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Jüdische Zeitung · 1914-06-26 · 26 (26.6.1914) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
26 (26.6.1914)
Date
1914-06-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 26 chem Zwecke mißbraucht werden darf. Das Bekanntwerden solcher Vorfälle sei darnach angetan, das Ansehen der großen Judengemeinde Wien tief herabzusetzen. Nun möchte man glauben, daß es wohl den Gipfelpunkt aller Unverfrorenheit bedeutet, daß Mayersohn unter einem Regen schwerster Anklagen stellend, ungeniert sein Amt weiter mißbraucht. Aber der ganze Zynismus dieses Mannes wird erst durch folgende Feststellung klar: Daauf Air.tspapitr mit dem Atntssiegzi und im Namen de; Rabbinates der Wiener Kultusgemeinde vom Rabbiner MayersoV.n als Amtsleiter empfohlene Bewerber Cr. N. ist der Bräutigam der Tochter dieses selben Mayersohn! Nidit genug, daß dieser Mayersohn die Behelfe des Amtes mißbraucht, um Trinkgelder zu erpressen, müssen das Amtssiegel und das Amtspapier der großen Wiener Kultusgem einde autn bei der Abwicklung solcher „Privatgeschäfte“ iieriialten. Wann werden endlich das jüdische Amtssiegel und das jüfiiscbe Aintsnapieraus dem gefährlichen Bereiche dieser Hände geschafft werden? Was wird der Präsident Dr. Stern nunmehr erdichten, um seinen Schützling Mayersohn vor den Folgen dieses Streiches sorglich zu behüten? * * * McnstreveräHirjnlung in der Leopoidstadt gegen die Paschawirtschaft des Wiener Kultuspräsidenten. Am 23. d. M. fand im großen Saal des Hotel Kontinental eine von etwa S00 Personen besuchte, vom „Jüdischen Volksrat“ und vom „Jüdischen Volksverein für die Leopoldstadt“ einberufene Versammlung statt. Als Referent sprach Herr Dr. Paul Weisengrün über das „Verwaltungss ystem der Wiener Kultusgemeinde“, als zweiter Redner Kultusvorsteher Dr. Jakob Ehrlich über „Die letzten Vorg änge in der Wiener Kultus s t u b e“. An der Debatte beteiligten sich Kultusvorsteher Obering. Stricker, Dr. Theodor O u t m a n n und Dr. Landau. Die Versammlung, über deren Verlauf wir in der nächsten Nummer ausführlich berichten werden, hat mit dem Regime des Dr. Stern und mit der durch ihn geförderten und von ihm geschützten Kultuskorruption gründlich abgerechnet. Alle Redner, die sich gegen das -Verwaltungssystem Dr. Sterns wendeten, wurden stürmisch akklamiert und es zeigte sich, daß die Wiener jüdische Bevölkerung nicht mehr gesonnen ist, dieser Wirtschaft ruhig zuzusehen. Schließlich wurde •unter stürmischen Zusiimmungskundgebungen folgende Resolution beschlossen: „Die am 23. Juni 1914 im Hotel Kontinental tagende Versammlung jüdischer Bürger spricht den beiden zionistischen Kultusvorstehern den Dank für ihre Tätigkeit Und ihr volles Vertrauen aus. Sie verurteilt aufs Schärfste das willkürliche, den Grundsätzen einer ordentlichen Verwaltung widersprechende Vorgehen des Kultuspräsidenten Dr. Stern und verurteilt insbesonders die von ihm betriebene Beschützung der Korruption im Wiener Rabbinat. Die Versammlung fordert die Durchführung einer einwandfreien Untersuchung der Skandalaffären des Rabbiners Mayersohn.“ N alfbewährtesB[<lcl»I3;^;iJ vollständige Säuglingsnahrung. Probedosen und lehrreiche Broschüre über die Kinderpflege gratis durch die Firma Henri Nestle, Wien, 1. Biberstr. 1 Qeufs&e Zionisten. Der XIV. Delegiertema v der deutschen Zionisten, der am 14. und 15. Juni in Leipzig abgehalten wurde, bot gerade für uns Oesterreicher manches Interessante. Er hat deutlicher als irgend etwas vorher gezeigt, daß die deutschen Juden durch ihre 150jährige Assimilationsvergangenheit inmitten eines mit großer Kraft aufstrebenden Volkes für den zentralen Gedanken des Zionismus, für den jüdisch-nationalen Gedanken, zu schwach geworden sind. Das zeigt sich am deutlichsten daran, daß auf der wichtigsten Tagung der,deutschen Zionisten {delegierte auftreten, und nicht beliebige Delegierte kleiner weltferner Ortsgruppen, sondern zionistische Führer von größtem Ruf selbst in der Gesamtorganisation, und den jüdischen Nationalismus auf das schärfste ablehnen. Der wichtigste Teil der Leipziger Tagungen war die Generaldebatte, die sich um das Thema: „Stellung des Zionismus zu den nichtzionistischen jüdischen Organisationen“ entwickelte und in der drei wirklich große Reden gehalten wurden: Dr. Adolf Friede mann und Dr. Franz Oppenheimer sprachen gegen, Kurt Blutnenf eld für den jüdischen Nationalismus. 