Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Date
- 1914-07-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nrnitm -JUDI5CHE5 DRGF1N Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ G ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ _ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ® reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ™ | Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. ■ Nr. 27. Wien, Freitag, den 3. Juli 1914 VIII. Jahrgang IMor Herzl unö wir. Der Tag ist tief in unserer Seele eingegraben, an dem wir mehr ahnend als wissend aus den verstörten Gesichtem der älteren Gesinnungsgenossen die Größe des Unglücks ablesen konnten, das über unser jüdisches Volk verhängt worden war. Wir waren damals junge Menschen, an deren Ohr immer und immer wieder das'müde, resignierte Wort vom Tode unseres großen Führers schlug, ohne daß es uns möglich' war, den Schmerz und den Zweifel zuermessen, der in den' älteren5 Anhängern der Partei wühlte; Wir ■verstanden ‘Tlfe Trauer- und Bangheit der Erfahrenen, denn ein Großer und Führender hatte eine frische, empofstrebende Pariei zurückgelassen; ' aber "wir ■ alle, "so dachten wir Jungen werden unsere Kräfte 'änspannen,- um zusammen und vereint zu werden und' zu schaffen, was ein Herzl gewesen; wir haben ja bereits, sannen wir weiter, die Instrumente in Händen, die die Vollendung bringen solien, der Weg, der zu gehen ist, ist trotz Uganda klar und unauslöschlich deutlich' vorgezeichnet, und das Ziel unserer Sehnsucht leuchtet in sieghalter Schöne vor unserer träumenden Seele. Doch, daß es so viele und ■ kluge Menschen geben konnte, die voller Verzweiflung von einem Aufgeben sprachen und viele andere noch, die die Bangigkeit so gelähmt hatte, daß sie angsterfüllt vor den kommenden schweren Tagen erdrückt zu werden fürchteten, das konnten wir Jungen damals! nicht verstehen 'und nicht'Tassen. Zehn harte Jahre sind über uns und unsere Bewegung hinweggegangen und wir haben verstehen und ermessen gelernt. Wenn wir heute diese zehn Jahre der Lähmung und Dumpfheit überschauen, dann steigt uns' das Bewußtsein auf, als hätten selbst unsere Besten damals nicht die Größe und die Unersetzlidikeit des Verlustes ausschöpfen können, als sei auch in ihnen mehr Ahnung als Wissen gewesen, als hätten auch sie noch zu optimistisch gehofft. Wohl hatte uns Herzl ein Ziel, einen Weg gewiesen und die Mittel in unsere Hände gelegt, den Weg zum Ziele zu gehen. Aber von dem’ Köstlichen, das er zu geben hatte, ward nun den Wenigsten ein Erbe. Wir sahen seine Zuversicht und fühlten Mut' in uns; wir sahen seine unermüdete Aktivität und hatten bestenfalls eine rührige Betriebsamkeit; wir sahen an seinen Mienen den heiligen Ernst, der ihn durchglühte, und besaßen selbst nur das Selbstgefühl der Wichtigkeit unserer eigenen Person; wir sahen sein aufopferndes Bekennertum ' und glaubten mit dem Lippenbekenntnis zur zionistischen Partei ihm nadhgeeifert zu haben. Aeuß erlich hur hatten wir sein Wirken begriffen, das Wesentliche aber an diesem hellen Menschen war - unseren Sinnen^ entgangen. Und wenn wir heute die Geschichte des Zionismus seit Herzl erzählen, dann meinen wir mit dem .Aufgeben Chartergedankeris, "mit dem Kampf um die Demokratisierung der Leitung, mit den Erfolgen und' Mißerfolgen unserer' agitatorischen Arbeit mit den Schöpfungen in Palästina die Historie gegeben zu, haben. Das! Innerste unserer Entwicklung ist dabei nicht bloß gelegt worden, das Ringen um Herzl, das Erfassen seiner Persönlichkeit, das Begreifen, daß der Zionismus nicht allein der Akt des Bekenntnisablegens zur Partei ist, nicht allein ein Tätigsein für ihren inneren und äußeren Ausbau, sondern daß der Zionismus das persönliche Erlebnis des Einzelnen ist, und daß aus diesem Erlebnis eine Weltanschauung emporwächst, aus der alles Bekennen und Tun erfließen muß. Der Theodor Herzl, der noch umheult von dem judenwütigen Geschrei des Pariser Pöbels in einer stillen Seitengasse der Boulevards seinen „Judenstaat“ niederschrieb, durchlebte eine völlige Umwandlung seines Wesens und eine bis in die tiefsten Tiefen dringende Durchschütterung seiner Seele: ein anderer Mensch legte die Feder aus der Hand und sein ganzes Leben mußte ein anderes Aus sehen bekommen. Das mußten wir in den zehn Jahren nach Herzl lernen und das ist uns wichtiger, weil sicherer geworden, als äußere Erfolge, daß der Zionismus für jeden von uns eine Umkehr ist und eine Umwandlung, ein