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Jüdische Zeitung · 1914-06-19 · 25 (19.6.1914) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
25 (19.6.1914)
Date
1914-06-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 25 derstand dss Präsidiums des Kultus Vorstandes gestoßen ist, welches Präsidium sich von Außenstehenden, an der Sache Interessierten, beeinflußen läßt. Diese Haltung des Präsidiums hat mir deutlich gezeigt, daß es mir unmöglich gemacht wird, das von meinen Wählern mir anvertraute Mandat im Interesse der Wahrung des Ansehens d e r K u 11 u s g e m e i n d e u n d d e r W ü r d e des Raöbinates auszuübe n.“ Klar und deutlich ist also Dr. Stern als Präsident in diesem Briefe beschuldigt, daß er die Korruption schützt. ln Nr. 22 unseres Blattes konnten wir berichten, daß der politische Freund des Präsidenten,’ der deutschliberale Abgeomete Hofrat Kuranda dem Herrn Lemberger in einem Briefe für sein Vorgehen stürmisch gedankt, ihm seine lebhafte Zustimmung ausgedrückt und somit bestätige hat, daß das Tun und Treiben des Kultuspräsjdiums eine Verhöhnung von Rechtlichkeit und Anstand bedeutet. Um diesen schweren Hieb gegen den Präsidenten zu parieren, erschien nun eine „Berichtigung“. Aber merkwürdigerweise nicht in unserem Blatte, sondern in „Dr. Bloc'ns Wochenschrift“ vom 12. Juni, und nicht vom Abg. Kur an da gezeichnet, sondern von Dr. Josef Bloch. Sie ist betitelt „Protest des Abg. Kuranda gegen eine bösartige Unterstellung“. Es heißt darin mit Bezug auf die "Notiz in der „Jüdischen Zeitung“: „Abgeordneter Kuranda ist am heutigen Tage bei mir erschienen und hat erklärt, daß er, vor zwei Tagen von einer Auslandsreise zurüdkgekehrt, erst jetzt von dem Inhalte der betreffenden Zeitungsnotiz Kenntnis erlangt habe und die Seit seiner Rückkehr verstrichenen zwei Tage habe benützen müssen, um sich das Original des betreffenden Privatbriefes zu verschaffen. Dieses vom 5. Mai, also vor mehr als einem Monate datierte Original hai Abgeordneter Kuranda mir vorgewiesen und habe ich mich überzeugt, daß in demselben nicht mit einem Worte die Person oder die Tätig- - keit .des Kultuspräsidenten oder des Kulius- ■ vorstarides überhaupt erwähnt, geschweige denn ein Wort darin enthalten ist, weldies einen derartigen Bezug rechtfertigen würde. Abgeordneter Kuranda hat mich auf das dringendste ersucht, diese Tatsache in meinem Blatte festzustellen.“ Um unseren Lesern selbst die Möglichkeit zu geben, über den Wert dieser „Berichtigung“ zu urteilen, veröffentlichen wir nachstehend den Feuilleton. Volkstümliche Erzählungen.*) Von I. L. Perez. Uebersetzt von Hermann Blumenthal. I Der Schatz. Es war in einer Freitagnacht zur Sommerszeit Als Kalman, der Holzhauer, nach Mitternacht in der kleinen Stube, in der er, sein Weib und die acht Kinderchen schliefen, plötzlich erwachte, war es so Schwül, daß er nicht Atem schöpfen konnte. Er wusch sich rasch die Hände, warf den Rock über und eilte barfuß auf die Gasse. Draußen w'ar es still. Alle Läden waren geschlossen und hoch1 oben über dem Städtchen breitete sich der Sternenhimmel aus. Da schien es Kalman, als sei er ganz allein mit Gott und er (erhob seine Augen zum Himmel und flehte: „Herr der Welt, jetzt ist es Zeit, daß du dich' meiner Not erbarmst und mich mit einem Schatz segnest.“ Kaum hatte er diese Worte gesprochen, da erblickte er ein Lichtlein, das aus dem Städtchen tänzelte. Er wollte ihm nach'eilen, erinnerte sich aber, daß es Sabbat sei und bewegte sich ganz langsam nach der Richtung hin. Aber auch das LiditSein ging jetzt langsam und der Zwischenraum zwischen ihnen blieb sich' immer gleich. Ab und zu sprach eine innere Stimme zu *) Aus dem im Verlage Georg Müller, München, soeben erschienenen „Ghettobuch“, herausgegeben von Artur Landsberger. Wir werden auf diese interessante Novellensammlung noch zurü ckkojn m en. Wortlaut des vom Hofrate Kuranda an Herrn Lemberger