Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 21 (22.5.1914)
- Date
- 1914-05-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Säte 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 21 den. Nun wiederholt sich dieses schmutzige Spiel. Wir wollen einige Proben aus den jüngsten Tagen wiedergeben. Vor einigen Tagen erschien beim Herausgeber der „Jüdischen Zeitung“ ein Abgesandter Mayersohns, welcher ihn zum Rabbiner lud. Auf die abweisende Antwort bemerkte er, daß es dem' Herausgeber „nicht zum Schaden sein werde“, wenn die „Jüdische Zeitung“ die Angriffe gegen Mayersohn einstellen würde. Der edle Sendling eines edlen Auftraggebers hat die gebührende Antwort erhalten. Kaum hatten die zionistischen Vertreter den Namen des Herrn P., des Hauptzeugen gegen Mayersohn beim Kultuspräsidium gemeldet, als auch schon dieser Herr den Belästigung?* widrigster Art ausgesetzt war. Tagtäglich überliefen ihn fragwürdige Subjekte, seine Hausleute wurden ausgefragt und die Versprechungen und Drohungen begannen. Herr P. erhielt schließlich eine „Vorladung“ in einer Advokaturskanzlei zu erscheinen, widrigenfalls usw. Nun ist Herr P. ein Mann mit Hochschulbildung und was früher bei ungebildeten, abergläubischen und verschüchterten Zeugen gelang, wird wohl bei ihm nicht gelingen. Höchst sonderbar gestaltete sich seine Einvernahme im Kultuspräsidium. Da er von der Arbeit der Mayersohnleute einen richtigen Vorgeschmack bekommen hatte, stellte er das Verlangen, daß seiner Konfrontation mit Mayersohn Vertrauensleute beizuziehen seien. Er nannte u. a. das Mitglied des Vertreterkollegiums der Kultusgemeinde Dr. K a t z a u. Dieses Verlangen wurde vom Präsidium glatt abgelehnt. Bei der Konfrontierung begann Rabbiner Mayersohn mit Schmeicheleien, als diese nichts nützten, versuchte er durch freche Beschimpfungen Herrn P. einzuschüchtern. Er erging sich als Beklagter während der Amtshandlung,in wilden. Schmähungen. .-Er hat auch insofern -senreu-^Zwedk errerart; äls^Tterr P. in die . höchste^^ifr^gyng- .versetzt;.wurde und erklärt hat, daß. er. sich einem weiteren Verhöre nur vor - dem VertreterkoUegium unterziehen werde, umden Invektiven des Herrn Rabbinets nicht schutzlos ausgesetzt zu sein, ln der Sache selbst haben aber diesmal die Mätzchen nichts genützt, denn Herr P. hat alle seine Anklagen aufrecht gehalten. Knüppel- und Messerhelden als Schützer Mayersohns. Welche Menschensorte die Umgebung des Wiener Gemeinderabbiners Mayersohn bildet, mag nachstehender Vorfall beweisen. Herr Schulmann, ein würdiger alter Mann, der lediglich dem Studium der Lehre lebte, hatte sich vor einiger Zeit geweigert, dem Rabbiner Mayersohn gewisse „Dienste“ zu erweisen. Er fiel in Ungnade. Vor wenigen Tagen beging er auch nodh die Unvorsichtigkeit, den Anklagen, welche die Zionisten gegen Mayersohn erheben, gesprächsweise beizupflichten. Am Sonntag erschien ein Mann bei ihm, stellte sich als'Chuae Maier Haas vor und bat ihn für Montag um eine Zusammenkunft in einem Kaffeehaus im dritten Bezirk. Herr Schulmann fand sich Montag im Kaffee ein. Haas erschien bald darauf und fiel, ohne vorherige Auseinandersetzung, über den schwachen, alten Mann her, {schlug iHin mit den Worten: „Das schickt dir der Rabbiner Mayersohn!“ mit den Fäusten ins Gesicht, warf Gläser nach seinem Kopf und nur das Eingreifen der anwesenden Gäste schützte Herrn Schulmann vor schweren Verletzungen. Der Rohling tobte und schrie weiter und erklärte schließlich: „Ich darf alle Feinde Mayersohns erstechen und darf ihnen den Hals abschneiden. Mir kann nichts geschehen, ich stehe unter Kuratel!