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Jüdische Zeitung · 1914-06-26 · 26 (26.6.1914) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
26 (26.6.1914)
Date
1914-06-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3 Nr. 26 nationaler Kultur ein blutloses) Ideal, eine leere Abstraktion tbeoretisierender Gehirne.“ Bisher habe (man unter jüdischem Nationalgefühl verstanden: Stolz auf Abkunft, Geschichte, Tradition, Zusammengehörigkeitsgefühl, religiöses Empfinden. Dies sollen wir unseren Kindern überliefern: „Wir werden ihnen eine gut jüdische Erziehung mit hebräischem Wisisen, aber natürlich deutscher Kultur geben. Wenn sie jüdisches Stammesgefühl, Liebe zu ihrem Volke, Stotz auf ihre Geschichte kennen, so muß das genügen. Besteht Später die jüdische Gemeinschaft in Palästina, so mögen sie dort Hebraisten sein. Nicht hier, das ist unser prinzipieller Standpunkt.“ Auch (über seine persönliche Betätigung legte Friedemann ein Bekenntnis ab: „Ich habe mir «hüben Land gekauft und werde vielleicht einmal in alten Tagen dort ein Haus haben.“ Und das ist alter Herzlishius? Das ist die große, gewaltige Idee, in deren Namen Friedemann und seine Freunde uns „praktischen“ Zionisten Voigehalten haben und noch immer wieder Vorhalten, wir verkleinerten das große Ideal, wir machten uns den Zionismus leicht und wir seien in voller Rückkehr zum Programm der Chowewe-Zion begriffen? Das, was Friedemann predigt, sind Gedanken aus der ersten kindlichsten Zeit des Zionismus, da er von der Wirklichkeit des Volkes noCh keine Ahnung hätte, aber ohne den Schwung, ohne die Glut, ohne die alles mit sich fortreißende Begeisterung, die nachher das Judentum zum Zionismus [und den Zionismus zum Judentum gebracht ha'. Es gibt kein größeres Unrecht, als sich mit solchen Anschauungen auf Herzt zu berufen, denn es ist ganz sicher, daß Herzl, wenn er heute lebte, nicht auf der Seite dieser Leute stünde, die durch Feinheit und Geschmeidigkeit gegenüber den Antizionisten, durch Erbitterung und Gereiztheit gegen alle arbeitenden Zionisten unsere Bewegung vor dem „unvermeidlichen Untergang“ retten wollen. Eine große Bewegung — und die wollen wir sein — entsteht nicht aus Bedenklichkeiten, Aeigerlichkeiten und Zweifeln. Sie 'kann nur entstehen und sich durchsetzen durch den Willen zur Größe, durch die Kraft, sich (mit einem Ideal ganz zu erfüllen und diesem Ideal nachzuleben. Wessen Wunsch es ist, vielleicht einmal in alten Tagen ein Haus in Palästina zu haben, der ist vielleicht ein guter Chovvewe-Zion, aber kein Zionist und, ich möchte sagen, kein politischer Zionist, weil dieses Wort im Kreise Dr. Friedemanns so sehr beliebt ist. Blumenfeld hat in seiner Rede gesagt, man müsse es der Meinung des einzelnen überlassen, pb er sich für einen Zionisten halte oder nicht. Freiheit das furchtbare Empfinden trostlosester Einsamkeit herauswächst, das durch die perversesten Orgien, an denen dieses Buch überreich ist, überschrieen werden soll. Und schon hier steigen die Zweifel an dem. Wort der wahrhaften Freiheit, nach der sich Wälder maßlos lüstern sehnt, auf und er beneidet die andern, denen die „begrenzte Lügenfreiheit“ genügt und zu beglückender Tatenlust verhilft; „warum treibe ich allein, mühslam schillernd und hilflos, auf das gefährliche Meer der Unendlichkeit hinaus“ und die Erkenntnis