Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 22 (29.5.1914)
- Date
- 1914-05-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2438141-2438483-2438504--4189-2444017- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
JÜDISCHE ZEITUNG affig NRTIONRL -JÜDISCHES GRBRN frrmm Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS« ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Kanneliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. ■ Nr. 22. Wien, Freitag, den 29. Mai 1914 VIII. Jahrgang Die zionistische Utopie. Von Adolf Böhm. III*) Die Verfasser der neuesten antizionistischen Broschüre (Dr. Karl Landauer und Dr. Herbert Weil) wollen den Zionismus nicht nur widerlegen, sondern auch vor den schrecklichen Folgen warnen, die eintreten könnten, wenn der Zionismus — trotz seiner Vernichtung durch ihre 80 Seiten starke Broschüre — sein Ziel erreichen könnte. Dann würden die europäischen Juden kulturell von einem fernen Zentrum abhängig sein, und damit würde die Kluft zwischen ihnen und den Wirtsvölkern eine noch größere werden als sie heute ist. Die Folge wäre ein allgemeiner Boykott. Es ist merkwürdig, daß dieselben Leute, welche so scharf in die Zukunft seinen, so blind für die Gegenwart sind. Vor unseren Augen spielt sich ein Boykott der Juden in Russisch-Polen ab, der jetzt auch schon nach Galizien übergreift, wie er ärgere Formen überhaupt nicht mehr annehmen kann, in Westösterreich nimmt der Ausschluß der Juden von allen öffentlichen. Stellen zu, und wer nicht, wie die Verfasser bloß die eine dünne Gesellschaftsschichte sieht, in der Mischehen häufig sind, der muß doch auch einen unveränderten gesellschaftlichen Boykott neben dem politischen und wirtschaftlichen wahrnehmen. Daß die Juden in Deutschland, wo sie nur ein Prozent der Bevölkerung ausmachen, wirtschaftlich eine relativ gute Situation haben, ist nur auf ihre geringe Zahl zurückzuführen, gesellschaftlich und politisch ist der Boykott jedoch ärger als in Oesterreich. Angesichts dieser Tatsachen haben die Verfasser den Mut, die Verhältnisse von heute für annehmbar zu erklären, indes sie für eine gar glicht absehbare Zukunft »eine Störung der jetzigen so überaus rosigen Situation durch den Zionismus prophezeien. Denselben Zionismus, der danach strebt, für diejenigen Juden, welche die heutige Situation als durchaus nicht so angegenehm empfinden, eine Zuflucht zu schaffen, der sichtlich der Judenschaft im Westen wieder die Achtung der nichtjüdischen Welt erobert und den einzelnen Juden aus Verzweiflung, Selbstverachtung und Resignation gehoben hat. Aber bleiben wir auch hier im Gedankenkreis der Verfasser. Nehmen wir an, die Heimstätte sei geschaffen und die Westjuden „kulturell abhängig“ von ihr. Was ist unter diesem mysteriösen Ausdruck gemeint? Daß die Juden irgend welche jüdische Formen beobachten, das ist ja schon heute der Fall, und eine tiefere Differenz wie zwischen germanischem Sein und dem streng in den religiösen Formen lebenden deutschen Orthodoxen ist wohl nicht denkbar. Haßt oder boykottiert aber heute der Deutsche den Juden wegen seiner ihm so fremdartigen religösen Formen? Das werden wohl auch die Verfasser nicht behaupten. Daß aber die Kenntnis des Hebräischen sowie ein innigerer Kontakt mit Palästina die Juden in eine schärfere Trennung von den Nichtjuden, als sie heute besteht, bringen würden, das wird doch nicht ernstlich gemeint sein. Es bleibt schließlich nicht anderes übrig, als die Frage des „Heimatgefühls“. Dieses ist aber auch wieder ein so zartes - psychisches Gebilde, daß man ihm nicht mit plumper Logik beikommen kann. Es ist schon bis zum Ueberdruß auf den Deutschamerikaner 'hingewiesen worden, der sich in einer Situation befindet, ähnlich derjenigen, in die möglicherweise einmal die Juden in Westeuropa kommen könnten. Aber es genügt, darauf Zu verweisen, wie stark schon heute bei den Juden das Heimatsgefühl ist, selbst jenen Staaten gegenüber, die eher eine Hölle als ein „Vaterland“ für sie sind. Die russischen Juden, die aus der Heimat flüchten, bewahren ihr