Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 26 (26.6.1914)
- Date
- 1914-06-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JUD5DC ZEITUNG NRTIDNFIL -JÜDISCHES GRBRN Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ B Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ __ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ “ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Alk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. “ B Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. Nr. 26. Wien, Freitag, den 26. Juni 1914 VIII. Jahrgang lionäslisdier Distrüifsverband für Inner^Oesferreida. 2. Juli 1914 8 Uhr abends Beetliovensaai Die Gedenkrede hält Gg. Adoll Stand (Lemberg). Mitglied des AkiMns-Komitees der zionistischen Weltorganisation. Der jüdische Gesangsverein „Hakinnot“ wirkt mit. Entree 1 Krone. Das Reinerträgnis fließt dem Herz! waide in Palästina zu. Nationalisierung öes Kapitals. Die letzten Wochen brachten eine ungewöhnliclie Dcroutc aut den russischen Effektenmärkten. An der St. Petersburger Börse knisterte und krachte cs; auch das Ausland wurde von Mißtrauen erfaßt und begann die russischen Werte abzustoßen. So sank auch die russische VaiU.a und der Rubel ist um ein gutes Stück leichter ^geworden. Der schlechte Ausfall der Ernte im russischen Reiche und die mangelnde Aufnahmsfähigkeit des französischen Kapitalmarktes vermögen es nicht zu erklären, daß die Entwertungen so große Dimensionen annahmen und der Effektenmarkt schließlich jeden Halt verlor. Der russische Fihanzminister erklärte in der Duma ausdrücklich, daß weder die ökonomischen Verhältnisse noch die internationalen Beziehungen einen Anlaß zu einer solchen Bärsendepression geboten hätten. Die tiefste Ursache der Panik ist allmählich bekannt geworden und mußte, wenn auch widerstrebend, von unserer Tagespresse zur Kenntnis genommen werden: Die russische Regierung plant die Ausdehnung der Ausnahmsgesetzgebung auf die industrielle Korporationen und geht daran, die Juden aus den Verwaltungsräten und Direktionen der Banken und Aktiengesellschaften auszuschließen. Der jüdische Aktienbesitz in Rußland wurde durch das Bekanntwerden dieser Pläne aufs heftigste beunruhigt und suchte — ob nun organisiert, oder nicht, kann man nicht sagen — den Weg auf den Markt. Die Börsen haben, wie wir sehen konnten, dem Ansturm dieser gewaltigen Kapitalmassen nicht standhalten können und die haltlos gleitenden Kurse zeigen dem russischen Finanzminister vielleicht schon die Tiefe des Abgrundes, den er öffnen wollte. Geplant ist also in Rußland eine Nationalisierung“ d. h. Russifizierung des Kapitals. Nationalisierung des Kapitals .... Der Gedanke gehört unserer Zeit; unsere Väter hätten ihn noch nicht denken können. Der Goldgulden war Ihnen ein vaterlandsloser Geselle, der dahin zog. wo Gewinn winkte: Ubi bene, ibi patria. Wer Geld hatte, der verlieh es, wo man Geld fand, madite man seine Schulden. Vespasians „non ölet“ wurde gerne zitiert. Wenn der Papst beider Parteien Kriegswaffen segnete, so konnte es niemand einem großen Bankier verargen, wenn er beide Streitteile; finanzierte...... Das ist heute anders geworden. Die zunehmende Mobilisierung und die assoziative Organisation des Kapitals haben seine Macht sinnfällig gesteigert. Damit wueiss aber auch dis Seibsthewußtsein u.ui cius Verantwortungsgefühl derer, die das Kapital besitzen und verwalten .Auf dem. modernen Kapitalsmarkt werden die Gesetze der Oekouomie immer w jeder in ihrer Wirksamkeit durch soziale und p'.'