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Jüdische Zeitung · 1914-05-15 · 20 (15.5.1914) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
20 (15.5.1914)
Date
1914-05-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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JÜDISCHE, ZEITUNG,, Nr. 20 stimihig! abg.elcbnt. Und da wagt Dr.: Stern der Oeffentlichkeit und dem Kultuövorstande zu t)erichten, daß bezüglich5 der Unschuld seines Freundes' Mayersohn im Vert r e .t-e.r k o 11 eg i u m Einhelligkeit herrsche! Und nun vergleiche man diesen vollständig (wahrheitsgetreuen Bericht mit den Auslassungen des Präsidenten, und dessen Wahrheitsliebe wird dann geradezu in bengalischer Beleuchtung erstrahlen, und seine moralische Niederlage im Vertreterköllegium wird durch Empfänge von Deputationen und durch den Austausch gleißnerischer Redensarten wohl nicht aus, der Welt geschafft werden keimen./ Diese moralische Niederlage des Präsidenten unvereinbarliche Vorgehen setzt schön . im1 Stadium . der Vorerhebungen Vorsorge dafür getroffen hatte, daß die Schuld tMayersohns möglichst herabgedrüdkt iwerde. Schon vor zwei Monden haben die zionistischen Kultusvorsteher in ihrem1 an alle Mitglieder des Kultusvorstands versendeten Memorandum gegten den Präsidenten die Beschuldigung erhoben, daß er die Angelegenheit Mayersöhn nicht untersucht, sondern vertuscht habe. Und dieser Vorwprf ist vollständig begründet. Denn schon anfangs 1913 war Mayersohn so gut wie überwiesen, eine ungiltige Txa uunjg .vorgenommen und eine Jr a 1im; TrkiungsÖph ymmwt zu haben. Selbstverständlich lag auch1 schon damals die Vermutung nahe, daß Mayersohn hiebei nicht uneigenimt%- vo3Qgcgangen ist. Und des- Jhalb l>ffidhloß das Vertr eterfcollegium am ’ 9. April 1913, einen Trauzeugen nochmals Zu vernehmen. Diese Vernehmung erfolgte jedoch erst am 15. Februar 1914, somit nach zehn Monaten, und dies erst zufolge einer zionistischen Interpellation. Der zweite in Wien wohnhafte Trauzeuge wunde aber überhaupt nicht vernommen. Der Präsident will diese unerhörte Verschleppung! damit entschuldigen, daß inzwischen eine Schiedsgerichtsverhandlung Stattgefunden hat; dies ist jedoch eine lächerliche Ausrede, da das Schiedsgericht sich mit dieser Trauurigsangelegenheit überhaupt nicht befaßt hat. Und dieses mit der Würde eines Präb) Durch das' Hinhalten der Braut; leute hat Mayersohn verschuldet, daß' das Aufgebot und die Trauung in aller Eile ohne Beobachtung der ges'etzlii chen Vorschriften vorgenommen' wurden. Hiebei hat Mayersöhn sich! geweigert, die Trauung in der Rabbinatskanzlei vorzunehmen; hat die Brautleute in seine Wohnung kommen lassen5, 1 um an sie mit GeldfördWüngen Ti'eräntreten zu können und hat; dort die! Trauung in Gegenwart eines einzigen Zeugen vorgenommen; dies allerdings erst, nachdem' ihm1 während der religiösen Handlung ein Trinkgeld zugesteckt worden ist. Die. Trauung ist somit ungiltig und Mayorsöhh der Fälschung des TrauungsbludiS überwiesfen. c) Mayersöhns Schuld also ist es, daß die Braut nach dem1 Gesetz nicht ' als Ehegattin des Mannes ihrer Wahl angesehen werden kann, daß das Kind, welches den Betroffenen geboren wurde, unehelich und von den Rechten der Familie, insbesondere aber von. dem gesetzlichen Erbrecht nach Seinem1 Vater ausgeschlossen ist. Nachdem die neuerlichen Beweise von Mayer&ohns Schuld vorgebracht worden waren, erwartete der ganze Kultusvo'rstand, daß der Präsident spontan die. Fortsetzung, der Erhebungen anordnen "; >n .