Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 23 (5.6.1914)
- Date
- 1914-06-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 23 fflHJer Wiener Kulfusgemeinde. Rabbiner Mayersohn vor Gericht. Gegen den Schützling des Präsidenten Dr. Stern, den Gemeinderabbiner Mayerso'h n, werden nunmehr seit Jahr und Tag in der breitesten Oeffentlichkeit schwere und entehrende Anklagen erhoben. Aber der Beschuldigte verschmäht es beharrlich, die „Verleumder“ vor Gericht zur Verantwortung zu ziehen. Das Präsidium der Kultusgemeinde und die sonstigen „Freunde“ 'Mayersohns erklären diesen immerhin auffälligen Umstand folgendermaßen: Mayersohn will Heb er unschuldig leiden, als der Welt das unwürdige Schauspiel einer Gerichtsverhandlung zwischen einem Rabbiner und Juden zu bieten. Wahrlich, dies ist schön und edel gedacht! Leider müssen wir aber konstatieren, daß diese edle Scheu des ehrenwerten Herrn Mayersohn vor dem Gerichtssaal, keine angeborene Eigenschaft darstellt, vielmehr ein Resultat trüber Erfaß r u n g zu sein echeint. jMayersohn hat bereits einmal geklagt. Aber er ist dabei nicht gut gefahren. Doch darüber möge der Leser selber urteilen. Am 15. Mai 1908 erstattete Rabbiner ‘ Mayersohn durch den Advokaten Dr. R. Preßburger, gegen Herrn K. die Strafanzeige, weil Letzterer in Gegenwart ■ mehrerer Zeugen folgende Aeußerungen getan hatte: 1. „Mayersohn ist der „größte Gauner auf der Welt, ein Erzgauner!“ 2. „Ich habe dem Präsidenten., der Kultus- - , geineinde J3r. Stern-gesagt, erjrnqge sich .mit AlayersohninL Achtnehmen.. E r_w ejcjTejs i ch.-j mlt ’Mäy SäStur so -frla-miere-nf ■ wi e,.;-';“d er- P o;l vzre i prasi dent-i n der Aff ä re jRiie'h 1“-!} (In;der_ Affäre "-Riehl; spielte ein .• j ryon der OjordgUwydn- Riehl jje-stoch en er "•] P öi’i'ieltieaniHer 'eine'große"Rolle.')'' 3. „Mayersohn soll nur klagen. Ich ■ werde für alle meine Beschuldigungen gegen ihn den Wahrheitsbeweis erbringe n.“ K. die lächerlich geringe Strafe von 20 Kronen. (Urteil des Bezirksgerichtes Leopoldstadt 'Nr. VII. 1157 vom 13. Juli 1908.) Vergebens rekurrierte Mayersohn gegen die geringe Bestrafung des K. Das Gericht blieb bei dem ersten Urteil. Mayersohn hatte sich' durch seine Flucht vor dem Wahrheitsbeweis selbst gerichtet. Also: Nicht Rücksicht auf die geistliche Würde,sondern die Furcht vor dem Wahrheitsbeweis bildet den Grund dafür, daß Mayersohn den gerichtlichen Weg meidet. Daran können auch die gewagtesten Phrasen des Kultuspräsidenten Dr. Stern nichts ändern. Auch in diesem Falle wird Dr. Stern wohl nicht mit der Behauptung reüssieren, daß die Anklagen gegen seinen Freund Mayersohn der reellen Grundlage entbehren. Wir haben alle Daten, die Nummer des Aktenstückes etc. gebracht. Jedermann kann die Sache prüfen und entscheiden, wer das Ansehen der Wiener Gemeinde schädigt: Doktor Stern,'der gewaftsam die Unt ersuch u n g des Treibens eines Mayersohn verhindert oder wir, die eine endliche Beseitigung derskandalösen Zustände im Wiener Rabbinat herbeiführe n w o 11 e n. Neu! IGRAF Gulasch-Saft zur mühelosen Bereitung von delikatem. Gulasch, Paprika* r.schnitze!, Gulasch - Kartolleln Ml ü 2D h iür 1 Kg fleisch oder 2 Kg Kartoffel. In der Klagebegründung führt Mayersohn wortwörtlich aus: „Es bedarf keiner Weiterungen darüber, daß ein Seelt, sorger auf seinen guten Ruf besonders achten muß und daß Beschimpfungen, wie die obigen, geeignet sind, einen Rabbiner in der Gemeinde unmöglich zu machen und hiedurch die Gemeinde selbst auch zu schädigen. Demgemäß werden die inkrimierten Anwürfe mit besonderer Strenge zu beurteilen sein und erstatte ich gegen K. wegen der öffentlich und vor mehreren Leuten begangenen empfindlichen Ehrenbeleidigungen die Strafanzeige.