wagt sich hervor, daß diese bedingungslose Freiheit des Individuums, die sein und seiner Logenfreunde erstrebtes Ziel war, über die menschliche Kraft geht Doch Brod gibt sein, wenn auch etwas brüchig gewordenen Indifferentismus noch nicht auf. Die „Ausflüge ins Dunkelrote“, die, weil an die „Erziehung zur Hetäre“ aus äußerlichen Gründen ungebunden, meist ungelesen überschlagen werden, sind der letzte Versuch, den reinen Intellektualismus durchzusetzen; aoer gerade die hastige, bitter feindliche Abwertung verrät die Schwäche der Position: „Was sie Gemüt nennen, ist nur Trägheit;“ jedes Gefühl, jedes Zeichen der Bewunderung muß unterdrückt werden durch den alles durchleuchtenden und voraussehenden Verstand; und mit boshafter Grausamkeit werdendie keuschen Liebeswünsche eines Knaben zertreten, so wie die Loge der Differenzierten von der raffiniertesten Lieblosigkeit ist. Mit dem „tschechischen Dienstmädchen“ bereitet sich die entscheidende Wandlung vor; wild braust die sinnliche Leidenschaft beim Anblick des nur animalischen Weibes in dem schüchternen, linkischen Jungen auf, um die Dämme niederzubrechen, die bisher sein traumhaft reflexartiges Dasein umschirmt hatten. Die Begierde weckt den Mann in ihm; aber sie schwindet aus seinem Lebenskreis .unvermittelt, JÜDISCHE ZEITUNG Das ist richtig. Aber man muß es auch der Meinung eines jeden überlassen, ob er einen anderen, der solche Meinungen ausspricht, noch für einen Zionisten halten will. Ich bin der Meinung, daß weder Herr Dr. Oppenheimer noch Herr Dr. Friedemann von einer österreichischen Ortsgruppe jemals das Mandat bekommen könnten, sie auf einer zionistischen Tagung zu vertreten. Man darf allerdings den Einfluß dieser „Richtung“ auch in Deutschland nicht überschätzen. Von 125 Delegierten stimmten S den beiden Führern zu und dieses Fähnlein von zehn Aufrechten bedeutet keineswegs eine in ihren Anschauungen einheitliche und darum1 vielleicht zu Größerem bestimmte Opposition, sondern es besteht aus den verschiedensten Elementen mit den widerspruchsvollsten Ansichten. Einig sind sie nur in der Bekämpfung der jetzt herrschenden zionistischen Richtung, in der sich wenigstens einer von ihnen so weit fortreißen ließ, in der Zeit des Sprachenkampfes heimlich für den Hilfsverein zu arbeiten. Und die Majorität des Delegiertentages hat dieses Verhalten entsprechend gewürdigt, indem sie Herrn Hermann Struck, als er die Rednertribüne bestieg, (mit Zischen empfing. Die Opposition erstreckte sich ganz gleichmäßig auf alle Felder der zionistischen Tätigkeit; aber abgesehen davon, daß sie zwei gute Redner fand, war sie von kläglicher Schwäche. •Ueber eine von Friedemann vorgeschlagene Resolution ging man zur Tagesordnung über, die bisherige so scharf angegriffene Leitung wurde durch Akklamation gewählt und die oppositionelle Gruppe hatte nicht einmal die Konsequenz und den Mut, in einen wirklichen Kampf einzutreten. Nachdem sie ihre Reden gehalten hatten, verschwanden die Herren Friedemann und Oppenheimer vom Delegiertentage und gestatteten, daß man die positive Arbeit, die Feststellung der Richtlinien der Palästinatätigkeit und der Jugendpropaganda für zwei Jahre in ihrer Abwesenheit und ohne ihre Mithilfe leistete. Trebanus. Wien, 11. Taborstr. 