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Jüdische Zeitung · 1914-05-22 · 21 (22.5.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
21 (22.5.1914)
Date
1914-05-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JIKDE ZEuuNG BflM NRTIDNRL -JUDI5CHE5 DRGRN Kg« W*nrrm Mit Beilage: „DER JÜDISCHE NATIONALFONDS“ i^ B ■% JÜDISCHE ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. ■ Nr. 21 Wien, Freitag, den 22. Mai 1914 VIII. Jahrgang Der Hilfsverein uni untere Schulen. Am’ 22. Februar, als der Beschluß des Kuratoriums für das Haifaer Jüdische Technikum, der den früheren hebräischfeindlichen Beschluß derselben Körperschaft außer Kraft setzte und unsere nationale Sprache zu ihrem Rechte verhalf, zustandekam, hatte es den Anschein, als ob dieser von der großen jüdischen Oeffentlichkeit erzwungene Rückzug der Assimilanten vom Berliner Kurfürstendamm in der Tat einen Friedensschluß bedeutete. Es hatte den Anschein, als ob der Hilfsverein, der in diesem Kampfe als1 der weitaus schwächere Teil unterlegen ist, nach der einmütigen Stellungnahme der gesamten jüdischen öffentlichen Meinung |und idem gewaltigen Siege der Zionisten, in richtiger, wenn auch später Erkenntnis, das Feld räumen oder zumindest den Frieden nach Kräften zu fördern suchen wird. Die letzten Nachrichten aus Palästina und ganz besonders die vor zwei Wochen in Berlin abgehaltene Generalversammlung des Hilfsvereines der deutschen Juden beweisen aber aufs deutlichste, daß der Hilfsverein, der Tag für Tag neue Friedensslchalmeien anstimmt, in Wirklichkeit den Frieden nicht will. Im' Gegenteil: er kann sich nicht in die Rolle des Besiegten hineinfinden und trachtet, die Zionisten und die von ihnen vertretene heilige Sache hinterlistig, heimtükisch zu befehden. In Berlin heißt es in einem fort: Friede, Friede, während in Palästina im Kampfe gegen das neue jüdische Leben die niedrigsten Mittel angewendet werden. Efrain Cohn, Direktor der Lämel- SchUle, fährt ungestört in seiner germanisierenden und hebräischfeindlichen Arbeit fort, der Lehrplan — wenn wir von einem solchen bei der Systemlosigkeit der Hilfsvereinsschulen überhaupt sprechen kann — wird immer zwitterhafter und so sehen sich wiederum altbewährte Lehrer, wie der Direktor der Schule in Safed, gezwungen, ihre Stellung beim Hilfsverein aufzugeben. Am1 ärgsten geht es aber in Haifa zu. In dieser Stadt, die in der künftigen Entwicklung Palästinas eine große Rolle zu spielen bestimmt ist, wird jetzt der Kampf gegen uns geführt. Er wird geführt in einer Weise, die einem das Blut ins Gesicht treibt. Eine assimilatorische Gesinnungslumperei feiert in Haifa ihre Orgien, fordert die gesamte jüdische öffentliche Meinung des Landes heraus und läßt nichts gutes für die Zukunft erhoffen. Herr Dr. Finkeistein, der als designierter Leiter des Technikums in Haifa uneingeschränkt schaltet und waltet, scheint genaue Instruktionen aus Berlin erhalten zu haben oder aber muß er seiner Sache sicher sein. Ansonsten können wir es nicht für möglich halten, daß es ein Mann wagte, sich gegen ein gan- | zes Volk zu stemmen. Als Dr. Finkeii stein im Aufträge des Hilfsverein vor anderthalb Jahren nach Palästina ging, j war es ein offenes Geheimnis im Lande, j daß er sich als deutschen Emissär betrachte und politische Zwecke verfolge. Und an diesem seinen Prizip hält er auch jetzt nach Zusammenbruch der assimilatorischen Bestrebungen im Kuratorium fest. Er bestellt z. B. die Drucksorten für das Technikum bei der Druckerei des „Karmel“, eines antisemitischen Blattes ärgster Sorte. Er e itzieht die Arbeit den jüdischen Spediteuren, überträgt sie Nichtjuden und äußert sich jeden gegenüber, der es nur hören mag, daß „er mit der Judenpariei nichts zu tun haben will.