Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 18 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Nunmehr erhielten wir folgende, mit der treffenden Spitzmarke „Mauldemokraten“ versehene Zuschrift: „Nummer 114 der „Arbeiter-Zeitung“ vom 26. April enthält folgende Notiz: „* Ein Stück „Alt-Wien“. Das Trühere Venedig in Wien“ ist heuer wieder in eine Budenstadt umgewandelt worden, die Alt-Wien aus.der Zeit des Kongresses vorstellen soll. Wenn man wissen will, welcher Kongreß da gemeint ist, so gibt es dafür einen guten Anhaltspunkt. Es wird sich nämlich in dieser Budenstadt auch ein „altes Burgtheater“ auftun, das am 1. Mai mit drei Einaktern eröffnet werden soll. Die Autoren, die diesen Vorstellungsabend des „alten Burgtheaters“ bestreiten werden, heißen: Jakob Wassermann, Ra'oul Auernhcimer und Felix -Salten. Es wird also wohl der Wiener Zionistenkongreß gemeint sein.“ Eifrige Zeitungsleser werden diesen Ton zwar gewohnt sein — seitens der „Reichspost“. Daß sich aber das Organ einer Partei, die dem juderitume ihre Begründer und ihre zahlreichsten Parteigänger verdankt, erkühnt, diese maskierte Antisemitelei ihren jüdischen Genossen an den Kopf zu werfen, ist ein Zeichen traurigster Rüpelhaftigkeit! Wie kann so ein intoleranter m'aul-demokratischer Schreiberling, der eine Partei, welcher der Dichter A. Petzold den Ehrennamen „S oz i a 1 i s m' u s des Judentums“ beilegte, bespöttelt, verlangen, daß man die Weltanschauung seiner Partei achte . . .?! O. Ph., Schriftsteller. » Ein zionistischer „Trick“. Die Kölner jüdische Gemeinderepräsentanz hat dem1 Jüdischen Turnverein die durch mehrere Jahre bewilligte Subvention entzogen, weil dieser nach seinem Statut jüdischnational ist. Im1 Kölner Israelitischen Gemeindeblatte verteidigt ein Herr B. H. in folgender Weise diesen Beschluß^: „Es kann wirklich nicht gegen die. Repräsentanz .der'Vorwüff erhoben werden, ■ daß sie die' -Jugend 'im Sinne irgendeiner religiösen. oder politischen Idee beeinflußt hat. Vielleicht .ist es ibrigens seitens der nationaljüdischen Leitung des Turnvereines nur. ein. wohlüberlegter Trick, um1 unruhige Elem'ente einzulullen, daß .sie ihren- Mitgliedern eine turnerisch und sportlich ganz vortreffliche Ausbildung zuteil werden läßt, die sogar in nicht jüdischen Kreisen Anerkennung findet. Im Grunde genommen werden diese Zionisten, die selbstverständlich der edlen Turnerei höchst gleichgültig gegenüberstehen, ihre Uebungen rein mechanisch abwickeln und dabei ihren .phantastischen Utopien nachjagen.“ Fraglich ist es nur, ob es die Kölner Juden nicht doch vorziehen werden, von diesen Zionisten, die dabei ihren phantastischen Utopien nach jagen, eine vortreffliche turnerische Ausbildung zu erhalten als bei einem echt liberalen Verein eine schlechte. * Judentrage an den Wiener Hochschulen. In letzter Zeit sind wieder Fälle bekannt geworden, daß nicht nur Ausländer von der Auf- .nahme an Wiener Hochschulen grundlos zurückgewiesen, sondern auch Reichsangehörigen aus •Galizien, Bukowina und Mähren unüberwindliche Schwierigkeiten bei der Inskription bereitet wurden. Da bis jetzt bekannten Fälle nur J u d e n betreffen, ergeht an alle jüdischen Hochschüler das Ersuchen, derartige sie . selbst betreffende Maßregeln dem Zionistischen Distriktskomitee für Innerösterreich (Wien, II., Karmeliterplatz 1), zur Kenntnis zu bringen oder völlig beglaubigte Mitteilungen über konkrete Fälle zu liefern. Ein Vorgehen bei den in Betracht kommenden Behörden kann ja nur von Erfolg sein, wenn es auf Grund sicheren und verläßlichen Materials unternommen wird. Die zionistisdie Utopie. Von,Adolf Böhm, Wien. Es tut förmlich wohl, sich einmal mit Gegnern des Zionismus auseinandersetzen zu können, die unserer Sache eine ernstzunehmende kritische Betrachtung widmen und nicht, wie dies fast