Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 23 (5.6.1914)
- Date
- 1914-06-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 23 Oie triarier. Zeitschrift der jungen Juden. Auf viele Anfragen teilen wir mit, daß der Abonnementsbeitrag von K 4.— sofort einzuzahlen ist. Der bisherige Verlauf der Aktion stellt die materielle Sicherung der Jugendzeitschrift in bestimmte Aussicht und beweist, wie sehr die geplante Gründung einem dringend empfundenen Bedürfnis entspricht. „Die Triarier“ werden die einzige Zeitschrift für die reifere jüdische Jugend sein und niemand, der die fundamentale Bedeutung der Jugendarbeit für die zionistische Bewegung erkannt hat, wird sich ihrer Förderung entziehen. Das Ensemble erster Berliner Schauspieler, an dessen Spitze der berühmte Schauspieler Rudolf Schildkraut steht, absolviert jetzt in der Neuen Wiener Bühne ein Gastspiel. Es gewährt der Jugendzeitschrift für alle Eintrittskarten, die von uns bezogen werden, einen großen Rabatt und Kartein oder Anweisungen sind im' Büro der Jüdischen Zeitung, II., Karmeliterplatz 1 und bei den Mitgliedern der Wiener Zionistischen Vereinigung erhältlich'. Rudolf Schildkraut tritt in „Ketten“, „Kaufmann von Venedig“ und anderen Dramen auf. Wir bitten alle Gesinnungsgenossen von unserem Abkommen Gebrauch zu machen und so den Preßfonds der „Triarier“, ohne sich helbst irgendwie zu belasten neue Einnahmen zuzuführen. Von jetzt ab wird auch der Reingewinn der blauweißen Zionsbleistifte den „Triariern“ zufließen. Wir geben jetzt eine neue Serie dieser bereits allgemein beliebten Bleistifte heraus und bitten Bestellungen an die Vereinsadresse, Wien, IX., Hörigasse 11 zu richten. Der Provinzversand erfolgt nur in Mindestpadcungen von 6 Dutzend zum Preise von K 7.—. Ein Hiddzionist über Sie Palästina: schulen. Der „Jewish Chronide“ bringt in seiner letzten Nummer ein Interview mit einem Funktionär der Londoner jüdischen Wohlfahrtsunternehmungen Mr. Franklin, der kürzlich in Palästina war. Unter anderem sagte dieser unbefangene Mann, der nicht die geringste Verbindung mit dem Zionismus hat, über die Sprachpolitik in den Schulen Palästinas folgendes: Allgemein ist man einig darüber, daß Hebräisch die geeignete Sprache für den Unterricht der Kinder ist, ebenso auch gilt sie als Verständigungsmittel. Wenn sie an dem Leben des Landes Anteil nehmen wollen, müssen sie auch unbedingt arabisch können. Die Frage, welche europäische Sprache die Kinder lernen sollen, scheint sich gegenwärtig danach zu richten, von wem die Schulen unterhalten werden. Dies ist sehr unlogisch. Wenn es ein Zusammenarbeiten auf dem Gebiete des Schulwesens gäbe, könnte diese Frage nach dem Gesichtspunkt der zukünftigen Wohlfahrt der Kinder geregelt werden, anstatt nach den politischen Interessen fremder Länder.“ Man sieht aus diesen Worten, wie richtig ein unbefangener Mann, der gewohnt ist, praktisch zu arbeiten, die Dinge ansieht. Allerdings gehört nur Unparteilichkeit dazu, um einzusehen, daß der Unterricht sich lediglich nach den tatsächlichen Bedürfnissen der Kinder und nicht nach Gesichtspunkten richten darf, die damit gar keinen Zusammenhang haben. Des weiteren verbreitete sich Mr. Franklin über die Chaluka. Er beklagte sich über die Zersplitterung der Sammlungen, deren hohe Kosten (man sagt, daß