“ Die bestialische Szene ist durch uns bekannte glaubwürdige Zeugen beobachtet worden und sind alle Schritte eingeleitet, um die dem Rabbiner Mayersohn innig befreundete Bestie imschädlich zu machen. Welch intimen Verkehr Hafas mit Mayersohn pflegt, kann man aus der folgenden Notiz entnehmen. Wir werden übrigens auf diesen Seelenbund nächstens zu sprechen kommen. Auch Haas beschützt Mayersohn. Herr Präsident Dr. Stern befindet sich in guter Gesellschaft. Handel mit Kultus steilen. Herr Z. will eine Stelle als „Maschgiach“ (Aufseher in rituellen Fleischbänken) erhalten. Diese Gemeindestellen vergibt Rabbiner Mayersohn. Z. begibt sidi daher zu Mayersolin und bittet ihn um seine 'Anstellung. Beim Weggehen trifft er einen Mann namens R a p p aport, einen stadtbekannten Freund und Unterhändler Mayersohns, auf der Stiege. Dieser frägt ihn um den Zweck des Besuches und erklärt ihm dann, ohne Geld sei da nichts zu machen, man müsse zur Erlangung einer solchen Stelle für „jemanden von der KultuSgemeinde“ Geld geben. Der naive, stadtfremde Bewerber krazt sein letztes Geld zusammen und gibt dem Rappaport einund fünfzig Kronen, fünfzig für „jemanden von der Kultusgemeinde“ und eine Krone für „Wege“. Nach wochenlangem Warten geht Z. zu Mayersohn und erzählt ihm den Handel und will sein Geld. Afayersolvn erklärt, er habe mit der Sache nichts zu tun. Z. bekommt weder die Stelle noch sein Geld. Rappaport aber geht weiter im Hause Mayersohns aus und ein, ist sein stadtbekannter Intimus und Unterhändler. Vor zwei Wochen, d. h. nach Ablauf von zwei Jahren, erscheint ein Mann namens Maier Haas, gleichfalls ein Intimus und Gehilfe Mayersohns, bei Z. (Wir berichten noch an anderer Stelle über dieses verworfene Subjekt, das ein Busenfreund Mayersohns ist.) Er sagt dem Z., er möge jetzt, da Mayersolin von den Zionisten so angegriffen werde, keinen Lärm' machen und gi'b t ihm gegen- Bestätigung ein-undfünfzig K r on e n-j-aräc kt-.-r^~. Der. Leser äcann jummehr seine ScfaLüsse;-uber_- .eine Wirtschaft -.ziehen;-" welche-sich^des zbeson-:: .deren Sdiutzes^des Kultuspräsidenten Dr. Stern erfreut. Mayersohn als Religionslehrer. Der Präsident Dr. Stern hat einer Deputation gegenüber erklärt, es werde so lange er lebe, dem würdigen Seelenhirten Mayersolin kein Haar gekrümmt werden. Welch köstliches Juwel Dr. Stern schützt, geht aus folgender Episode hervor. Ein Herr K. will eine Christin heiraten. Die Braut begibt sich zum ehrwürdigen Rabbiner Mayersohn, um zum Judentume überzutreten. Vorerst erkundigt sich Seine Ehrwürden um die Vermögens Verhältnisse, sodann gibt er ihr bekannt, daß sie jüdischen Religionsunterricht nehmen müsse. Nachdem die Braut sich als so ziemlich mittellos bekennt, verspricht ihr der Herr Rabbiner, die Sache sehr billig zu machen. Er ruft ein zwölf- bis dreizehnjähriges Mädchen, seine Tochter oder Verwandte, in das Zimmer, erklärt der erstaunten Christin, daß dieses Kind die Lehrerin sei. Tatsächlich erhält die Braut von diesem Kinde zwei bis drei Lektionen und dafür knöpft ihr Seine Ehr würden fünfundzwanzig Gulden ab. Als der Bräutigam erscheint, er - kündigt sich seine Ehrwürden auch nach seiner Stellung. Der Bräutigam ist Angestellter in einem Krawattengeschäft. Darauf erklärt der würdige Priester: „Darauf könnten Sie mir noch eine Schachtel Krawatten darauf geben!“ Er erhält auch richtig noch sechs schwarze Krawatten. Fünfundzwanzig Gulden und noch sechs schwarze Krawatten. Ein netter Seelsorger. - Aber Dr. Stern hält schützend seine Hand über dem Schmutzhaufen und beschimpft die bösen Zionisten, die den Stall säubern wollen. N altbewährtes KINDERMEHL VoHsfändlgeSäuglings^ 3 Probedosen und lehrreiche Broschüre über die Kinderpflege gralis durch die Firma Henri Nestle, Wien, I. Biberstr. 