'Die Reden von Friedemann und Oppenheimer bildetenzusammen ein einheitliches Ganze und waren ja auch das Produkt gemeinsamer Beratungen; in diesen Beratungen waren die Manuskripte hergestellt worden, aus denen Friedemann und Oppenheimer vorlasen. Oppenheimer gab die Grundlage. Er setzte wie schon früher seine feine Unterscheidung von Stammesbewußtsein und Nationalbewußtsein auseinander: „Ich habe jüdisches Stammesbewußtsein, deutsches Kulturbewußtsein, märkisches Heimatsbewußtsein.“ Er macht aber keinen Hehl daraus, daß ihm sein Deutschtum wichtiger ist als sein Judentum. Denn nur so läßt sich seine mit Emphase vorgebrachte Beteuerung verstehen: „Ein Assimilant bin ich nicht, aber;ch bin assimiliert. Ich bin Deutscher und bin stolz darauf, Jude zu sein, stolz auf die Abstammung von 70 Generationen stolzer Männer. Ich bin stolz auf diese Männer — die Makkabäer sind mir gleichgültig. Gerade so stolz bin ich aber auch darauf, in dem Lande Walthers und Wolframs, Goethe, Kants und Fichtes aufgewachsen zu sein und deren Kultur in mich aufgenommen haben. Deutschland ist mein Vaterland, meine Heimat, das Land meiner Sehnsucht, das Land meiner Kämpfe und meiner Ziele.“ Aus dieser Grundauffassung heraus versteht man erst recht, was Oppenheimer meint, wenn i er sagt: „Ich bin auch ein Nationalist im alten Sinne des Baseler Programms, das die Stärkung des jüdischen Selbstbewußtseins von uns fordert“, und daß er sich gegen den neuen Nationalismus mit allen Kräften wehrt: „Er ist Unduldsamkeit und verlangt den ganzen Menschen ohne Einschränkung.“ Und niemand wird zweifeln, welcher der beiden Gruppen im Zionismus: er angehört, die er unterscheidet: „Unter seinen zahlreichen Anhängern befinden sich solche, die wandern, und solche, die bleiben. Die letzteren organisierten und führen jtlie Bewegung im eigenen w oh i verstandenen Inter ess e.“ Diese ausschließlich von Gefühlen und zum Tei! von ziemlich verworrenen Gefühlen einge- : gebene Rede gab die Grundlage zu den viel : senärferen, viel klareren und viel systemati-; seneren Ausführungen Friedemanns. Auch er gellt von der Feststellung aus: „Wir leben vereinzelt inmitten einer großen Kultur, die mit der Muttermilch in unser Wesen übergegangen ist und können nur KulturdeuIsche sein.“ Auch er stellt sich auf den Boden des Baseler Programms, das keinen Kulturzionismus in Deutschland predige. Unser aller Pflicht sei, das Volksbewußtsein in uns auszubilden; wie sich darüber hinaus.der einzelne zum nationalen Bekenntnis stelle, das bleibe seiner Eigenart überlassen. Und nun greift er auf das Schärfste die „radikalen“ Zionisten an, welche verkünden, daß wir danach trachten müssen, unsere ganze Persönlichkeit mit dem jüdisch-nationalen Gedanken in dem Sinne vertraut zu machen, daß wir schon in Deutschland uns mit Jjebräischer Kultur durchtränken. „Gewiß ist eine hebräische Kultur möglich und notwendig. Aber nur in der Volksheimat. Hier in Deutschland ist die Forderung nach jüdisch- Eeuilleton. Max Brod. Dr. Wilhelm Stein. Die jüdische Gegenwart verlangt nach einer Deutung; wir suchen den Sinn der widerspruchsvollen und richtimgslosen Vielheit von Ansätzen, des heißen Ringens um das Alte und des abgrundtiefen Hasses gegen das Hergebrachte. Und lieber noch hörten wir die seltsame Geschichte unserer Seele erzählen, von den schmerzensreichen Zeiten unserer Einsamkeit, von dem wilden Aufgewühltsein mancher Tage und von den heiligen Stunden unserer Heimkehr zur Gemeinschaft. Wir haben zuviel erlebt, um nicht. nach dem Dichter auszuschauen, der die gleichen Kämpfe durengekämpft hat und doch schon die Zweiheit besitzt, das große Erlebnis unserer Seele zu gestalten. Von der wilden Lebensgier und der fiebergesdiütcelten Todesangst des von seiner Gemeinschaft losgerissenen assimilierten Juden erzählt Arthur Schnitzler, von der ungesunden Empfindlichkeit des feiner Organisierten weiß Georg Hirschfeld, von der Verwirklichung der sittlichen Forderung einerseits und der völligen Bedingtheit auf der andern ist das Werk Jakob