nur 20 Prozent der Gelder Palästina erreichen) und ungeregelte Verteilung. Er verlangt Reformen. Wie oft sind solche nicht schon ohne Erfolg gefordert worden. Mr. Franklin konstatiert auch, daß die Jugend in Jerusalem den Drang hat, sich von der Chaluka zu emanzipieren und gewerblich' tätig zu sein. Wir fügen hinzu, daß dies bekanntlich dem Einfluß des Zionismus und seiner Schöpfungen (Bezalel) zu danken ist. Bus den jBiisdien Beben. Zur Judenfrage in Rußland. Die Judenfrage wird von Tag zu Tag akuter. Jeder Tag bringt neue Beschränkungen und Maßregeln, die den einzigen Zweck haben, den Juden das Leben unerträglich zu machen. Es ist das beliebteste, einfachste Mittel, sich lieb Kind bei der Regierung zu machen. Will ein Beamter Karriere machen, so muß er bloß sich „an die Juden machen“, wie der klassische Ausdruck lautet. Und die Verwaltungsbeamten aller Kategorien zeigen eine wahrhafte Virtuosität auf diesem Gebiete. Nun hat die Regierung selbst einen neuen Feldzug gegen die Juden eröffnet, und zwar auf dem wirtschaftlichen Gebiet. Das ist das „Programm“ des neuen Ministers Bark. Wenn sonst alle neuen Besen gut kehren, so bildet Bark eine Ausnahme. Seine Ministertätigkeit hat recht unglücklich begonnen. Er hat in der Duma ein Programm entwickelt, das alle verständigen Menschen in Rußland stutzig machte. . Leere Phraseologie, nichtssagende Floskeln, aufs Geradewohl zusammengeflickte Ziffern und — Potemkinsche Dörfer. Nun heißt es in seiner Rede, das Ziel der Regierung bestehe darin, die Genossenschaften auf dem Lande zu fördern, die Schnapsbuden aber zu bekämpfen. Das klingt sehr schön, aber wer die Regierung am Werk sieht, wer da sieht, wie die Genossenschaftsbewegung unterdrückt, gedämpft, verfolgt wird, dem klingen die Worte des jneuen Ministers wie ein schlechter Scherz. Aber — einen Clou hat Bark doch auf Lager — die Nationalisierung des Handels, das heißt die Verdrängung der Juden aus dem Geschäftsleben. Und wie soll dies zu erreichen sein? Auf eine ganz einfache Weise. Es sollen die anonymen Aktiengesellschaften verboten werden. Jede Aktie muß eben den Namen des Inhabers tragen. Und damit die Juden nicht in den Besitz dieser Aktien gelangen, so soll die Verfügung in Kraft treten, wonach Juden nur an solchen Aktiengesellschaften sich beteiligen dürfen, die über nicht mehr als 200 Deßjatinen Grund oder Immobilien verfügen. Mit anderen Worten: die Juden werden von sämtlichen großen Geschäftsunternehmungen ausgeschlossen. Diese Maßregel bedeutet natürlich einen Ruin der russischen Volkswirtschaft und des russischen Handels. Prof. Bernatzki hat im „Rußkoje Slowo“ sich dahin geäußert, daß in dem Augenblicke, wo dieses Regierungsprojekt Gesetz wird, Rußland in wirtschaftlicher Hinsicht auf viele Jahre hinaus zurückgeworfen wird. Aber was kümmert die Regierung der Volkswohlstand? Die Hauptsache ist, dem Juden am Zeug zu flicken. In den fortschrittlichen russischen Kreisen ist man zur Erkenntnis gekommen, daß die russische Gesellschaft sich endlich einmal mit größerem Nachdruck der Judenfrage annehmen muß. Dies war auch der Grund der ungewöhnlichen, außerordentlich packenden Rede, die der Abg. Nekrassow vor einigen Tagen über die Judenfrage hielt. Besonders hinreißend war der Schluß der Rede, als er die Juden apostrophierte und .ihnen die Sympathie und die Achtung des progressiven russischen Volkes aussprach. Es war eine erschütternde Rede. Der Redner selbst war nach der Rede so stark ergriffen, daß er nach der Rede in Ohnmacht gefallen ist. Gewiß, tief empfundene Worte sind doch nur Worte, und den Juden wird wenig geholfen, aber diese Rede hat eine enorme Wichtigkeit für die russische. Gesellschaft. Denn in den russischen Kreisen — sogar in den liberalen — hat sich allmählich die Ansicht festgesetzt, daß die Juden recht- und schutzlos sind und. sein sollen, daß eine Verfassung sich ganz gut mit der Rechtlosigkeit der Juden verträgt. Muß doch jede Regel eine Ausnahme haben! Bei der Passivität des russischen Charakters ist eine solche Stimmung sehr gefährlich. Es war also ein Verdienst Nekrassows, die Judenfrage wieder aufgerollt und in den Mittelpunkt der Diskussion gestellt zu haben. * Zionismus und deutsches Judentum. Bei dem 14. Delegiertentage der deutschen Zionisten, der am 14. und 15. Juni im Kristallpalast in Leipzig stattfindet, wird das Verhältnis der Zionisten zu den aktuellen Fragen der deutschen Judenheit eingehend erörtert werden. Die Kämpfe, die in der letzten Zeit zwischen den deutschen Zionisten und verschiedenen Organisationen der deutschen Juden (Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Hilfsverein der deutschen Juden usw.) stattfanden, haben gezeigt, daß die zionistische Entwicklung innerhalb der deutschen Juden sehr ernst genommen werden muß. Weiteren Kreisen sind diese Konflikte vor allem durch die „Erklärung“ bekannt geworden, die von einem eigens gegründeten „Antizionistischen Komitee“ in einigen deutschen Tageszeitungen veröffentlicht wurden. Diese Erklärung und der durch sie hervorgerufene scharfe Kampf hat kürzlich die-.Großloge des jüdischen Ordens „Bnei Brith“ veranlaßt, zur Mäßigung zu mahnen. Der 14. Delegiertentag der deutschen Zionisten wird sich nun, wie ans die Zionistische Vereinigung für Deutschland, Berlin W. 15, schreibt, mit der Stellung des Zionismus in den anderen jüdischen Organisationen und deren Haltung in den öffentlidhen Angelegenheiten Deutschlands beschäftigen. Auch' das Verhältnis der deutschen Juden zu verschiedenen deutschen Organisationen (Wandervogel u. a.) dürfte dabei erörtert werden. Die Beschlüsse der deutschen Zionisten in Leipzig werden für die Haltung eines großen Teils der deutschen Juden in Zukunft maßgebend sein, um so mehr, als auch nichtzionistische Kreise, besonders in Erziehungsfragen der Parole des Zionismus folgen, weil sie wissen, daß der Zionismus die jüdische Jugend zu innerlich aufrechten und freien Menschen erzieht. * Eine mutige Rede eines bosnischen Rabbiners!. Unser Korrespondent schreibt uns aus Banjaluka: Seine Exzellenz der k. u. k. wirkliche Geheime. Rat, Feldzeugmeister Oskar Potiorek, LandesChet von Bosnien, besuchte am 12. Mai in Banjaluka den Tempel der jüdischen Kultusgemeinde, wo er vom Rabbiner Df. Keller mit einer Rede begrüßt wurde, in der er unter anderem sagte: Wenn jemand in diesen Ländern etwas leisten will, wenn er sonst dazu die persönliche Eigenschaft besitzt, muß er nicht zuerst eines gewaltigen TreubruChes sich schuldig machen, muß er nicht zuerst sein Volk verlassen, den Glauben seiner Väter verleugnen. Diese männliche, mit dem Feuer echter Begeisterung und Ueberzeugung. gehaltene Ansprache machte auf den Landeschef sichtlichen Eindruck. In warmen Worten erwiderte er dem' Rabbiner Keller die Hand reichend: „Seien Sie versichert, Herr Rabbiner, daß es ganz so ist, wie Sie gesagt haben und gebe Gott, es soll in der Zukunft immer so bleiben!