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Jüdische Zeitung · 1914-05-29 · 22 (29.5.1914) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
22 (29.5.1914)
Date
1914-05-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr, 22 anderen bekannten Entwicklungen ganz wertlos sind. Was von der Broschüre der Verfasser nach genauer Analyse übrig bleibt, ist sehr wenig. Sie haben es verstanden, manche Schwierigkeiten der zionistischen Arbeit zu entdecken, und einige durch unrevidierte alte Schlagworte weiter geschleppte Theorien als haltlos nachzuweisen. Dem; Zionismus, dieser machtvoll sich ausbreitenden und tatkräftigst handelnden Bewegung, die so große reale und moralische Werte schafft, wird dieser Nadelstich keine weiteren Beschwerden machen! Der uieOereruaMe Territorial lismus. Ist er wirklich zu neuem Leben erwacht oder sind es die Todeskrämpfe, Zuckungen, die den leblosen Körper in Bewegung bringen? Eine kurze Meldung bringt uns die ‘Nachricht, daß die territorialistische Organisation für den nächsten Sommer nach Budapest eine „Konferenz“ einberufen hat. Nähere Aufschlüsse sind in dem wortkargen Kommunique nicht enthalten und konnten auch nicht enthalten sein, denn die ITO befindet sich in einer äußerst kritischen Lage. Es ist den magyarischen Antizionisten wohl gelungen, mit einem Schlachtruf gegen den antipatriotischen Zionismus 5000 zahlende Mitglieder für die „M ag var 11 o“ (so heißt die magyarische Auflage des Territorialismus) zu werben, allein die ungarische Scheinorganisation, deren Blatt übrigens ein Heidengeld verschlingt, wird der Territorialismus über die gefährliche Krise nicht wegzuhelfen vermögen. Israel Z a n g w i 11, der geistige Urheber und Präsident der territorialistischen Bewegung, ist sich dessen bewußt und äußerte sich denn auch dieser Tage dem Korrespondenten des „Lodzer Tagblatt“ gegenüber überaus skeptisch über die Aussichten seiner Organisation. ' ' „Wie Sie Wohl wissen dürften, ist es nichts mit dem Angola-Projekt und unsere Bewegung sucht nunmehr ein neues Gebiet, um seine Bestrebungen zu verwirklichen.“ Hierauf befragte ihn der Korrespondent, ob es der Wahrheit entspreche, daß er an der Pariser geheimen Konferenz der politischen Zionisten teilgenommen und sich der zionistischen Bewegung von neuem angeschlossen habe. „Ich war bereits seit drei Jahren nicht mehr in Paris und konnte daher auch nicht der geheimen Konferenz der politischen Zionisten anwohnen. Was die zweite Frage anlangt: wozu soll ich ins zionistische Lager zurückkehren? Ich habe es ja niemals verlassen. Ist denn meine Idee kein Zionismus? Zu meinem Bedauern muß ich erklären, daß wir für den Fall, als. die Feuilleton. Der Karmel. Von David Frischmann. Des Morgens machte ich mich’ zeitlich1 auf und stieg hinan. Und jetzt stehe ich auf der Höhe, auf dem Gipfel des Karmel. Mein trunkenes Auge blickt in die Runde, weit, weithin, nach all dem Lande vor mir, in Nord und Süd, in West und Ost. Mir gegenüber breitet sich das Meer in seiner azurblauen Pracht, wie tun1 die Hand auszustrecken und es zu ergreifen, weit und groß, ohne Ende — ohne Grenze — bedeckt mit weißen, leuchtenden Segeln. Das Rauschen der fernen Wellen, die am Rande des Meeres überfluten und sich überstürzen, dringt bis hier herauf zum Gipfel an mein Ohr. Dann wende idi die Augen und blicke hinab auf die Meereszunge, die sich in weite Feme hinzieht und an ihrem Ende sehe ich Akko, die uralte, •wunderbare uns fremde Stadt mit ihren Mauern, Türmen, Giebeln