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Jüdische Zeitung · 1914-05-22 · 21 (22.5.1914) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
21 (22.5.1914)
Date
1914-05-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Den „radikalen“ Assimilanten, der in Galizien noch ganz selten, in Russisch-Polen desto häufiger vorkommt, kennen wir hingegen fast gar nicht. Ich habe ihn radikal genannt, weil sein erstes und letztes Wort Taufe heißt, — die Taufe ist aber nichts anderes, als „die letzte Phase des Assimilationsprozesses“. (Ruppin: Juden d. Gegenw., S. 149.) Es ist sehr bezeichnend, daß der radikale Assimilationsgedanke bereits „theoretisdh“ fundiert ist, während die „praktischen“ Assimilanten, obwohl von beiden Seiten aufs schärfste angegriffen, kein Sterbenswörtchen — was Theorie anbelangt — von sich hören lassen. Andrzej (Andreas) B a u m f e 1 d („Die polnische Frage und die Juden“, Warschau 1911), ein bekannter polnischer Schriftsteller und getaufter Jude, war der erste, der in die Assimilationspraxis, in den rapid um sich greifenden Strudel gedankenlosen Abstreifens jüdischen Wesens bei'formellem Festhalten an der jüdischen Konfession das Losungswort hineinwarf: entweder Jude oder Pole! Ein Judaeo-Pole, ein Pole mosaischen Glaubens sei ein Nonsens, ein Widerspruch in sich selbst, eine contradictio in adiecto. Denn ebenso wie der Mosaismus die nationale Religion der Juden ist, bilde der Katholizismus die nationale Reliv gion der Polen. Polen an sich war und ist katholisch. Der Weg zum Polentum führe du.cii die Taufe. Wohl könne der einzelne Pole areligiös oder Dissident sein, seine geistig-religiöse Entwicklung müsse aber den Katholizismus zur Basis haben, vom Katholizismus den Ausgang nehmen. Ein anderer Weg als durdh die römisch-katholische Kirche sei also zum Polentum, zum wahren und unbedingten Polentum nicht vorhanden. Deswegen sei es eine heilige moralische Pflicht der sich assimilierenden jüdischen Intelligenz, — und nur zu dieser spricht Baumfeld, — auf dem Wege zur polnischen Nation, auf dem Wege zur völligen Verschmelzung, denjenigen Schritt zu scheuen, der einzig und allein zum Ziele führt: die Taufe. Sonst bleibe diese jüdische Intelligenz — schließt der Verfasser — in einer beklagenswerten, heillosen Halbheit stecken, welche niemandem frommt und an sich unmoralisch ist. Antoni Lange („Die Widersprüche der Judenfrage“, Warschau 1911), ebenfalls getaufter Jude und polnischer Literat, ist kein so eifervoller Katholik, wie der mystisch angehauchte Baumfeld, ln der Hauptsache stimmt er aber mit Baumfeld durchaus überein und behauptet, daß ein Stehenbleiben bei der jüdischen Konfession die Assimilation wesentlich und begrifflich ausschließe. Den letzten Grund der Judenfrage bilde die jüdische Fremdheit, das jüdische Anderssein, die Lösung der Judenfrage liege somit in der Abstreifung des Frem'cfheitsstempels, positiv gesagt, des jüdischen Wesens r— dieses Abstreifen sei aber ausgeschlossen im Falle der geistigen Fortbestand im jüdiscfwreli. giösen Ideenkreise. Assimilation ohne Taufe sei deshalb keine Lösung, sondern eine Metamorphose des Uebels. Lange erklärt sich im Gegensatz zu Baumfeld nicht für das römischkatholische, sondern eher für das evangelische Bekenntnis. Das Wesentliche ist für ihh jedoch nicht das neue Bekenntnis, sondern das Aufgeben des alten, des bisherigen Bekenntnisses, das Aufhören Jude zu sein in jeder Hinsicht. Im. Momente, wo der Jude aufhören wird, im religiösen Sinne Jude zu sein, wird er überhaupt — meint Lange —„ nicht mehr Jude