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Jüdische Zeitung · 1914-05-08 · 19 (8.5.1914) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
19 (8.5.1914)
Date
1914-05-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 19 ich auf dem' Wege von der konstruierten, abstrakten Nationalität zur lebendigen, konkreten Volkstümlichkeit vorwärts gegangen.“ Daß er mit unwiderstehlicher Macht auf diesen Weg getrieben wird, ist seine Tragik. Denn die lebendige Volkstümlichkeit, die er mit sehnender Seele sucht, gibt es heute im Judentum nicht Das Ostjudentum, das er für sich und für die westjüdische Welt entdeckte, ist kein Volljudentum. Birnbaum hat zeitweise sogar seinen Wohnsitz unter den Ostjuden aufgeschlagen, sich das Jiddische ganz zu eigen gemacht, aber das, was er suchte, konnte er nicht finden, wenn er vielleicht auch' heute noch glauben mag, es gefunden zu haben. Es wird die Zeit kommen, wo er, der unerschrockene Wahrheitsucher, der wie kein Zweiter immer wieder die selbstgeschaffenen .Lebenslügen zerstört,- dies ein-: sehen und einen neuen Weg suchen wird. Schon hat er, der aus einer gänzlich glaubenslosen Provinz des Geistes, kam, eine Wendung zur Religion genommen; — wie anders, da er doch etwas Ganzes, Starkes, Ungebrochenes, Einheitliches im Judentum suchte? Doch' das gegenwärtige, religiöse Judentum kann ihn unmöglich befriedigen. Er forscht deshalb immer wieder nach den Urquellen des jüdischen Genius, und trotz aller Inbrunst, mit der er sich dem ostjüdischen Volkstum hingibt, sagt er es selbst, daß das Große im Judentum erst kommen muß. „Ich hoffe und glaube, daß in einem großen Sturm' der Seelen unser geistlicher Genius wieder erwachsen wird.“ Der Weg, den Acher geht und gehen muß, ist bedingt von der gegenwärtigen Lage des., Judentums. In einem - Satze -ist diese-zu -*ha- :; rakterisieren: Alles-- -in -■"•ihr -ist:profaleaiaiisih.-j. Auch der Zionismus.' -Und deshalb muß der,:: welcher mit heißer Sehnsucht sich ernem -cgro- “ ßen, ganzen Judentum anschließen will, immer.: wieder aufs neue empfinden, daß er Unmögliches sucht. Das ist die Tragik Birnbaums. Vom Zionismus trieb ihn das Gefühl, daß er eine problematische Sache sei, er aber wollte als Unbedingter leben. Er suchte sich an das zu assimilieren, was man heute jüdisches Volk nennt, das aber doch kein „Volk“ ist — was schon Achad Haam einmal bemerkt hat Und er mußte empfinden, daß auch hier alles problematisch sei, und so blieb ihm nur der Glaube an den jüdischen Genius und seine einstige Wiederoffenbarung. Hier ist der psychologische Punkt, wo wir Zionisten Birnbaum, trotz aller heftigen und verbitterten Kritik, die er an unserem Werke übt, in einemtieferen Verstände als den Unseren ansehen müssen. Was ihn seit je getrieben* und was er seit je erstrebt — das treibt auch uns, das erstreben auch wir: Uns wie ihn treibt die Sehnsucht mach feinem neuen, vollen, großen Judentum, wir wollen es bauen. Nur daß wir an unserer ersten Einsicht festhalten: im Galuth ist alles problematisch (und dies nur ist der tiefere Sinn aller zionistischen Gaiutbverneinung) — was wir erstreben, kann nur in Palästina aufgebaut werden, so „maskilisdh“ — wie Birnbaum sägt — es auch sein mag, ein Leben lang auf einer schmalen Schneide (zwischen der vollständigen Assimilation einerseits und dem noch stark von Ghettorückständen durchsetzten jüdischen Gegenwartsleben anderseits) zu balanzieren. Birnbaum dagegen ist zu sehr von heftigen Impulsen getrieben, als daß er auf diesem Pfade hätte verbleiben können. Er wollte realisieren, wollte das ganze, volle Judentum leben — aber es kommt, der Tag, wo er empfinden wird, daß dies in der Diaspora unmöglich ist. Der maßlose Kampf gegen den Zionismus, -den die Jiddischen mit Birnbaum an der Spitze in der letzten Zeit zu führen pflegen, die höhnende, kränkende, im höchsten Maße ungerechte Sprache, die