gerichteten und von Dr. Josef Bloch „eintgeseheneri“ Schreibens: Wien, 5. Mai 1914. „Sehr geehrter Herr! „Ich lese heute, daß Sie Ihre Ehrenstellen im Vorstande der Kultusgemeinde und im Bethausvorstande niedergelegt haben. Im tiefsten Inneren vermag ich Ihnen den Seelenkampf, den Sie vorher durcligefochten haben und den Schmerz nachzuempfinden, den es Sie gekostet hat, sich zu diesem Entschlüsse durchzuringen. Vielleicht ist es Ihnen in dieser Situation doch ein geringer Trost, wenn Männer von Ueberzeugungstreue, Objektivität und der Gabe die Eigenschaft der Charakterfestigk eit auch an anderem zu schätzen, Ihren Entschluß offen und’ laut billigen und Ihnen herzlich ob desselben die Hand drücken. Ich zähle mich zu solchen — wenn auch, vielleicht in Ihrer nächsten Familienumgebung anders über mich gedadit wird — und ich will zu den Ersten gehören, die Ihnen coram urbe et orbe sagen, dab Sie recht, wie ein ehrenhafter gesinnungsbewußter Mann und aut die Würde und Ehre der Judenheit bedachter Isch Zaddik — ich kann leider nicht hebräisch schreiben — gehandelt haben. Im Uebrigen habe ich nur hinzuzufügen, dab mich, der ich Sie seit Jahrzehnten zu kennen mir als Ehre anrechne, Ihr Vorgehen nicht überrascht hat. Mit den aus Vorstehendem leicht erkennbaren Gesinnungen Ihr C a m i 11 Kuranda m. p.“ Aber Dr. Josef Bloch erklärt, daß wir „bösartig unterstellt“ haben und Abgeordneter Kuranda nicht ein Wort geschrieben hat, welches sich aut die Person und die Tätigkeit des Präsidenten Dr. Stern beziehen l'äfo't. Und Abgeordneter Kuranda bittet ihn. diese „Tatsache“ in seinem Blatte festzustellen. „Dr. Blocks Wochenschrift ist offizielles Organ des Kultuspräsidiums und hat in Angelegenheiten des Präsidenten gebundene Marschroute. Eine Auseinandersetzung mit diesem Organe hat also in gegebenem Falle wenig Wert. Aber Abgeordneter Kuranda, der sich im Briefe selbst als einen Mann bezeichnet, welcher Ueberzeugungstreue, Objektivität unr! Charakterstärke besitzt und schätzt, er soll uns Rede stehen. Herr Abgeordneter Hofrat IC u - randa! Wir fragen Sie: ihm: „Kalman, sei kein Narr! Zieh’ deinen Rock aus, spring hinzu und lass’ ihn auf das Liditlein fallen.“ Kalman aber wußte, daß der Böse ihm diesen Gedanken eingab, iund er zog den Rock nicht aus, -machte jedochnoch kleinere Schritte, und es freute ihn zu sehen, daß auch das Lic'htV:in jetzt viel langsamer marschierte. Der Weg schlängelte sich an Feldern und W.'e;en vorbei. Kalman folgte dem Lichtlein, Wenn er den Schatz bekommen könnte, dann brauchte er kein Holzfäller mehr zu sein, Sagte er sich. Er würde seiner Frau ein neues Kleid kaufen und die Kinder zu einem besseren Lehrer geben. Das älteste Mädchen könnte ma i bald verheiraten. So aber muß sie den ganzen Tag der Mutter die Obstkörbe nachtragen. Sie batte kaum Zeit, sich zu kämmen. WaS für diöne lange Zöpfe hat sie doch und Augen wie ein ,Reh. Er sollte doch den Schatz einzuholen suchen. Der Böse gab ihm diesen Gedanken ein. Wenn es an einem Wochentage gewesen wäre, dann -wüßte er schon, was er zu tun hätte oder wenn sein Sohn Jankel mitgewesen wäre. Der würde es sich nicht länger überlegen. Und Kalman ging immer weiter. Von Zeit zu Zeit erhob er den Blick zum Himmel und flüsterte: „Herr der Welt, wen willst du auf die Probe”stellen? Kalman Holzhauer? Wenn der Schatz (mir gehört, dann gib ihn mir doch1.“ Da schien |es ihm, als wenn das Lichtlein sich noch langsamer (bewegen würde, doch gleich darauf hörte er eilten Hund bellen. Kalman merkte sofort, daß er das Dorf Wissoki erreicht hatte und erinnerte sich, daß er am Sabbat nicht weiter gehen dürfe. „Hier hat der Böse seine Hand im Spiele, aber ich lasse mich nicht verleiten,“ murmelte er und machte sich rasch auf den Rückweg. Da 1.. Haben Sie den oben zitierten Brief an Herrn Lemberger gerichtet? 