Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 20 (15.5.1914)
- Date
- 1914-05-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2438141-2438483-2438502--4165-2443991- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 20 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 IHESTLE'5 KINDERMEHL, altbewährtes I vollsHindigeSau^ ‘Probedosen und lehrreiche Broschüre über die Kinderpflege gratis durch die Firma Henri Nestle, Wien, L Biberstr. 1 ja immer — wie jede Theorie — Wandlungen durchmachen muß. Und so haben alle, die sich bloß mit unseren Theorien befassen, immer nur die Teile in der Hand, „fehlt, leider, nur das geistige Band“. Nach dieser Verwahrung wollen wir den Verfassern auf ihren Kampfboden, jenem der „objektiven Rechtfertigung“ oder der Theorie -folgen. ' ’ : Der Gedankengang der vorliegenden Brochure geht, wie mehrfach erwähnt, von dem Ausgangspunkt aus: Ist die Assimilation .möglich oder nicht? Hier fehlt zunächst eine Begriffsbestimmung: Was ist Assimilation? So einfach, wie sich die Verfasser die Dinge varstellen, sind sie wahrlich nicht. Obzwar sie mancherlei 'zionistische Schriften gelesen haben, scheinen sie nicht Zu wissen, daß sehr viele Zionisten, unter denen auch ich mich befinde, den Zionismus sogar als ein Kind der Assimilation der Juden ansehen. .Calvary sagt: der Zionismus ist ein Kulturgeschenk Europas an die Juden.-Eine Auseinandersetzung darüber, was. Assimilation' ist und 'wie das Empfinden eures, kulturell „assimilierten“'-Zionisten.- beschaffen ist,, würde allein eine Brochure füllen. Die beiden Verfasser mögen, wenn sie wieder einmal: den Zionismus mit einer 80 Seiten starken Brochure' vernichten wollen,-sich doch klarer darüber sein-, als diesmal, daß die Fragen, um die es sich handelt, viel zu komplizierter Natur sind, als daß man sie so einfach und glatt abtun könnte. Bleiben wir aber im Vorstellungskreis der beiden Autoren. Daß die Assimilation möglich ist, wollen sie zunächst dadurch beweisen, daß bezüglich der jüdischen Rasse jiichts feststeht. Sie sagen aber selbst, daß im Zionismus der Rassenstandpunkt keine Rolle spiele, weshalb wir diesen Punkt übergehen können. Gegenüber Lichtheim, der die Ansicht vertritt, der steigende Antisemitismus mache .eine Vermischung immer . peinlicher, verweisen die Autoren auf die Statistik der wachsenden Zahl von Mischehen. .Hier sei bemerkt, daß bei den sogenannten Mischehen meist. übersehen wird, daß es sieh da zu einem sehr großen Teil um Ehen von schon getauften Juden mit Juden handelt, etwas, das Paul-Schiff erst neulich hervorhob. Die Statistik kann derlei nicht erfassen. Wichtig ists aber den Verfassern gegenüber, welche die Taufe verwerfen, aber’ nicht .sehen, daß ein großer Teil der sogenann- ■ ten Assimilation durch Mischehe letzten Endes auf Taufe des einen jüdischen Teils .zurückzuführen .ist, also weder eine „Rassevermischung“ bedeutet, noch eine solche Assimilation darstellt, wie sie von den Verfassern für würdig gehalten : wird. Unter den -Hemmnissten, welche sich einer Assimilation der Westjuden entgegenstellen, schilt- \ zen die Autoren den „Erhaltungswrillen“ ,dqr Juden gering ein. Mit Unrecht. <Efjeser lErhal-f tungswille der jüdischen Nation -{hai die ^iggij stische Bewegung im Westen .geboten, .und Ansteigen, n^menfUch (aber .ihre, wachsende Verbreitung tunter der Jugend ist jdas Stärkste fTentovnis der „Assimilation“, so weit diese .den WiRen j zi|m Untergang des Judenit«us gedeutet, stjjfjj! hier stoßen (wir wieder auf dine Stolie, <wo 1 ganze Argumentation der dutoteh ^^bltob -,@t. Sie überblicken die heutige (Lage der -Jijden und „beweisen“ alles aufs prächtigste. Daß aber durch den Zionismus diese Lage vollkommen geändert wird, (übersehen sie. Sie operieren nur mit dem,, was nach Erreichung des! zionistischen Endzieles sein könnte. Sie sehen aber nicht, daß am1 Wege