17 [Hirschenhausj Telephon 39247. Singerbücher. Neuester Band: Maupassant K 3.80. Antiquariat. Provinxversand. wie sie gekommen war, nachdem sie ihm zum Ereignis seines Lebens geworden war. Hier schiebt sich ein für den Entwicklungsgang Max Brods wenig bedeutsames Werk ein, das mit viel Lärm in die Oeffentlichkeit gesetzt, manchen Leser abgeschreckt und ein fast berechtigtes absprechendes Urteil hervorgerufen hat; die „Jüdinnen“ sind wohl mehr aus der Freude an der Zeichnung eines Mädchentypus, der Brod wie jedem Großstadtjuden in beängstigender Häufigkeit entgegentritt, zu erklären. Ich möchte diesen in jeder Weise mittelmäßigen Roman nur als eine Auseinandersetzung mit dem Typus des bis zur Hysterie intellektuellen jüdischen Mädchens und seine Ablehnung auffassen, die außerdem1 noCh durch die Kontrastfigur der Olga, des gesunden, urwüchsigen Landmädchens stärker akzentuiert wird. Wir sehen aber doch schon die Linie der Entwicklung durchdämmem. Das Gefühl, gegen das sich Brod mit aller Heftigkeit gestellt hatte, ist durchgebrochen; aus Tiefen, die bisher unentdeckt, aus Kammern, (die bisher ängstlich verschlossen waren, dringt es empor und löst die Lebensdominante, das alles intellektuel durchdringende Selbstbewußtsein auf; Brods Rationalismus ist nicht mehr, er ahnt nur, ringsum von Gefühl und Natur umschlungen und umgeben zu sein, ohne wie der junge Goethe des Sturms und Drangs auch schon den Glauben zu haben; dieses: „Ich vertraue mich ihr. Sic mag mit uns schalten. Sie wird ihr Werk nicht lassen.“ Das ist die Situation in „Arnold Beer“. Man dürfte wohl die allzu breite Ausführlichkeit tadeln, mit der das unfruchtbare Leben des jungen Prager Juden geschildert wird, sehe seelische Zerfahrenheit trotz aller Begabung ur.d sein ewiges Beschäftigtsein, ohne jemals von seiner Beschäftigung ausgefüllt zu werden und so ein Werk, aas Werk seiner Persönlichkeit Der Kampf Per Iglauer Zionisten. (Iglauer Brief.) , Der Kultusausschuß der Iglauer Kultusgemeinde, der nach der Demission der zionistischen Kultusausschüsse ganz unter sich ist, beschäftigt seit einigen Monaten die jüdische Oeffentlichkeit in unliebsamer Weise. Bekanntlich demissionierten die zionistischen Kultusausschüsse wegen des Vertrages, den die antizionistische Majorität des Ausschusses dem neuen Rabbiner vorlegte und den dieser leider akzeptierte. Dieser Vertrag untersagt dem Rabbiner nicht nur jede zionistische Anwandlung auf der Kanzel und, wie natürlich, in der Schule, sondern greift sogar tief in das Privatleben des Mannes ein. Die Zionisten, die diesen Vertrag, den sie für unmoralisch und unjüdisch hielten, vergebens bekämpften, legten nach dessen Annahme durch den Rabbiner ihre Stellen im engeren und erweiterten Kultusausschusse nieder. Die Leiter des Rumpfausschusses hatten aber einmal eine Gewalttat begangen und das Bewußtsein derselben trieb sie offenbar Weiter. Nach der Knebelung des Rabbiners sollte auch die des Religionslehrers folgen. Da vorauszusehen war, daß der Religionslehrer, bei dessen Aufnahme die Vertragspolitik nicht so skrupellos befolgt worden war, sich nicht leicht oder gar nicht fügen werde, so wurde sein Provisorium1 nicht erneuert und die Religionslehrerstelle neuerdings ausgeschrieben. Die Eltern der Kinder, die mit ihrem Religionslehrer außerordentlich zufrieden waren, remonstrierten gegen i diese neuerliche Ausschreibung durch eine Versammlung, eine Resolution