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Jüdische Zeitung · 1914-04-24 · 17 (24.4.1914) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
8 (1914)
Issue
17 (24.4.1914)
Date
1914-04-24
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr 17 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 betrug im Berichtsjahre 101.300 Personen; der Anteil der russischen Juden an der allgemeinen jüdischen Emigration belief sich also auf mehr als 73 Prozent. Von den jüdischen Einwanderern haben etwa. 59.000 Personen, also fast 60 Prozent, die Stadt und den Staat New York als Endziel ihrer Reise angegeben. Unter den jüdischen Einwanderern, die das 14. Lebensjahr überschritten hatten, befanden sich 16.000 Analphabeten. Schon daraus kann man ersehen, wie groß die Zahl der nicht zugelassenen jüdischen Emigranten wäre, falls die Bildungsprobe, die in dem neuen Einwanderungsgesetzentwurf vorgesehen ist, Gesetzeskraft erlangt. Die Lage der rumänischen Juden. Die Lage der Juden in Rumänien ist und bleibt verzweifelt. Die seit Jahr und Tag von jüdischen und nichtjüdischen Persönlichkeiten des Auslandes auf parlamentarischem wie auf publizistischem Wege unternommenen Schritte haben ebensowenig wie alle Anstrengungen im Inlande irgendwelche Wendung zum Besseren herheigeführt. Als voriges Jahre während des bulgarischen Feldzuges und unmittelbar danach die Judenfrage an der Tagesordnung war, da erklärte der Minister Take Jonescu gelegentlich eines Interviews, die Judenfrage sei in der Tat für die Lösung reif und dürfe ni:a'. länger in der Schwebe bleiben, die Lösung könne aber nur unter Uebereinstimmung aller politischen Parteien zustande kommen. Diese Uebereinstimmung ist nun Tatsache geworden: alle politischen Parteien sind einverstanden — die Judenfrage totzuschweigen. Die Debatten im Parlament über die Verfassungsparagraphen, die von der nächsten einzuberufenaen Konstituante geänert werden sollen, sind bald zu Ende, viele Redner aus den verschiedensten Parteien haben sich daran beteiligt, aber den Paragraph 7, der die eingeborenen und seit Generationen im Lande ansässigen Juden zu „Fremden“ macht, hat, mit Ausnahme eines einzigen Deputierten, keiner auch nur mit einem Sterbenswörtchen erwähnt. Dieser einzige — der Judenfresser Professor N. Jorga — gab seiner Befriedigung darüber Ausdruck, daß in Bezug auf die Unabänderlichkeit dieses Paragraphen im' Parlamente vollständige Einmütigkeit herrsche und daß somit die drohende Judengefahr abgewendet sei. Inzwischen erklärt das Komitee des „Verbandes der eingeborenen Juden“ in seinem Organ „Infratirea , es werde trotz § 7 den Kampf „unverdrossen“ fortsetzen. Man weiß wirklich nicht, was die Herren in diesem so ungleichen „Kampfe“ zu erreichen hoffen. Ihre Zeitungsartikel und literarischen Polemiken gegen die offiziellen und nichtoffizielfen Antisemiten bleiben unbeachtet; die Denkschriften, die das Komitee jahrein jahraus der Regierung und dem Parlamente präsentiert, werden ad acta gefegt und nicht einmal einer abschlägigen Antwort gewürdigt. Demgegenüber verdient der Umstand erwähnt zu werden, daß die türkische Bevölkerung der Dobrudscha — die sämtliche Bürgerrechte genießt — dem Parlamente kürzlich eine Denkschrift unterbreitete, worin sie ihre Forderungen zur Wahrung ihrer nationalen Sonderinteressen formulierte. Die Denkschrift wurde von einem rumänischen Deputierten befördert und befürwortet, vom Parlamente wohlwollend entgegengenommen und wird gewiß auch nach Wunsch erledigt werden. Charakteristisch für die allgemeine Stimmung unter der jüdischen Bevölkerung ist, daß eine leitende Persönlichkeit der Emanzipationsbestrebungen kürzlich in einer öffentlichen Rede den Gedanken der Massenauswanderung propagierte. Ein jüdisch-rumänischer Publizist sagte vor kurzem1, das einzige Mittel zur Lösung der Judenfrage in Rumänien sei der Massenselbstmord. Eine Spende für die Tachkemonischule in Jaffa. Die von der zionistischen Föderation „MiSrachi“ begründete und verwaltete hebräische Mittelschule Tachkemoni in Jaffa hat vor kurzem1 eine ansehnliche Zuwendung erhalten. Ein in Rußland lebender Anhänger des „Misrachi“ hat der Anstalt zur Errichtung eines neuen Gebäudes den Betrag von 55.000 Francs gespendet. Die Tachkemonischule ist. eine religiösnationale Erziehungsanstalt für: Knaben;'der mit der Zeit auch eine Mädchenschule angegliedert werden Soll. Jüdische Parlamentskandidaten in Frankreich. Die Kammerwahlen werden am 26. April stattfinden. Die antisemitische Presse hat, wie immer in Wahlzeiten, einen heftigen Feldzug gegen die jüdischen Abgeordneten und die neuen jüdischen Wahlwerber eröffnet. Da an den jüngsten Skandalaffären kein einziger Jude beteiligt war, fehlt es der diesmaligen antisemitischen Kampagne an „Zugkraft“. Der französischen Kammer gehören jetzt folgende jüdische Mitglieder an, die sich auch fernerhin um ein Mandat bewerben: Joseph Reinach, Theodore Reinach, Camille Picard, L. Klotz (der gewesene Minister) und J. A. Hesse. Neue jüdische Abgeordnetenkandidaten sind die Herren Louis Dreyfus, Cremieux (ein Sohn des Senators Cremieux) und der Sekretär des Herrn Clemenceau, Mandel. Ljutostansky. Kein russischer „Gelehrter“ hat in der Politik gegen die Juden eine solche verhängnisvolle Rolle gespielt, als Hippolyte Ljutostansky. Jahrzehnte 'hindurch hat er allen Rassefanatikern und Geschäftsantisemiten, allen Pogromisten und Ritualmordjägern die „wissenschaftliche“ Grundlage der Pogromnotwendigkeit gewährt. Lange Zeit war auch die russische Bureaukratie von seiner großen Gelehrsamkeit überzeugt, und se'bst Alexander III. hatte ihn ausgezeichnet. So oft es gar einen Ritualmordprozeß gab, hieb es seitens der Vertreter der Ritualmordanklage immer wieder: „Siehe Ljutostansky, Band soundso, Seite soundso.“ Noch in den achtziger Jahren hatte Ljutostansky zur Widerlegung seiner sämtlichen antisemitischen, dickleibigen Bücher ein kleineres Werk verfaßt, er hatte es selbst drucken lassen und war damit an die Juden um Unterstützung herangetreten. Als er aber von den Juden zurückgewiesen wurde, da stampfte er das Anti- Ljutostansky-Werk ein, und nur einzelne Exem'- plare davon sind in private Hände gelangt. Von da ab hatte er sich an alle möglichen jüdischen autoritativen Persönlichkeiten mit ähnlichen Angeboten herangemacht und sich anheischig erklärt, seine in früherer Zeit geschriebenen antisemitischen Hauptwerke der Vernichtung preiszugeben. Nie hat er jedoCh mit seinen Angeboten bei den Juden Gegenliebe gefunden. So blieb er für die Antisemiten nach wie vor die große Kapazität des Ritualmordgedankens, der Kabbalagelehrsamkeit und des Talmuds und wurde selbst noch im Kiewer Prozeß oft zitiert. Jetzt ist nun Ljutostansky in einem1 Prozeß endgültig entlarvt worden. Kein geringerer als der bekannte Politiker Roditschew erzählte unter Eid, wie Ljutostansky eines Tages zu ihm gekommen sei undihm vorgeschlagen hätte; die heue Auflage seines Werkes üben den „Gebrauch Christlichen Blutes durch Juden“, das der Verfasser selbst als ein schädliches Werk bezeichne, für 7000 Rbl. abzukaufen. Als ihm1 dann Rodittschew bemerkte, daß er keinen Bedarf dafür habe, da meinte Ljutostansky, er besäße ja viele bekannte Juden, denen er den Kauf vorschlagen könnte. Ljutostansky leugnete naturgemäß vor Gericht die ganze Erzählung Roditschews, es stellte sich aber dabei heraus, daß er mit dem gleichen Ansinnen an den Dumaabgeordneten Gegetschkori herangetreten war. Jüdildie Meroögtl. Soll die Jugend wandern? Soll die jüdische Jugend wandern? Die Antwort auf die ierste Frage geben die 80.000 deutscher Jungens und Mädels, die allsonntäglich, Winters und Sommers, in aller Herrgottsfrühe in die freie Gottesnatur mit Sang und Klang hinauspilgern, um gegen Abend wohlig ermattet und doch frisch gestärkt an Leib und und Seele heimzukehren. Die zweite Frage ist einstweilen noch nicht auf dieselbe begeisternd schöne Art und Weise