«yZMMiistisgfaer 5; Hr. ^E^ ge-; Scfcäh-’-sarbesr»qeftwas ganz Uiieir-‘ h ö rtes. Der Präsident erklärte; ~sr lasse Über diesen' Antrag nichtabstinönen, biesch i m-pf-t-e-den Antragstellery schrie diesen und andere Mitglieder Mitglieder des Vorstands in höchst ungebührlicher Weise an (insbesondere auch1 den1 Vizepräsidenten Hofrat Rappapoftj der die Korruptionswirtschaft offenbar xiidht mehr mitmachen will und sich' weigerte,: gegen den zionistischen Antrag zu stimmen) und schloß in: diesem von ihm hervorgerufenen Tumult die Sitzung. Diesem wahrheitsgemäßen Bericht haben wir nur eine kürze Bemerkung an die Adresse jener Heuchler hinzüzufügen, welche durch ihr verlogenes Geschrei vom „Chilul hascMem“ die1 Oeffentlichkeit irre zu, führen bestrebt sind. Dieser Gesellschaft sei ein für allemal bedeutet, feidenten unvereinbarliche Vorgehen setzt der Präsident geradezu systematisch fort. In der letzten Sitzung des Kultusvorstands wurden in der erwähnten Trauungsangelegenheit von den zionistischen Vertretern ein einwandfreies Zeugnis dafür ^erbracht, daß: a) Mayersöhn den Brautleuten fälschlich vorgespiegelt hat. daß die Beschaffung der zur Trauung nötigen Dokumente mit großem Zeitverlust und vieler Arbeit verbunden sei; er hat sich angeboten, diese Behelfe selbst zu beschaffen und hat hiebei zu verstehen gegeben, daß dies sehr viel Geld (etwa 1000 K) kosten wird. Tatsächlich genügte jedoch1 ein einfaches Gesuch an die Statt- I ha.Iterei, dem innerhalb 48 Stunden Folge gegeben wurde, ohne daß es der Intervention einer dritten Person bedurft 'hätte. Der christliche Beamte der Statthalterei ist also den Brautleuten (russische Juden) hilfsbereit entgegengekommen, der jüdische Gemeinderabbiner hat sie aber wochenlang durch falsche Angaben hingehalten, hat ihnen Schwierigkeiten vo r getäuscht, die in Wirklichkeit nicht bestanden, um für die Beseitigung dieser erdichteten Schwierigkeiten Geldansprüche stellen zu können. daß wir unberirrt unsere Pflicht weiter erfüllen werden. Denn es hieße wirklich, unsere jüdische Gemeinschaft; gferadözü beschimpfen, wenn man ihr zumufen sollte, aus- Augst vor der Oeffentlichkeit, Schädlinge an verantwortungsvollen Stellen zu dulden. Wir werden unter keilten Umständen ruhig Zusehen, wie unter dem Deckmantel religiöser Betätigung schmutzige Geschäfte äb1gewickelt werden. SolcWeGeS'diäftsleute müssen aus der jüdischen Gesellschaft 'verschwinden und nrit ihnen ihre Gönner und Beschützer. Rf Ä AXT I T* National - jüdische E VV 1 1 > Buchhandlung Wien, I., Rotenturmstr. 22. Ich gebe hiemit bekannt, daß ich-die Generalvertretung des Jüdischen Verlages. Berlin, für Wien übernommen und nun alle Werke dieser Verlages komplett - auf Lager habe. Inferessentesende ich auf Wunsch gern zur Ansicht. Prospekts material steht reichlichst zur Verfügung.- Ich empfehle meine Firma auch für den sonstigen Bedarf an neujüdischer und zionistische- Literatur und sehe den geschätzten Aufträgen mein ner Herren Gesinnungsgenossen mit Interesse entgegen. „ . ...... . R. LÖWIT Inhaber: Dr. Mayer Präger. Dil nonhtiube Utopie. Von Adiolf Böhm. 1 \ EL. Im vorhergehendest Artikel* *) würde versucht, den Inhalt der' n'eiieSfeSr antizionistischen Broschüren kurz zu skizzieren. Interessanter als diese selbst ist jedoch daskurze Vorwort, daß die Verfasser (Biv. Karl Landauer-und Dr. Herbert eil)1, dem Heftchen vörausschicken. Aus ilim geht klar hervor, daß sie selbst die auffälligsten Mängel , ihres Werkes genau kennen. Sie sagen, daß es außerordentlich schwer sei, aus der zionistischen Bewegung „den einheitlichen Kern“ herauszuarbeiten. Sie hätten sich daher meist an die anerkannten Führer und die offiziellen Programmschriften gehalten. Des weiteren geben sie zu, daß sie mit jener Richtung, welche den Zionismus- ,-,rein subjektiv-voluntaristisch“ begründet, „nicht so eingehend“ — in Wirklichkeit geschah es gar nicht — befaßt hätten, wie sie es nach ihrerAnhängerschaft und ihrem Einfluß verdiene. Drittens gestehen sie zu, nur negatives gegeben zu haben, ihre „eigenen Hoffnungen und Forderungen“ hätten sie nur andeuten können. Der Raum1 hätte nicht zugereicht, sie ausführlich darzustellen.' Dies letztere ist nicht recht einzusehen, denn warum1 mußten sich denn die Verfasser mit' 80 Seiten begnügen, wenn es galt, eine so. große und großartige Bewegung, vor derem. Idealismus die Autoren eine große Verbeugung machen, kritisch zu vernichten? - - 4riaRen--wir-.uns -in-.dCr-.-Äiitikritik ' zunächst ~an«.diese ->Qjeständmsse der Autoren. Wir können ühnen -ni’c.hst—zubilligeny daß sie den Kern der Sache herausgeärb'eitet oder auch1 nur geahnt ' üaben. Sieglaubennämlich;- daß1 dieser Kern ' -in irgendeinem-„gedanklichen^ Aufbau“ liegt, den -•ananmtir mit■-logfisdien-:f-'Wäffen‘ al# unrichtig nachWeisen müsse, damit der Zionismus „Wider- - legt“ sei. Einsolcher Irrtum kann nur dem widerfahren, der von außen an die Bewegung herantrift,: um sie zu erfassen. Daß aber keine große weltgeschichtliche Bewegung ihren Ursprung in-,-,öeberleguhgen“ hatte, sollte den Verfassern1 bekannt -sein. Der Kern des Zionismus liegtauch nicht m gedanklichen Konstruktionen, sondern -darin;- daß' in-einer Gruppe von Men- 1 sehender Wille wach-Wurde,- durch eigene Aktion aus der Unerträglichkeit ihrer Lage sich Zu befreien. Es mußte dazu in einer Anzahl von Juden dieses Gefühl der Unerträglichkeit ihrer Lage Wächgerufea- und ihnen1 ein Weg gezeigt werden,1 wie sie sich- -innerlich und äußerlich davon befreien können; (Näheres über diesepsychologische Grundlage des -Z-ionisnius findetsich in meinem Essay: „Wandlungen des Zionismus“ im Jahrbuch- „Vom Judentum“) Dies gewirkt Zu - haben,-' istdie unvergeßliche Tat Theodor Herzls-. Seine Utopie „Der Juden'stäat“ war niemals die Programmschriftdes Zionismus,- aber Sie Wär dessen Erweckerm.- Wenndie Verfasser weiter meinen, die Judenfrage undder Zionismus seien einfach von dem Aspect aus zu Werten: „Ist die 'Assimilation möglich oder nicht“, so haben zwar sehr geistvolle zionistische Schriftsteller ganz ähnliches ausgesprochen, trotzdem aber ist der Zionismus nicht als eine an Bedingungen und Ueberlegungengeknüpfte Sache, als etwas, daß man wählen kann,- „wenln . . .“ zu verstehen, sondern nur als eine unbedingte, bei der es sichüms Müssen, um -das Nicht-anders-korinen ' Handelt; Diese sübjektiv-voluntaristische Grundlage ist nicht, wie die Verfasser meinen, erst im Jahrbuch des Bar Kochba aufgetaucht, sondern sie ist seit jeher seine tiefste und unerschütterlichste Grundlage gewesen. Gewiß braucht eine Bewegung, wie der Zionismus auch eine „objektive Rechtfertigung“. Aber diese allein konnte die Bewegung nicht schaffen. Wenn man den Juden auch noch ' so. haarschärf beweisen könnte, daß die Assimilation „unmöglich“ sei, daß das Palästinazentrüm die Judenfrage lösen müsse, würde dadurdi wahrscheinlich nicht ein einziger Nicht- Zionist bekehrt werden. Die „objektive Rechtfertigung“ allein könnte auch die Anhänger einer Bewegung nicht dauernd festhalten, weil sie *)• Siehe Nr. 18 d. BL

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