sein. Desto nachdrücklicher wird also die Notwendigkeit der Taufe betont — als des einzigen Mittels zur völligen Assimilation. Daß Assimilation Selbstmord bedeutet, dessen ist sich Lange vollständig bewußt und — fordert sie eben deshalb so rücksichtslos. Denn — es sei hier folgende Anschauung als das markanteste, sowohl frechste als traurigste Bekenntnis der assimilierten Judenseele festgenagelt — denn wie es die historisch-logische Bestimmung aller Völker ist, ihre Individualität zu wahren und zu entwickeln, so ist es „die einzige, auf dem höchsten Gipfel der Schicksalsmöglichkeiten liegende Bestimmung“ des jüdischen Volkes, seine Individualität zu vernichten. Die theoretischen Auseinandersetzungen von Baumfeld und Lange stammen vom Jai're 1911. Die polnische Presse hat sie mit einem vielsagenden Totschweigen begrüßt, aus dem es sonnenklar zu ersehein war, wie sehnsüchtig die polnische Gesellschaft jüdische Massentaufen herbeiwünscht. Indessen hat sich die Situation zusehends verschärft. Wir wissen ja alle, was für wirtschaftliche und moralische Verwüstungen die Boykottbewegung verursachte' und noch immer verursacht Allerdings erfahren wir von dgn moralischen Pogromen weniger, als von den ökonomischen. Und doch sind die ersteren für uns möglicherweise noch viel gefährlicher, als die letzteren. Denn s i e verbreiten Haß gegen das Judentum nicht nur bei den Christen, sondern vor allem bei den — indifferenten — Juden. 'J'trd'en sind es, die von jenem vergiftenden Antisemitismus angesteckt, deren Assimilationsdrang gewaltig geweckt und gestärkt, die zur Flucht vom Judentum geradezu gedrängt werden: Die jüdische Welt ist vielleicht nicht genügend davon unterrichtet, daß in Warschau ein Judenfeind lebt und wirkt, der in der jüdischpolnischen Geschichte ein ruhmreiches Andenken behalten wird, Andrzej Niemojewski, ein Judenwüterich im großen Stil, ein würdiger Nachfolger eines Eisenmenger, Voltaire, Fichte, Grattenauer, Rohling . . . Dieser Niemojewski hat vor nicht vielen Jahren eine Novelle: „Boruch“ veröffentlicht, in welcher er den „ewigen Revolutionär“ im Juden mit Begeisterung verherrlicht und dem jüdischen Kämpfer der russischen Revolution ein enthusiastisches Denkmal setzt, ln den stürmischen Revolutionstagen übertrug derselbe Niemojewski Flavius Josephus „Jüdischen Krieg“ in meisterhafte polnische Prosa und schrieb dazu eine Einleitung, die vielleicht das schönste ist, was je ein polnischer Schriftsteller über jüdische Dinge geschrieben hat. Wie dieser Mann, radikal demokratisch und antiklerikal, über Nacht zum Judenhasser geworden, ist für mich vorderhand ein Geheimnis. Genug, daß er seit Monaten in seiner Zeitschrift „Der unabhängige Gedanke“ wütende Ausfälle .gegen Judentum, jüdische Ethik, Talmud usw. veröffentlicht und gegen die „jüdische Pest“ förmlich Kreuzzug predigt. Dieser Tage hat Niemojewski seine gesammelten Aufsätze in einem Buch herausgegeben, das den bedeutungsvollen "Titel trägt: jüdische Seele im Lichte des Talmuds“. Das Buch . ist im antisemiti-. sehen Lager mit verständlichem Wohlbehagen aufgenommen wordei und bildet bereits ein unerschöpfliches Reservoir für die gesamte antisemitische Presse und Propaganda Russisch-Polens und Galiziens. Das traurigste an der Sache ist wohl die Anerkennung, die ungeteilte Zustimmung, deren sich Niemojewski im polnischen Lager erfreut. Er steht übrigens als „Führer“ nicht vereinsamt. Vor ungefähr zwei Jahren hat ein gewisser Antoni M a r y 1 s k i ein Buch unter dem Titel: „Die Geschichte der Judenfrage in Polen“ veröffentlicht, in welchem er ein regelrechtes a semitische s Programm formuliert, welches in der Forderung gipfelt, die Juden aus allen polnischen Ländern — nach bewährtem Muster des Fürstentums Posen — allmählich und systematisch, ganzzu verdrängenC- „Von uns und nur .von uns — schließt M a r y I s k i sein Buch — hängt es ab; - daß die Juden schon heute die ersten Blätter ihres Exodus zu schreiben anfangen.