Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 22 (29.5.1914)
- Date
- 1914-05-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3 Nr 22 Er ist doch erwiesenermaßen imstande, eines lumpigen Trinkgeldes halber eine ungültige Trauung vorzunehmen und das; Trauungsbuch zu fälschen, um die Spuren seines gesetzwidrigen Handelns zu verwischen; wen sollte es da Wunder nehmen, daß er auch bei Ehescheidungen aus Habgier alle Vorschriften des Gesetzes und der Moral verletzt? Wie kann man ihm einen ernstlichen VersöhnungsversuCh zumuten? Am Ende söhnen sich da die Eheleute wirklich aus, und dies bedeutet doch den Verlust der Scheidungstaxe! Aber für Geld geht Herr Mayersohn noch viel weiter. Wenn er reichlich hiefür bezahlt wird, füh r t e r f o 1 g e n d e n i ch t s n u t z i g e Komödie auf: Er nimmt einen „Versöhnungsversuch“ vor und fordert die Eheleute lauf, die Räbbinatskänzlei zu verlassen und nach einigen Minuten wiederzukbmmen. Dann folgt der „zweite Versöhnungsversuch“ und nach' einigen Minuten nach demselben Vorgang der „dritte Versöhnungsversuch“. Da der ganze Handel Samt Kosten natürlich schon früher abgemacht ist, kann man sich vorstellen, wie würdig und nachdrücklich solche Versöhnungsversuche vorgenommen werden. Wenn man aber noch besser zahlt, kann man sich’ diese Spaziergänge aus der Räbbinatskänzlei in das Vorzimmer erparen. Dann unterbleibt selbst diese Komödie, die gesetzlich vorgeschriebenen drei Versöhnungsversuch’e entfallen überhaupt und der ehrwürdige Rabbiner Mayersohn bestätigt in seinem mit öffentlichem Glauben versehenen und die Grundlage des gerichtlichen Verfahrens bildenden Zeugnisise, daß er „die ihm auferlegte Pflicht erfüllet, ungeachtet aller seiner Bemühungen aber die (Parteien von ihrem Entschluß äbzubringen nicht vermocht habe.“ Diese von Mayersohn mit großer Virtuosität seit Jahren betriebene Praxis ist zwar in Wien jedem Advokat’enschreiber bekannt, Herr Kultuspräsident Dr. Stern hat aber von diesen Dingen natürlich keine Ahnung. *) Daß eine solche unmoralische Wirtschaft im Wr. Rabbinat selbst unter der Präsidentschaft Dr. Sterns nicht möglich wäre, wenn die Funktionen Mayersohns von einem anständigen Menschen versehen würden, ist wohl selbstverständlich. Dann kömmt aber noch, daß das tel seiner Geliebten sah. in seiner Freude ausrief: „Dein Haupt ist wie der Karmel!“ Ach Gott, wie schön ist der Karmel! Und es gab eine Zeit, in der dies! alles mein., war! Schwerer Kummer ergreift mich und bedrückt mein Herz bis zum Ersticken. Ich komme mir vor wie in den Tagen;des Elul am' Friedhiof vor dem1 Grabe eines teuren Toten: Hier ward das ganze Land zu einem Grabe — zum Grabe des Lebens eines ganzen Volkes! — Da aber steht ein Deutscher mit gesunden und sorglosem Aussehen neben mir, ein Mecklenburger, der seinen Dialekt noch nicht vergessen hat und schwätzt mir die erstaunten Ohren voll mit einer Geschichte von dem .Wein, den er erzeugt. Und bei'jedem Wort, welches aus seinem Munde kommt, zitiert er eine Stelle aus der heiligen Schrift oder aus dem neuen Testament. Zwanzig Jahre säße er hier auf dem Berge. Aus. seinem geliebten Mecklenburg kam er mit leeren Händen hieher. Mit drei Flaschen begann er seine Tätigkeit und jetzt, gesegnet sei Gott, liefert er schon längst 15.000 Flaschen im Jahre. Der.Name Gottes sei gesegnet! — Und außerdem erzählt er, daß der ganze Berg jetzt in den Händen der Deutschen und nur ein kleiner Teil in