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Jüdische Zeitung · 1914-05-08 · 19 (8.5.1914) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
19 (8.5.1914)
Date
1914-05-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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MRTIONRL -JÜDI3HHE5 DRGRN mmm■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ _ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: Wien, II., Karmeliterplatz Nr. 1. — Sprechstunden ■ ■ täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für. Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. m 'B Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. — Postsparkassenkonto 133.404. — Telephon 22.075. ■ Nr. 19. Wien, Freitag, den 8. Mai 1914 VHI. Jahrgang Gegen die Wiener Kultus- Korruption. ■ Der Präsident der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern Wat einen Faustschlag. erhalten, den er nicht verwinden wird. Und; dieser Faastschlag kam diesmal nicht von zionistischer Seite. Er kam aus jenen jüdischen Kreisen, die dem politischen Getriebe völlig ferne stehen und sich; die Ausübung frommer lind wohltätiger Werke zur Aufgabe gemacht haben. K a rl L em-be-rg-er, Mitglied:' des1 Wiener^KultusvorstaTides 5 d r e iß i^yoaiiter'eiirJtTempelvoEsfand'^'iif3 der LeopoldstadtiF'hat^m=<fiesfeiP^än^P Funktionen: demissfoniert?Eund h’ätseine Demission als Kultüsvorsteher frank und frei damit begründet, daß der Präsident die Korruption in den Angelegenheiten des Kultus unterstütze und ihm dadurch die Ausübung des Mandats unmöglich mache. Das Demissionsschreiben, das nach manchen Richtungen hin geradezu ein historisches Dokument ist, hat nachstehenden Wortlaut: „Mit Gegenwärtigem erlaube ich mir die ergebene Anzeige zu erstatten, daß ich mein Mandat als Mitglied des Kultusvorstandes mit dem heutigen Tage zurücklege. Ich begründe diese meine Demission damit, daß mein langjähriges Bestreben, eine Purifizier u n g der Zuständeim Wiener Rabbinatskollegium herbeizuführen, auf einen hartnäckige n und andauernden Widerstand des löblichen Präsidiums des Kultusvorstandes gestoßen ist, welches Präsidium sich von Außenstehenden," an der Sache Interes- . sier.ten, beeinflußen läßt. Diese Haltung des Präsidiums hat mir deutlich gezeigt, daß es mir unmöglich gemacht wird, das von meinen Wählern mir anvertraute Mandat im Interesse der Wahrung des Ansehens der Kultusgemeinde und der Würde des Rabbinates auszuüben. Indem ich. an das löbliche Präsidium des genannten Vorstandes die ergebene Bitte stelle, dieses mein Demissionsschreiben in der nächsten Sitzung des Kultusvorstandes diesem zur Kenntnis zu bringen, zeichne ich — usw.“ Karl Lemberger ist ein Mann in vorgerückten Jahren, der ein arbeitsreiches Leben hinter sich h'at; er ist durch Jahrzehnte ein treuer und selbstloser Diener der Gemeinde, gehört zu den verdientesten Mitgliedern der Chewra Kadis c ha, ist in einer großen Anzahl von Wohlfahrtsinstitutionentätig und sein Name hat in allen jüdischen Kreisen einen guten Klabg- Besonders in den letzten Jahren Widmete er sich ausschließlich dem öffentlichen jüdischen Leben. Wie schwer muß dieser Mann gelitten und wie lang muß er gekämpft haben, bis er endlich der ihm liebgewordenen Tätigkeit ein Ende machte und seine langjährigen Mandate mit einer Geste der Verachtung hingeworfen hat! Die Worte des Herrn Karl Lemberg er werdem nicht unbeachtet verhallen. Sind sie doch ein deutliches Symptom dafür, daß auch die „offiziellen“ Kreise des Wiener Judentums eine energische Absage an die skrupellose Paschawirtschaft des Präsidenten vorbereiten. Im Schreiben des Herrn Karl Lemberger ist zunächst festgestellt, daß eine Reinigung des Wiener Rabbi n at s notwendig ist und daß diese Rei nigung von ihm schon seit Jahren angestrebt wird. Er bestätigt also, was wir schon lange behaupten: daß sich im WiesfiÄT RaJ>biaat §cjw>n vieIS ch m u t z -aagehäufthatr-.uncl.^da&.v^iese. .unendlich »tcaitäsea-Verhalti usev.j«gelobe „jeden arF" .-.ständigen,,4.ude.yjnit-Sctgnerz -und EkeT ^erfüllen, -schon jahrelang andaucrn. Und"' gerade Jener. Mann, der in erster Linie berufen wäre, für die Reinheit des Rabbinats Sorge zu tragen; der Präsident Dr.'Alfred Stern ist es, der die Unmoral in seiner r ächsten Nähe nicht nur duldet, sondern deren Beseitigung sogar „einen hartnäckigen und andauernden Widerstand entgegens etzt.