und eine von zahlreichen Unterschriften gefertigte Eingabe an den Kultus- Vorstand so energisch, daß sich dieser entschloß, eine Versammlung der Kultuswähler einzuberufen. Zur Besprechung wichtiger Kultusgemeindeangelegenheiten, wie den Kultuswählern versprochen wurde. Diese Besprechung beschränkte sich darauf, daß nach einer kurzen „Begrüßung“ der Versammlung durch den Vorsitzenden K. Rat Lieblich, den früheren Kultusvorsteher, — fast hätte die ganz unmotivierte Beschimpfung der Zionisten in dieser „Begrüßungsansprache“ sofort zu einem vorzeitigen Ende der Versammlung geführt — Herr Kultusvorsteherstellvertreter Dr. Eduard Kraus eine geharnischte antizionistische Philippika hielt. Die wohlvorbereitete Rede, die mit einem Herumtrampeln auf den Tränendrüsen der Versammelten begann, indem Dr. Kraus mit der bekannten forensisch bewegten Stimme über den allgemein verehrten verstorbenen Rabbiner sprach, und mit einem begeisterten, ebenso bewegt gesprochenen Hymnus auf den Vorsitzenden, K. Rat Lieblich, endete, sollte in ihrem Hauptteile den Zionismus und die Zionisten umbringen. Rabbiner- und Religionslehrersache wurden mit wenigen Worten nebenbei abgetan, der Versammlung, Resolution und Eingabe der um das Wohl ihrer Kinder besorgten Eltern überhaupt keine Erwähnung getan. Den Zionismus bekämpfte Herr Dr. Kraus nach dem alten Rezepte. Einige alte antizionistische Ladenhüter wurden dem staunenden Publikum wie funkelnagelneue Erzeugnisse produziert, die hervorzubringen; man durfte es, weil es doch nur Opposition und Vorbereitung zu dem Ereignis sein soll, das das Leben Arnold Beers in seinen Grundfesten erschüttert: angesichts seiner alten Großmutter, zu der ihn fast der Zufall verschlagen hat, geht im die Ahnung auf von dem Grundgebrechen seiner bisherigen Existenz, er versteht nur nun die Erfolglosigkeit seines Tuns, indem er das eigene Losgerissensein vom nährenden Erdreich der Gemeinschaft vor der Wurzelfestigkeit dieser alten, scheinbar einsamen Frau erkennt. Diese Heimkehr oder vielmehr nur der Wille zur Heimkehr scheint mir das wesentliche Moment im „Arnold Beer“; denn es verrät eine Halbheit der Lösung, daß Arnold aus seiner Erkenntnis allein die Folgerung zieht, nach Berlin zu gehen und dort Journalist zu werden, auf der Suche nach einem Erdreich, auf dem er stehen und wachsen könne, wie seine Großmutter aus ihrem Boden herauswuchs. Noch ist Max Brod nicht so weit, sich zu gestehen, daß wir uns das Erdreich suchen können, in das wir Wurzel schlagen möchten; die Sehnsucht allein tut es nicht. In unsere Seele, in der alles klar und berechenbar ist, in der nur der Utilitarismus herrscht, vermag eine bloße Erkenntnis samt der daraus entspringenden Sehnsucht nach Aenderung noch gar nichts; — wir können uns vielleicht das Schicksal des Journalisten Arnold Beer in Berlin weiter ausspinnen — nein, in ein solches Dasein!, wie es in gleich greller Deutlichkeit nur in diesem Prager Judenroman gegeben wurde, muß ein großes Ereignis treten, das größte vielleicht, das dem Menschen werden kann, der die erschreckende Oede und Farblosigkeit seines rationalisierten Lebens überschaut hat: Das Erlebnis des Gefühls; es ist ein wildes Durchschüttertwerden von einer Wirklichkeit, deren Existenz bisher ungekannt war oder wenn sie

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