trotz aller Leiden, die sie aus dem Vaterlande getrieben haben, doch warme Anhänglichkeit. Das mußte sogar ein russischer Staatsrat zugeben, der vor eini¬ *) Siehe Nr. 18 und 20 dieses Blattes. gen Jahren die jüdischen Kolonien in Argentinien besucht hat. Ja, noch mehr! Selbst in Palästina kann man solche Beobachtungen machen und die „Gefahr“, daß die russischen Juden palästinensisches Heimatsgefühl erlangen werden, ist momentan nicht so groß, als die, daß in Teil Awiw nicht mehr Russisch als Hebräisch gesprochen werde. Auf das entschiedenste muß aber der Behauptung der Verfasser widersprochen werden, daß die Juden von heute sich wurzelfest fühlen, indes sie durch den Zionismus, der sie seelisch an ein fernes Zentrum ketten will, erst wurzellos gemacht werden. Diese anscheinend so feine psychologische Bemerkung ist im Grunde vollkommen unrichtig. Man kann ruhig behaupten, daß es heute in ganz Westeuropa keinen einzigen Juden gibt, der nicht irgendwie empfinden würde, daß h seinem inneren Verhältnis zu Land und Volk etwas nicht in Ordnung ist. Gewiß geben sich die wenigsten Juden darüber Rechenschaft, sie sind schon daran gewöhnt, in diesem unnormalen Zustand zu leben, und insoferne sie ihrer; Lage bewußt .werden, reden sie sich ^selbst mit-Hilfe irgend einer Ideologie, wieder . vom. .„Fortschritt“ eip, daß es baldigst besser--werdefr müsse.*—Die-Verfasser selbst ver-, langen 'nach einer‘ „Lösung“ der Judenfrage — wenn aber . tatsächlich die äußere Lage so wäre, wie die Verfasser sie schildern (daß die Abneir.ung" der Wirtsvölker im Schwinden begriffen wäre) und ebenso die innere Situation der Juden die, daß sie sich wurzelfest fühlten, dann gäbe es ja gar keine Judenfrage, die gelöst werden müßte. In Wirklichkeit sind die Verfasser für die Realitäten ganz blind. Sie sehen nicht, daß eine „Assimilation“ nie reibungslos erfolgen kann, so lange sie nur einseitig gewünscht wird und der eine Teil nichts einzusetzen hat, sodaß ihm gar keine Wahl bleibt. Hier liegt die Undurchführbarkeit, wie die Unmoral aller Assimilationsbestrebungen. Und deshalb muß, so paradox es klingt, gerade der Jude, der die „Assimilation“ erstrebt, zunächst darauf bedacht sein, die Gleichwertigkeit des Juden außer Frage zu stellen, d. h.. aber nichts anderes, als neue jüdische Werte schaffen, den Juden kulturell und national zu einem besonderen Glied der Völkerfamilie machen, damit auch dem anderen Teil seine Assimilation als erwünschte Bereicherung erscheine. Mit der Frage, ob sich die Westjuden nach Errichtung der Heimstätte als wurzellos empfinden werden, braucht man sich daher gar nicht zu befassen. Diejenigen Juden, die sich dann werden „assimilieren“ wollen, werden dies viel leichter tun können, als heute, weil die Achtung vor den Juden gestiegen sein wird. Wer sich also in Deutschland als wurzelhaft empfinden wird, der wird nach wie vor Assimilant bleiben und der Zionismus wird ihm dabei nur nützen. Wer sich aber „wurzellos“ fühlen wird, der wird sich ebenfalls in einer besseren Situation befinden als vorher, da er eine Heimat seiner Seele gefunden haben wird. Im übrigen wird nach der zionistischen Vorstellung die Lösung der Judenfrage nie heißen : Zionismus oder Assimilation, sondern Zionismus und Assimilation, d. 'h. ein Teil der Judenheit, wahrscheinlich der größte, wird sich assimilieren, der andere wird ein neues jüdisches Zentrum aufbauen. Bleibt nur noch die Widerlegung des „Nachweises“ der Verfasser, daß es nicht möglich sein wird, dieses Zentrum zu errichten. Prüfen wir ihre Einwände. Zunächst weisen sie auf die Divergenz zwischen den Interessen der kapitalistischen Interessenten und der Arbeiter in Palästina hin. Natürlich können sie diesbezügllich nur mit ein paar aus Kongreßprotokollen und sonstigen gelegentlichen Veröffentlichungen geschöpften Informationen dienen. Aber sie haben dennoch in sehr geschickter Weise das schwierigste Problem der Palästinakolonisation aufgespürt. Es steht zwar damit nicht so, wie die Verfasser meinen, immerhin liegt im Arbeiter- .problem, und zwar vor