Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 8 (1914)
- Issue
- 18 (1.5.1914)
- Date
- 1914-05-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seiten JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 18 westjüdischem Bürgertum und ostjüdischem Proletariat herum. Sie verweisen auf das Vordringen der Poale Zion und die Unstimmigkeiten mit -diesen, auf die Streitigkeiten wegen Beschäftigung jüdischer Arbeiter in Palästina, auf den geringen Lohn, .den diese dort erhalten u. a. m. Die Siedlungsgenossenschaft sei ein Entgegenkommen für die Arbeiter, aber da sie nur 50 Personen umfaßt, so sei sie bedeutungslos. Die Verfasser reißen einen Satz Warburgs, den er auf dem IX. Kongreß gesprochen hat, aus dem Zusammenhang, in dem es heißt, daß esnicht ratsam sei, osteuropäische Arbeiter in Massen auf den größeren Unternehmungen zu beschäftigen. Warburg hat aber (Protokoll des IX;. Kongresses, Seite 139) ausgeführt, daß als Arbeiter für die Kolonien die orientalischen Juden geeigneter wären, indes „die osteuropäischen Juden das geeignete Material für die Lehrfarmen, ... die Siedlungsgenossenschaften ... und die Parzellierungsgesellschaften — bilden.“ Den Kampf um die Bank (Seite 63) deuten die Verfasser total falsch und meinen, daß die Bankleitung aus „Vorsicht“ die Kapitalien nicht ir. Palästina anlegen will. In Palästina sei ein neuer Kapitalismus in Werden. Der Klassenkampf werde kein Ge gengewicht in einer nationalen und staatlichen Tradition haben, „die Vorstellung von der Unverletzlichkeit der Rechtsordnung ist zunächst noch nicht eingewurzelt“ (Seite 64). Aber, und nun kommt der Hauptschlag; diese zwei kämpfenden Klassen werden auch keine nationalen Zusammengehörigkeitsgefühle haben. Die Westjuden werden die Besitzer, die Ostjuden die Arbeiter sein. Diese beiden Schichten werden einander fremd gegenüber stehen. (Auch hier folgt ein Zitat aus Ruppins erster Auflage). Una nun stelle man sich die Psyche des westeuropäischen Juden vor, der unter die ihm so fremdartigen Ostjuden nach Palästina kommt. Er wird sich dort viel heimatloser fühlen, als etwa zu Hause in Deutschland. Jedenfalls werden die Ostjuden, die in Scharen einströinen, die. Löhne drücken, die besitzenden Westjuden werden, ihnen feindlich gesinnt, sie ausbeuten. Allerdings wolle ja der Zionismus hauptsächlich eine Bauemkölonisation schaffen. Aber auf Grund einer solchen gäbe es wieder kein Kulturzentrum; Trotz dieser schweren Bedenken, stehen die J Verfasser aus' rein humanitären Gründen der Ansiedlung ostjüdischer Auswanderer in Palästina . sympathisch gegenüber. Das letzte Kapitel bringt die Schlußfolgerungen. Was tun? Da nach ihnen die Assimilation nötig, das „Einschleichen“ aber verwerflich ist, so sagen die Verfasser: „Der einzig würdige und auch der einzig mögliche Weg zur Assimilation geht über die nachdrücklichste Betonung der jüdischen Abkunft.“ Die Taufe kann nicht gebilligt werden. Weil sie den Schein erwecke, daß durch sie die Abkunft verleugnet werden soll, hemme sie die Assimilation. Diese könnte mm verzögert werden durch ein würdeloses Verhalten der Juden. Nach diesen aphoristischen Bemerkungen fällen die Verfasser das Endurteil über den Zionismus: Utopisch sei der Glaube, daß die Ansiedlung einiger 100.000 Juden ipi Palästina und die kulturelle Autonomie daselbst für die übrigen Juden, eine Lösung der Judenfrage bedeute. ■ Utopisch sei der Glaube an die Alöglichkeit eines alljüdischen Kulturzentrums in Palästina. Utopisch sei der Glaube, daß selbst im Falle der Existenz eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina die westeuropäischen Juden vor der Assimilation dauernd bewahrt werden könnten. Für die Westjudenfrage gäbe es also nur eine Lösung: Die Assimilation. Für die Ostjudenfrage kann die Ansiedlung in Palästina, sofern sie unter „Zurückdrängung westjüdischer Unternehmer“ geschieht, Erleichterung bringen. Jedenfalls gehöre es „zu den vornehmsten Aufgaben der kultivierten Menschheit, an der Beseitigung des Elendes der Ostjuden selbstlos mitzuarbeiten.