1 DreifaAe Assimilation. (Zur Psydholögie der Assimilation in Polen.) Von Dr. Wilhelm Berkelhammer (Tarnow). Inmitten der heftigsten Boykotthetze, die in Russisch-Polen seit Monaten wahrhafte Orgien feiert und die allmählich in Galizien festen Fuß zu fassen beginnt, lassen sich im jüdischpolnischen Assimilationslager Ideen-Metamorphosen beobachten, die es nicht verdienen, der breiten jüdischen Oeffentlichkeit vorenthalten zu werden. Vor Jahr und Tag war;es für einen „Polen mosaischen Glaubens“ gewissermaßen ehrenhaft, auf jüdisches Blut in seinen polnischen Adern hinzuweisen, die Schatten eines Berko Joselowicz und andere große historische Reminiszenzen wachzurufen und — in weitläufiger Analogie zum längstverschollenen Begriffe: gente Ruthenes, natione Polonus — sein polnisch-nationales Credo mit: gente Judaeus natione Polonus, hochbedeutsam zu formulieren. Diese Assimilanten alten Schlages schämten sich ihres Judentums keineswegs, im Gegenteil, sie erinnerten sich und andere mit Stolz an die Begebenheiten der polnischen Januar-Revolution (1863), wo großzügige patriotische Manifestationen sowohl in Kirchen, als in Synagogen stattgefunden, wo jüdische Rabbiner polnischen Aufständischen öffentlich Segen erteilt haben und wo in den Gassen Warschaus reichlich jüdisches Blut geflossen ist. DieSer oft rührend naive und nicht unsympathische Typus, dessen bekannteste Repräsentanten Bernhard Goldmann, Philipp Zucker und der zwanzigjährige Alfred Nossig gewesen waren, gehört nunmehr der Vergangenheit an. Die nächstfolgende Generation — die heutige — zeigt in ihrer Assimilationsentwicklung einen normalen Fortschritt auf dem Wege zur vollständigen Polonisierung, — einen Fortschritt, welcher zugleich und in eben demselben Grade einen Rückschritt der jüdischen Gefühle, der „Jüdischkeit“ schlechtweg, bedeutet. Der heutige Assimilant in Polen — ich spreche vom Typus — wird sich mit nichten zur demonstrativen Hervorkehrung seiner jüdischen Abstammung hinreißen lassen, er wird im Gegenteil alles aufbieten, um das Jüdische seines Natu- , re11s, ..seines historischen IChs zu verbergen und zu. unterdrücken. Hat der Assimilant der SOer Jahre des' vorigen Jahrhunderts sein Ideal in einer. — wie es die Tatsachen beweisen: unmöglichen — Harmonisierung des Jüdischen mit dem Polnischen erblickt, so geht der heutige Assimilant konsequent darauf los, mit seinem Judentum zu brechen und im Meere des Polentums ganz zu verschwinden. Das heutige Geschlechtder polnisch-jüdischen Assimilation weist nun im großen und ganzen zwei Typen auf. Wir wollen den einen den „praktischen Assimilanten“ nennen und den zweiten als „radikalen Assimilationstypus“ bezeichnen. Was wir soeben von der heutigen Assimilation im allgemeinen sagten, wird sich selbstverständlich vor allem auf den „radikalen“ Typus beziehen. Der Typus des „praktischen“ Assimilanten wird von der skizzierten normalen Entwicklungslinie ein wenig abweichen. Bedenken wir aber, daß die Kinder der „praktischen“ Assimilanten — „radikale“ Assimilanten sein werden ... Der „praktische“ Typ ist in Polen hinlänglich bekannt. Er ist überall dort, wo es Juden und jüdische Interessen zu „vertreten“ gilt, in Kultusvorständen, in allen Repräsentationskörpern bis zum Parlamente hinauf, in Zeitungsredaktionen usw. zur Genüge anzutreffen. Menschen dieser Kategorie machten sich seinerzeit nach Petersburg auf, um dort in maßgebenden Kreisen feierlichst zu erklären, daß die jüdische BevöN kerung Russisch-Polens keine Autonomie verlange . . . Menschen dieser Kategorie führen in Staat und Land das große Wort namens der Hunderttausende galizischer Juden . . . Wie gesagt, dieser Typ ist So gut bekannt, daß es wahrlich Eulen nach Athen tragen hieße, ,über ihn noch Worte zu verlieren. C>x§ bi« neue uorjüglidje ftüdjfdjoFofabe auS SuliuS SDIeinlS ©cfjofotabefabrih 3U ija&en in allen gilialen ber ginn« I ■ SuliuS SKeinl. JM