“ Die charaktervollen tüchtigen jüdischen Arbeiter wurden entlassen, für sie wird ein ganz minderwertiges zusa mm engelaufen es Gerindel in Arbeit gestellt. Herr Dr. Finkeistein hat Angst vor den Ostjuden, wie ihm die Aschkenasim überhaupt nicht in den Kram passen, er bereist daher ganz Galiläa und Syrien und wirbt im Kreise der sephardischen Bevölkerung Schüler für das Jüdische Technikum. Die Kinder bettelarmer spaniolischer Chalukajuden, die vom Hauche des neuen jüdischen Lebens noch nicht berührt wurden, zieht er heran, ohne Rücksicht auf die Vorbildung, die in den meisten Fällen eine äußerst mangelhafte ist, verleiht ihnen im Vorhinein die verfügbaren Freiplätze am Technikum. Auf diese Weise hofft er, die gefährlichen Ostjuden, von denen er weiß, daß mit ihnen pulsierendes jüdisches Leben in das Institut am Fuße des KarmelS einzöge, fern zu halten. Im Grunde genommen handelt es sich gar nicht um Kreaturen wie Efrain Cohn oder Doktor Finckelstein. Ihre Person kann uns höchst gleichgültig sein. Es ist das System des Hilfsvereines, das in einem mit alten unerlaubten Mitteln geführten Kampfe gegen das neue Palästina besteht, das wir aufs schärfste bekämpfen müssen. So hat er jetzt die hebräischen Kindergärten schließen lassen, wodurch er allgemeine Aergernis erregt hat. Wenn dieses System weiter betätigt wird, so kann es —- wie es Ben-Jehuda schon vor Monaten befürchtet hat — bei der Eröffnung des Technikums aber auch später, zu bedauerlichen Zwischenfällen kommen. An diesen wird aber einzig allein der Hilfsverein die Schuld tragen. Was ist nun unsere Pflicht? Im Kampfe um die hebräische Sprache ist das neue hebräische Schulwerk in Palästina entstanden. Die Haltung des Hilfsvereines beweist uns zur Genüge, daß diese Schulen jetzt mehr als je notwendig sind. Es ist daher unsere heiligste Pflicht, die Zukunft dieser Schulen zu sichern und auf diese ein starkes Bollwerk für das jüdische Volk in Palästina zu schaffen, ein Bollwerk zur Verteidigung jüdischer und nicht fremder Interessen, denen sich die Assimilanten mit Haut und Haar verschrieben haben. Die Ereignisse in Palästina nehmen ihren Gang. Keiner von uns kann wissen, wie sich die Dinge gestalten werden und es ist nicht ausgeschlossen, daß wir gezwungen sein werden, den Kampf für unsere nationalen Güter wieder aufzunehmen. Eins steht aber schon heute fest: Ein starkes hebräisches Schulwerk ist die Vorbedingung für die nationale Entwicklung unseres Volkes im alten Lande. Wir müssen unsere Pflicht tun. L. B. Die Wiener KultussMe. Die neuerliche Untersuchung gegen Mayersohn. Der sonst unfehlbare Wiener Kultuspräsident Dr. Stern hat diesmal seine Rechnung ohne den Wirt gemacht. Auch seiner Brutalität und Kunstfertigkeit im Vertuschen und Entstellen der Tatsachen sind Grenzen gesetzt. Der Versuch, durch eine Scheinuntersuchung und einige nichtssagende „Beschlüsse“, den Skandal aus der Welt zu schaffen, welchen das Tun und Treiben des Wiener Gemeinderabbiners M ayersohn seit Jahr und Tag verursacht, ist kläglich gescheitert. Die zionistischen Vertreter haben das Lügengewebe der mächtigen Beschützer Mayersohns durchbrochen. Sie haben Zeugnis dafür erbracht, daß im Wiener Rabbinat unter der Geschäftsführung Mayersohns Dokumente gefälscht und Trauungen und Amtshandlungen vollzogen werden, die vollkommen gesetzwidrig, daher ungültig sind. Alles um lumpiger Trinkgelder willen! Der Wucht der vorgebrachten Argumente konnte auch die Herrschsucht Dr. Sterns, der Mayersohns Sache zu seiner persönlichen gemacht hat, nicht standhalten. In der Angelegenheit Maversohn, die Dr. Stern als erledigt erklärt hat, ist die Untersuchung neuerlich aufgenommen worden. Ueber Auftrag des Plenums des Vorstandes ist sie mit größter Beschleunigung zu Ende zu führen und muß über ihre Resultate in einer nächsten Sitzung Bericht erstattet werden. Es ist charakteristisch, daß dieser Auftrag in Abwesenheit Dr. Sterns erteilt wurde. Erpresserische und gewalttätige Beeinflußung der Zeugen. Die neuerlichen Erhebungen sind im Gange, aber auch die dunkle Sippschaft der Mayersohngarde hat ihre „Arbeit“ begonnen. Von dieser Arbeit hat bereits einer ein ergreifendes Liedlein gesungen, Kultusrat Lemberger, welcher erst kürzlich demissioniert hat, weil er unter dem Präsidium Dr. Sterns, dem Schützer eines Maversohn, nicht länger ein Mandat ausüben will. Herr Lemberger hat durch Jahre gegen Mayersohn Anzeigen erstattet und er schilderte in seinen Eingaben ausführlich, wie gewalttätig und erpresserisch seine Zeugen beeinflußt worden sind und mit welchen Mitteln sie zum Verstummen oder Verschwinden gebracht wur-

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