sie gegen unsere Bewegung führen, soll dem großen Manne heute nicht angerechnet, an die persönlichen Feindschaften, die ihm ein verbitterter, streitlustiger Sinn geschaffen hat, nicht erinnert werden. Ueber diese menschlichen Kleinigkeiten erheben wir unseren Blick zu einer verständnisvollen Würdigung des Mannes, der — mag er sich heute auch als unser Feind geben — eine einzigartige Gestalt ist, die aus dem Judentum' von heute nicht wegzudenken ist. Dies nicht nur wegen der Fülle von tiefsten Gedanken und reichen' Wirkungen, die .ihmzu danken sind, sondern vor allem deshalb, Weil er durch sein innerstes Wesen dazu bestimmt ist, in seinem Schicksal an dem: Grundgebrechen des heutigen Judentums zu leiden: an seiner Problematik. : Stein stürmisches Herz, sein ruheloser Geist .streben nach dem Frieden eines ungebrochenen Seins, sie finden es aber im Judentum von heute. nicht. Vielleicht sucht Birnbaum' aber doch noch einmal in Palästina nach den Ansätzen einer Entwicklung, . die nichts Problematisches mehr an sich hat. Vielleicht wird dort stein unruhiges Herz Frieden finden und sein suchender Geist, anstatt sich an Problematik zu quälen, die es ja auch in Palästina, gibt, die Ruhe, uns dasi große Werk, das er so oft versprach -und zuI dem er nie Muße fand, zu schenken. Nichts Besseres (kann |ein (Zionist an dem1 Tage Kvünschen, an dem Nathan Birnbaum sein fünfzigstes Leoensjahr vollendet. RI IS W I T National - jüdische . I4.vrw.ll, Buchhandlung 1 Wien, I„ Rotenturmstr. 22. Ich gebe hiemit bekannt, daß ich die General- Vertretui g des Jüdischen Verlages Berlin, für Wien übernommen und nun alle Werke dieser Verlages komplett auf Lager habe. Interessentesende ich: auf Wunsch gern zur Ansicht. Prospekts material steht reichlichst zur Verfügung. Ich empfehle meine Firma auch für den sonstigen Bedarf an neujüdischer und zionistische- Literatur und sehe den geschätzten Aufträgen mein - ner Herren ■ ■> ■. Gesinnungsgenossen > mit Interesse' entgegen. . R. LÖWIT Inhaber: Dr. Mayer Präger. Rus So1 Uiener Rulfusgenieiiiüe. Eine Komödie. Die Getreuen des von uns des schmählichsten Amtsmißbrauchs beschuldigten Rabbiner Mayersohn suchen ihre Rettung in einem' Trick. - Sie stellen die Angriffe auf Mayersohn äls den Versuch hin, die gal.izischen Juden Wiens zu verfolgen und auszutreiben! Wenn man bedenkt, daß alle Opfer und Ankläger Mayersohn nis cheBureau der - Kultusgemeinde, ein - Bureau, .das eines. verantwortlichen Leiters zur .Gänze entbehren ^Hieraus ,entstehen Weiterungen, -die-rdie Kultusgemeinde jährlich schweres Geld kosten» Die; Schuld hierfür 'treffe jedoch', nicht die Beamten des technischen Bureaus, Sondern einzig und allein das Präsidiumder Kult usgem.eind e, das sich — obwohl Redner bereits viermal auf die skandalösen Zustände im technischen Bureau hingewiesen und die Amotion des jetzigen Leiters verlangt habe — sich dazu nicht entschließen könne. Das Fehlen des. rtfidmisrhen ULeiterg v bedeute jetzt, nur ..eine Ka¬ Astlichje. JawLem^dsind, .^so. ^berührt -diese _____ ijaijlfjJuhi. .jamiiiät, ämüsse 'aber; in;der, allernächsten Zeit rffeixn 3V,asidente an Millionenbauten her- •uanireien 'awüd, .zu; einer. ..Katastrophe führen. ^Schon yjetzt..zahle die. Genternde,. um Prozessen -und den Kosten von Sachverständigen aus dem1 Wege zu -gehen, höhere Preise bei fast allen Bestellungen . und Arbeiten. In, den allermeisten Fällen lasse es sich gar nicht feststellen, wer die Bstellungen und über wessen Ordre vorgenommen habe. Schlußbriefe über Bestellungen, die im' Geschäftsleben unerläßlich sind, seien in der Kultusgemeinde unbekannt Diese Mißwirtschaft koste, die. Gemeinde jährlich' Tausende von Kronen.' Redner bemängelt ferner die technische Verwaltung des Versorgungshäuses. Max Brod schließt sich den Ausführungen Strickers in Frage des technischen Bureaus vollinhaltlich an. Dr. Leopold