Wassermanns erfüllt; aber wir sehen auch schon, daß sie und die vielen bereits Vergessenen ein weites Land unserer Seele durchleuchtet haben, ohne nach ihrem größten Erlebnis zu fragen. Erst seit dem Erscheinen der „Höhe desGefübls“ wissen wir, daß das Sdhicksal unserer Seele seinen Deuter und dichterischen Gestalter in Max Brod gefunden hat; nur müssen wir die Entwicklungslinie ziehen können von seinem einstmaligen gefeierten Erstling „Tod den Toten“ bis zur „Höhe des Gefühls“ und der „Weiberwirtschaft“; dann fallen alle die Nebensächlichkeiten und retardierenden Momente ab und wir überschauen Max Brods Werk fast als geschlossene Einheit. Ein merkwürdiges Buch war diese erste Novellensammiung mit dem auffallenden Titel, der Form und mehr noch cler Stimmung nach, aus der heraus es geschrieben war: es gab sich als Leistung eines Anfängers und war doch so reif und geglättet in seiner Form, es kam von einem jungen Menschen und floß doch aus einer abgeklärten, ausgeglichenen Lebensanschauung, die schon überwunden hat. Kaum zitterten noch die wehen Kämpfe in dieser Entwicklung vom nil admiifari zum omnia admirari nach, denn nidit bis zu einem zerstcrungswütigen, nihilistischen Skeptizismus, nicht bis zur Ehrlichkeit der Selbstverneinung ist der Dichter gekommen — da wäre wenigstens der stürmische Enthusiasmus der Jugend mit seiner niederreißenden Wucht sichtbar geworden — Indifferentismus, nennt er seine mild optimistische Stellung zur Welt und zu den Menschen, schon versöhnt und gelassen hinnehmend, indem er* überall (die iBerechtigung anerkennt. Aber 'weltenweit ist diese kühle Gelassenheit der Zentralgestalt des jungen Carus in den „Experimenten“ etwa von der frommen Lebensphilosophie des vergnügten Schüimeisterleins Wuz in Auental, einer Prachtfigur Jean Paulschen Humors, entfernt; Carus anerkennt das Recht der Wirklichkeit nur aus Angst vor dem Kampf mit dem Leben. „Ja, wir sind eben die Schwachem, die weniger Begünstigten. Dagegen sich aufzulehnen, das wäre zwecklos und traurig“, sucht er die über die Ungerechtigkeit der Welt tief empörte Ruschenka zu beruhigen. „Kämpfen? t .. Nein, davon halte ich mich lieber ferne.“ Und nur verständnislose Verwunderung bat er für die kampflustige und tapfere Seele, „die so voll Liebe war und freundlichen Gefühlen“ und den Kampf gegen das Unabwendbare aufnimmt. „Das ist doch unsinnig, das hatte gar keinen Zweck“, sagt Carus, an ihrer Leiche. Und bei dieser allzu leicht und allzu rasch gewonnenen Objektivität hat Brod nur das rein theoretische Interesse des über allem stehenden Beobachters der Dinge und Menschen prüfend anschaut und kühl bis ans Herz hinan in den leidvollen und, tragischen Verwicklungen des Lebens nur „Experimente“ sieht: „Alles, was ich sehe, gefällt mir,“ lese ich in den „Ausflügen ins Dunkelrote“, „aber ich bewundere es nicht. Es geht mir gar nicht nahe. Es brauchte auch gar nicht dazustehn oder es könnte etwas anderes statt dessen dastehn. Es hat für mich nur so weit Bedeutung, als ich Bemerkungen machen kann und alle Dinge in Verhältnisse bringe, die gar nicht existieren. Vor der Welt stehn und sie wortlos angaffen, die bekannte sprachlose Rührung, diese Ausrufsze'icnenlyrik, das scheint mir unelegant, wie eine Kravatce, die kein Selbstbinder isi.“ Die Vorbedingung eines wahrhaften Indifferentismus ist eben das gelungene Niederkämpfen jedes Gefühls unld jeder Gemütserregung; nur der sieht unbefangen in die Umwelt,’ der sich gegen alle ihre Einwirkung auf seine Seele zu wehren vermag, nur der kann sich über die Dinge stellen, der äußerlich mit ihnen zusammenhängt, in sich aber von ihnen frei ist. In dieser Freiheit, die nach keiner Beziehung hin bedingt ist, lebt Wälder, der Schloßherr von „Nornepygge“: „Wir sind doch frei und so wie wir sein wollen“, meint er als Leiter des Klubs der Differenzierten, in dem es nur ein einziges Vergeben gibt: Selbstverständliches tun. Man muß sich durch die ekelhaften .Kapitel dieses Romans, von dem selbst Huysmanns und Przybeczewski lernen könnten,, durchwinden, um das Hochgefühl dieses völlig freien und unabhängigen Menschen zu fassen, aber zu gleicher Zeit auch, wie ihm aus seiner

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