und Dächern. Ich' blicke nach rückwärts und erblickte die Berge des Libanon mit Schnee auf seinen Gipfeln und zwischen ihnen glänzt, leuchtet und funkelt der Hermon im Sonnenlicht Doch unten zu meinen Füßen schlängelt sich ein dünner Seidenfaden der Bach' Kischon. An den Stamm eines nahen Maulbeerbaumes lehne ich mein müdes Haupt Einen Moment lang setze ich mich auf einen der umherliegeneinzuberufende Konferenz der ITO keinen neuen Plan zur Verwirklichung unserer Idee ausfindig machen sollte, die Organisation wohl oder übel auflösen müssen.“ „Ist die Lage der ITO denn gar so verzweifelt?“ fragte der Korrespondent „Ich habe vielleicht einen taktischen Fehler begangen, als ich die Lage der Dinge so ungeschminkt dargestellt habe. Ich wollte damit keineswegs sagen, daß die ITO ihre Tätigkeit morgen einstellen wird, wir haben aber keine neuen Pläne und unsere Hoffnungen sind durchaus schwach.“ Die Worte Zangwills bedürfen keines Kommentars, es ist jedoch für den antizionistischen Zorn gewisser jüdisch-assimilatorischer Kreise in Ungarn überaus charakteristisch, daß sie sich einer Bewegung anschließen, die bisher nichts geleistet hat und'der — wie der Territorialistenführer selbst zugibt — auch für die Zukunft keine Hoffnung winkt. Wie man sonst in Leder oder Textilwaren reist, reist man in Ungarn gegen Provision in Territorialismüs. Dieser Tage fand übrigens die Jahresversammlung der „M a g y a r 11 o“ statt. Die Organisation ist äußerst demokratisch: an der Spitze steht nämlich ein Ausschuß, dessen Mitglieder lebenslänglich fungieren und der niemals durch Wahl, sondern stets durch Kooptierung ergänzt wird. Ein Gegenstück hiezu bildet die Tatsache, daß jetzt erst, nach dreijähriger Tätigkeit, das Programm' der „Magyar Ito“ veröffentlicht wurde .... Die kleinen Provinzjuden sind beigetreten, ohne eine Ahnung von der Sache zu haben, bloß weil der Herr Kultuspräses oder sonst ein Khillegewaltiger es gewollt hat . . . Armer Zangwill! Die Wiener Knltas-Borruption. . Unter dem Sdiutz de£ Kultuspräsi- - denten Doktor Alfred Stern hatten sidh! im1 Rabbinat der Wiener jüdischen Gemeinde Verhältnisse entwickelt, die Selbst im' armseligsten Dorf, des fernsten Ostens unmöglich sind: das Wiener Räbbinat ist ein Unternehmen geworden, das ausschließlich von dem1 Gesichtspunkt der geschäftlichen Interessen seiner Nutznießer geleitet wird. Ein besonders erwähnenswerter Industriezweig mit reichlich ausgebildeten Geschäftsusahcen ist das Ehesch'eidungsverfa'hren. Die Ehescheidungen werden bekanntlich von dem1 besonderen Schützling des Kultuspräsidenten den Steine und schließe leiste die Augen. Und ich' träume: Ich1 bin noch' ein kleiner Junge und sitze in einer Wintemacht beim Scheine einer Pfennigkerze im Glieder des Rabbi und lerne Bibel. Und der Kriegsherr Sisra, dem 900 eiserne Streitwagen zu eigen sind, bedrückt Israel mit Gewalt durch zwanzig Jahre. Aber sie, Deborah, das prophetische Weib, richtet in Israel zu jener Zeit, sie sitzt unter der Deborahpalme. Und sie ließ sich Barak, den Sohn des Abinoam rufen und sprach zu ihm, daß er gehe und mit 10.000 Mann von den Stämmen Naftali und Sebulon. nach dem' Berge Tabor ziehe „und ich werde dir am' 3ache Kistihon den Sisra, Herresfürsten von Jabin, zuführen, seine Streitwagen, seine Leute und sie. in.