Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 26 (26.6.1914)
- Date
- 1914-06-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 26 anonyme Brodiüre -des anonymen Berliner antizionistisdien Komites mit Eifer und Geschick verwertet und triumphierend auf die bedeutsame Kundgebung der deutschen Juden hingewiesm, welche faochangesehene Männer, man denke nur, Gelehrte, Advokaten, Aerzte, Bankiers, kurz die Edelsten, unterzeichnet hatten. Daß es sich hiebei um ein Zeitungsinserat im „Berliner Tagblatt' und ähnlichen sattsam bekannten Blättern handelte, vergaß Herr Dr. Kraus zu ererwähnen. Kurz, nach Dr. Kraus sind die Zionisten — es wird ersucht, jetzt ernst zu bleiben! — Atheisten, ungetreue, wenn nicht gegnerische Elemente des deutschen Volkes und, last not least, Vaterlandsverräter. Wohingegen die Antizionisten, die berufenen Vertreter der Religion, die allerstrammsten Teutschen und selbstverständlich die eigentlichen Patrioten Sein müssen. — Während dieses ganzen Vortrages, den ein Kultus vorstehe t zu halten wagte, bewahrten die Zionisten musterhafte Ruhe, höchstens, daß sie den Redner bei den Kraftstellen vom Atheismus, von der Deutsdrheit und dem Vaterlandsverrat lachend applaudierten. Die Antizionisten waren natürlich begeistert; denn kein Zweifel, Dr. Kraus hatte den Zionismus endjgiltig vernichtet. Zum mindesten den in Iglau. Wir haben absichtlich den Hauptinhalt der Rede des Kultusvorsteherstellvertreters Doktor Kraus ausführlicher reproduziert, weil wir in ihr ein Schulbeispiel des gehässigen Kampfes sehen, der von den derzeit noch einflußreichen Machthabern der Kultusgemeinden gegen den Zionismus geführt wird. So blind und wütend ist dieser Haß, daß er sogar vor Denunziationen nicht zunücksdireckt, die jeder dieser Männer sonst im beruflichen und privaten Leben weit von sich weisen würde, so blind, daß er ohne Bedenken den Ast absägt, auf dem' er selber Platz und Stütze gefunden hat Es gibt für diese Leute nur eine Entschuldigung, wenn es eine ist. Sie sehen ein Lebenswerk unwiederbringlich verloren, ihre Tätigkeit von der Entwicklung des Judentums überholt und als unfruchtbar, wenn rieht schädlich erkannt, und kämpfen nun den Verzweiflungskampf. Es ist manchmal geradezu tragisch zu sehen, wie diese Leute jetzt, vor die Erkenntnis ihres Lebensirrtums gestellt, fassungslos zusammenbrechen und, statt in würdiger Resignation und Erkenntnis einer neuen, größeren Zeit die aufmerksamen Beobachter und verständigen Beurteiler zu bilden, längst Totes zu galvanisieren und, so lange es geht, wenigstens den Schein ihrer Macht, nicht etwa den Sieg ihrer Anschauung, zu bewahren suchen. Wenn von jemandem, so gilt von ihnen, Conrad Ferdinand Meyers Wort: „. . . . Das Bild der alten Zeit, Die noch die Waffe führt und schilt und schreit, Den jungen Tag bekämpft mit Trutz und List, Und nicht bemerkt, daß sie verstorben ist.