“ Bravo, Herr Mayersohn! Sehr richtig. Ausgezeichnet. Aber wie kommt es, daß derselbe Rabbiner Mayersöhn, der es damals mit Rücksicht auf seine Würde als Pflicht erachtete, zu klagen, heute erklärt, daß ein Rabbiner mit Rücksicht auf seine Würde, nicht klagen dürfe!? Die Erklärung hiefür bildet der weitere Prozeßverlauf. In Beantwortung der Klage erklärte der Angeklagte K., den Wahrheitsbeweis für die Punkte 2 und 3 anzutreten. (Anmerkung. Für den Punkt 1 ist nach' Entscheidungen des Obersten Gerichtshofes ein Wahrheitsbeweis unzulässig, weil „Erzgauner“ und „größter Gauner der Welt“ nicht Beschuldigungen sondern lediglich Beschimpfungen darstellen). Nim ereignete sich etwas Schmähliches. In einer Eingabe vom 11. Juli 1908. zwei Tage vor der Verhandlung, zog Mayersolm die Anklage wegen der Punkte 2 und 3, für welche der Wahrheitsbeweis angeboten war, zurück. Wegen des Punktes 1, für welchen kein Wahr- ' heitsbeweis zugelassen wurde, erhielt i Prossnitzw Brief. So hätten sie sich wieder einmal gefunden, um mit vereinten Kräften den bösen zionistischen Feind zu bezwingen: Die Assimilanten deutschjüdischer und sozialistisch-jüdischer Observanz, •wtelche unter resoluter 'Beiseiteschiebung aller unterschiedlichen Sonderinteressen in geschlosse ner Phalanx ihr „Auf in den Kampf“ riefen, um die jüd.-nat. Organisationen dieser Stadt, deren Erfolg ihnen den Schlaf ihrer Nächte raubten, mit einem entscheidenden Schlage zu zerschmettern. — „Klerikalismus“, dieses Schlagwort, das man seit Jahren hier im Munde führte, haben unsere Gegner aus der Vorratskammer ihrer Scheinargumente hervorgeholt, um gegen uns daS Endgiltige zu sagen und in Form eines1 inappellablen Urteils feierlichst zu verkünden: Daß wir Reaktionäre seien! Am lö. v. M. wurde in einer öffentlichen Vereins Versammlung der Freien Schule nach einem nicht unsympathischen Referate des Herrn Dr. Bernhard aus Wien zum zweiten Punkt der Tagesordnung: „Lokale Angelegenheiten“ eine Resolution eingebracht und beschlossen, durch die die Vertretung der Israelitischen Kultusgemeinde ersucht wird, sie möge veranlassen, daß der hebräische Unterricht an den hiesigen Schulen „mit Rücksicht auf die damit verbundene Beeinträchtigung der anderen Disziplinen und im Interesse der geistigen und körperlichen Entwicklung der beranwadhsenden Jugend (!) weitgehendst eingeschränkt . . . und im Geiste der modernen Schulreform auf ein möglichst geringes, während der Unterrichtsstunden zu erlernendes Maß von hebräiSchen Kenntnissen reduziert werde“. — Es war dem1 Kenner der hiesigen Verhältnisse klar, daß durch dieses Kesseltreiben unser Gg. Rabbiner Dr. Goldschmied und in weiterer Linie wir, als dessen „klerikaler Heerbann“ getroffen werden sollten. Leider war es uns unmöglich, in die der Beschlußfassung vorausgtehende Debatte einzugreifen, da der Regierungsvertreter unserem1 Sprecher als einem Nichtmitgliede des Vereins1 „Freie Schule“ das Wort versagte. — Nunmehr wurde aber unsere öffentliche Stellungnahme zu jener Resolution und dem Geiste, aus dem sie geboren wurde, ein Gebot zwingender Pflicht. — Und so. berief denn auch’ der „Jüdische Volksverein“ auf den 23. v. M.i eine allgemein zugängliche Volksversammlung ein, die den Zweck einer gründlichen Auseinandersetzung haben Sollte. Die Devise lautete zwar „Religions- und Hebräisch-Unterri'cht“, doch war es