-deine Hand geben“. Und-das ganze Lager Sisras fiel durch das Schwert, nicht einer blieb übrig „und der Bach Kischon riß sie mit sich' fort, der uralte Bach Kischon;“ — Und hier, was; sich zu meinen Füßen wie ein dünner Seidenfaden hinzieht, das ist der Bach Kistehon! — Und ich' sitze und träume: Auf dem Berge steht Elijahü, der Prophet, . vor dem1 Altar und das Volk bringt ihm' vier Krüge mit Wasser, er gießt .es/ auf das Brandopfer und auf das Holz und ruft: Erhöre mich, Herr! Erhöre mich, Herr! Und das Feuer des Herrn zuckt herab lind verzehrt das..Brandopfer, das Holz, die Steine, die Asche und leckt das Wasser auf, das in der Grube war. Und das ganze Volk stehäut hin, fällt auf dast Angesicht und ruft: „Gott Ist der Hterr! Gott ist der Herr! Herrn Rabbiner Mayersohn besorgt; und man muß anerkennen, daß er auch auf diesem Gebiet seinen mächtigen Beschützer alle Ehre macht. Das bürgerliche Gesetzbuch schreibt sowohl bei Ehescheidungen als auch bei Ehetrennungen drei .Versö'h'nungsVersuche vor, die in angemessenen Zwischenräumen vorzunebmen sind. Der Rabbiner 'hat hiebei die Ehegatten „an das' bei der Trauung gemachte feierliche Versprechen zu erinnern und ihnen die nachteiligen Folgen der Scheidung mit Nachdruck an das Herz zu legen.“ Bei Ehetrennungen hat der Rabbiner insbesondere die gesetzliche Pflicht, „die nachdrücklichsten .Vorstellungen zur Wiedervereinigung 'zu versuchen und ein schriftliches Zeugnis auszustellen, daß er die ihm auferlegte Pflicht erfüllt, ungeachtet aller seiner Bemühungen aber die Parteien von ihrem Entschluß abzubringen nicht vermocht habe.“ Das bürgerliche Gesetzbuch hat also dem' Rabbiner Gelegenheit zu einer vielfach1 feegenbringenden Tätigkeit gegeben. Er Soll es verhindern, daß Ehen leichtfertig; gelöst werden. Es kommt oft genug vor, daß Ehen aus den geringfügigsten Ursachen in Brüche zu gehen drohen. Und da soll der Rabbiner eingreifen und die Eheleute zu versöhnen trachten. Für Herrn May er so hn sind die Ehescheidungen aber bloß eine Ges ch ä ftsangel egenh eit, die umso rentabler ist, je rasdher und skrupelloser die Eheleute ausei n an d erge j agt werden. Cbit neue »orjüglidje Stocfjfdjofolabe au3 Suliug 2»cinl3 ©djofofa&efa&rif. 3“ (la&en in affen gilialen bet girma J1 Sutiuä SKeinl. JM — Und das liier, worauf mein Fuß eben steht, das ist jener Karmel! Und plötzlich durchzuckt mein Herz jenes beraustehend Schöne Wort des Jesaia: „Sie wird blühen und frohlocken, jubeln und jauchzen, — die Pracht des Libonon wird ihr verliehen — und der Glanz des Karbid“ ... I \ , j ■ Bin ich in einer verzauberten Welt? Umringen mich die Geister ferner Geschichte? Und plötzlich erinnere ich' mich : ich bin ein unglücklicher russischer Jude, beladen mit unsagbaren und unzähligen Leiden und ich kam hieher bloß auf einen Augenblick, auf einen Tag ... . Zwischen dichten und uralten Oelbäumen hat mich mein Weg hieher geführt, vorüber an lachenden Feldern, die bedeckt sind mit grünen Lorbeerbäumen ohne Zahl und kleinen, niedrigen Feigenbäumen, die noch nicht Ihren Schmuck, die dunkle Feige mit ihren schweren Schattenangelegt haben. Durch eine grüne Welt führt mich' mein Pferd, zwisteh'en zackigen, abschüssigen Feisten, die in der nächsten' Minute zu unserem Entsetzen auf uns fallen könnten, vorbei an Grotten und felsigen Schluchten, deren dunkle aufgerissene Rachen uns zu verschlingen bereit sind!; Und als ich auf den Gipfel deS Berges1 stieg, übersah ich1 die ganze Pracht, von der sich1 das Auge nicht wegwenden konnte. Plötzlich verstehe ich; was das Herz des Sängers des „Hohen Liedes“ bewegte, der, als er den lieblichen Schei-

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