“ In einer solchen Atmosphäre des glühendsten Hasses und tiefster Verachtung alles dessen, was bloß an-s Jüdische streift, ist selbstver, stündlich der bequeme Assimiiationsprozeß unserer „Moschkos“ fast ausgeschlossen. Ein derartiger Zustand sozialer Zurücksetzung ist nun — wie Ruppin richtig bemerkt — der geeignetste Moment für die — Taufe. Ein Moment, in welchem die Apologethiker der Taufe keine Wüstenprediger abzugeben brauchen. . . . Ein gewisser Herr Stephan Auerbach hätte auch zu anderen Zeiten gewiß keinen Mut gehabt, als Taufapostel, jia geradezu als ein moderner Jakob Frank aufzutreten. Er behauptet (im Märzheft der Warschauer Monatsschrift: „Der polnische Gedanke“), daß die bisherige Assimilation der Juden eiie doppelte gewesen wäre, und zwar eine nationale und kulturelle. Sie führte aber nicht zum gewünschten Ziel, weil der assimilierte Jude dank seiner „Religion“ noch immer, zum Teil wenigstens, im Judentum, im „Ghetto“ stecken blieb und sich von im Blut verankerten Imponderabilien nicht gänzlich zu befreien vermochte. Bei einem solchen Menschen können — sagt Herr Auerbach — Augenblicke eintreten, die ihn ins jüdische Lager zurückzubringen vermögen. Eine radikale und vollkommene Assimilation müsse also eine dreifache sein: eine nationale, kulturelle und konfessionelle. Nur auf diesem Wege, auf dem Wege der Taufe, wird sich der Jude „aus den Krallen des Judentums“ loswinden und sich seines Judentums radikal und auf immer entledigen können. — Eine Frage ist es nur, und mit dieser Frage tritt Herr Stephan Auerbach schüchtern auf, ob sich die Polen eine neue Frankistenbewegung w ü nsehen, ob sie sie überhaupt wollen. Herr Auerbach — wahrscheinlich auch ein getaufter Jude, im übrigen eine ganz unbekannte Größe — wird voraussichtlich auf seine Liebeswerbung dieselbe Antwort erhalten, wie seine Glaubensgenossen Lange und Baumfeld. Oder 1 wird vielleicht die po’nische Gesellschaft, nunmehr schon in der Judentrage gehörig orientiert, deutlicher reden? . . . Das Auftreten der radikalen Assimilationstheoretiker gerade in der sturmbewegten Boykottzeit ist überaus symptomatisch. Dabei ist es für uns ganz einerlei, ob der Beweggrund zur Taufe in niedriger Gesinnung, in dem Bestreben nach feighaftem Auskneifen aus dem Lager der Bedrängten zu suchen ist oder aber — wie in manchen, allerdings ganz vereinzelten Fällen — in dem Bestreben, den inneren Drang. Pole zu sein, vollkommen und unbedingt nach außen zu objektivieren. In beiden Fällen liegt der Urgrund des Uebels im inneren Verluste des Judentums. Wir haben da ein klassisches Beispiel der Assimilationsgefahr im allgemeinen, ein Zukunftspro- Neu! GRAF Gulasch-Saft zur mühelosen Bereitung von delikatem Gulasch« Paprika» schnitze!» Gulasch» KartoHeln 1 Tafel ä 20 fl für I ftg ffeiscfi oder l fig Kartoffel. gnostikon der äußersten, aber unabwendbaren Auswüchse jeglicher Assimilationstendenzen. Die gleichen sozialen Verhältnisse müssen immer und überall die gleiche Wirkung hervorbringen. Den alten Assimilationsschwärmern war ihr Judentum eine heilige Reliquie, ein teueres historisches Erbe, mit dem sie zwar im Leben nichts anzufangen