“ Soweit die Verfasser. Ein nächster Artikel soll sich mit ihrer Beweisführung befassen. Runüsftau Oer Presse. Die leidige Wandervogelaffäre, die — wie wir in den jüngsten Nummer unseres Blattes ausführlich berichtet haben — mit dem Hinauswurf der Juden aus dem Deutschen Wan'dervogelbund endete, veranlaßt die gesamte jüdische Presse zur Stellungnahme. Die jüdischnationalen Blätter ergriffen selbstverständlich die Gelegenheit, um auf die große Wichtigkeit des Jüdischen Wanderbundes hinzuweisen, die Assimilantenpresse hingegen jammert und winselt. Sie kann immer noch nicht glauben, daß es mit der Teilnahme der Juden an der deutschen Wandervogelbewegung nun endgültig aus sei. So schreibt das Kölner „Israelitische Gemeindeblatt“: „Für unsere jüdische Jugend aber ergibt sich die schwierige Aufgabe, zu diesen Beschlüssen Stellung zu nehmen. Es scheint uns. als ob trotzdem diejenigen Juden, die Mitglieder des Wandervogels sind, vorerst nicht voreilig den Austritt vollziehen, vielmehr als Mitglieder des Wandervogels alles daran setzen sollten, die Bundesleitung zu einer klaren und präzisen Stellung gegen alle und jede antisemitischen Bestrebungen zu veranlassen. Besonders jene unserer Glaubensgenossen, die irgend wie Einfluß besitzen und Beziehungen zu den leitenden Kreisen des Wandervogels unterhalten, sollten den Herren der Leitung das Schwächliche und völlig Unbefriedigende des Frankfurter Beschlusses vor Augen halten. Allerdings käme der gänzliche Austritt und die gänzliche Fernhaltung in Frage, wenn die Ermunterung der antisemitischen Kreise durch den Frankfurter Beschluß praktische Früchte zeitigen sollte. Man wird die Sache gewiß zumindest im Auge behalten müssen und nunmehr dem Wandervogel nicht ganz unberechtigtes Mißtrauen entgegenbringen.“ Das famose „Hamburger Israelitische Familienblatt“ schreibt in ähnlichem' Sinne: „Welches Verhalten ist angesichts des Frankfurter Beschlusses für die jüdischen Wandervögel in den verschiedenen Ortsgruppen geboten? Verharren und kämpfen oder stolz ausscheiden — das ist die Frage. Zur Entscheidung . derselben müssen zunächst von jüdischer Seite die einzelnen Ortsgruppen zu derjenigen klaren prinzipiellen Stellungnahme 'über die Aufnahmevon'Juden ^veranlaßt werden, welche die Bundesleitung. vermieden hat Diese Stellungnahme .muß formell .festgelegt werden. Aus denjenigen Ortsgruppen, welche sich dessen weigern, werden die jü|disdhen - Mitglieder in Rücksicht-auf ihre eigene Würde . ausscheiden müssen. Andere Juden können .. .sich solchen Ortsgruppen nicht .mehr anschließen, selbst wenn man dem Eintritt des Einzelnen „von zu Fall* keine Hindernisse in den Weg legt. In solchen Ortsgruppen aber, die den alten toleranten Grundsätzen treu bleiben und dies programmatisch bekunden, wird es die Aufgabe der jüdischen Mitglieder sein, durch ihre Ortsgruppen in den größeren Verbänden zu einer Zurückdrängung des antisemitischen Geistes und der judenfein|dlichen Praxis in der Gesamtorganisation zu wirken, um eine Revision des jetzigen Bundesbeschlusses herbeizuführen. Diejenigen jüdischen Wandervögel, welche in Konsequenz der herbeizuführenden Ortsgruppenbeschlüsse zum Ausscheiden genötigt werden, finden in unseren jüdischen Jugendvereinen hinreidiend Gelegenheit, ihre Wanderfreude zu befriedigen. Besondere jüdische Wandervereine zu schaffen, ist deshalb kein Anlaß. Wir würden ja sonst in denselben Fehler verfallen, den wir jetzt an dem „christlichen“ Chauvinismus des „Wandervogel“ tadeln.“ Beide Artikel sind Dokumente einer knechtischen Assimilantenmoral, die jeglicher menschlicher Würde entbehrt * Graf Kärolyi, jetziger Chef der ungarischen parlamentarischen Opposotioii weilte kürzlich' in Amerika, um die dortige ungarische Kolonie für die Sache der ungarischen Unabhängigkeitspartei zu gewinnen. Nach Meldung der Blätter sollen 42 New-Yorker jüdische Vereine dem Grafen, der in der letzten Sitzung der Delegationen in Wien für die Emanzipation der rumänischen Juden eintrat, große Ovationen bereitet haben. Aus diesem Anlasse schreibt unser Büdapester Bruderblatt „Zsido Szem'le“: „Wenn wir die Sache genauer betrachten, finden wir, daß die grenzenlose Judenfreündlichkeit politischer Parteien dem Wunsche entspringt, die Juden für irgendwelche Richtung zu gewinnen. Es gab Anlässe, wo wenn auch nicht die Parteien, so doch die Einzelnen ihre