.iiiisehe Motive modifiziert. Der Gel geber von heute trägt nicht nur nach SicherhJi und Ziiis.uß, er fragt auch nach der Verwendung des hingegebeuen Kapitals. Frankreichs Milliarden w andern nach Rußland und sichern sich sc seine Armee für den Tag der Revanche. Der Dollar und die Guinee kämpfen in Mexiko um poitischen Einllluß wie um Erdölquellen und Minen. Wir kennen die wirtscinitlichen Interessensphäre:’, itn Orient; sie sind der Anfang der politischen Eroberung. Der nationale Zug, dem das moderne Kapital folgt, hat das jüdische Kapital nicht zu erfassen vermocht. Das jüdische Kapital kennt keinen eigenen Wißen, es folgt der Politik des Landes, indem es seinen Sitz hat: Die Taussigsche Progromanleihe ist ja noch in frischer Erinnerung. Und doch läge es gewiß nur zu nahe, wenn ein Volk, das über eine Armee gebietet, sein Kapital mobilisieren wollte. Allein das jüdische Kapital will nicht für jüdisch genommen werden; es ist jedem feil, der es kauft — auch eine Art Missionsidee. Allein so, wie sich die Völker unsere Ethik nicht aufdrängen lassen wollen, so verzichten sie auch gerne auf unser Geld, wenn sie es entbehrlich finden. Was die russische Regierung jetzt unternommen hat, war der Versuch, sicli vom jüdischen Kapital zu emanzipieren. Man will dort das jüdische Geld nicht mehr, man glaubt auf den Geschäftsgeist, auf die organisatorische Kraft des jüdischen Kaufmannes Verzieht leisten zu können. Vielleicht haben die Ereignisse der letzten Börsentage die russische Regierung davon überzeugt, daß die „Nationalisierung“ des Kapitals zumindest ein verfrühtes Unternehmen war. Die Börse ist der Barometer der wirtschaftlichen Entwicklung. Man hat noch keine Börsen gekannt, als man die Juden aus Spanien vertrieb. In Rußland ist man jetzt gewarnt; die Regierung wird den Barometerstand verstehen und die geplanten Maßnahmen werden wohl gar nicht oder nur in abgeschwächtem Maße durchgeführt werden. Nicht überall besitzt das jüdische Großkapital die gleiche Widerstandskraft gegen feindliche Tendenzen wie in Rußland. Gewiß sträubt sich niemand hierzulande dagegen, jüdisches Kapital aus jüdischen Händen entgegenzunehmen; niemand droht hier dem jüdischen Einanzmanne mit Ausschluß aus Verwahungsräten und Direktionen, niemand fordert. Man muß ehe:: nicht fordern, wo freundliche Willfährigkeit den geheimste:: Wünschen auf halbem Wege entgegeneilt.Von der r. d:-:',; ü i-:- : uz 'äoncn Ocueaeasse, ereilter Hand, linker Hand, alles getauft. ... Es sollte eine eigene Glaubensw ecnselstube errichtet werden . . . ." Die Christlich , i/jaien möge-: vergnügt geschmunzelt haben, als innen dies i)r. Mittler in der letzten üemcinderaissit/tmg erzählte. Was liier in den leitenden Persönlichkeiten vor sich gellt und ganz ohne Zwang gelingt, ist die Verdrängung der Juden aus ihren wirtschaftlichen Positionen die Nationalisierung des Kapäuls. Schalom. Zur Wimv Kultussdiande. Cer neueste Streich des Racaiiters May ersehn. In der am 21. d. M. abgehaiteneu Massenversammlung des „Jüdischen Volksvereines für die Leopoldstaut“ wurde über einen neuerlichen frechen Amtsmißhrauch des unerschöpflichen Rabbiners M a y ersehn berichtet. Die Kultusgemeinde für Südtirol in Meran hat die Stelle eines Rabbiners ausgeschrieben. Vor wenigen Wochen ist nun ein Schreiben des Wiener Rabbinats bei der Kultusgemeinde Meran eingelangt, in welchem einer der vielen Bewerber Dr. N., offiziell mit höchst scnnicicheiiiaf.cn, überschwänglichen Worten empfohlen wird. Hat es nun bei den Meraner Herren unliebsames Aufsehen eitregt. daß im Namen, auf dem A mtspapier und mit dem Amtssieg ei des Rabhinates Oer Wiener Kultus g e nt e i n d e derartige Gefälligkeitsgeschäite besorgt werden, so steigerte sien das unbehagliche Gefühl zur höchsten E rn pnrun g, als man gewahrte, daß dieses Schreiben vom Rabbiner Mayers'ohn unter fertigi war. Die Empfehlung wurde natürlich nach Verdienst gewertet und einer der Meraner Kultusvorstelier teilte einem Mitglied des Wiener Kultusvorstandes den Vorgang mit. Der Herr berichtete auch, daß es in Meraner Kreisen als Schmach empfunden wurde, daß Mayersohn, ein der schwersten Vergehen überwiesener Funktionär, sich erdreiste, den Meraner Juden einen Seelsorger zu e in pfehlen, daß aber auch die Wiener Juden als Schmach empfinden müßten, daß das A m t s- Siegel und das Amtspapier ihrer Gemeinde von einem solchen Manne zu s o 1-