“ Dieses Zeugnis Lembergers ist besonders wertvoll. Denn es gibt wenige Männer in unserer Gemeinde, welche die Verwaltung des eigentlichen Kultus gleich ihm kennen, und wenn er in der ernsten Stunde seiner Entscheidung eine Anklage von solcher Wucht erhebt, ist er sich der Tragweite seiner Worte zweifellos bewußt. Besonderes Interesse erheischt auch die Stelle des Demissionsbriefes, in welchem dem Präsidenten zum Vorwurf gemacht wird, daß er sich von außenstehenden, an der Sache interessierte Personen beeinflussen läßt. Daß an dem Mayersiohn-Skandal Oberrabbiner Gü de mann der Hauptschuldige ist, pfeifen zwar schon längst alle Spatzen auf den Dächern, aber die Offenheit, mit welcher Lemberger auch dies ausspricht, verdient rückhaltlose Anerkennung. Karl Lemberger hat einen der zwei Wege gewählt, welche den Mitgliedern des Kultusvorstandes offen stehen: Demission oder offener, rücksichtsloser Kampf. Ist doch in der letzten Sitzung des Kultusvorstandes sogar schon der Beweis erbracht worden, daß im Wiener Rabbinat nicht nur die ungeschriebenen Gesetze (der |M o r a 1 und Wohlanständigkeit, sondern auch schon die geschriebenen Gesetze des Staates frech verletzt werden. Frech verletzt werden, eines lumpigen Trinkgeldes wegen! Und der Präsident der Wiener Größgemeiride zieht nicht den skrupellosen Gesetzesverächter und ehrwürdigen Trinkgeldnehmer zur Verantwortung, sondern verhöhnt und beschimpft die Männer, welche die Achtungvor dem Gesetze und den Schutz der Würde des Rabbinats verlangen. Ist . ein Zweifel 'darüber möglich, wem der Sieg zufallen wird? Sollte es in der großen Wiener Judengemeinde möglich sein, daß Korruption, Herrschsucht und schmutzige Habgier über die Forderungen der Reinheit, Gesetzlichkeit und Selbstlosigkeit den Sieg davontragen?! Dr. Nathan Binftanm. Zicnt 50. Geburtstag (6. Mai 1914). Von Adolf Böhm. Herzl und Birnbaum! Immer wieder ward zwischen ihnen die Parallele gezogen. Herzl — wie'König Hakon: Er hatte den Königsgedanken, er glaubte nnersöiütterfrcft 'än' sein Werk, er '■töfr^äer^schöpfefisfche^'Mtnsch, der Mann der TÄ“Abd:H*Sllilas}5^erJS¥’^8Ht-Svie Jarl Skule. WofrPrtiaT'er 'mmfeF^wieJer ’gezweifelt, seine Wahrheit von gestern War nicht die von morgen — aber gezvveifelt hat er nie an sich, an seinem Weg, an dem, was ihm momentan Wahrheit war. Er hat auch nie, wie Jarl Skule, Gedanken geborgt. Gedanken — die hatte er in Fülle, und er war Herzl und den Zionisten sogar immer um einen Gedanken voraus. Er hat 14 Jahre vor Herzl den ersten jüdisch-nationalen Studentenverein gegründet, er hat vor Herzl den Zionismus konzipiert, er hat mitten in der Charterzeit, schon 1903, praktische Palästinaarbeit verlangt, er hat als erster in Oesterreich eine jüdische nationalpolitische Arbeit propagiert, er hat Achad Haam zugeneigt, als er im Westen noch völlig unbekannt war, und als Kulturzionist war er Vorläufer einer erst zehn Jahre naph seinem Auftreten einsetzenden Bewegung, er hat als einer der Ersten das Ostjudentum' und das Jiddische für den Westen entdeckt, er ist im Grunde durch sein frühes Verlassen aller rationalistischen Begründungen des Zionismus, sein Zurückgehen auf die Urquellen alles jüdischen Seins ein Vorläufer der neuesten Auffassung des Zionismus geworden — immer und überall war er uns um einen Gedanken voraus. Nathan Birnbaum hat eher einen faustischen Zug. Mit allen Fasern seiner Seele sucht er die Wahrheit, seine Wahrheit. Und dies ist nicht nur ein gedankliches Suchen und Streben — als ganzer Mensch, als reiche Persönlichkeit will er seiner Wahrheit leben. Er ging aus einem Zeitalter hervor, das erfüllt war von der neuen großen Wahrheit der materialistischen Geschichtsauffassung. Sein starker, eindrucksfähiger Geist geriet in ihre Bande. Und trotzdem, schon damals war in seinen Erkenntnissen eine ganz unmaterialistische tiefe psychologische Betrachtungsweise zu merken — man erinnere sich nur an die Rede, die er am ersten Zionisten-Kongreß hielt, wo er die jüdische Seele analysierte und aussprach, was nie besser gesagt werden konnte: Der Wurzelboden in uns ist jüdisch, die Keime, die darauf fallen, sind gemeinsam europäische — nicht speziell nationale Kulturkeime. Aber die Erkenntnis jgenügte ihm nicht, weil (sie eben bloße Erkenntnis war. Sein starker Impuls trieb ihn, das Jüdische nicht bloß zu definieren, sondern es auch zu leben. Nicht ein jüdisches Volk in die Zukunft zu projizieren, sondern es in der Gegenwart zu suchen. Und niemand hat seinen Weg so klar und eindeutig beschrieben, als er selbst mit dem Satze: „Schritt für Schritt bin

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