denen der Franzosen sei. Und weiter: Der Branntwein der Karmeliter, den die französischen Mönche erzeugen, ist durchaus kein schlechter Tropfen. Und Sie wissen ja: Der Karmeliterorden würde im Jahre 1156 gegründet und vom Papst Honorius HL-im Jahre 1224 bestätigt . . . JÜDISCHE ZEITUNG ■gegenwärtige System dazu gerade angelegt ist, diese Wirtschaft zu fördern. Der Kultusvorstand hat nämlich* 1 gar keine Kontrolle über die Einnahmen' des1 Rabbinats, über die Höhe der von diesem eingehobenen Taxen von Ehescheidungen etc. (und sorgt1 jauch! (nicht dafür, daß diese Taxen in den Gemeirideääckel fließen. Dies wäre doch aber selbstverständlich! Und tatsächlich hat der gegenwärtige Finanzreferent der Gemeinde schon vor etwa zeh!n Jahren einen Entwurf ausgearbeitet, der für solche rabbinis'Che Funktionen einen bestimmten Tarif festsetzt und die Abführung der Taxen an die Gemeindekassen vorsieht. Die Beratung dieses Entwurfs wird aber seit zehn Jahren verschleppt un,d vorn „energischen“ Präsidenten nicht auf die Tagesordnung gesetzt, weil der Rabbiner Mayersohn aus dieser Maßregel eine Schmälerung seiner Einkünfte besorgt. Auch an diesem' Beispiel lernt man die Gemeindeverwaltung des Herrn Dr. Stern kennen und kommt zur Feststellung, daß die Wiener Kultusgemeinde in Wirklichkeit nicht von dem Kultusvorstand, sondern von einer gewissenlosen Clique regiert wird, der das Ansehen der Gemeinde und des Rabbinats gleichgiltig ist und für die nur Eines maßgebend ist: ihre grenzenlose Herrsch-und Selbstsucht. *) Das Honorar für diese Expreßs'cheidungen ist sehr verschieden. Wir kennen einen Falt, in dem sich Mayersohn 400 K rechnete; wenn es sein muß, nimmt er aber auch weniger. So kam ein Herr S. ins Rabbinat und wollte eine rasche Scheidung. Mayersohn sagte ganz richtig, daß er zu drei Versöh nun gsversuchen mindestens drei Tage brauche; dies war dem S. aber zu lang. Da sagte Mayersohn: „Legen Sie vierzig Gulden auf den Tisch und die Sache wird sofort gemacht.“ Dr. Stern und seine politischen Freunde. Bisnun konnte der Kultuspräsident Doktor Stern den Schein aufrecht erhalten, daß der gegen ihn geführte Kampf lediglich politische Beweggründe habe. Nunmehr aber wird es immer klarer, daß heute der Kampf gegen sein Regiment weniger politischen Charakter trägt, vielmehr eine Auflehnung des Gefühls aller anständig und reinlich denkenden Menschen gegen Willkür und unlautere Amtsführung darstellt. Der Unwille in seinen eigenen Reihen wird immer lauter. Der erste, welcher es öffentlich ab¬ Einer meiner Begleiter kam in diesem Augenblick. auf mich zu und befestigte eine von den " kleinen blutroten Blnmen, welche hier auf dem I Berge in. großer Menge wachsen, an meinem Rocke. „Die Blume der Makkabäer“ nennt sie der Vofksmund oder „Blut der Helden Judas.“ Mit bleierner Schwere legte sich mein Kummer auf die Seele und mir wird immer schwerer zu Mute. Helden! — wie Ironie klang dieses! Wort an mein Ohr. Ich stahl mich von diesem Orte weg und ging allein weiter. Und wie ich ging, wandelte der Schatten Elijahus mit mir. Auf diesem Berge geschah es: Dem König Ahab sagte er ohne Furcht und mit energischen Worten: Du tmd das Haus deiner Väter haben Israel betrübt! Und seine Hand (zitterte dicht, als pr die ,450 Lügenpropheten der Aschirah ergriff, die am Tisch der Königin Jsebel speisten und sie in den Bach Kischon warf, um sie alle hinzumorden, daß nicht einer übrig blieb. Und da er nach dieser