neues Leben von uns fordert und uns eine neue Wirklichkeit gibt. Wir begreifen heute, daß Herzls Mut der felsejistarke Glaube war, das Gute und Reine im Wesen des Juden könne von uns wach geweckt werden, wenn wir nur das erlösende Wort für den Juden fanden, der in Stumpfheit und Dumpfheit sein schmachbeladenes Leben treibe-, wir verstehen heute, daß Herzls Aktivität die freie Auswirkung seines bergeversetzenden Wollens war und die selbstverständliche Folgerung eines bisher allseitig beengten Tatenmenschen; wir fassen endlich, daß ihn der heilige Ernst seines Werkes durchglühte, weil ihm die Ahnung aufgegangen war, daß in sein irrendes und spielerisches Dasein ein Sinn und ein Wert gekommen sei; wir ermessen sein Bekennertum, das sich voll und ganz der heiligen Sache der Rettung seines Volkes hingab, daß dieses Ziel nur kennen wollte, von allen Zwecken dieser Erde. Darum sind wir der Ueberzeugung, daß die heute wirkende zionistische Generation Herzl näher stehe trotz der zeitlichen Entfernung und der verschiedenen Interpretation des Programms: Wir haben in Herzl den neuen Juden erkannt, den ersten Vertreter jenes jungen JudengeschleChtes, das er selbst vorausgeahnt hat und das allein sein Werk erfüllen kann. Herzl hat das ganze Volk aufgerufen, in dem Glauben, daß in den Juden seiner Zeit schon der Geist wohne, der ihn beseelte und trieb; er hatte sich getäuscht, denn ein hartes, stumpfes Volk ließ seinen Rut ungehört verhallen oder meinte in äußerlicher Geschäftigkeit schon Herzls Wort zu verstehen. Wir aber wissen und wir tragen dieses Wissen als unsere reifste Erkenntnis aus dem Verstehen wollen der Persönlichkeit Herzls in die Alltäglichkeit, daß wir uns selbst reinigen, läutern und erlösen müssen, ene wir das große Werk der Erlösung unseres Volkes vollbringen: nur über die Entscheidung des Einzelnen führt der Weg zur Entscheidung des ganzen Volkes, zur Zukunft des jüdischen Volkes im jüdischen Lande. Dr. Wilh. Stein. Der loö fles Ihponlolgerpaares. Der mörderische Anschlag in Serajewo, der den Lebensfaden des Thronfolgerpaares in jähtragischer Weise zerriß, löste vom ersten Augenblick an in uns allen das Gefühl tiefster und aufrichtigster Teilnahme an dem Leide unseres greisen Kaisers aus. Kein Volk der Donaumonarchie und der Reichslande ist unserem Monarchen mit Leib und Seele mehr zugetan, als das jüdische Volk, das ihm zu jeder Zeit unerschütterliche Treue und dankbare Anhänglichkeit entgegengebracht hat. Mit tiefster Ehrfurcht blickt unser Volk zu ihm hinauf und zum Zeichen seiner innigen Liebe hat es seine Gestalt mit Sagen und Legenden umwoben. Nun stehen wir an der Bahre des Erzherzogs Franz Ferdinand und seiner; Gemahlin in dem traurigen Bewußtsein, daß unser Kaiser nach einem Leben so reich an Leiden wieder einmal von einem furchtbaren Schicksalsschlag ereilt wurde, daß ihm — wie er sich selbst ausdrückte — „nichts erspart bleibt“. Es möge seinen Schmerz lindern, daß seine Völker, und unter ihnen in erster Reihe unser jüdisches Volk, mit ihm fühlen und seines Leides teilhaftig sind! Rerzluorte. Theodor Herzl wäre am 2. Mai 54 Jahre alt geworden — und 10 Jahre liegt er schon unter dem .Rasen. Diese Erwägung ist grausam und man darf ihr nicht nachhängen. Denn nichts könnte das Andenken dieses Tatmenschen so verletzen, wie wehmütiges, vergrämtes Trauern. Sein edles lebendiges Wort soll ertönnen und zeigen, was er uns heute wie damals, als er den politischen Zionismus schuf, als Führer, Erzieher, Kämpfer bedeutet. Mögen die nachstehenden, seinen zionistischen Schriften entnommenen Kernworte alle unsere Freunde anregen, feich in das Lebenswerk des Meisters zu versenken. * Dieses Jahrhundert hat uns eine köstliche Renaissance gebracht durch die technischen Errungenschaften. Nur für die Menschlichkeit ist dieser märchenhafte Fortschritt noch nicht verwendet. Die Entfernungen der Erdoberfläche sind überwunden und dennoch quälen wir uns ab mit Leiden der Enge. Schnell und gefahrlod jagen wir jetzt in riesigen Dampfern über früher unbekannte Meere. Sichere Eisenbahnen führen wir hinauf in eine Bergwelt, die man ehemals mit Angst zu Fuß bestieg. Die Vorgänge in Ländern, die noch gar nicht entdeckt waren, als Europa die Juden in Ghetti sperrte, sind uns in der nächsten Stunde bekannt. Darum ist die Judennot ein Anarchismus — und nicht weil es schon vor hundert Jahren eine Aufklärungszeit gab, die in Wirklichkeit nur für die vornehmsten Geister bestand. * („Judenstaat“.)