allem in dem der ländlichen Arbeiter, die größte Schwierigkeit unserer Kolonisation. Hier sind' Fehler geschehen, aus denen wir lernen müssen, namentlich aber ist in Bezug auf diese Frage nicht für genügend gründliche Information der Zionisten gesorgt worden. Auch scheinen die Kreise der russischen Zionisten, die vornehmlich bei der praktischen Kolonisation tätig sind, nicht die ganze Tragweite der sozialen Frage zu erkennen. Aber deshalb haben unsere Gegner noch gar kein Recht, vorgefallene Mißhelligkeiten zu verewigen. Unsere Leitung, der Nationalfonds und das Palästinaamt, beschäftigen sich eben jetzt intensiv mit der Arbeiterfrage. Zahlreiche Vorschläge, insbesondere jener betreffend die Pachtgenossenschaften, werden geprüft und erprobt werden. Niemand kann übrigens erwarten, daß in den Experimenten zur Lösung dieser Frage Privatkapitalisten vorangehen werden, dies ist Sache einer gemeinnützigen Institution und der Jüdische Nationalfonds ist ja gerade dazu geschaffen worden, die Arbeit der Nationalisierung des Bodens zu leisten. Die Verfasser operieren auch damit, daß die besitzende Klasse in Palästina aus Westeuropa stamme, indes sich die Arbeiter aus dem Osten rekrutieren. Die soziale Differenz zwischen diesen Schichten werde noch durch eine kulturelle erweitert. Diese Ansicht beruht auf einer völligen Unkenntnis der Verhältnisse. Sämtliche „Kapitalisten“ in Palästina sind durchwegs Ostjuden. Uebri-* gens ist ja von vornherein die Annahme der Verfasser, daß sich zwischen West- und Ostjuden in Palästina eine kulturelle Differenz ergeben werde, völlig haltlos. Alle Westeuropäer, die nach Palästina gegangen sind — vornehmlich Intellektuelle — sind dort völlig verwurzelt, und von jener Differenz zeigt sich nicht eine Spur. Wer als Zionist auch nur einen Zionistenkongreß erlebt hat, der weiß, wie stark das Band gemeinsamen Wollens und Handelns ist, das sich um alle Genossen, welcher Kulturstufe oder Klasse immer ‘sie angehören mögen, schlingt. Die Verfasser können dies natürlich nicht verstehen, da sie an den Zionismus von außen herantreten. Die von ihnen aufgezeigten Schwierigkeiten ließen sich übrigens nach ihrer eigenen Meinung dadurch überwinden, daß man eine reine Bauernkolonisation schafft. Aber dann — so sagen Sie — gäbe es noch immer die industrielle Arbeiterfrage und es wäre auf der Basis der Bauernkolonisation kein geistiges Zentrum möglich. Selbst wenn sie darin recht hätten, daß es in einem jüdischen Gemeinwesen eine industrielle Arbeiterfrage geben könnte, so ist gar nicht einzusehen, warum dies ein Argument gegen den Zionismus sein soll. Diese Frage ist in allen Staaten der Welt vorhanden, glauben denn die Verfasser, daß die Zionisten den Zukunftsstaat bauen könnten? Sie können nichts anderes tun, als möglichste Vorsorge treffen, daß im jüdischen Palästina gesunde soziale Zustände herrschen, also durch ihre Institutionen das Gemeineigentum am Boden, die Erbpacht, das Genossenschaftswesen, die Bauernkolonisation etc. fördern. Was ferner den Ein wand betrifft, daß auf Grundlage einer Bauemkolonisation kein Kulturzentrum geschaffen werden könne, so ist dies wiederum so eine leicht hingeworfene, in jeder Beziehung völlig unhaltbare Behauptung. Zunächst ist anzumerken, daß es gerade ein jüdisches Bauernvolk war, welches das größte Kulturwerk — die Bibel — geschaffen hat. Was die heutigen Verhältnisse betrifft, so sind die jüdischen „Bauern“ in Palästina durchaus nicht vom Habitus der Landbewohner Europas. Als Juden sind sie geistig auf einer hohen Stufe und es ist nicht einzusehen, warum aus ihrer Mitte nicht wieder ein Großer des Geistes aufstehen sollte. In Palästina geht aber der ländlichen Kolonisation eine städtische parallel, heute schon sind eine Menge Kulturinstitute vorhanden, in absehbarer Zeit werden Hochschulen dazukommen, und so ist kein Zweifel, daß ein jüdischkulturelles Zentrum dort entstehen wird. Ueber das Wie seines Inhaltes ist ein Streit müßig. Es ist ein so durchaus Neuartiges, was in Palästina geschaffen wird, daß alle Vergleiche mit