schweren Arbeit ein (wenig (müde war, kehrte ier zurück und stieg nochmals auf den Gipfel des Berges, streckte sich auf die Erde hin und legte sein Antlitz zwischen seine Knie . . . Gibt es einen anderen Weg für einen Menschen, der einen Kern des Volkes erhalten will? Und darauf klang es in der Grotte: Ein mächtiger und starker Wind zerschmettert die Berge und zerbricht die Felsen, und nach dem Wind ein Getöse — doch nicht in dem Getöse gelehnt hat, in Hinkunft für die Tätigkeit Doktor Sterns verantwortlich zu sein, war Kultusrat Lemberger, ein politischer Gesinnungsfreund des Präsidenten. Er hat seine Stelle im Kultusrate niedergelegt und in einem Briefe an den Kultusvorstand erklärt, daß es ihm als rechtlich fühlenden Vertreter unmöglich sei, unter einem solchen Präsidenten zu arbeiten. Dieser Brief war auch in unserem Blatte veröffentlicht. Nunmehr ist eine ähnliche Demonstration erfolgt. Ein Mann aus der politischen Schule des Doktor Stern, ein strammer Deutschliberaler und Antizionist, der Reichsratsabgeordnete Hofrat Kuranda hat Stellung gegen den Kultuspräsidenten genommen. Er hat an den Herrn Lemberger ein Schreiben gerichtet, in welchem er ihn zu seiner Haltung beglückwünscht und bestätigt, daß das Tun und Treiben des Kultuspräsidenten Doktor Stern eine Verhöhnung von Rechtlichkeit und Anstand bedeutet und die Mitarbeit gerade denkender Leute ausschließt. Herr Dr. Stern hat es nun glücklich so weit gebracht, daß Männer, welche sonst jedem lauten Wort und jeder auffälligen Stellungnahme abhold sind, die schärfste Tonart anschlagen. Wir Zionisten haben Dr. Stern angegriffen, weil er mit Hinwegsetzung über alle gesetzlichen Bestimmungen seine Präsidialgewalt dazu mißbraucht, um unwürdige und pflichtvergessene Organe zu schützen. Er hat unsere Anklagen als böswillige, parteipolitische Manöver hinzustellen gesucht. Wir sind neugierig, mit welchem Märchen er die Angriffe seiner engeren Parteifreunde wird entkräften wollen. * * * Mayersohns Leibgarde. Dienstag, den 26. d. M. veranstaltete die Sektion „Ottakring“ des Wiener Zionistischen Zentralvereins eine Versammlung mit der Tagesordnung: „Unsere Stellung zur Kultusgemeinde“ Neu! GRAF Gulasch-Saft zur mühelosen Bereitung von delikatem Gulasch, Paprika» schnitze!, Gulasch - KartoHeln ist Gott. Und nach dem Getöse Feuer — doch nicht in dem Feuer ist Gott. Und nach dem Feuer ertönt eine leise, sanfte Stimme — darin ist Gott, der Herr! An seiner sanften Stimme erkannte er ihn, er verhüllte sein Angesicht und schüttete sein Herz vor ihm aus: „Geeifert habe ich für Gott, den Herrn der Heerscharen, denn die Söhne Israels haben deinen Bund verlassen, deine Altäre zerstört, deine Propheten erschlagen mit dem Schwerte, und ich allein bin übrig geblieben . . .“ Und dann taucht in meiner Seele noch ein anderes Wort auf: Jch sende Euch den Elijahu, den Propheten, bevor der große und furchtsame Tag Gottes kommt . . . Und ich werde die Erde in Bann schlagen*). Wenigstens ein bischen Vergeltung!“ * * * Aber unten, als wir vom Berge hinabstiegen, zeigte man uns die „Eliagrotte“: Eine Höhle, an deren Eingang ein Araber sitzt, der von den Juden guten Bakschisch bekommt, daß er sie in das Innere der Höhle läßt, die „heilige Stätte“ zu sehen . . . (Für die „Selbstwehr“ aus dem Hebräischen übersetzt von A. Bm.) *) Dieser Satz bezieht sich auf eine Verheißung von Israels künftiger Größe. Der Sinn des nächsten wird daher verständlich. o o