“ Und die Iglauer Antizionisten sind wirklich alte Zeit Wie hätte es sonst geschehen können, daß der Vorsitzende, der vier Jahrzehnte lang als Kultusvorsteher der Iglauer Kultusgemeinde fungierte, das Judentum unter dem Beifall seiner Anhänger als geduldete Konfession erklärte. Der Mann, der im praktisdien Lees=s9a=Es^ssss=ss=sss=a=5==s=9 ben als tüchtiger Bankfachmann gilt, ist in seiner Anschauung, ebenso wie seine Gesinnungsgenossen um ein halbes Jahrhundert hinter den tatsächlichen Verhältnissen zurückgeblieben. Es ist jammervoll, die Leiter der Kultusgemeinden auf solchem Niveau sehen zu müssen. Der Wortführer der Zionisten Dr. Sieg. Werner, versuchte in etwa ebensolanger Rede wie Dr. Kraus, dessen Anwürfe zurückzuweisen. Während iaber die Zionisten (den Gegner Pr. Kraus ruhig angehört hatten, versuchten die Antizionisten Herrn Dr. Werner auf jede Weise zu stören. Ganz abgesehen von dem geradezu unglaublichen Benehmen des Einen oder Anderen, störten den Redner fast nach jedem' Satze feindselige Zwischenrufe und -reden. An Stelle des Dr. Lieblich, der sich nach der Rede des Dr. Kraus entfernt hatte, waltet der nunmehrige Kultusvorsteher, Herr Feldmann, als Vorsitzender. Er konnte sich zu keinerlei Eingriff entschließen und ließ stumm die immer erregter werdende Versammlung toben. Ein Appell des1 Dr. Kraus, doch auch dem Gegenredner Redefreiheit zu gönnen, blieb wirkungslos, und nur der unerschütterlichen Ruhe und Festigkeit des Dr. Werner war es möglich, trotzdem das Wichtigste im Namen seiner Gesinnungsgenossen vorzubringen. Nach seiner Rede beantragte Herr Fabrikant Emil S e i d n e r, den man zu diesem Zwecke eigens von einer Reise Kurikkgehalten hatte, eine Resolution, welche dem dermaligen Kultusausschusse Lob und Anerkennung aussprach und sich mit seinem Vorgehen einverstanden erklärte. Das Satyrspiel nach der Tragödie. Diese Resolution sollte nach dem Wunsche des Kultusvorstandes namentlich abgestimmt werden. Dadurch wurde die Erregung der Versammlung aufs höchste gesteigert. Nicht ohne Grund war man der Meinung, daß es sich um Anlegung einer Proskriptionsliste handle. Dr. Werner erklärte namens der Zionisten, daß diese die namentliche Abstimmung der Resolution mit allen Mitteln verhindern würden. Man bedrohte ihn und die Zionisten mit dem Boykott. Die Zionisten gaben aber nicht nach, und die Versammlung mußte geschlossen werden, ohne daß der Resolution weiter gedadit wurde. E s war also de facto ein ganz regelrechtes Fiasko des Kultusvorstandes das Resultat der Versammlung, die nach dem Willen der Einberufer mit einer solennen Vertrauenskundgebung für den Kultusvorstand hätte enden sollen. In einer öffentlichen, allen Bewohnern Iglaus zugänglichen Versammlung gaben dann die Zionisten dem Kultusvorstande Antwort. Trotzdem auf den Plakaten jedem unbedingte Redefreiheit zugesichert war und jeder einzelne Jude noch eine spezielle Einladung erhalten hatte, war keiner der Kultusausschüsse oder ihrer Anhänger erschienen, wogegen es sich eine größere Anzahlvon Nichtjuden nicht entgehen ließ, einmal Authentisches über den Zionismus zu hören. Unser wackerer Gesinnungsgenosse Doktor Emil Margu lies sprach als Hauptredner vor einer zahlreichen Zuhörerschaft über das Thema „Zionismus — das moderne Judentum“. In ganz ausgezeichneter Weise wußte er den Zuhörern das ■ Wesen des Zionismus darzulegen und . auf die Angriffe des Herrn Dr. Kraus zu antworten! Reicher Beifall lohnte ihn. Ueber die. in der Iglauer „Deutschen Wacht“, dem' radikalen Wochenblatte, erschienene Notiz, durch' welche die Iglauer Radikalen dem Kultusvorstande Bütteldienste leisteten, indem sie ganz nach dem Vorgang in der denkwürdigen Versammlung des Kultusvorstandes Iglauer Zionisten zu boykottieren empfahl — was sich da doch' für, prächtige Brüder zusammengefunden haben! — sprach Dr. Werner. Auch die anwesenden Nichtjuden stimmten seinen Ausführungen