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Jüdische Zeitung · 1914-05-15 · 20 (15.5.1914) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
20 (15.5.1914)
Date
1914-05-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V NRTIDNßl. -JUDI5CHE5 DRERN ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und inseratenaufnahme: Wien, II., Kanneliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ — täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr. nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ ■ Mk. 3.—.’ Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. ■ Nr. 20. Wien, Freitag, den 15. Mai 1914 VIII. Jahrgang judenboykott in Galizien. 'Schwere Zeiten sind über die Judenschaft .Galiziens hereingebrochenl , Bisher hatte sie unter der unheilvollen korrupten Schlachtaherrschaft, die’ allen ^Erscheinungen des wirtschaftlichen Lebens ihren. Stempel aufdrückt und. zur Knechtung . und Proletarisierung der jüdischen Massen führte, zu. leiden. Wir sahen die durch die Gunst der "Regierung übermütig gewordene Schlachta am •. .Werke. Sie brachte es über sich,, durch-Entziehung der Schenkerkönzessionen Tausende .von jüifis.ctieir'^dsten’zejr~^h~^ifen (gen. ^««awiM^MgaiRaji , ' quet^^W^P^fehtlicKkeitT über. s^fe.äiifiEfste -}(Notlagerder gilaisaien Jüäen-hinwegztitäüsclien.a : und; dur?h Wahlraüb .diejüden um~ähi.er;etenierHr; tarsterr'••büigeffic1ireri‘iiR?ehte' und. / tarische ' Vertrefüng^iu ^Sfrugenj 'rnyäsj-' ujnsöä schwerer in die Wagschale, fällt, zumal inOester- ’ . i .reich das ganze wirtschaftliche Leben mit der JV Politik aufs engste verknüpft ist. «Ir. All diesem Jammer gesellte sich in den letzten zwei Jahren die durch die; Kriegswirren hervor- . gerufene wirtschaftliche Krise bei. Die Zahl der Insolvenzen stieg ins Unermeßliche, das gesamte jüdische Geschäftsleben krachte in allen Fugen,- der Kredit wurde fast zur Gänze eingestellt und der wirtschaftliche Ruin forderte Tausende von . Opfern. Nun begann 'das wirtschaftliche Leben wieder seinen normalen Gang aufzunehmen und die vielgeprüfte galizische Judenheit atmete erleichtert auf. Man ging daran, die durch die Krise verursachten Schäden zu beheben und hoffte, bald zumindest für die notwendigsten Bedürfnisse des täglichen Lebens sorgen zu können. Es sollte jedoch anders kommen. Ein Feind kam ins Land, der unvergleichlich gefährlicher- und unheilbringender werden kann als; die Krise während der- .letzten;Jahre.,- DieserFeind ist derBoykott. Wir hatten bereits des öfteren Gelegenheti, : . nns; mit dem Judenboykott in; Russisch- - Polen zu befassen. Nun greift diese Seuche; .nach Galizien über und das ganze polnische . 1 Volk scheint-von der Absicht beseelt zu sein, dem unterdrückten jüdischen Volke völlig den Garaus zu machen. Als - die ersten Anzeichen : der Boykottbewegung bemerkbar wurden, wölbten die offiziellen jüdischen Kreise, die aus den traurigen Vorfällen im benachbarten Russisch- Polen; nichts gelernt haben, an den Ernst der Aktion; nicht glauben und trachteten die Sache zu verschweigen, Zu vertuschen. Statt eine starke, - energische Gegenaktion einzuleiten, hüllten sie . sich in Schweigen und ließen die Dinge an sich herankommen. Und: sie kamen mit .Riesenschrit-, . ten., Heute predigen in allen Städten und Dör-\ fern Galiziens die Pfaffen'den Boykott der Juden von der Kanzel herab Und'beschwören die Bauern.. , nichts bei den Juden Zu kaufen,^ noch bei ihnen arbeiten zu lassen. In den Städten sind Vereine - .und-Komitees entstanden, die in Tausenden von . Aufrufen das polnische Volk zum Boykott' auf- ■ fordern.- Diese Aufrufe sind von den hervorragendsten lind bekanntesten polnischen Führern und Politikern gezeichnet, darunter von gewesfe- . - nen Minisfern , und aktiven hohen Beamten.; - t)as Verschweigen, und Vertuschen hat gar nichts genützt: die antisemitische Boykott-Agi-. tation wächst von Tag zu Tag und tausende jüdische Existenzen haben sie bereits schrecklich zu fühlen bekommen. Die Juden Galiziens werden zu einer kräftigen Gegenwehr greifen müssen, ' die natürlich nur durch eine stramme organisatorische Zusammenfassung aller lebendigen Kräfte erfolgreich sein können. Und da diese Antiboykottbewegung eine ernste und aufrichtige -sein muß, so dürfen sich die Jüdischnationalen nicht auf die Gemeinden verlassen. Es sollen . wohl alle mittun, allein den Herren, die das Volk schon so oft verraten haben, die gesamte ■ Leitung der Aktion zu überantworten, wäre in höchstem Maße unvorsichtig und gefährlich. . ito