ausnahmslos bei unseren Widersachern der Fall war und ist, mit fanatischer Gehässigkeit, blindem Unverstand drauflosgehen oder mit dösi willigen Entstellungen arbeiten. •.; Den Verfassern der soeben im Buchhandel erschienenen Broschüre: „Die zionistische ' Utopie“ (Verlag Hugo Schmidt, München) den Herren Dr. Karl Landauer und D r. Her- 1 bert Weil, muß zugebilligt werden, daß sie viersucht haben, sich gründlich über den Zio-» nismus zu informieren und sich einer sachlichen Kritik zu befleißigen. Wenn sie aber im Vorwort sagen, daß sie versucht haben „eine systematische Kritik der zionistischen Bewegung auf Grund einer Erkenntnis ihres gedanklichen Aufbaues“ zu geben, so muß konstatiert werden, daß ihnen dies vollkommen mißlungen ist. Zur Begründung dieser Behauptung sei vorerst eine kurze Skizze des Gedankengangs der Broschüre gegeben. Die Verfasser nehmen als Ausgangspunkt ihrer Betrachtung die Feststellung, daß es für die Kritik des Zionismus maßgebend ist, ob die Assimilation möglich sei oder nicht. Im letzteren Falle sei der Zionismus tatsächlich d i e Lösung der Judenfrage, im andern nur eine der vielen Arten von Beantwortungen auf das Judenproblem. Diesfalls müßte er auf seine Ausführbarkeit untersucht werden. Dfe Verfasser bemühen sich daher, zu zeigen, daß die Assimilation möglich und der Zionismus unausführbar sei. Damit wäre er als Utopie erwiesen. Zur Begründung der These, daß die Assimilation möglich sei, besprechen die Verfasser zunächst die Rassentheorie. Sie stützen sich dabei namentlich auf das Werk Fischbergs, weisen aber darauf hin, daß selbst Zollschan die Juden als verwandt mit den Mittelmeervölkern ansieht, also als eine nicht gänzlich von den heutigen Kulturvölkern verschiedene Rasse. Sie geben weiters die bekannten Ziffern der zunehmenden Mischehen. Ziemlich glücklich polemi- -siecen sie gegen Nordau, der davon spricht, daß die .Juden nrimer nur ganz kurze Zeit gleichberechtigt waren, indem sie sagen, daß in früheren Zeiten es ganz zufällige Momente waren, welche verursachten, daß die Juden vorübergehend besser gestellt wurden, indes sie im 19. Jahrhundert aus wirtschaftlich-sozialen Ursachen, die viel stabiler sind, als jene, emanzipiert wurden. Hier, wie an manchen anderen Stellen, wird die Lektüre der Broschüre sehr heilsam gegen oft wiederholte, aber ganz schiefe Schlagworte, die in der Organisation sehr verbreitet sind, wirken. Ja, man kann sagen, die ganze Broschüre verdankt ihre Entstehung nur dem Dasein verschiedener Schlagworte, die wir absolut nicht nötig haben, die größtenteils falsch sind und nur den Gegnern Waffen liefern. So ein Schlagwort ist jenes von der Konstanz der jüdischen .Geschichte. Es jst ganz falsch, zu behaupten, daß die Lagejder Westjuden von heute in eine Parallele mit derjenigen in irgend einem früheren Abschnitt der jüdischen Geschichte gesetzt werden kann. Den Verfassern gegenüber sei aber schon hier vorgreifend bemerkt, daß sie wenigstens jene gedanklichen Grundlagen des Zionismus, die sie kennen müssen, da sie diese doch zitieren, nicht immer nur dort anführen dürfen, wo es ihnen in den Kram paßt. Die« gilt vor allem1 für das Buch Ruppins. Diese» sagt selbst in dec zweiten Auflage seines Buches, daß er von den „wirtschaftlich-sozialen Tendenzen“ sogar die baldige Emanzipation der Ostjuden (Aufhebung des Ansiedlungsrayons) erwarte. Allerdings, die Herren Autoren kennen und zitieren nur die erste Auflage Ruppins, in der er bekanntlich dem- Zionismus etwas skeptisch gegenüber stand. Daß 1911 eine zweite Auflage mit völlig verändertem Standpunkt erschienen ist, wollen die Autoren nicht wissen. Besonders interessant sind die Bemerkungen der Verfasser über den Antisemitismus. Sehr lichtvol lführen sie aus, wie dieser früher für die herrschende Oberschicht, das Mittel war, die Massen