gelöst. Und doch ist es leider eine nur allzu bekannte Tatsache, daß unsere jüdischen Jungen und Mädchen dringender als die arische Jugend der körperlichen und geisiigen Segnungen des Wänderns bedürfen. Unsere Jugend ist im allgemeinen körperlich untüchtiger und nervöser als die übrige Jugend; ein verhältnismäßig viel größerer Teil leidet unter den schädlichen Einflüssen des Großstadtlebens. Unsere Jugend wächst zum großen Teil in einer Umgebung materialistisch denkender Erwachsener, unter skeptischen, ironischen, unfreudigen, naturentfremdeten Menschen, in der Atmosphäre des jüdischen Witzes und der jüdischen Selbstverspottung auf und stellt so ein Geschlecht dar, dessen allgemeine menschliche Lebensauffassung im Elternhause nicht zum günstigsten entwickelt ist Man denke nur an die ungünstigen Charaktereigenschaften, welche einige Kinder jüdischer Eltern infolge grundfalscher Erziehungsmethoden—Verhimmelung und Verzärtelung — meistens aufweisen. ln den meisten jüdischen Häusern fehlt es an Verständnis für die Forderungen der Körperhygiene und Körperkultur, wie für alle körperlichen Tugenden, ebenso wie das ganze ältere jüdische Geschlecht keinen wirklichen Zusammenhang mit der Natur kennt. In vielen Fällen erhalten Kinder besorgter Eltern eine Erziehung, die sie zur Feigheit in jüdischen Dingen anhält, etwa indem man sie lehrt, antisemitische Beleidigungen zu überhören. Gleich nachdem die gesunde Idee des „Wandervogels“ aufgekommen ist, haben die Nationaljuden ihre große Bedeutung für unsere Jugend erkannt und jüdische Wanderbünde ins Leben gerufen. Die Asshnilanten in Deutschland ‘hingegen schickten ihre Kinder in fremdnationale Wandervögelvereine, bis sie eines schönen Tages nach bekanntem Muster — aus diesen hinausflogen. Jetzt stehen sie ratlos da, denn ihr deutsches Gefühl gestattet nicht den Beitritt zum jüdischen Wanderbund. Am 13. d. M. fand nun in Frankfurt a. d. Oder der Bundestag der Wandervögelvereine satt. Hier galt es zunächst Stellung zu nehmen zu der in letzter Zeit viel umstrittenen Frage der Aufnahme von Juden in die Wandervogelvereine. Der Bundesvorsitzende, Gymnasialdirektor Dr. Neuendorf, der die Verhandlungen leitete, brachte nach einer eingehenden Begründung eine Resolution der Bundesleitung ein, die die Frage, wie sich die Wandervögelvereine zur Aufnahme von Juden stellen, folgendermaßen beantwortet: „Der Wandervogel ist auf Grund seiner Satzungen in politischer und konfessioneller Hinsicht neutral. . Die Bundesleitung hat darüber-zu wachen, daß die Satzungen beachtet : ^werden. Sie kann also unter keinen Umständen dulden, daß von Gauen oder Ortsgruppen allgemein Beschlüsse gefaßt werden, die dahin lauten, daß Juden grundsätzlich nicht aufgenommen werden. Sie wird alles tun, um zu verhindern, daß im Wandervogel die Religion oder die Rasse der Juden beschimpft werden. Andererseits denkt die Bundeste itung nicht daran, die persönliche Freih.eit der einzelnen Wandervogelvereine einzuschränken. Sie lehnt es also entschiden ab, da einzugreifen, wo eine Ortsgruppe von Fall zu Fall durch Mehrheitsbeschluß die Aufnahme von Juden ablehnt, etwa weil besonders ausgeprägte Rasseneigentümlichkeiten mit der Art des Wandervogels, die aus dem1 Tiefsten des deutschen W esens hervorgegangen ist, und in der deutschen Vergangenheit wurzelt, erscheine n.“ Die anwesenden Gauführer schlossen sich einem Antrag des Gaues der Provinz Brandenburg an, dieser Resolution ohne jede Debatte zuzustimmen, und gaben bis auf zwei der Resolution ihre Zustimmung. Der Ausschluß der Juden aus der Wandervogelbewegung ist also eine beschlossene Sache Wir wollen abwaretn, wie sich die offiziellen jüdischen Kreise dazu stellen werden. Die jüdische Jugend hat auf den Hinaus- 'wurf nicht gewartet. Sie hat sich von vornherein aut sich1 selbst besonnen und eine eigene Organisation, den „Jüdischen Wa nderbund B1 a u - W e i ß“ ins Leben gerufen. 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