desdnitzer. Präsident der Wiener Kultusgem'einde "Doktor Alfred Stern hat sich einer groben Irreführung der Oeffentlichkeit und des Kultusvorstandes schuldig gemacht. Er hat nämlich am 3. Mai einer bei ihm erschienenen Deputation eine Antwort erteilt, die wiederum beweist, daß Korruption und Wahrheit sich miteinander nicht Vertragen können. Diese Antwort hat nach einem offenbar offiziösen Zeitungsbericht folgenden Wortlaut: . „Das Vertreterkollegium des Kultusvorstandes, die einzig kompetente Instanz, hat sich mit der Angelegenheit Mayersohn eingehend beschäftigt und hat alle Vorfälle, die ihm zur Last gelegt wurden, durch Zeugenaussagen geprüft. Von den 11 Mitgliedern des Vertreterkollegiums waren 10 anwesend und sie haben einstimmig das Urteil gefällt, daß dem Rabbiner Mayersohn in keinem Punkt ein Verschulden zur Last gelegt werden kann. Es wurde nur in einem Falle konstatiert, daß Rabbiner Mayersohn in einer Scheidungsaffaire seinen Wirkungskreis nach Wiener Begriffen überschritt, indem er sich auch in die privatrechtlichen .Verhältnisse des betreffenden Ehe- . - paares einmengte.“ Nachdem Dr. Stern die Deputation entlassen hatte, präsidierte er eine Sitzung des Kultus Vorstands. Auch in dieser Sitzung berichtete er, das Vertreterkollegium sei in allen wesentlichen Punkten einer Meinung gewesen, nur in unwesentlichen Fragen seien Meinungsdifferenzen aufgetaucht. W i r haben die traurige Pflicht, erklären zu müssen, daß der Präsident der Wiener Kultusgemeinde die Wahrheit wissentlich entstellt hat. Was ist in jener Sitzung des Vertreterkollegiums, in welcher die Unschuld Mayersohns so sieghaft zum Durchbruch gekommen sein soll, in Wirklichkeit geschehen?*) Nach der Behauptung des Präsidenten wurde in der Ehescheidungsängelegenheit bloß konstatiert, daß Mayersohn nach Wiener Begriffen seinen Wirkungskreis überschritten habe. Der Präsident der Kultusgemeinde nimmt für sich das Recht in Anspruch, über vertrauliche Vorgänge/im Vertreterkollegium Legenden •auszusprengen;..wir haben also umsomehr 'das Recht, die Wahrheit zu veröffentlichen. Tatsächlich aberstellteH eri; Universitätsprof essor-J o-s. Pol- Iak den Antrag, es sei gegen Mayersohn wegen seines die Ehre und Würde des Stande^ verletzenden Benehmens die. Disziplinaruntersuchung einz u 1 e i t e n. Diesem Antragschlossen sich die Herren Vizepräsident Hof rat Rappaport, kais. Rat Kanders, Dr. Felix Katzau und Dr. Leopold Koh-nan: Gegen diesen Antrag stimmten aber bloß vier Mitglieder des Vertreterkollegiums, also die Minorität, u xlAji Loh.d e r P-rüsiden t mitv-sefufiai «taafcStim- -men ans chiotfi, tkari> eata*aeinen Liebling MayersaÄD i&fer .^ekner Disziplin; geschütz-t. (Die unsüuHgeifiöääebäftSordmtng gibt nämlich dem Präsident*® zwei Stimmen!) . Aber noch bei drei anderen Anträg e n mußte der Präsident, in derselben Sitzung zu Gunsten seines Schützlings mit seinen zwei Stimmen dirim i e r e n und im Ganzen hat er in dieser Sitzung fünfmal für Mayersohn entschieden. Nachdem' nämlich der Antrag Pollak durch den Präsidenten zu Fall gebracht worden war, wurde der Antrag gestellt, es sei wegen der Scheidungs.affaire dem Mayersohn die Mißbilligung der Plenarsitzung des Kultusvorstands auszusprechen. Es ergab sich wieder dasselbe Stimmverhältnis wie früher und wieder dirimierte bei Stimmengleichheit der Präsident zu Gunsten Mayersohns. In zwei anderen Angelegenheiten verlangten fünf Mitglieder des Vertreterkollegiums die Feststellung, daß die Disziplinaruntersuchung nur deshalb nicht eingeleitet werden könne, weil sich der Tatbestand heute nicht mehr genügend sicherstellen lasse. Auch gegen diese, beiden Anträge mußte der Präsident zweimal dirimieren, und verhinderte so deren Annahme. Schließlich fand sich aber im Vertreterkollegium doch eine Majorität für den Antrag, dem Mayersohn wegen seines Verhaltens in der Scheidungsaffaire die Mißbilligung des Vertreterkollegiums auszusprechen und dieser Antrag wurde auch zum Beschluß erhoben. Schon in einer früheren Vertretersitzung, am 15. April 1914, stellte ein Vertreter den Antrag, Mayersohu möge aufgefordert werden, um seine sofortige Pensionierung einzureichen. Fünf Herren waren dafür, vier dagegen und Dr. Stern mußte wieder mit seinen zwei Stimmen, diesen Antrag zu Falle bringen. In der nämlichen Sitzung wurde aber der Antrag, esi möge ausgesprochen werden, daß kein Anlaß zu einer Disziplinaruntersuchung gegen Mayersohn vorliege, fast ein-

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