2. Hatten Sie, bei Abfassung des Briefes Kenntnis davon, daß Herr Lemberger einen jahrelangen Kampt gegen das unwürdige Treiben des Rabbiner Mayersohn geführt hat, daß er in diesem gerechten Kampfe durch die Vorgesetzten des Rabbiner Mayersohn, also in erster Linie, durch den Präsidenten Dr. Stern willkürlich behindert wurde und deshalb demissioniert hat? 2. Hatten Sie, bei Abfassung des Briefes Kenntnis von dem Inhalte des in der „Jüdischen Zeitung“ veröffentlichten, an den Kultusvorstand gerichteten Demissionsschreiben des Herrn Lembeiger? 4. Haben Sie mit Ihrem Briefe die schweren Anklagen, welche Herr Lemberger in der Mayerso’/tu-Affaine. gj:geji_ dtjs .Präsidium erhebt und mit welchen: er se/ne Demission motiviert, gebilligt? Eingesendet. Wiederliche Szenen auf dem Wiener jüdischen Friedhofe. Wir erhalten nachstehende Zuschrift: Sehr geehrte Redaktion! Ich bitte Sie, folgenden Bericht über einen' skandalösen Vorfall zu publizieren. Vielleicht wird die Veröffentlichung einer Wiederholung Vorbeugen. Am 14. Juni, vormittags, wurde Herr Margulies, der langjährige erste Diener des Tempels in der Leopoldgasse, begraben. Kaum war der Tote in die Erde gesenkt, so erhob sich am Grabe ein Skandal und lediglich dem Eingreifen der christlichen Totengräber war es zu danken, daß die Keilerei nicht gi ößerc Dimensionen annahm. Die Entwicklung des abscheulichen Vorganges war so: Rabbiner Mayersoh n, der Seelsorger des Tempels in der Leopoldgasse, hatte es trotz eindringlicher Bitten des' Bethausvorstandes abgelehnt, dem langjährigen treuen Diener Seines Gotteshauses die letzte Ehre zu erweisen und war am Friedhof inicht erschienen. Darob herrschte die größte Erbitterung unter den Teilnehmern am Leichenbegängnisse und in den Gesprächen, die geführt wurden, kam Rabbiner Mayersohn Schlecht weg. Am offenen Grabe hielt an Stelle Mayersohns ein ßethüusvorstand den Nachruf und schloß mit einigen Worten des Bedauerns über das Vorgehen des Rabbiners, welcher einem armen verdienstvollen Funktionär den letzten Dienst verweigert habe. Darauf erhob ein bekannter Intimus Mayersohns, namens Sporer, in unmittelbarer Nähe des offenen Grabes ein rohes Geschrei. Er belegte den BethauSvorstand mit Schimpfnamen wie: „Lum p“, „G a u n e r“, „Schuft“ etc. Es war, wie bereits bemerkt, lediglich dem Eingreifen der Christlichen Totengräber zu danken, daß der Skandal am offenen Grabe nicht in eine wüste Prügelei auSartete. Die Kritik des Vorgehens des Rabbiner^ Mayersohn in einer' Grabrede war gewiß nicht regte sich in ihm eine Glückseligkeit ohne gleichen und er war froh darüber, daß er sich nicht hatte in Versuchung Führen lassen. Plötzlich' erblickt er das Lichtlein vor Sich, das nun ebenfalls, ins Stfjdtpyen.. spazierte. Die Sterne wurden matt und lerlosChen und im Osten zeigte sich ein roter Streifen. Das Lichtlein bewegte sich nach der Gasse in der Kalman wohnte, und SdiLüpfte in sein Haus. Als Kalman in die Stube trat, sah er das Lichtlein unter Seinem Bette und er warf rasch seinen Rock darüber. Niemand Sah es, denn alle schliefen. Und Kalman schwor sich zu, daß er .vor Sabbatausgang niemand etwas' davon sagen werde. Es könnte sonst noch der Sabbat entheiligt werden. Als nun Kalman am Samstag abend unters Bett sah, lag da ein Sack, der eine große Summe Geldes enthielt. So wurde Holzhauer ein reicher Mann iund lebte fortan glücklich und in Freuden. II. Sieben gute-j ah re. In Turbin lebte einst ein Lastträger namens Tewje, der sehr arm war. Eines Tages stand er auf dem1 Markte und blickte sich nach Arbeit um. Es war an einem Donnerstag und Tewje hatte kein Geld, um für den Sabbat Einkäufe zu maChen. Es war aber nirgends etwas zu verdienen, und so erhob der Lastträger seine Augen zum Himmel und .flehte um Hilfe, damit er sein Weib und die Kinderchen am Sabbat nicht Hunger leiden sollen. Da zog ihn jemand beim Rock, und als er sich umblickte, gewahrte er einen Jäger, der ihn in deutscher Sprache also ansprach:

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