen. (Herzl vor Baron Hirsch, 1895.) * Diese Leute haben die Mäßigung mißverstanden, deren sich der Zionismus bisher befliß und auch weiter befleißigen wird, wenn' man ihn nicht erbittert und durch Profiden vergiftet. Diese Leute, von denen man' fortwährend hört, bald durch den Skandal ihrer MaitresSen, bald durch den Triumph ihrer Rennpferde, bald durch die Börsenmanöver, mit denen sie den Mittelstand der Börse zu Proletariern machen, bald durch die Korruption, die sie um sich her wie einen Pesthauch verbreiten. Diese Leute, die man überall sieht, nur nicht, wo die armen Juden1 in einem schweren Kampfe cstehen, diese Leute mögen sich in Acht nehmen, daß nicht in ihrem Rücken eine zweite Volksbewegung gegen, sie aufstehe, numerisch' Schwächer, aber gerade darum verzweifelter als die erste. Ah ja, es gibt sogenannte Wohltäter unter ihnen; daS heiß*, sie züchten Schnorrer. Das heißt, sie schaden dem jüdischen Volke auch noch durch' milde Gaben aus denjenigen Vermögen,, die mitunter, auf kompromittierende Art entstanden sind. Ah ja, die Herren sind auch geschickt genug, sich persönlich vom_ Antisemitismus los -zu kaufen: Durch die Gefälligkeiten, Geld, Opfer an Ueberzeugung — die letzteren kosten sie am wenigsten. Aber mit den Zionisten gibt es nur ein Arrangement, und das ist Zion. (Dr. Güdemanns „Nationaljudentum“.) * Wir wollen drüben jeden nach seiner Fasson seelig werden lassen. Auch und vor allem unsere teuern Freidenker, unser unsterbliches Heer, das für die Menschheit immer neue Gebiete erobert. : („Judenstaat“.) * Wir brauchen in der Zukunft starke Geschlechter. Die Kinder erziehen wir gleich1 von Anfang an, wie wir sie wünschen. Darauf gehe ich jetzt nicht ein. '(„Judenstaat“.) * ... Er aber dachte, daß die sittliche Not so empfindlich wäre, weil den neuen Juden jeneS- Gegengewicht abhanden gekommen sei, dasl unsere starken Väter in ihrem Innern besaßen . . . Als ein MenSch und Künstler von modernen Anschauungen war er doch' mit vielerlei unjüditigkeit seines leitenden Gedankens, seiner idee maitresse, wie es der französische Denker nennt. Vielleicht war die unter dem Einfluß anderer Kulturen großgezogene Generation nicht mehr fähig zu jener Heimkehr, die er als die Lösüng gefunden hatte. Aber die nächste Generation würde schon dazu fähig sein, wenn man ihr noch bei Zeiten die Richtung gab. So bekümmerte er sich denn darum,- daß wenigstens seine Kinder auf den rechten Weg kämen. Die wollte er von Haus aus! zu Jtuden erziehen ... Er hatte, als er sich entschloß, zum alten Stamm heimzukehren und sich zu dieser Heimkehr offen zu bekennen, nur gemeint, etwas Ehrliches und Vernünftiges zu tun. Daß er auf diesem Heimweg auch eine Befriedigung seiner Sehnsucht nach dem Schönen finden würde, das hätte er nicht geahnt. Und nichts Geringeres widerfuhr ihm. („Die Menorah“.) # Wer sich hinter die Fahne , mit den . Sieben Sternen stellen will, muß mithelfen in diesem Aufklärungsfeldzug. Vielleicht Wird der Kampf zuerst gegen manche böse, engherzige, beschränkte Juden geführt werden müssen . . . ... Da ist es, Juden! Kein Märchen, kein Betrug! Jeder kann sich davon überzeugen;denn jeder trägt ein Stück vom Gelobten Land hin- -über: Der in seinem' Kopfj' pnd der in Seinen Armen und jener in seinem erworbenen Gut . . . . . . Aber .zunächst muß eS licht werden in den Köpfen. Der Gedanke muß Ihinausfliegen bis in die letzten jammervollen Nester, wo unsere Leute wohnen. Sie werden aufwach'en aus ihrem dumpfen Brüten. Denn in unser aller Leben kommt ein neuer Inhalt. Jeder braucht nur an sich' Selbst zu denken, und der Zug wird schon ein gewaltiger. Die Welt wird durch' unsere Freiheit befreit durch unseren Reichtum bereichert und vergrößert durch' unsere Größe, '(„Juderistaat“.) - IM KINDERMEHL, altbewährtes! _ voUstmidfcteS^^ Probedosen und lehrreiche Broschüre über die Kinderpflege gratis durch die Firma Henri Nestld, Wien, I. Biberstr. 