davon abzulenken, daß sie von ihr . ausgebeutet werden (was ja durchaus nichts neues ist). Die Verfasser Sagen ganz richtig, daß heute, bei der Herrschaft des Kapitalismus . GRflF-Wcirfel Feinste Rindsuppe An Ansgiebigkeit nnd Wohlgeschmack ähnlichen Erzeugnissen weit überlegen. GraMtfürlel u. Würze Koscher. Man achte genau auf den Namen „Graf'* und des Marxismus, dem Arbeiter nicht mehr eingeredet werden könne, daß „der Jude“ an seiner Ausbeutung schuld sei. Nebst der Rasse sfei nach den Zionisten der Wille der Juden zur .Erhaltung ihres Volkstums ein wichtiges Hindernis für die Assimilation. Die Verfasser meinen dagegen, daß es genügen würde, die Westjuden von der Notwendigkeit der Assimilation zu „überzeugen“, damit sie ihren „Erhaltungswillen“ aufgäben. Die Verfasser räumen ein, daß bei den Ostjuden die Assimilation auf starke Hindernisse stößt, wollen sich aber vorerst mit den Westjuden befassen. Nachdem sie scheinbar glauben, für diese die Möglichkeit der Assimilation bewiesen zu haben, tragen sie, inwiefern denn eigentlich der Zionismus eine Lösung für die Judenfrage im Westen sein wolle und könne. Hier arbeiten die Verfasser leider mit Mitteln, die nicht auf der Höhe ihrer sonstigen ernsten und vornehmen Art der ‘Kritik stehen, und die schon an das gemahnen, was sich das famose , ,Antizionistische Komitee“ geleistet hat. Werde das Zentrum in Palästina entstehen und die Nationaljuden dahin gravitieren, so werde ohne Zweifel eine „Abschwächung des Staatsgefühls“ eintreten, die sich dahin äußern werde, „daß die Juden die vom' Recht dem einzelnen eingeräumte staatsfreie Sphäre möglichst auszudehnen suchen und ihren politischen Einfluß in dieser Richtung geltend machen werden“ — so lautet der merkwürdig mysteriöse Satz im Wortlaut (Seite 4L). Eier Antisemitismus werde aber nicht, wie die Zionisten meinen, abnehmen, sondern im .Gegenteil, sich verstärken. Die Verfasser erwarten dies deshalb, weil eine kleine, von einem» ausländischen--Kulturzentrum abhängige Minderheit, eingestseut in .eine andersartige Volksmehrheit, unbedingt .afc lästig empfunden werden und auf sozialen und .wirtschaftlichen Boykott stoßen würde. Feiner werde das Gefühl, der Isoliertheit un,d. Wurzellosigkeit ind en Westjuden; dadurch noch wachsen und durch die Unmöglichkeit, wiiklich für Palästina Heimatliche zu empfinden,;noch mehr zunehmen. Und so kommen sie zu .dem Schluß: „Der Zionismus will die Sonderart nicht nur erhalten, sondern ihren heterogenen Charakter weiter entwickeln; er will die Juden in ihrer überwiegenden Mehrheit wohnen lassen, wo sie jetzt leben, er will alle Voraussetzungen des Uebels“ — die Verfasser meinen damit den Zustand, daß eine kleine, ardesartige .Minderheit unter den großen Kulturnationen feht — „zum Teil in sehr verstärktem Maße erhalten und behauptet, daß er dadurch verschwinden werde“ (Seite 47). Die Broschüre wendet sich dann der 0stjudenfrage zu. Dieser gegenüber sei der Zionismus berechtigter. Er sei für die Ostjuden eine sozialpolitische Reformbestrebung. Die Westjuden, habe, er über die Lage der Ost Juden aufgeklärt und damit Vorarbeit für die Lösung der Judenfrage geleistet. Der Zionismus sei labler nicht diese Lösung. Hier zitieren die Verfasser das Buch Ruppin, erste Auflage, und sagen, die Zionisten dächten selbst nicht daran, dab in absehbarer Zeit der große Emigrationsstrom nach Palästina gelenkt werden könne. Sie versteigen sich zu der Behauptung, daß die „Unzulänglichkeit aller bisher vorgeschlagenen Abhilfemaßnahmen, einschließlich der zionistischen Pläne schuld daran sind, daß gegen die Ostjudennot noch nichts durchgreifendes .geschehen ist“!! Im zweiten Teil ihrer Untersuchung darüber, ob die Verwirklichung des zionistischen Programms überhaupt möglich sei — reiten die Verfasser auf dem starken Gegensatz zwischen