dahin schon das Judentum sukzessive verändert wird. Sie selbst .geben einiges zu, was dem Zionismus zu verdSlfkor ist. Und wenn sie fortwährend die Schriften -HerzlS und Nordaus aus den Geburtsjahren ,des politischen Zionisme: zitieren,, so ist dagegen zu sagen, daß sich nicht nur der Charakter des Zionistaus seither geändert hat, sondern daß durch die zionistische Bewegung selbst Sich zumindest die innere Situation des Judentums sehr stark verändert hat. Der Zionismus hat nicht nur katalytisch, durch sein bloßes Dasein, sondern noch viel mehr als Ferment umbildend {gewirkt. Geben wir aber den Verfassern einmal zu, daß die Assimilation im Westen möglich sei. Ist dadurch ider Zionismus widerlegt? Abgegesehen vom Dstjudentum, das die Verfasser hübsch separat behandeln, obzwar es heute sehr Stark auf den Westen wirkt und durch Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls die Widerstände gegen die Assimilation im Westen stärkt, ist, wie schon gesagt, der ganze Schluß:, .Wenn die Assimilation möglich ist, so ist der Zionismus überhaupt überflüssig, ja störend, falsch! Hätteh’idie'’Afleffasser'nicht^'nurdie erste Auflage von .Ruppins Buch gelesen, sondern auch die zweite, So würden sie darin eine Begründung des (Zionismus gefunden haben, die ihre ganze mühsam aufgebaute Konstruktion über den Haufen wirft und die etwa so umschrieben werden könnte: Weil die Assimilation möglich ist, deshalb ist der Zionismus nötig — zur Erhaltung der so wertvollen jüdischen Volksindividualität! Und dieser Standpunkt, diese neue Grundlegung des Zionismus wird heute von dem Gros der Anhänger der Bewegung geteilt. Die Verfasser aber geben sich durchaus nicht die Mühe. nachzuweisen, daß die Assimilation und der Un- ■ tergaag der jüdischen Volksindividualität wün- Sehenswert sei, sie begnügen sich mit dem fla- - dien. „Nützlichkeits“standpunkt. Sie sagen aber, iselbst, das Ostjurfentum werde sich nur schwer- ' Iidt assimilieren. . Wie stellen sie sich also die die- Zukunft von Judenheit und Judentum vor? Damit, daß man aus dem Kuchen die Rosinen piekt, d. h. aus dem Zionismus die Bestrebungen zur Abhilfe der Not der Ostjuden herausnehmen will, damit wird wohl die Judenfrage nicht zu lösen sein. Beiläufig bemerkt, ebenso wie die Verfasser nur den ödesten Nützlichkeitsstandpunkt kennen und sich damit als echte Assimilationsjuden erweisen, bewerten sie im Zionismus imm'er nur die realen — politischen» wirtschaftlichen und sozialen — Ziele, nicht aber die über und außer jeder nüchternen Berechnung liegenden idealen — nationalen, kulturellen und moralischen — Antriebe, also das, was den Zionismus unbesiegbar und unwiderlegbar macht und ihm einen über aller Nützlichkeit stehenden ethischen Wert gibt. Sie zitieren fortwährend, wo es .ihnen paßt, Max Nordau. Das Wort von der „sittlichen Judennot“ scheint ihnen aber nicht in den Kram zu passen. Ueber dfe schiefe,- unmögliche Situation, in der sich der Jude im Westen heute befindet, sagen sie kein Wlqtrt. Sie wollen1 den Zionismus, diese einzige Lebensmöglichkeit, für einen sittlichen, empfindenden Juden von heute vernichten und dem Idealberaubten dann mit ein paar ganz nichtssagenden Hoffnungen aufrechthalten. Sie geben der jüdischen Seele Steine statt Brot. Denn welche sind die Mittel, welche die Verfasser zur Lösung der Juden frage vorschlagen? ■Sie Jeugnen einfach, daß es im Westen eine ■spldhe gibt, denn der Antisemitismus sei im Schwinden, die Assimilation in Zunahme begriffen, das .Kulturbewußtsein der Westjuden kein -jüdisch^; ipt Westen sei daher die Assimilation wünschenswert, der einzig mögliche Weg dazu ,„geht über die nachdrücklichste Betonung der Jüdischen Abkunft“. Die Taufe sei Aü verwerfen. Für das Ostjudentum sei philan- -trQpische Hilfe nötig. Eine Lösung der Ostjuntonfcage ^ei noch nicht gefunden. >Die -Verfasser stellen den Zionismus