über die Kultusgemeinde Scharfmacher entschieden zu. Was1 der Kultusvorstand nunmehr unternehmen wird, ist noch nicht bekannt. Wenn es aber wahr ist, daß er einen nicht qualifizierten Lehrer zum Religionslehrer ernennen sollte, nur deswegen, weil er sich damit einführte, daß er kein Zionist sei, so wird nicht nur die kompetente Behörde aufgeklärt, sondern auch im äußersten Falle,..ein . Schulstreik, begonnen werden müssen. Es wäre traurig, wenn die verschärften Gegensätze zu einem unüberbrückbaren Zwiespalt in der Iglauer jüdischen Bevölkerung führen würden. Um die Rolle, die der Kultusvorstand dabei spielt, ist er wahrlich nicht 'zu beneiden. Ihm' muß jeder rechtlich Denkende die VerantwoTtung für alle die Folgen auferlegen, die Sein unsinniges Gewaltregiment hervorrufen muß. Jüd. Volksverein „Theodor HerzI". Neu! GRAF Gulasch-Saft zur mühelosen Bereitung von delikatem Gulasch, Paprika* schnitzet, Gulasch - Kartolleln 1 Tafel a 20 h iür i hg Fleisch oder 2 kg Kartoffel, Brief aus England. Auf der Konferenz der jüdischen Rabbiner und . Kultusbeamten Englands, die Anfang dieses Monats in London stattfand, wurden zwei Referate über den Zionismus gehalten. Das eine ütier die „Hebräische Universität in Jerusalem“ von Rabbiner Dr. Salamon (Manchester) das andere über „Die jüdische Renaissance in Palästina“, von Rabbiner Dr. Hochmnnn. Der Vorsitzende lenkte einleitend die Aufmerksamkeit der Versammlung auf diese beiden Referate. Er sagte, daß die Wurzel der Uebelstände des Diasporajudentums in der Interesselosigkeit der Juden für jüdische Ideen gelegen geahnt wurde und sich geltend machen wollte, in schmerzhaftem Ringen gekämpft und geleugnet werden mußte. Wir finden dieses Erlebnis in seiner vollen Deutlichkeit und Bedeutung bei Brod nicht dargestellt; wohl weil es dodi nicht mit so eruptiver Gewalt losbricht, wie wir es theoretisch vor Augen haben; denn es mag doch nur die Summe von Plänkeleien und Kämpfen sein, die von der geglückten Unterdrückung des Gefühls bis zu dessen siegreicher Durchsetzung reichen. Wir müßten da vielleicht einmal bei den älteren Romantikern nachschlagen; ich denke zunächst an Ludwig Tieck, dessen William Lovell“ und „Almansor“ innere Aehnlichkeiten mit dem „Schloß Nornepygge“ haben, um nicht zu dem gegen Brod erhobenen Vorwurf zu kommen, dieser Mangel verdate auch das Fehlen des Erlebnisses selbst. „Die Höhe des Gefühls“ stellt uns schon in die neugewonnene Wirklichkeit hinein. Es ist nicht mehr der Mensch, der fühlen will, weil er die ganze Armut seines Intellektualismus erfahren hat, wir treten in Orosmin einem Menschen entgegen, der bis zum Rande hinauf gefüllt ist mit dem beglückenden Erlebnis der Liehe. Die titelgebenden Szenen sagen das in heller Deutlichkeit: Diese seltsame Stimmung, die sich äußerlich von der Tntsachemvelt loslöst, weil sie sich innerlich so unzerreißbar verknüpft weiß, diese Verstiegenheit in der Höhe des Gefühls, die so unsagbar beseligend ist, daß ihren Geschöpfen das leuchtende Glück aus den Augen schlägt, die fromme Andacht, mit der Menschen und Dinge angeschaut werden. Und so kehrt Brod zum ewigen Träger des Gefühls und der Liebe, zum Weibe, zurück. Aber wenn ihm früher die Unmöglichkeit, dieses Rätsel in der großen, sonst glatt aufgehenden Gleichung der Wirklichkeit aufzulösen, peinigte, so ist die „Weiberwirtschaft“ nur aus der Angst heraus geschrieben, ob die