1 Feuilleton. Herzl und die Zeit. Von Ernst M filier. Es war einer der geistlosesten Einfälle des historischen 'Materialismus, führende Menschen einer Zeit oder eines Mileus als Produkte dieser Zeit oder dieses Mileus erschöpfen zu wollen. Das Unsagbare, Einzige der Individualität, ja jene Aktivität und Originalität, die ihre historische Kraft ausmacht, sollten Wirkungen dessen sein, was selbst nur als Wirkung und Verwirklichung ursprünglicher Aktivität und Originalität Sinn und Bestand hat. Dennoch sind führende Geister „Söhne der Zeit“, in einem anderen Sinne freilich, indem ihr historisches Dasein nicht spurlos in einer Ecke geschichtlicher Prozesse verrauchen kann, sondern Milieu und Zeit der Erfüllung Ihrer Mission nicht versagt bleiben kann. Und auch in jenem Sinne „Söhne der Zeit“, daß sie 'deren innerste Sehnsucht oder Erfüllung erleben und erleiden, aussprechen jmd auswirken. Ich glaube, Emerson hat einmal gesagt, daß ein Menschheitsbefreier unserer Zeit auch einma Hinter der Maske des — Journalisten auf treten könne. Denn der Journalist ist eine der typischesten Formen unserer Zeit und keiner früheren eigen. Seine eigentümliche Charakteristik besteht, äußerlich betrachtet, darin, daß keiner wie er mit allen Lebenskreisen in Berührung kommen kann. Dieselbe Universalität der Lebensgebiete, die einst das athenische Volk lebhaft bewegte — Politik, Kunst, Kriege, Finanzen, Wohlfahrt, Privatleben öffentlicher Menschen — ist Lebensgebiet des Journalisten: Und nicht bloß diese äußere Lebensgesamtheit, sondern noch dazu die komplizierten Feinheiten und Tiefen des Seelenlebens, zumal nicht nur in der Kritik, sondern auch in freier spielender Gestaltung die Kreise der Journalistik und der Dichtung sidi schneiden. So liegt in diesem schwebenden Beruf oft auch' die Anlage einer merkwürdigen Macht — indem sein Träger unter Umständen nicht „offizieller Staatsmann, Sozialpolitiker, Volkspädagog, Stilbildner in Kunst und Mode sein kann. Und der Journalist kann dies alles) mit lächelnder Miene bewältigen. Dies kommt daher, daß er die schwerste Last doch1 nicht auf sich fühlen muß — den drückenden Ernst der Tatsachen und die Verantwortung des) tatsächlichen’ Eingreifens. Er wirkt, indem er doch nur Schreibt, und die blutigen Inhalte des Lebend sind schließlich dodi nur der Rahmen für die immer flüssige Form. ' ' : : : : . : . Doch da kann auch einmal etwas Sonderbares geschehen. Der Ernst der Dinge kann derart mächtig sich herandrängen, daß er in der Seele des Schreibenden selber wach wird, groß, wahr und ganz. Aus solcher Stimmung hat selbst Heine einmal seine Poesie eine „schöne Nebensache“ genannt Wer zu Sehr im Journalismus versunken war, wird ihn dann vielleicht wegwerfen. Nur selten jene Naturen, weiche in ihm rein verblieben sind, wie die Perlen im Meeresgründe, und die eine so starke Kraft des sittlichen Optimismus in sich’ tragen, daß ihnen die journalistische Berührung mit allen Lebenskreisen nur das Erleben alles Menschlichen bedeutet. Und am Ernst aller Dinge gemessen, ist wiederum kein Menschliches ganz ohne fruchtbaren Sinn, ganz ohne Zukunftsmöglichkeiten. Selbst die seelenlose Politik ist nun nicht bloß ein diplomatisches Ränkespiel, ein nie endender Kampf dunkler und wankelmütiger Herdenleidenschaften, ein ewiger Zwiespalt von Unterdrückung und Auflehnung — sondern der Rahmen von Möglichkeiten, welche die Formen des MensChheitsgefüges selber ändern können.' Andererseits erscheint der Emst der Dinge jetzt verzehnfacht und verhundertfacht: Die „soziale Frage“ ist nicht mehr Partei-- und ZeitphraSe, sondern das Ejend der Einzelnen .(selbst der Armen und7 Reichen, die- Entwicklung der Menschenwürde, das unausgeglichene, ja in Ehren anerkannte Unrecht. ... Das mag denn, der großen Menge kaum' bemerkbar, durch die- SChillemden Oberflächen, .rej- Zender-'Feüilletöns-hindurchglühen; als jener .lächelnde -Pessimismus, der doch' nur der Wiederschein einies tiefen Optimismus ist; als ein kleiner Flinke jener Wahrheit; welche die größten Dichtungen erst ‘ zu Dichtungen machte, als die innige Anteilnahme an jedem Detail von Menschen!- fedhicksal ... j Und diester- Mensch' ist ein Jude, ganz ein Jude des Westens, seiner Zeit und seiner Gesellschaft völlig aufgeklärt, den historischen Zusammenhängen seines' Volkstums völlig entrückt im Kosmopolitischen zu Hause und in keinem Volke heimatbereChtigt. Sein Beruf bringt ihn in Zusammenhang mit einem jüdischen EinzelSähick-

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