naheliegend, (daß die ganze Auffassung der jüdischen Frage herangezogen werden mußte, wenn die Aussprache (überhaupt einen Wert haben sollte. — In richtiger Einschätzung dieser Sachlage wurde auch von unseren Gegnern zu dieser Versammlung alles aufgeboten und so war denn zur gegebenen Stunde der große Saal des Deutschen Hauses von einer etwa 600 Personen zählenden Menge bis auf den letzten Platz gefüllt. — Ein heißer Boden, eine bis zur Siedehitze gesteigerte Stimmung und die verhaltene Glut, die aus den Augen (so mancher, vornehmlich dem gegnerischen Lager angehörenden Versamtnlungstjeilnehmer blitzte, deutete uns an, daß man Selbst vor gewaltsamen Ausschreitungen micht sichergestellt sei, und es war für die ganze Athmosphäre bezeichnend, daß es zu Demonstrationen gegen Rabbiner Dr. Goldschmied kommen würde, der als einer der Referenten in unserer Ankündigung figurierte. Der erste Referent Gg. Dr. Viktor Altar, der seine Rede (hebräisch begann, verstand es durch seine überaus gediegenen Ausführungen die Zuhörer durch volle fünfviertel Stunden in Seinen Bann zu zwingen; die zahlreichen christlichen Versammlungsteilnehmer, denen hier sicherlich neue Erkenntnisse zuteil wurden, lauschten ihm nicht minder in gespannter Aufmerksamkeit. Er legte ein glühendes Bekenntnis für die hebräische Sprache ab, die an einer Schicksalswende des jüdischen Volkes zum rechten Augenblick einen wunderbaren Verjüngungsprozeß durch- .mache und aus einem langjährigen Schlafe zum Leben erwache, jene hebräische Sprache, welche das kostbare Gefäß ist, in dem die jüdische Seele erst ihren vollkommensten Ausdruck und ihre höchste Intensität gefunden habe. Zum Kapitel „Freie Schule“ übergehend, bemerkte der Redner, daß der Zionismus durchaus keine Gegnerschaft gegen die „Freie Schule“ auferlege, daß aber die Zionisten der bestehenden österreichischen Organisation aus taktischen Gründen nicht beitreten können, da die an sich gute Sache dadurch, daß sich Juden in den Vordergrund drängen, nur kompromittiert werden könne. Uns Zionisten erscheine es aber tauch darum geboten, dieser Organisation fern zu bleiben, weil in ihr die letzte Trutzburg der liberal-assimilatorischen Kreise erblickt werden müsse. — Man könne daher gerechterweise eine werktätige Mithilfe von uns nicht verlangen, zumal’ hier in Proßnitz, wo man gegen das uns heilige Gut des Hebräischen zu Felde rücke. Der lächerliche Vorwurf unseres angeblichen Klerikalismus wurde vom Redner trefflich abgewehrt. Unsere Religion vor allem' sei kein Boden für die Entwicklung irgendeines Klerikalismus. Am allerwenigsten aber könne der Vorwurf des Klerikalismus gerade uns Zionisten gemacht werden; denn der Zionismus sei eine Volksbewegung, die geradezu eine Verweltlichung des Judentums anstrebe und sich als fundamentalen Grundsatz zu eigen gemacht habe, daß die Stellung des Einzelnen'zur Religion Privatsache sei. — Und gerade diejenigen, die heute mit dem Vorwurf des KlerikatismuS uns gegenüber flunkern, waren es, die vor über .einem Jahrzehnt beim ersten Auftreten des1 Zionusmus in unserer Stadt sich mit allen Mitteln gegen die aufkommende Volksbewegung sträubten, unter dem Vorwand, daß wir Juden lediglich als Konfession anzusehen seien. Für diesen völligen Mangel an Logik würden unsere Widersacher schwerlich eine Erklärung finden. Hierauf kam Gg. Rabb. Dr.G o 1 dsch m ied zu Wort, um die Anschuldigungen, die in der Resolution gegen ihn zum Ausdruck kamen, zu entkräften. — In ruhiger, sachlicher Art bewies er, daß der Lehrplan der Wiener und der meisten