Frau imstande sein wird, die ihr eigentümliche schöne Gesetzlosigkeit auch noch in unserem Zeitalter, in dem alle Dinge schon zum Erschrecken mechanisiert sind, aufrecht zu erhalten“; das scheint dem Autor der Experimente nun das widitigste Problem der ganzen Menschheit. „Nun ist die große Frage: werden die Frauen auch ihr altes Recht im Ziellosen, Unendlichen, Romantischen, trostreich Uebersinnlichen verzichten? Werden sie ihre Umarmungen mathematisch regeln, ihr Feuer bei aller Trunkenheit rationell machen? _ „ Eines ist gewiß: in einer Welt, in der dieser letzte gottgeweihte Rest von Größe verschwindet, möchte ich keinen Augenblick länger leben wollen.“ — Dieses seltsame Wesen der Gesetzlosigkeit und Alogik mit seiner echten und gemachten Romantik und seinem blühenden Leichtsinn stellt Brod in Gegensatz zur mechanisierten Wirklichkeit. Die Retterin, sein erster dramatischer Versuch, der mir nur im Bühnenmanuskript vorliegt, nimmt die Gestalt der Olga, die in den '„Jüdinnen“ fast ganz zurücktritt, wieder auf, um aus ihr ein Idealgebilde adeligster Weiblichkeit zu machen; für den Dichter ist Hanna Rothbaum die Verkörperung seines Traumes vom wahren Weibe, das aus der dumpfen Güte, die uns stolze, arme Menschen niederzwingt, um uns zu erheben, den Weg findet zur Einheit von Liebe und Klarheit Das ist ja im letzten Grunde die Sehnsucht des Dichters, der aus dem tötlich grellen Rationalismus durch die wirren Irrungen überströmenden Gefühlsüberschwanges seiner letzten Werke zur freudevollen Synthese von Gefühl und Verstand strebt. Und überschauen wir von hieraus das Erlebnis unserer eigenen Seele, gehen nochmals die schwere Straße unseres eigenen Schicksals, die uns ankämpfend, unterliegend und siegend, zum Zionismus geführt hat, dann bleibt uns Max Brod nicht mehr irgend ein jüdischer Dichter, der irgend ein Problem der jüdischen Gegenwart angefaßt und bewältigt hat: er wird uns zum Deuter und Gestalter der Geschichte unserer Seele. * Darum liegt eine Absicht in der ausfallenden Beschränkung auf das gedankliche, lebensanschauliche Moment im Werk Max Brods, denn ästhetische Würdigung hat seine Art besonders beim Erscheinen der Erstlingsarbeiten in Fülle gefunden. Aber man darf doch dem immer wieder geäußerten Zweifel an der Echtheit und Naivität der Dichtung des jungen Pragers nicht aus 4em Wege gehen. Diese Frage scheint mir vor allem durch den Zweifel an der eigenen Ursprünglichkeit, an einem eigenen Gefühls- und Instinktleben verursacht: weil wir. selbst nicht naiv,.,sind,, oder vielmehr zu sein glauben, verneinoi wir auch Naivität unserer Dichter; und weiter: weil uns die Form . der Dichtung Max Brods überrealistisch, gemacht und mjaniriert erscheint, wird oft die ganze Dichtung abgelehnt, ohne zu bedenken, daß der poetischen Konzeption erst die bewußte Tätigkeit — „die Besonnenheit des Dichters“ nennt es Goethe — folgen muß; und dab in diesem Stadium’ der Formgebung der Intellektualismus Brods oft, vielleicht zu oft durchbricht, soll nicht abgestritten werden. Und doch' steigt manchmal in mir die Empfindung auf, als sei auch die dichterische Gestaltungsweise Max Brods nur in Einzelheiten willkürlich, im' ganzen aber weise sie auf die neue Kunstform hin, nach der unsere Zeit ausschaut. Der Prager Dichter ist ja noch so jung und wer sein Werk mit Liebe liest, sieht nur die gegebene Verheißung, die auf Erfüllung wartet.