wußten, das sie aber liebten und hochhielten. Für die Baumfelds und Auerbachs, die es nicht kennen, ist es nur eine Last, ein verabscheuungswürdiges Ueberbleibsel ägyptischer Finsternisse. Nicht Kampf mit der Assimilation bedeutet hier radikale Abhilfe, sondern Weckung und Stärkung des Judentums im Leben der Gemeinschaft und jm Leben des Einzelnen:. JSiiMrer Rullurfonös „Relau- Eine große Idee erfordert auch große Opfer. Die nationale Wiedergeburt unseres Volkes in seiner alten Heimat ist eine solche Idee. Dem neuen Gebäude unseres nationalen Geistes fehlt jedoch noch das feste reale Fundament, denn Werke, die für die künftigen Geschlechter Bq» stand haben sollen, bedürfen einer unerschütterlichen, aHetr-Stürmeir-troteenden-Grtmdlage. Ausdieser Erkenntnis ist des J ürd isc-h e Nationalfonds zur Erlösung des Landes hervorgegangen und ist auch der Jüdische Kulturfonds „Kedem“ zur Pflege des hebräischen Geistes in jenem Lande entstanden. Die Aufgabe dieser beiden Institutionen ergänzen einander wie Körper und Seele, die gemeinsam eine Einheit bilden. Wie der Nationalfonds ein ewiger Besitz des jüdischen Volkes für wirtschaftliche Leistungen ist, so ist der Kulturfonds „Kede m“ dazu bestimmt, ein ewiges Gut unserer Nation für ihre kulturellen. Bedürfnisse zu sein, die sichere, dauerhafte materielle Basis und die Zentralstelle für ihre Geisteswerke zu bilden. Und gar mannigfaltig sind die Erfordernisse unserer nationalen Kultur in unserem nationalen Lande. Die bisherigen Fortschritte, so herrlich sie auch sind als Zeugnis und Erzeugnis der schöpferischen Volkskräfte, bilden doch nur den Anfang einer neuen Epoche. In dem Bestreben, sein umfassendes Programm im Einklang mit den Bedürfnissen des jüdischen Ischub in Palästina und seiner natürlichen Entwicklung systematisch und planmäßig durchzuführen, hat sich der „Kedem“ seine Arbeitsmethode nach dem Maße der Dringlichkeit jener Bedürfnisse vorgezeichnet. Er beginnt mit den Elementaraufgaben, die keinen Aufschub dulden. Zu den dringlichsten Obliegenheiten, deren Mangel in der Alltagsarbeit der Gegenwart tief empfunden wird, zählt die Herausgabe von Lehrbüchern für die hebräischen Schulen in Palästina. Dieser elementare Mangel drückt auf die Lehrer und Schüler in empfindlichster Weise und hemmt in erheblichem Maße den normalen Ausbau des hebräischen Erziehungswesens, das in der vordersten Reihe unserer nationalen Bestrebungen steht. Es fehlen uns ferner die Bibliotheken und öffentlichen Büchersammlungen, aus denen sich der Lehrerstand im Lande Israel das geistige Rüstzeug holen und das Vorhandene und Mitgebrachte ausbauen und vermehren kann. Es fehlt die jüdische Nationalbibliothek, in der das ganze geistige Eigentum des jüdischen Volkes vereinigt ist. aus dem der neue Jude den Stoff zur weiteren jüdischen Entwicklung nimmt. Aber auch die hebräische SpraA che bedarf des Ausbaues. Sie war zu lange nur eine Schriftsprache und muß wieder zur wirklichen, zur lebenden, zur gesprochenen Sprache werden. Dazu muß sie erweitert, vertieft und verbreitet werden. Hierzu wird vom „Kedem“ der hebräische Sprachrat, die S i n h e d r i j a, gebildet, zu der die ersten Grundlagen bereits im Waad-Halaschon existieren. Ein wissenschaftliches Journal, an dem die ersten hebräischen Gelehrten Jerusalems mit den Forschem und Kennern der ganzen Welt zusammen arbeiten sollen, wird den Austausch der Gedanken und Forschungen auf diesem Gebiete vermitteln. Das sind die ersten Anfänge zu einer hebräischen Sprachakade-

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