als eine verstiegene, aussichtslose, ja gefährliche Sache dar. Wir hingegen fragen, ob es möglich ist, daß Leute von Bildung und Intelligenz, wie es die Verfasser sind, wirklich meinen, daß ihr eben angeführter eigener Standpunkt logisch und klar ist und werbende Kraft besitzt! Dem Westjuden, der an der Judenfrage tatsächlich innerlich leidet — und trotz Landauer und Weil gibt es noch solche Figuren — sagen sie: Der Antisemitismus, den du von Kindheit auf bei all deinen Lebensäußerungen spürst, der existiert Neu! IGRAF Gulasch-Saft zur mühelosen Bereitung von delikatem Gulasch« Paprikaschnitzel, Gulasch - KartoHeln 1 Tafel ä 20 h lür 1 hg Fleisch oder 2 kg Kartoffel. nicht, das Bewußtsein, ein Jude zu sein, das du tief innerlich zu empfinden vorgibst, entstammt nur einer Selbsttäuschung und wenn dich doch noch etwas drückt, so gehe hin und „assimiliere“ dich, dabei lasse dich aber nicht taufen und poche auf seine jüdische Abkunft! Das- Ostjudentum, mit dem dich angeblich Abkunft, Giaube, Wesensverwandschaft, Geschichte und Instinkt verbindet, ist eine Sache für sich, geht dich eigentlich nur vom Standpunkt des guten Menschens an. Greif in die Tasche und gib was her! Man braucht einen solchen „Standpunkt“ zur Judenfrage nur aufzuzeigen, man hat nicht nötig, seine ganze Leere, Inhaltslosigkeit, Gewaltsamkeit und Konstruiertheit noch nachzuweisen. Das einzige Moment, daß in dieser Konstruktion noch sympathisch ist, Hegt in dem stolzen Betonen der jüdische» Abkunft Aber dieser Bestandteil der Landaner-WeSscfien Anschauung ist gerade das, was durch die Existenz des Zionismus erst möglich, gemacht wurde. Ohne Zionismus wären die- AsamiiTationsjuden heute so wenig wie vor 25' Jahren auf ihr Judentum stolz und würden auch nicht die Taufe verwerfen. Durch das Vorhandensein dieses Elements ihrer Weltanschauung (sind die Herren Landauer und Weil für den Zionismus nicht ganz verloren. Wenn sie sich weiter so eingehend mit ihm beschäftigen werden, wie bisher, so ist es gar nicht ausgeschlossen, daß sie, die ausgezogen sind, uns zu fluchen, noch selbst Zionisten werden könnten. Davor behüten sie vorläufig noch ihre Anschauungen von den gefährlichen Folgen einer palästinensischen Heimstätte und die für sie so trostreiche Ueberzeugung, daß es im übrigen ja unmöglich sein werde, eine solche aufzubauen. Wir sind also gezwungen, ihnlen auch diese Bedenken zu zerstreuen, was in einem Schlußartikel geschehen soll. ParteinaMiteD. Sektion Favoriten des zionistischen Zentralvereins Wien. Auf Anregung unseres gutbewährten Gg. Herrn Viktor Knie hat der jüdische Sdhulverein Favoriten mit der Sektion das Abkommen getroffen, daß vom kommenden Herbst an Hebräischkurse für Kinder, wie für Erwachsene unterhalten werden sollen. Es ist wohl das erstemal in Wien, daß eine Organisation von 'der Art des jüdischen Schulvereins sich seiner Pflicht bewußt wird, hebräische Sprachkurse einzurichten und materiell zu fundieren. ln der letzten Vorstandssitzung der Sektion wurde beschlossen, sich zu verpflichten, für jedes Mitglied pro Monat 1 K zu dem' zu Schaffenden Kultusgemeinde-Wahlfond beizusteuern. Auch in dieser Aktion schreitet die Sektion mustergebend voran. Dienstag, den 12. d. M. sprach Dr. Wilhelm Stein in unserer Sektion über „Jüdische Jugenderziehung“, wobei er hervorhob, daß nur ernste Erziehungsarbeit der werdenden Verjüngung und Reinigung des heutigen Judentums die nötige Unterlage geben könne, sollten alle zionistischen Bemühungen auch für die Zukunft fest verankert sein. Im Anschluß daran stellte Herr med. Is. Kl ab er Ziel und Wesen des jüdischen Wanderbundes Blau-Weiß dar; er erntete für seine klaren und sachlichen Worte die verdiente Anerkennung. * Sektion Landstraße-Schüttel des Zionistischen Zentralvereines. Am 12. d. M. fand im Cafe Dreadnaught eine Sektionsversammlung statt, in der Gg. Dr.