“ Gelegentlich des Bankettes, welches abends stattfand, zu welchem die Einladung an die Spitzen der Behörden und Gemeinden erging, nahm der General von Banjaluka Gelegenheit, um dem’ Rabbiner zu sagen, wie tief die Rede aut Seine Exzellenz gewirkt habe. Der Rabbiner wurde zu dieser Rede von den angesehendsten und maßgebenden Personen beglückwünscht. Der Landeschet hatte Gelegenheit, während er diesmal 5 bis 6 bosnische Städte besuchte, in zwei Städten Juden an der Spitze der Behörden zu sehen, von Juden als Amts-Chefs begrüßt zu werden. Und neben den nationalen Farben der Serben, Kroaten und Mohamedaner begrüßten ihn auch die blauweißen der Juden. Tatsächlich haben die Juden in Bosnien .es nicht' notwendig sich taufen zu lassen. Jüdische Bezirksvorsteher, jüdische Bezirksrichter gibt es mehrere, abgesehen von den anderen jüdischen Beamten, die hier wirken. Ein trauriges Zeichen aber ist es, daß es in Bosnien so viele getaufte Beamte gibt. Das waren Juden, die ihrem Volke, fremd erzogen, ohne Gefühl 'gegenüberstanden, die im Milieu der Assimilation aufgewachsen, das religiöse Judentum als Last empfänden, vom nationalen Judentum nichts wußten oder nichts wissen wollten, Juden, die keinen warmen, lebendigen Zusammenhang mit dem Judentum hatten; kein Gefühl für die Würde ihres Volkes besaßen. Daß diese den scheinbar lockeren Zusammenhang lösten, war, wenn auch nicht entschuldbar, doch begreiflich. Schließlich dachten sie, daß, wenn das Jude' sein hier nichts schadet, Christ sein, doch bequemer wäre. Erfreulich ist es und das hat der Zionismus bewirkt, daß eine neue Generation auch1 in Beamtenkreisen heranwächst, die treu ihr Volkstum' bekennt. ' * Aus Neu-Rumänien. In Silistria fand, 'einem dortigen Berichte zufolge, vor einigen Tagen die feierliche Einweihung einer neuen Synagoge der sephardischen Judengemeinde statt. Zur Feier waren Vertreter aller in Silistria wohnenden Nationalitäten, Rumänen, Bulgaren, Türken, Armenier, erschienen. Nach den üblichen Gebeten, unter anderen auch - dem Gebete für König Karol und die Königsfamilie, hielt der Sekretär der Gemeinde die Weiherede. Einen recht unangenehmen Eindruck machte die Rede, welche hierauf der anwesende Unterpräfekt in der Synagoge hielt. Er forderte die .Anwesenden auf, rumänische Patrioten' zu' werden, sich zu römanisieren und vor allem so rasch als möglich die rumänische Sprache zu erlernen und zu pflegen. „Ich habe die Empfindung,“ so schloß der Unterpräfekt seine Sittenpredigt, „daß viele unter euch mit der rumänischen Herrschaft unzufrieden sind, und wagt ihr es auch nicht selbst' zu gestehen, so geht es mit Bestimmtheit aus Berichten in den ausländischen Zeitungen hervor, und da noch keiner dieser Berichte von euch dementiert wurde, ist ein Beweis, daß ihr diese Unzufriedenheit teilet. Ich ermahne euch, alle diese Hintergedanken zu lassen, euch ke'nen Illusionen hinzugeben, denn in diesen Dingen versteht Rumänien keinen Spaß, und es ist mäcb-. tig genug, um seinen Willen durchzusetzen,“