Judenfreundlichkeiten hätten beweisen können. Es gab einen Anlaß, wo die Judenfreuhdlichkeit als einfacher Akt der Menschlichkeit, als eine Wohltätigkeitsaktion hätte gelten können. Ich meine die russischen Pogrome und die Zeit der rumänischen Massenmorde und Ausweisungen. Damals wußte ganz Ungarn von der Hiobspost. Bettler opferten ihre Heller (allerdings nur jüdische Bettler) und Reiche spendeten Tausende (es ist wahr, nur der jüdische Reiche). Wo blieb damals, zur Zeit des unmittelbaren Jammers, das Gefühl für das Judentum? Wie konnten sie es damals über sich bringen, die Qualen von tausend und abertausend rumänischen Juden mitanzusehen. die sich an der rauschenden Donau, beim Denkmal Petöfis, des Sängers der Freiheit, heimatlos in ihren Lumpen herumwälzten — wenn sie es jetzt als verletzend empfinden, daß Rumänien nicht gewillt ist, seine jüdischen Einwohner zu emanzipieren? Oder blieb Rumänien einzig dastehend mit ihren entrechteten unterdrückten, gepeinigten Juden? Ist nicht etwa Rußland immer noch das klassische Land der. Judenleiden? Und doch, gegen Rußland erhob niemand eine Stimme, weder in der Delegation noch bei der Beilis-Protestversam’mlung. Die Herren benützten das Judentum, um' bei einer Beilis-Protestversammlung aktuelle politische Themata, wie z. B. die Frage des Schwurgerichtes oder des Preßgesetzes propagatorisch zu verwerten, sie benutzen das Judentum, um ihre politischen Ziele zu erreichen, hiebei verschweigen sie die russischen Zustände und stellen die Verhältnisse in Rumänien als die allertrostlosesten hin, sie benutzen auch das Judentum1, um von ihm entsprechendes Honorar und politische Gegenwerte zu fordern; .; Das Blatt befaßt sich sodann mit der Russenfreundlichkeit der ungarischen Opposition und sagt, wenn es Graf Kärolyi mit seiner Judenfreundlichkeit wirklich' ernst irieint, so möge er sich anläßlich seiner Petersburger Reise der Judenheit annehmen . . . Generalversammlung des Rilfcver: eines 9er deutschen Jn9en. Am 26. April fand in Berlin unter Vorsitz Dr. Jamts Simons die Generalversammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden statt. Nach dem Berichte über das Hilfswerk-des Ver ernst: .JnfrGaiiziea,'-; Rumänien und Rußland ergriff Dr. Paul N'athn n das Wort. Er kam auf den Kampf um;die hebräische Sprache zu sprechen, und führte bezüglich der Hilfevereinsschulen “in Palästina folgendes aus: „Nicht ' von. .einem jüdisch-chauvinistischem Standpunkt, .'sondern^. yon^dem praktisch-pädagogischen Standpunkte aus müssen wir die Forderung aufetellen, daß an den Schulen in Palästina das Hebräische so ausgiebig gepflegt wird, daß unsere Schüler beim Veralssen der Schule diese Sprache vollkommen beherrschen. So haben wir dem Hebräischen in unserem Schülwerke eine Stellung angewiesen, wie es nie vorher ein Schulwerk im Orient getan hat. Und die Wirkung war, daß wir bis vor kurzer Zeit die uneingeschränkte Anerkennung der Gesamtheit des Judentums gefunden' haben. Wenn das jetzt verloren gegangen ist, so will ich das einfach konstatieren, ohne auf die Gründe oder auf die Grundlosigkeit dieser neuen Evolution hinzuweisen. Für die Schulen auf dem1 Lande ist Hebräisch und die Landessprache vollkomemn ausreichend. An unseren Schulen in den Kolonien wird keine europäsiche Sprache unterrichtet. Ich glaube nicht, daß dies das Vorgehen von germanisierenden Chauvinisten ist In den städtischen Schulen muß eine europäische Sprache ausgiebig unterrichtet werden,- weil man in den Städten des Orient nicht auskom'men kann, wenn man nicht wenigstens eine europäische Sprache beherrscht. JDiese europäische Sprache ist in unseren Schulen begreiflicherweise das Deutsche. Diese Grundsätze haben wir nach sachlichster und objektivster Prüfung festgestellt und daran hoffen und wünschen wir in Zukunft festzuhalten. Nun sind Vorgänge eingetreten, die uns vor die Frage stellten, ob es noch zweckmäßig sei, unser Schulwerk aufrechtzuerhalten. Ich bin entfernt davon, zu leugnen, daß ich vorübergehend erwog, ob wir nicht besser daran täten, unsere Tätigkeit in Palästina aufzugeben. Aber endlich kam ich und die Gesamtheit meiner Freunde einstimmig zu der Ueberzeugung, daß dies ein Verrat an der Bevölkerung wäre, die