K oh n bemerkt, daß er. mit Oberingenieur Stricker darin vollkommen übereinstimme, daß in der Frage des koscheren Fleisches irgend etwas geschehen müsse. Der Beamte, dem das Referat obliegt, trage keine Schuld, da, er immer objektiv referiere und Anträge stelle, aber die Leitung des Amtes sei eine schlechte- Zur Orientierung sei bemerkt, daß die Leitung der „Fleischregie“ in den bewährten Händen des famosen Herrn Rabbiners Mayers"öThn liegt Da ist ein Defizit von 60.000 K wirklich nicht verwunderlich^ rtiagen, .im Sonntag, r ^pnghipn äeinE ÜIiqMdatäBin 4 „verfolgter.köstlicher. Jaden“ bei -ahm’ arnd^be--; schwor ihn, sie. und ihren Führer: 'Mayersohn vor den Zionisten zu schützen. Dr. Stern dankte ihnen höchst gerührt und versicherte, daß, so lange er lebe, dem Mayersohn kein- Haar gekrümmt würde. Auch betonte er, daß er, als; warmer Freund der galizischen Juden, diese vor den zionistischen Angriffen schützen -werde. , Der Versuch, das galizisdie Jüdefttunimit einem Mayersohn zu identifizieren, ist die größte- Beleidigung, die man den galizischen Juden antun kann- Natürlich hat niemand der löblichen Deputation die Legitimation erteilt, im Namen der galizischen Juden zu sprechen. Wir begnügen uns heute mit folgender Feststellung: In seiner letzten Sitzung hat der Zentral verband der j ü dis ch-ga 1 iz is ch en Vereine Wiens durch Beschluß-erklärt, daß er jede Verbindung' mit der Affäre des Rabbiners Mayersohn energisch ablehne. 'Wir werden auf den' Deputationsschwindel noch zu sprechen kommen. Sitzung der Wiener Kidtusgemeinde. (Ain 4.| d. M. fand seit Monaten wieder einmal eine öffentliche Sitzung des Wiener israelitischen Kultusvorstandes statt Es waren kaum* fünfzehn Zuhörer erschienen, waS leicht erklärlich ist wenn man in Betracht (zieht, däß ' es im ganzen Jahre nur zwei bis drei öffentliche Sitzungen gibt, die Einladungen' zu''diesen mit. der geringsten Publizität veröffentlicht'werden und daß es im’ Sitzungssaale eine „Galerie“ gibt, die zumindest — zwanzig"Zuhörer zu fassen vermag. Die Prüfung und. Erledigung der Rechnungsabschlüsse über die Einnahmen' und Ausgaben der Kultusgemeinde stand auf der“ Tagesordnung. Dr.. Leopold (K.0 h n_. erläuterte, in einem einstündigen eingehenden. Referat die einzelnen Posten des Millionenbudgets.: In der darauffolgenden Debatte, ergriff als erster Oberingenieur Robert .. Stricker das Wort. Er wies darauf hin, daß. die immer mehr zunehmenden Einnahmen aus den Tempeln und Bethäusern für eine Stärkung des religiösen 'Gefühles sprechen, dafür weist die Post „F 1 ei sch-, regie“. stets, größere' Ausgaben gegen immer geringere Einnahmen . auf. Es werde' weniger rituell gschlachtefes. Fleisch konsumiert und trotzdem' wachsen die Ausgaben Jahr für .Jahr. Es handle sich hier um -eine faule (Post Ganz besonderes Augenmerk verdiene aucli^cläs J e t fr- Aus, idfen Bezirks-Kommissionen. Am 3Q. April d. J. fand, über, Antrag der .zionistischen Mitglieder., der. Bezirkskommission für - den-1.. Bezirk eine Sitzung statt, bei welcher unsere Gesinnungsgenossen die vom1 Jüdischen Volksrat in Anregung gebrachten Anträge betreffend die b ezirk s weis en Wahlen und die Herabsetzung des Kultus- (steuer.minimum s auf 10. K. zur Diskussion brachten. ' Gg, Wal tu ch begründete in sehr eingehender pnd wirkungsvoller Rede den Antrag 'betreffend die Äenderung der Wahlordnung und Einführung bezirksweise Wahlen, und faßte alle Argumente für diesen Antrag in überaus sachlicher und treffende. Art zusammen; Gg^ Dr. Kr'as'ny wies darauf hin, daß die Bezirkskomhiissioh seit' der Neuwahl -abgesehen von NädhfragssteuerbemesSungen, die ihre statutarisch’" zögewiesenen Fünlctionen nicht erfüllt haben. Er legte an Hand der Statuten und de Geschäftsordnung für die " Bezirkskomhiissionen eingehend dar, daß die Bezirkskommissionen

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